Das letzte große Abenteuer

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Leidenschaftlicher Journalist, erfolgreicher Buchautor, unerschrockener Abenteurer, lebenslang Reisender und Suchender – all dies charakterisierte Tiziano Terzani, den bekannten Südostasien-Korrespondenten des SPIEGEL. Sein letztes und größtes „Abenteuer“ – wie er seinen eigenen Tod selbst bezeichnete – ist Thema des Buches und Films „Das Ende ist mein Anfang“. 

Wer war ich? Wer bin ich? Und was bleibt übrig, wenn mein Körper nicht mehr hier ist? Der an Krebs erkrankte Journalist Tiziano Terzani ruft am Ende seines Lebens seinen Sohn Folco zu sich in den italienischen Heimatort, um sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen. Anhand seiner Lebensgeschichte und seinen spirituellen Erfahrungen versucht der Vater dem Sohn seine persönlichen Antworten zu geben. Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Auseinandersetzung und zugleich eine spürbar tiefe Verbundenheit zwischen den beiden, die Folco Terzani nach dem Tod seines Vaters zu Papier brachte. Dieses Buch diente als Vorlage für den gleichnamigen Film „Das Ende ist mein Anfang“.

Terzani reiste dreißig Jahre lang als Korrespondent durch die Welt. Mit 58 Jahren erhielt er eine Krebsdiagnose  – für ihn der Auslöser, um sich vom Journalismus zurückzuziehen. Stattdessen begab er sich auf eine vollkommen neue Reise: Selbsterkenntnis und Heilung waren von nun an sein Ziel. Sein bekannter Bestseller „Noch eine Runde auf dem Karussell“ erzählt von dieser Zeit, deren Höhepunkt drei Jahre in der Stille und Zurückgezogenheit des Himalaya bei einem großen Weisen waren. Später erkennt Terzani, dass diese Erfahrung seine Sichtweise auf Leben und Tod vollkommen veränderte. Diese Veränderung ist es letztlich, die dem Zuschauer Stoff zum Nachdenken gibt – mit Schlußfolgerungen wie „Ich bin vieles gewesen, doch am Ende bin ich nichts“. Gedreht an einem einzigen Schauplatz, dem tatsächlichen Familiensitz der Terzanis in der Toskana, ist ein leiser und bewegender Film entstanden, der auch viele yogische Weisheiten enthält: „Als ich jünger war, faszinierten mich Revolutionäre – die 68-Generation oder die Aufstände in China. Heute bin ich zu der einzigen Revolution übergegangen, die wirklich Sinn macht: die in meinem Inneren. Meditation.“ Solche Aussagen zeugen vom tiefen Verständnis eines Mannes, der viel gesehen hat und am Ende friedlich seine Augen schließen wollte. Tiziano Terzani starb am 28. Juli 2004 im Alter von 66 Jahren.

Folco Terzani, 1969 in New York geboren, studierte in den USA Literatur und Regie. Die Gespräche mit seinem Vater vor dessen Tod ermöglichten ihm, ein vollkommen neues Verständnis – für seinen Vater und das Leben – zu entwickeln. Im Interview berichtet er von diesem veränderten Blickwinkel.

YOGA JOURNAL: Herr Terzani, der Film „Das Ende ist mein Anfang“ erzählt von den dreimonatigen Gesprächen zwischen Ihnen und Ihrem Vater. Welcher Aspekt hat für Sie eine größere Bedeutung: Ihren Vater besser kennen zu lernen oder ein spirituelles Lehrer-Schüler-Gespräch?

Folco Terzani: In Indien heißt es, unsere Mutter sei unser erster Guru. Ich denke, in den meisten Fällen ist das die Wahrheit. Natürlich kann uns auch der Vater ein wichtiger Lehrer sein. Mein Vater war es zumindest für mich. Allerdings war mir das lange Zeit nicht bewusst. Die Arbeit, die er tat, interessierte mich eigentlich nie besonders, obwohl er sicher einen interessanten Job hatte. Er war Journalist und reiste durch ganz Asien. Er kannte diesen Kontinent wie seine Westentasche und konnte viele Geschichten erzählen. Aber solange diese Geschichten mit Politik zu tun hatten, interessierten sie mich nicht. Als er jedoch in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr arbeitete und alleine im Himalaya lebte, begann er eine ganz andere Art Buch zu schreiben. Es war aus solch einer seltsamen, distanzierten Perspektive geschrieben, so als ob er auf einem sehr hohen Berg sitzen würde. Da wurde ich neugierig: Wie sah mein Vater die Welt? Woher kamen seine Vorstellungen? War es möglich, dass jemand, den ich so gut kannte und der mein ganzes Leben lang schon mein Vater war, plötzlich weise geworden war?

Ihre Neugier brachte Sie Ihrem Vater näher? 

Ich war überrascht, dass er es geschafft hatte, sich so sehr zu verändern. Und wollte ebenfalls wissen, was er zu wissen schien. Zwar kannte ich meinen Vater, aber die Persönlichkeit, die aus Indien zurückgekommen war, um in Frieden und Gelassenheit zu sterben, die kannte ich nicht. Diese neue Sichtweise wollte ich vor dem Tod dieses Mannes kennenlernen. Im Grunde ist es gleichgültig, dass er mein Vater war. Es hätte jeder andere sein können. Weil er aber mein Vater war, hatte ich den Vorteil, dass ich ihn drei Monate lang alles fragen konnte, was ich wissen wollte.

Der Produzent des Films Ulrich Limmer beschreibt die Botschaft Ihres Vaters wie folgt: „Ein Mensch kann sich verändern. Und wenn er das tut, dann kann er auch die Welt verändern.“ 

Mein Vater hat sich jedenfalls verändert. Ich hatte ihn immer als sehr angesehenen Journalist, den SPIEGEL-Korrespondenten, gekannt. Im Film gab es ursprünglich einen witzigen Satz, den ich sagen sollte, der später aber gestrichen wurde: „Papa hat sich wirklich verändert. Früher interviewte er die großen zeitgenössischen Persönlichkeiten und heute sitzt er alleine da draußen und redet mit den Krähen.“ Ich mochte diesen Satz, denn er machte klar, dass mein Vater etwas noch Wichtigeres gefunden hatte, mit dem man sprechen sollte: die Natur. Wenn sich das Bewusstsein erweitert, bedeutet das nicht unbedingt, das man die ganze Welt verändern möchte. Diese Aufgabe muss Sache der Politik sein. Der erste Schritt ist vielmehr, sich selbst zu verändern, nicht die Welt. Wenn jemand, der selbst noch nicht klar oder rein in seiner Ausrichtung ist, die Welt verändern würde, wäre das Chaos vermutlich perfekt. Aus diesem Grund sollte man an sich selbst arbeiten – das ist schwierig genug.

„Ein Zitat aus dem Film lautet: „Die Inder sagen zum Sterben: Den Körper verlassen“. Für Ihren Vater bedeutete sein Tod das „letzte große Abenteuer“. Was bedeutet Sterben für Sie persönlich?

Schon bevor mein Vater starb, wusste ich mehr als die meisten Menschen über den Tod. Ich habe fast ein Jahr lang in Mutter Teresas Sterbehospiz in Kalkutta gearbeitet. Unsere Aufgabe war es, die Sterbenden einfach nur an der Hand zu halten und für sie da zu sein, als ihre „Seelen“ die Körper verließen. Ihre Körper blieben aber die ganze Zeit da; auch als sie tot waren, hielten wir noch ihre Hände. Trotzdem waren sie von uns gegangen. Wenn man das selbst erlebt, braucht man niemanden, der einem erklärt, was da geschieht. Man kann fühlen, dass tatsächlich etwas den Körper verlässt. Und wenn etwas weggeht, muss es ja irgendwo anders hingehen. Es ist wie eine Reise. Mein Vater hatte die recht seltsame Überzeugung, dass er bereits alles in der Welt gesehen hatte, was ihn interessierte. Es gab eine Ausnahme: den Tod. Das war das Einzige, was er selbst noch nicht erlebt hatte. Für ihn war es ein Abenteuer.

Und was bedeutet Leben?

Eine große Frage. So groß, dass es sich fast nicht lohnt, sie zu beantworten. Wir versuchen das seit Tausenden von Jahren und haben noch immer keine Antwort. Manchmal macht es aber Spaß, darüber nachzudenken. Alles, was wir tun, wofür wir uns entscheiden und was uns am Herzen liegt, hängt von der Antwort auf diese Frage ab. Jeder muss selbst darüber nachdenken und meine Antwort ist nur für mich selbst wichtig. Eines ist jedenfalls klar: Das Leben ist eine unglaubliche Chance. Wir haben diese Zeit auf diesem wunderschönen Planeten mit seinen Flüssen, Bäumen und dem Himmel geschenkt bekommen und sind umgeben von Licht und Klängen. Wir können entscheiden, wie wir uns hier bewegen wollen.

„Ein ganzes Leben zu leben – um am Ende niemand zu sein…“. Dahinter steht die Urfrage aller Religionen nach dem Sinn. In welcher Form beschäftigen Sie sich mit der Frage ‚Wer bin ich?“?

Ich habe Schwierigkeiten mit dieser Frage, „Wer bin ich?“. Ich habe es nie geschafft, mich das zu fragen und zu verstehen, was ich da frage. Es verwirrt mich. Aber ich mochte es, wenn mein Vater am Ende eines langen und abenteuerlichen Lebens über alles reflektierte, was er getan hatte und gewesen ist, und sagte, bald würde er nichts sein. Es war so klar und so wahr. Doch schien so seltsam, dass er das so deutlich sehen und über sich selbst sagen konnte. Ich denke, das kann man nur, wenn man erkannt hat, dass das Selbst nicht so wichtig ist und nach dem Tod einfach nur in etwas viel Größerem aufgeht. Wie der Regentropfen im Ozean. Wenn man sich selbst als dieser Tropfen sehen kann, ist es nicht mehr so traurig, wenn das „ich“ verschwindet. Es existiert ja immer noch, für immer.

Was bedeutet Spiritualität für Sie? 

Sich selbst die großen Fragen zu stellen. Die größte aller Fragen.

Eine Szene zeigt Sie und Ihren Vater im Gespräch über Erleuchtung. Darin bringen Sie den Gedanken ins Spiel, ob Erleuchtung vielleicht einfach nur bedeutet, die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Meiner Meinung nach ist es essentiell, die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Das ist aber unendlich schwierig – die Welt nicht aus einer Angst oder Hoffnung heraus wahrzunehmen. Und sie nicht verändern zu wollen. Sie stattdessen in jedem Moment einfach nur zu beobachten… Gandhi sagte: „Einst glaubte ich, Gott sei die Wahrheit. Heute habe ich verstanden, dass die Wahrheit Gott ist.“ Was kann man also Besseres tun als Gott zu sehen, indem man die Realität wahrnimmt mit ihren Licht- und Schattenseiten. Die Frage nach Erleuchtung hat mich schon immer fasziniert. Was ist das eigentlich? Ist das wirklich möglich oder nur eine andere Art von Traum, vielleicht so wie „der Himmel“? In jedem Fall ist es ein Traum, der mir gefällt. Und dieser Traum wurde in kurzen Momenten meines Lebens durch ein paar Menschen, die ich auf meinem Weg getroffen habe, real. Es ist etwas, wonach es sich zu streben lohnt – selbst in unserer modernen Zeit.


 

Der Film „Das Ende ist mein Anfang“ ist auf DVD erhältlich, ca.8 Euro.