Die Kunst der Hilfestellung im Yoga: Mark Stephens im Gespräch

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Mark Stephens Hands On Praxis

Der amerikanische Yogalehrer Mark Stephens gilt als einer der besten, wenn es darum geht, Asanas so anzuleiten, dass sie mit Körper und Geist gefühlt statt nur nachgeahmt werden. YOGA JOURNAL sprach mit ihm im Interview über die Kunst der praktischen Hilfestellung.

Yogahaltungen kann man lernen, indem man genau hinschaut, wenn es jemand vormacht, indem man hört, was im Yogaunterricht erklärt wird – und indem man sich von helfenden Händen leiten lässt. Mark Stephens hat alle drei Methoden erforscht und zur Perfektion gebracht. In den vergangenen 15 Jahren bildete er über 1.000 Yogalehrer aus und verfasste drei Grundlagenbücher über den Yogaunterricht. Er setzt sich detailliert mit Hands-on-Assists auseinander. Stephens Ziel: weitergeben, wie man sicher und mit nachhaltig gesunder Wirkung Yoga praktiziert. Wir haben ihn gefragt, worauf es dabei ankommt.

YJ: Was ist das Wichtigste für eine gesunde Asana-Praxis?
MS: Bewege dich langsam, atme tief und dann lass die Haltung einfach passieren. Geh nicht so tief in eine Asana, dass die Atmung nicht mehr frei fließen kann. Eine Asana muss in den gleichmäßigen Atemfluss passen. Wieso also die Eile?
YJ: Patanjali schreibt in den Yoga Sutras: Eine Asana braucht Stabilität und Leichtigkeit. Wie vermitteln wir das als Yogalehrer durch praktische Hilfestellungen und Handgriffe?

MS: Jedes Mal, wenn wir Hand anlegen, brauchen wir eine klare Absicht. Was wollen wir mit der Berührung erreichen? Dann sollten wir uns dem Atemrhythmus des Schülers anpassen. Beim Einatmen unterstützen unsere Hände die Länge und die Weite, beim Ausatmen begleiten sie den Schüler sanft tiefer in die Haltung hinein. Die Hand des Lehrers liegt dabei dort, wo die Bewegung entsteht: Wenn ich zum Beispiel in Utthita Trikonasana (gestrecktes Dreieck) möchte, dass der Schüler den oberen Arm auswärts dreht, dann liegt meine Hand an der Schulter und nicht etwa am Handgelenk.

YJ: Es gibt Lehrer, die überhaupt nicht mit Berührungen arbeiten.

MS: Ja, manche Lehrer scheuen das aus verschiedensten Gründen. Und auch für manche Schüler ist Yoga eine so persönliche Praxis, dass eine plötzliche Berührung eine Grenzüberschreitung wäre. Es ist eines meiner Grundprinzipien, immer um Erlaubnis zu fragen, ob ich jemanden mit den Händen leiten darf. Wie und wann man berühren darf, darum geht es auch viel in meinen Büchern. Ich hoffe, dass Lehrer manuelle Hilfen auf der Basis von Wissen und Respekt geben. Jeder Schüler hat bevorzugte Sinne, um Dinge zu lernen. Für manche Schüler sind verbale Instruktionen sinnvoll und wichtig, andere lernen eher optisch und brauchen das visuelle Vorbild des Lehrers – und wieder andere lernen eben dadurch, dass sie etwas körperlich spüren.

YJ: Wann reichen Worte oder das optische Vorbild des Lehrers nicht aus?

MS: Immer dann, wenn es noch etwas zu verbessern gibt und der Schüler die manuelle Unterstützung auch annehmen möchte. Angemessene und klug gewählte Handgriffe helfen, eine Asana tiefer zu verstehen, besonders die richtige Ausrichtung und das, was energetisch in der Haltung passiert. So wird die Asana sicher und zugänglich und es wirkt nachhaltig.

YJ: Welche Möglichkeiten haben Lehrer noch, eine gesunde, nachhaltige Asanapraxis zu vermitteln?

MS: Neben unseren Worten, unseren Händen und unserem Vorbild haben wir noch all die Hilfsmittel wie Blöcke, Gurte, Kissen und Decken, mit denen wir Haltungen erleichtern und die Ausrichtung verbessern können.

YJ: Wann ist der Körper am verletzlichsten?

MS: Eine große Verletzungsgefahr liegt natürlich darin, eigene Grenzen nicht zu beachten oder zu respektieren. Außerdem ist das Auflösen einer intensiven Haltung immer kritisch, weil die Aufmerksamkeit meist stark auf dem Aufbau und der Durchführung der Asana liegt und dann abfällt.

Welche Hilfstellungen halten Sie für besonders wichtig?

Lehrer sollten vor allem dort stabilisierende Berührungen anbieten, wo die Gelenke sehr beweglich sind. In Adho Mukha Shvanasana (nach unten schauender Hund) und Urdhva Dhanurasana (Bogen) zum Beispiel tragen die Schultergelenke in einer sehr mobilen Position einiges an Gewicht. Da ist es wichtig, dem Schüler in die Auswärtsdrehung der Oberarme zu helfen, denn so sind die Gelenke stabil und axial belastet. Die Berührung des Lehrers sollte präzise sein und das Fundament des Schülers festigen, den Körper ausrichten und tiefere Entspannung in der Asana ermöglichen. So helfen Hands-on-Assists dem Schüler, eine Asana zu erleben und zu fühlen, statt nur die äußere Form einzunehmen.

In einem Artikel haben Sie mal geschrieben: „Du machst Yoga. Yoga macht nicht dich.” Was meinen Sie damit?

Ich will darauf aufmerksam machen, dass jeder weise für sich wählen soll, was ihm gut tut. All die verschiedenen Yogastile, die verschiedenen Arten, wie unterrichtet wird, kann man sich vorstellen wie ein riesiges, abwechslungsreiches Buffet. Davon würde man ja auch nicht alles essen, sondern auswählen, was man mag und was einem gut bekommt.

Mehr von Mark Stephens lesen Sie in der aktuellen YOGA JOURNAL-Ausgabe: Exklusiv für das YOGA JOURNAL Deutschland startet der “Lehrer der Lehrer” eine neue Artikelreihe darüber, was guten Yogaunterricht und gute Yogalehrende im Kern ausmacht.


Foto: Sylvia Bidermann

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