Interview: Die Kunst des Lehrens

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„Wir sind gegen Teacher Trainings“, lautet die provokante Aussage der bekannten Ashtanga-Yogalehrer Anthony „Prem“ Carlisi and Heather „Radha“ Duplex.

Wie sollte man das Wesentliche in ein paar Hundert Stunden lernen? Das sind Fähigkeiten, die über Jahre der Praxis und unter der Anleitung eines erfahrenen Lehrers kultiviert werden müssen, meinen die beiden im YOGA JOURNAL-Interview.

Prem spürte schon bei Kursen in den Siebzigerjahren, dass Ashtanga Yoga Vinyasa Flow einmal „riesengroß“ werden würde. Damals nannte er sich noch Anthony Carlisi und ging mit nicht mehr als zwanzig anderen Teilnehmern in die ersten Kurse von Pattabhi Jois in Kalifornien. Der Gründer des dynamischen Yoga-stils selbst gab ihm auch den Namen Prem (Liebe). Später lebte der amerikanische Musterschüler immer wieder Monate lang bei seinem „Guruji“ in Indien, wo er zusätzlich bei Vasant Lad Ayurveda studierte.

Yoga heißt Verbindung, insofern war es ein äußerst yogischer Moment, als Anthony „Prem“ Carlisi 2007 in Tangalle nach einem mehr als bewegten Leben (nachzulesen in seinem Buch „The Only Way Out Is In“) auf Heather „Radha“ Duplex traf. Beide hatten bei Pattabhi Jois gelernt und beide zählen zu den wenigen, die der Meister als Lehrer beauftragte. Es war „eine magische Vereinigung“ und seitdem unterrichten „Pradah“, wie sie sich scherzhaft nennen, gemeinsam. Ihr Zentrum auf Bali haben sie – nach dem Vorbild ihres Meisters – Ashtanga Yoga Bali Research Center genannt.

Forschen sollen hier vor allem die Schüler: Über sich selbst. Der Mysore Style, persönliche Praxis mit individueller Beratung, passt ideal zu ihrem Motto als Lehrer: „Gib ihnen keinen Fisch. Zeig ihnen, wie man angelt.“

Prem, wenn ich dein Buch richtig verstanden habe, kann man aus der Persönlichkeit schließen, wie sehr jemand Yoga verinnerlicht hat.

Prem: Definitiv. Es gehen seltsame Dinge vor sich in der Yogawelt. Im Yogaraum verhalten sich manche Leute sehr ambitioniert, sehr vergeistigt, aber ihr Leben da draußen passt überhaupt nicht dazu.

Ihr selbst habt einen weiteren Horizont als nur Ashtanga Yoga. Prem, du hast lange Ayurveda studiert und auch Tantra. Ist es als Yogalehrer wichtig, über den Tellerrand zu blicken?

Prem: Die Leute sind oft zu fokussiert auf die Asanas. Wenn wir uns einen Schüler in den Klassen ansehen, dann gehen wir individuell und ganzheitlich auf ihn ein. Wir stehen nicht vorne und sagen: So, und jetzt machen alle dies, und jetzt alle das. Das ist der Vorteil am Mysore Ashtanga Style, jeder wird nach seinen Bedürfnissen behandelt – das ist die ayurvedische Perspektive dabei.

Radha: Momentan gibt es in der Yogawelt dieses lächerliche Bestreben, ein Akrobat zu sein. Das ist sonderbar, denn im klassischen Sinne ist das ja nur ein ganz kleiner Aspekt von dem, was Yoga überhaupt ist. Meditation, Ayurveda, Pranayama, ein guter Lebensstil, gutes Essen – es gibt alles Mögliche, das man unter dem Wort Yoga zusammenfassen kann.

Prem: Viele Lehrer beurteilen, wie fortgeschritten ihre Schüler sind, allein danach, wie tief sie ihre Rückbeugen machen oder ob sie ihr Bein um den Kopf schlingen können. Wen das interessiert, der soll in den Cirque du Soleil gehen. Wenn ich mir ansehe, was diese Leute im Unterricht so alles tun, dann sieht unser Unterricht dagegen aus wie ein Kindergarten. Doch mit Spiritualität und wahrer Körperkontrolle hat das nichts zu tun.

Worauf kommt es denn am meisten an?

Prem: Wir sagen den Leuten, sie sollen Yoga zur Priorität Nummer 1
in ihrem Leben machen. Zwei Stunden am Morgen, das gibt den Takt für den ganzen Tag vor. Andere wechseln ihre Prioritäten ständig: Zuerst ist die Arbeit das Wichtigste, dann die Familie, dann die Freunde, dann der Körper. Dabei geht der Geist des Yoga völlig unter.

Hat Pattabhi Jois euch das beigebracht?

Prem: Ja, das war ihm das Wichtigste. Er hat das nicht groß erklärt, er war eher eine Art Yoda wie in Star Wars. Mehr ein Zen-Lehrer. Er sprach nicht viel und auch nicht besonders gut Englisch. Er brachte immer alles mit einer Zeile auf den Punkt. Etwa: „Only God thinking, and than everything coming.“ Er hat uns extrem beeinflusst.

Auf welche Weise gebt ihr eure Weisheiten an die Schüler weiter?

Prem: In den normalen Stunden am Morgen, den Asana-Stunden, zeigen unsere Schüler, wo sie sind. Nicht nur körperlich, sondern vor allem mental: Sind sie frustriert, glücklich, überehrgeizig, neidisch? Ihre Praxis spiegelt, wie sie sich fühlen. Wir helfen ihnen dann, sich zu erden, herunterzuschalten, sich das Leben leichter zu machen, damit sie ausgeglichener sind. Wenn sie uns verlassen, haben sie ein Gespür dafür, wie sie alleine zu Hause weitermachen können, falls sie keinen regulären Lehrer haben.

Oft müsst ihr Neuzugänge in ihrem Elan bremsen. Ihr untersagt ihnen zum Beispiel, die zweite Serie zu üben, und lasst sie erst einmal wieder die erste richtig machen. Das gibt schon mal Tränen. Was haben deren Lehrer falsch gemacht?

Prem: Manchmal sind wir wie Mama und Papa. Wir müssen die Schüler vor sich selbst beschützen und sagen ihnen: Wenn du so weitermachst, tust du dir bald weh. Das ist noch nicht die richtige Praxis für dich. Wir können die Zukunft voraussehen. Dann bringen wir die Schüler auf die richtige Spur. Nicht, indem wir als Richter auftreten und ihnen sagen, dass sie es falsch machen. Wir sagen eher: Schau mal, wenn du deinen Fuß so bewegst, wie fühlt sich das an? Dieses Verständnis, diese Selbstkontrolle wollen wir erreichen.

Radha: Die Schüler sollen den Energiehaushalt der Praxis verstehen. Es gibt einen Unterschied, ob man eine Haltung in der richtigen Form einnimmt, oder ob man die Haltung mit der richtigen Energie macht.

Und wo kommt diese Energie her?

Radha: Vom Atem. Und von der Person, die du bist.

Prem: Es ist der Unterschied zwischen Performance und einem Gesamtgefühl. Und das zu vermitteln, ist die Kunst des Lehrens.

Ich schätze, das kann man nicht in einem Teacher Training lernen.

Prem: Natürlich nicht, deswegen sind wir auch so stark gegen Teacher Trainings. Wie kann man das Wesentliche in ein paar Hundert Stunden lernen? Das sind Fähigkeiten, die über Jahre und Jahre und Jahre der Praxis kultiviert werden müssen. Unter der Anleitung eines alten, erfahrenen Lehrers.

Radha: Die Praxis hat so viele Komponenten. Und wir wollen, dass die Schüler sie nicht mechanisch abspulen, so wie sie es in vielen Studios machen, ohne dass ihnen jemand etwas dazu sagt. Sie bekommen kein klares Feedback. Sie sagen nur: Mein Knie tut weh, mein Nacken, ich kann nicht schlafen, ich habe meinen Menstrua-tionzyklus verloren, seit ich Yoga mache. Sie bräuchten jemanden, der ihnen sagt: Und du glaubst, das ist gut so für dich, wie du übst? Ist es nicht! Ein gesunder Körper hat keine Schmerzen. Das soll jetzt nicht heißen, dass Yoga immer einfach ist und nicht auch mal unangenehm sein kann. Aber definitiv soll es einen im Leben weiterbringen – jede Art von Yoga, das muss nicht Ashtanga sein.

Prem: Wir sehen sofort, wo sie sind. Manche kommen und sagen: Ich übe seit fünf Jahren. Und wir antworten: Wirklich? Entschuldige bitte, aber … Das ist der Punkt, an dem viele zu weinen anfangen.

Ist das der Fehler der Lehrer zu Hause, die das früher hätten erkennen müssen?

Prem: Die Kunst des Lehrens ist leider völlig verwässert. Es gibt ja da draußen mehr Lehrer als Schüler. Jeder macht ein Teacher Training, dann bekommt er ein kleines Zertifikat und unterrichtet selbst. Was wir von Pattabhi Jois gelernt haben, ist, erst einmal mit der eigenen Praxis klarzukommen. Er war erst sehr, sehr spät zufrieden und hat gesagt: Du bist bereit, zu unterrichten.

Ashtanga ist extrem populär. Wo sollen denn für diese Massen die extrem sensiblen und gut ausgebildeten Lehrer auf einmal alle herkommen?

Prem: Eine sehr gute Frage. Da gibt es tatsächlich eine große Explosion und eine große Lücke – ein echtes Dilemma. Wir reden schon seit Jahren darüber, wie wir damit umgehen sollen. Das einzige, was wir tun können, ist, da zu sein und die höchste Qualität zu liefern, die uns möglich ist. Aber es gibt eben kein Programm, das Qualität überall überwacht. Wir können den Schülern, denen es ernst ist, nur raten, zu erfahrenen Lehrern zu gehen – und zu beobachten, wie sich ihr Leben verändert.

Radha: Der einzige Weg, in etwas gut zu werden, ist, seine eigene Praxis zu haben. Du musst schon auch mit Lehrern zusammenarbeiten. Aber die meisten Leute wissen doch nicht einmal, was es bedeutet, eine eigene tägliche Praxis zu haben. Schon deshalb, weil viele Lehrer sie dazu nicht ermutigen. Es gibt einfach nicht allzu viele richtig gute Ashtanga-Lehrer, sorry, wenn ich das so hart sagen muss. Das liegt daran, dass es eben unheimlich schwierig ist, wirklich voranzukommen.


Das gesamte Interview mit Prem und Radha finden Sie im Heft 34