Yoga und Reichtum – wie passt das zusammen?

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Der Yoga-Boom treibt bizarre Blüten: aufwendigste Yoga-Fashion, Matten für über 100 Euro, sinnlose Accessoires und superteure Retreats. Doch selbst ohne diese Ausreißer muss man sich fragen, wie das viele Geld und Yoga zusammenpassen?

Wahrscheinlich hilft da nur Humor …

Der freundliche Münchener Hausbesitzer hatte sich letzten Sommer seinen persönlichen Yogalehrer kurzerhand aus dem Urlaub mitgebracht. Für ganze vier Wochen hatte er den Inder, der angeblich mehrere Studios in Dubai besitzt, zu sich „eingeladen“. Nun wollte er, dass wir uns kennenlernen und am besten gleich gemeinsam in einem seiner Häuser eine Schule eröffnen. Meinem Vorschlag, zuerst gemeinsam zu üben, konnten beide wegen wichtiger Termine nicht folgen. Ich habe sie nicht wiedergesehen. Aber bevor die beiden zurück in das Maserati-Cabriolet stiegen, gab es noch eine Visitenkarte – darauf der Name des Inders und allen Ernstes die Bezeichnung: „Chief Guru“.

Auch sonst erzählt mir jeden zweiten Tag jemand, der ein bisschen zu viel Geld hat, dass er jetzt ganz viel Yoga macht oder gleich machen wird, schon viel weniger Fleisch isst (außer heute), meist keinen Pelz mehr trägt, kaum noch mit seinen drei Autos fährt und überhaupt seinen Lebensstil gerade ändert. Die ganze Idee hierzu kommt aus der letzten Ayurveda-Kur in der Karibik – und daher will man nun auch unbedingt ein Retreat im Himalaja oder Costa Rica planen, um noch tiefer in die Praxis einzutauchen und sich selbst besser kennenzulernen. „Weißt du da vielleicht etwas Passendes für mich?“, lautet dann die drängende Frage. Meine Antwort, doch einfach ins nächste Studio in normale Yogaklassen zu gehen, stößt bisweilen auf ungläubiges bis entsetztes Schweigen: Ich? Normal? In einer Gruppe im Studio? Parkplatz? Mit der U-Bahn fahren? Damit hat sich die Sache meist bis zum nächsten Urlaub erledigt.

Yoga besteht aus drei, vier einfachen Ideen: Die Wirbelsäule aufrichten, den richtigen Abstand der inneren Organe zueinander wieder herstellen, dem Atem Raum verschaffen und ihn mit der Bewegung zusammenbringen. Nun mag es sein, dass auch das tolle „Gravity Yoga“ auf den Malediven, von dem mir kürzlich berichtet wurde, all diese Aspekte vorbildlich berücksichtigt, doch ein entscheidender Punkt fehlt dabei: Die Einfachheit, das Natürliche, das Selbstverständliche der Praxis. Und dazu die Erkenntnis, dass man ein normaler Mensch ist, der sich ganz simpel in Bescheidenheit, Zufriedenheit und Dankbarkeit üben sollte.

Der Schriftsteller Rainald Goetz sagt, Geld gäbe schlicht einen einzigen Befehl: MEHR. Yoga aber sagt: WENIGER, langsamer, behutsamer. Und diese Diskrepanz ist es, die das Leben mit viel Geld und die Idee des Yoga auseinanderklaffen lässt. Die Gefahr, dass die Yoga-praxis für reiche Menschen oberflächlich bleibt, ist groß. Extra zum Yogaüben auf die Malediven zu fliegen, ist bestenfalls lächerlich – wenn nicht mehr.

Geld unterstreicht wie in der Werbung den Narzissmus: „Unterm Strich zähl’ ich!“ Yoga dagegen fragt: Was kann ich für andere tun? Das Bemühen, langweiligen und gelangweilten Geld-Gästen in jedem Luxus-Spa dieser Welt neuerdings Yoga nahebringen zu wollen, ist insofern manchmal rührend – und manchmal obszön. Die Medita-tion über Gewaltlosigkeit scheitert sowieso spätestens beim Mittagessen, wenn wieder Fleisch und Fisch vom Feinsten auf dem Teller landen.

Es gibt ein schönes Buch von Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1962, das jetzt in einer von Andreas Altmann erweiterten Neuauflage erschienen ist: „Indien“ (Corso Verlag, ca. 25 Euro). Darin vergleicht Altmann das heutige Indien mit dem, das Pasolini vor über 50 Jahren vorgefunden hat. Und während sich Pasolini angesichts der verheerenden Armut fragt, wie man denn so leben kann, stellt Altmann lakonisch fest, dass es uns trotz unseres unfassbaren Reichtums nicht gelingen mag, glücklich zu sein: „Wir wollen wissen, wie ein Mensch, sprich ein Inder, so glücklich sein kann. Wie geht das? Mit nichts, fast nichts. Während uns kein Glück – sagen wir, nur wenig Glück – gelingt. Dabei sind wir beladen mit Wohlstandsgerümpel wie nie zuvor. Wir haben so viel und doch: Um kein Gramm wird unser Herz leichter, strahlender. Und sie haben so wenig und so viel Leichtigkeit.“


Der Autor Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er  diverse Clubs sowie Restaurants und studiert Philosophie.