Alles dreht sich um Energie – Ralph Skuban über Chakra Yoga

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Der Yogaphilosoph Ralph Skuban hat zusammen mit dem Yogalehrer Richard Hackenberg das  „Chakra Yoga-Praxisbuch“ geschrieben. YOGA JOURNAL führte mit dem Autor ein Gespräch über die philosophischen und energetischen Aspekte der  Chakras und ihre Wechselwirkung auf Asanas, Meditation und Pranayama.

Wie wird man vom Politikwissenschaftler zum Experten  für Yoga­philosophie und das Energiekonzept im Yoga?
Stimmt, von meinem beruflichen Herkommen war alles sehr geerdet: Ich bin ausgebildeter Wissenschaftler und habe dann jahrelang ein Pflegeheim geleitet. In der Altenhilfe wurde richtig gearbeitet, gelitten und auch gestorben. Den Energiekörper begann ich schon vor vielen Jahren selber zu fühlen – noch bevor ich auch nur ein Satz über Chakras gelesen hatte. Ich wußte nur, dass es so was geben soll. Da begann in einer Phase großer Anspannung und Stress der Punkt zwischen meinen Augenbrauen zu brennen, außerdem hatte ich so ein seltsames Kopfweh. Ich werde nie den Augenblick vergessen, als ich dann bei mir im Büro saß und googelte „throbbing eyebrow chakra“. Da fand ich plötzlich Berichte von ganz vielen Menschen, die dort so ein Pulsieren spüren. Und irgendwie war ich dann schon im Thema.

Du hast über diese energetischen Erfahrungen angefangen, dich mit dem Energiekörper und den Chakras zu beschäftigen. Was macht die Chakras so essenziell?
Ich kann immer nur sagen, was es für mich bedeutet: An solchen Punkten wie bei meinem pochendem Ajna Chakra, wenn man etwas zu fühlen beginnt, was jenseits des physischen Körpers liegt oder ihn irgendwie erweitert, da hört eine Sache auf, nur esoterisches Kuriosum oder philosophische Metapher zu sein. Dann wird es plötzlich etwas Lebendiges und auch etwas Valides. Einen Zugang zu finden, der mich spüren lässt, dass ich einen Energiekörper habe, das erweitert ganz einfach das Verständnis meines eigenen Seins.

In welcher Beziehung stehen die Chakras zum Energie­körper?
Die Chakras sind ein Teil dessen, was in der Gesamtheit als der Energiekörper oder Pranamaya Kosha bezeichnet wird.

Der Energiekörper ist Energie (Prana), die kann man spüren und die kann man sich zugänglich machen. Gleichzeitig wird alles, was sich um die Chakras rankt, zur Metapher für ganz verschiedene Dinge im Leben, die auf verschiedenen Ebenen zu uns sprechen. Zum Beispiel auf einer psychologischen Ebene.

Wie kommt man an den Energiekörper heran?
Der Energiekörper ist seiner Idee nach eine Brücke zwischen dem Physischen und dem Mentalen. Wir können ihn zum Beispiel über den Atem adressieren und können Einfluss nehmen auf die Vitalenergie, die immer in Bewegung ist. So sollen Momente geschaffen werden, in der diese komplett zu einer Ruhe kommt. Um damit auch Ruhe im Geist zu schaffen. Und diese Ruhe im Geist ist ja für sich selber schon eine Definition von Yoga. Ich finde, das ist eine physische Übersetzung dessen, wie Patanjali Yoga definiert. In den Asanas nutzt man den Körper und im Pranayama physisch die Atmung, aber eigentlich geht es gar nicht um Körper und Atmung, sondern um Prana, also Energie. Das ist, glaube ich, vielen gar nicht klar: Die Atmung ist nur das physische Tool, das ich nutze. Wenn aber etwas mit Prana passieren soll, stellt sich die Frage: Was ist denn Prana, wie kann ich es fühlen? Prana ist Energie – Lebensenergie – alles dreht sich im Yoga um Energie, deswegen ist es sinnvoll, sich mit den ganzen Energie­ideen des Yoga auseinanderzusetzen.

Ihr bezeichnet im Buch Prana als strukturierte Energie …
Und das sind wir Menschen ja auch. In gewisser Hinsicht ist alles leerer Raum, in dem Energiepartikel fließen, die irgendwie in Relation zueinander stehen. Uns erscheint das Ganze dann in dieser oder jener Weise so strukturiert, wie diese Energie unseren Sinnesorganen mit ihren Begrenzungen und Funktionen erscheint.

Im Yoga wird die menschliche Erscheinung durch die Koshas dargestellt, ein Modell aus fünf Hüllen (siehe Abbildung unten). Das ist ein Modell, das meistens als eine Zwiebel oder Matroschka dargestellt wird. Tatsächlich ist die Idee aber eher die eines Schwammes, der von Wasser durchdrungen ist: Du könntest sagen, da ist Schwamm und da ist Wasser, aber wo ist Schwamm und wo ist Wasser? Das Wasser durchdringt den Schwamm vollkommen. Genauso durch­dringt unser Energiekörper den physischen Körper. Als lebendige Einheit, die wir sind, durchdringen alle Schichten einander und bedingen einander und brauchen einander, sonst funktionieren wir nicht. Ein sinnvolles Verständnis der Koshas ist für mich deshalb eines der Erweiterung – und der ganze Prozess im Yoga ist der einer Ausdehnung: Wir lassen Begrenzungen los. Dabei beginnen wir mit körperlichen Begrenzungen, die wir ja tatsächlich loslassen. Du erweiterst deine Wahrnehmung in diesem Prozess und dehnst die Grenzen deiner Wahrnehmung aus. Irgendwann fühlst du vielleicht deinen Energiekörper stärker. Dann dehnst du schon die Vorstellung deiner selbst aus: Was bin ich? Aha, da ist noch was ganz anderes, was in mir wirkt. Und so macht man Erfahrungen unterschiedlichster Natur und merkt: Ich bin mehr, als das, was ich bisher dachte. Oder: Ich könnte noch mehr an mir entdecken. So verstehe ich diesen ganzen Prozess als einen Ausdehnungsprozess, der sich in den Koshas abbildet.

maya_Yogajournal


Das gesamte Interview mit Ralph Skuban finden Sie im YOGA JOURNAL 5/2015.