Die vier Purushartas – auf die Balance kommt es an

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Gleichgewicht im Leben finden: Zwischen Pflicht und Lust, Erfolg und persönlicher Entwicklung kommt es nicht selten zu Konflikten. Die altindische Lehre der Purusharthas hilft dabei, die vier wichtigsten Aspekte für ein erfülltes Leben, Dharma, Artha, Kama und Moksha, besser auszugleichen.

Dharma – die Pflicht

Dharma ist ein komplexer Begriff. Er kann mit Pflicht, Ethik, Rechtschaffenheit, Arbeit, Gesetz, Wahrheit oder Verantwortung übersetzt werden, genauso aber auch die buddhistische oder hinduistische Lehre bezeichnen, die sich mit diesen Punkten befasst. Dharma ist gleichbedeutend mit der eigenen Aufgabe im Leben, mit dem, was einen antreibt, jeden Tag erneut aufzustehen und das zu tun, was getan werden muss. „Um Dharma zu begreifen, hilft ein Blick auf den Verbstamm. Er bedeutet im Wesentlichen stärken, begründen oder Struktur schaffen“, erläutert Douglas Brooks. „Es geht also um das, was dem Leben Struktur gibt: sich seinen Aufgaben zu stellen und im Rahmen dieser Struktur so zu handeln, dass man sich selbst und der Gesellschaft dient.“

Der Hintergrund: Die indische Philosophie geht von einer kosmischen Ordnung aus, Sanatana-Dharma. Sie bildet die Grundlage jeglicher Lebensstruktur. Neben dieser kosmischen Ordnung unterliegt jeder Mensch aber auch seinem individuellen Dharma, dem so genannten Svadharma. Es ist das Resultat von Geburtsumständen, Karma, Talenten und Entscheidungen, die ein Mensch im Lauf seines Lebens trifft. „Dharma bezieht sich auf die Taten in diesem Leben. Das kann viele Formen annehmen“, erklärt Gary Kraftsow, der Autor des Viniyoga-Buches „Kraftquelle Yoga“. „Als Vater ist mein Dharma, mein Kind großzuziehen. Als Yogalehrer beinhaltet mein Dharma, zum Unterricht zu erscheinen und die Lehre weiterzugeben. Als Staatsbürger bedeutet mein Dharma auch, dass ich Steuern zahlen muss. Was auch immer ansteht – mein Dharma verlangt, dass ich mein Bestes gebe, um dem Leben und mir selbst im Hier und Jetzt zu dienen.“

Für manche zeigt sich Dharma als eindeutige Berufung: Sie wollen Landwirt sein, Lehrerin, Mutter, Dichter oder Präsidentin. Für andere spielt so etwas keine so große Rolle. Dharma bedeutet dann, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, familiären Pflichten nachzukommen, Teil der Gesellschaft zu sein – und all das lässt sich auch mithilfe eines mäßig interessanten Jobs bewerkstelligen. „Ein verhasster Job, der das Leben zur Hölle macht, ist vielleicht nicht dharmisch“, räumt Kraftsow ein. „Aber manchmal bedeutet die Erfüllung des Dharma auch, das anzunehmen, was gerade ist.“

Für Menschen in der westlichen Welt, wo – zumindest idea­lerweise – Kaste, Familie, Geschlecht und Hautfarbe keine Rolle spielen (auch dies sind Formen von Dharma), ist der Begriff Dharma manchmal schwer fassbar. John Friend, der Begründer des Anusara Yoga, meint: „Ich verstehe es so: Welche der möglichen Optionen dient einem selbst und der Welt am besten?“ Das bedeutet auch, den eigenen Werten treu zu bleiben und sich selbst, seine Familie, sein Umfeld und die Welt entsprechend respektvoll zu behandeln. „Dharma bezeichnet die ethischen Grundsätze, an denen man sein Leben ausrichtet“, erläutert Sally Kempton, „die persönliche Quintessenz. Ich übersetze es gern als ‚Weg des Guten’.“ Dieses Dharma sollte jede Handlung und Entscheidung im Leben bestimmen, meint Kempton. Um das eigene Dharma zu verstehen und zu prüfen, inwiefern man es erfüllt, schlägt sie folgende Fragen vor:

➳ Was ist meine Aufgabe in der Welt?
➳ Was sind meine Verpflichtungen?
Welche fühlen sich richtig an?
➳ Was tue ich, wenn ich dem übergeordneten Wohl diene?
➳ Bin ich auf dem ‚Weg des Guten’?
➳ Wie kann ich meinem Umfeld am besten dienen?
➳ Was würde Martin Luther King Jr. jetzt tun? (King ist Kemptons persönliches Vorbild – setzen Sie hier wahlweise irgendeine andere Person ein, die für Sie den Inbegriff dharmischen Lebens verkörpert.)

Artha – der Wohlstand

In gewisser Weise sollten alle anderen Purusharthas aus dem Blickwinkel von Dharma betrachtet werden. Das gilt ganz besonders für Artha, das mit Wohlstand, Reichtum, Fülle oder Erfolg übersetzt werden kann. Artha ist zunächst der materielle Wohlstand, der das Leben erleichtert. Es sind aber auch all jene Dinge gemeint, die man zum Leben und zur Erfüllung seiner Aufgaben einfach benötigt. Viele Lehrer nennen Artha als erstes der Purusharthas, weil ohne Nahrung, Obdach oder Schutz vor Gefahren alle anderen Purusharthas unwichtig werden. Artha deckt die grundlegenden materiellen Bedürfnisse ab und ermöglicht so erst das Verfolgen anderer Ziele. Ob Wohnung, Auto oder Küchenutensilien – Artha bezieht sich zunächst auf Dinge. Für den Schriftsteller sind das vielleicht Stift und Papier, für den Yogi ein Raum für eine ungestörte Praxis. Es kann aber auch für Wissen oder Bildung stehen – eine Voraussetzung, die zum Beispiel eine Ärztin zur Erfüllung ihres Dharma braucht.
Genau wie Dharma ist Artha ein wandelbarer Begriff. „Als ich begann, die Purusharthas zu lehren, stand Artha für Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf“, scherzt der Yogalehrer Gary Kraftsow. „Inzwischen gehören auch Handy und Internetzugang dazu.“ Was man braucht, hängt immer davon ab, welche Rolle man innehat. Dabei sind materieller Besitz und sogar Reichtum an sich nichts Schlechtes. Wichtig ist nur, Artha nicht überzubewerten. Das fällt besonders in unserem Kulturkreis schwer, in dem Erfolg und Wohlstand einen Selbstwert darstellen. Brooks zufolge kann ein Perspektivwechsel helfen, besser mit Artha umzugehen: „Artha fordert den Menschen auf, sich geschickt in einer Welt voller Objekte zu bewegen, die zu seinem Nutzen existieren. Es geht nicht darum, sich der Welt zu verschließen, sondern zufrieden mit dem zu sein, was man besitzt, leiht oder verwaltet. Und es geht um Selbstreflexion: Was ist in meinen Augen wirklich wertvoll?“
Sally Kempton ist der Meinung: „Artha steht für die Fähigkeiten, die man entwickelt, um ein erfolgreiches weltliches Leben zu führen. Nach meiner Erfahrung sind Menschen, die mit Artha auf die eine oder andere Art nicht umgehen können, unzufrieden. Genug Geld zum Leben und für den Familienunterhalt zu haben, ist Teil der grundlegenden menschlichen Würde.“
Wenn Sie Artha gekonnt in Ihr Leben integrieren wollen, könnten folgende Fragen hilfreich sein:

➳ Was brauche ich, um meine Aufgabe in der Welt (Dharma) zu erfüllen?
➳ Wie definiere ich Wert?
➳ Habe ich genug?
➳ Macht mich mein Besitz glücklich oder unglücklich?
➳ Macht es mir Angst, mehr als andere zu haben? Oder macht es mir Angst, nicht mehr zu haben?
➳ Von Geld einmal abgesehen: Was bedeutet Reichtum für mich?

Kama – das Vergnügen

Kama oder der Wunsch nach Vergnügen treibt laut Rod Stryker die Menschheit an. „Hinter allem menschlichen Handeln steckt der Wunsch nach Vergnügen“, sagt er. „Kama kann sinnliche Befriedigung meinen. Es umfasst aber auch Kunst, Schönheit, Intimität, Freundschaft und Güte: Was immer das Leben schöner macht. Auch Verzicht kann Freude bedeuten.“
Dass Kama bei vielen ein schlechtes Image hat, hängt sicher damit zusammen, dass es dazu verleiten kann, über die Stränge zu schlagen. Exzessives Kama kann zu Maßlosigkeit, Abhängigkeit, Faulheit, Neid und anderen „Todsünden“ führen. Wenn es jedoch zur Erfüllung des Dharma dient, hat es durchaus seine guten Seiten. „Im Kontext des Dharma gesehen repräsentiert Kama die Fülle des Lebens“, erklärt Stryker. „Alles Handeln ist durch Wunschbefriedigung motiviert. Das Leben dient einem höheren Zweck, aber auf dem Weg dorthin erfreut man sich an Familie, Freunden, Kunst, Liebe und Harmonie.”

Wenn man sich die eigenen Wünsche bewusst macht, kann man sich besser auf diejenigen konzentrieren, die wirklich wesentlich sind. „Das bewusste Streben nach Kama ist eine tiefe yogische Praxis“, meint Sally Kempton. „Kama auf yogische Weise zu praktizieren, bedeutet, den gegenwärtigen Moment mit allen Sinnen zu erleben. Ob ein Stück Pizza oder eine herzöffnende Meditation – Freude kann viele Formen annehmen. Als Yogi lernt man zu unterscheiden. Man erkennt, welche Freuden göttlich sind und der Seele gut tun und welche ein leeres Gefühl hinterlassen und über die eigentlichen Themen hinwegtäuschen.“
Laut Brooks kann achtsam gewähltes Vergnügen helfen, das Dharma mit Leidenschaft zu erfüllen. „Leidenschaft ist nicht das Problem, sie ist die Lösung.“ Anhand der folgenden Fragen können Sie Ihren eigenen Umgang mit Vergnügen und Sinnesbefriedigung erforschen:

➳ Wo liegt meine Leidenschaft?
➳ Was erfreut mich?
➳ Genieße ich mein Leben?
➳ Bin ich glücklich?
➳ Was liegt mir am Herzen?
➳ Was ist mein größter Wunsch?
➳ Wonach bin ich süchtig?
➳ Bringt mich mein Vergnügen meinem Lebenssinn näher oder führt es mich davon weg?

Moksha – die Freiheit

Moksha oder Befreiung gilt als das höchste aller Purusharthas. „Im Grunde genommen geht es immer um Freiheit“, erläutert John Friend: „Man will frei sein von bestimmten Dingen und frei, um etwas Bestimmtes zu tun. Frei von Leid und von allen Blockaden, die einen daran hindern, die eigene Stärke und Lebendigkeit zu spüren.“
Im allerweitesten, höchsten Sinn ist Moksha gleichbedeutend mit Nirvana, der endgültigen Befreiung aus dem ewigen, Leid stiftenden Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt. „Moksha steht für den Ausstieg aus diesem leidvollen Kreislauf”, so Kempton. „Auch wenn man ein dharmisches Leben führt, gut für sich und seine Familie sorgt, sein Berufs- und Familienleben genießt, wird all das letztlich unbefriedigend bleiben ohne die Praktiken, die zu Moksha führen.“

Dennoch darf man Moksha nicht als einen abgehobenen Zustand verstehen, den es ultimativ und unter Ausschluss der menschlichen Erfahrung zu erreichen gilt. „Hier stellt sich die Frage: Ist Moksha Ziel oder Wesen des Menschen?“, sagt Brooks. „Das heißt, muss man erst frei werden oder wird man frei geboren? Die einen sehen Moksha als etwas Jenseitiges, das Gegenteil von Dharma. Andere argumentieren, dass jeder Mensch vom Wesen her frei ist, hier und jetzt.” Anders gesagt: Die bloße Rückbesinnung auf die uns innewohnende Freiheit verleiht Dharma und allem, was man im Leben tut, Sinn. Yoga ist ein ganz praktischer Weg, Moksha zu üben. „Man ist so frei, wie man sich fühlt“, so Brooks. „Wie wäre es mit einem kleinen Perspektivwechsel: Man ist so unendlich frei, dass man Bindung braucht. Woran bindet man sich?“ Und hier kommt wieder Dharma ins Spiel.

Anhand der folgenden Fragen können Sie die Rolle von Moksha in Ihrem Leben bestimmen:

➳ Was tue ich, um mich von Aktivitäten und Ansichten zu befreien, die mich unglücklich machen?
➳ Was kann ich tun, um mich nicht in meine Gefühle zu verwickeln? Woran binde ich mich bewusst?
➳ Fühle ich mich gefangen?
➳ Kann ich mich von Schuldzuweisungen mir selbst und anderen gegenüber lösen?
➳ Wie befreie ich meinen Geist?

 

Hilari Dowdle - Lehre der Purushitas Hillari Dowdle, ehemalige Redakteurin für das amerikanische YOGA JOURNAL, lebt und schreibt in Knoxville, Tennessee.

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