Kann man Yoga schauspielern?

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Foto v.l.: Tanja Seehofer, Franziska Schlattner in der ZDF-Produktion "Inga Lindström"

Sie ist eine der erfahrensten Yin Yoga-Lehrerin Deutschlands: Vom 21. bis 23. April ist Tanja Seehofer auf der YogaWorld in Stuttgart zu Gast und gibt dort  Schnupperstunden im Yin Yoga. Vor rund einem Jahr coachte Seehofer die bekannte Schauspielerin Franziska Schlattner für ihre Rolle als Yogalehrerin in der ZDF-Produktion “Inga Lindström”. YOGA JOURNAL sprach mit den beiden Frauen über Authentizität und ob man Yoga glaubhaft “spielen” kann. 

YJ: Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit am Set von „Inga Lindström: Liebe deinen Nächsten“?
Tanja Seehofer: Vor meiner Ausbildung als Yogalehrerin habe ich lange in der Casting-Abteilung bei Bavaria Film gearbeitet. Bis heute unterrichte ich dort Firmenyoga und kannte einen Teil des „Inga Lindström“-Teams aus meinen Stunden. Den Produzenten war wichtig, dass das Thema „Yoga“ im Film kompetent dargestellt wird, und sie wollten unbedingt Beratung vor Ort. Mein Vorteil war, dass ich die Abläufe und Sensibilität von Dreharbeiten sehr gut kenne.

Franziska Schlattner: Als ich das Angebot annahm, eine Yogalehrerin zu spielen, wusste ich noch nicht, dass es einen Coach geben würde. Die Info hat mich dann sehr erleichtert. Ich übe zwar seit Jahren Yoga, bin aber keineswegs perfekt.

Wie authentisch kann dieses Üben im Film sein, wenn es nicht nach innen führt, sondern für ein Außen bestimmt ist? Wie sehr konntest du bei dir selbst bleiben?
Franziska: Weil mir Yoga in meinem Leben wichtig ist, wollte ich die Rolle einer Lehrerin auf keinen Fall auf schnellen Effekt ausrichten. Ich hatte vor dieser Aufgabe ziemlich Respekt, allein schon vor der korrekten Ausrichtung und Koordination der Ansagen, auch der Tonlage meiner Stimme. Als ich aufhörte, mich zu bewerten, hat es plötzlich geklappt. Getragen von der kraftvollen Landschaft und Tanjas Coaching sah ich die Rolle einfach mehr und mehr als neue Yogaerfahrung. Zu sehen, dass die Gruppe konzentriert mitübte und alles zu fließen begann, war sehr schön. Schließlich vergaß ich sogar für Momente, dass ich keine Lehrerin bin.

Also geht es auch beim Spielen darum, die Außenwirkung auszublenden.
Franziska: Für mich ist das sehr wichtig. Um die Rolle von innen heraus auszufüllen, ist gute Vorbereitung essentiell – ich will wissen, wovon ich spreche. Ich habe viel geübt, was man eventuell nicht sehen wird, und viel gelesen, was man nie hören wird, um mir selbst die Erlaubnis geben zu können, Yogalehrerin zu sein. Optisch hatte ich durchaus den Anspruch, nicht schief dazustehen und die Asanas gut auszuführen. Auf keinen Fall wollte ich aber ein Abziehbild von etwas sein. Irgendwann habe ich nicht mehr an Haare und Oberteil gedacht. Man merkt nämlich genau, wenn ein Schauspieler nicht im Moment ist und vor allem auf Außenwirkung spielt, und zwar am Blick. Dann steht ein anderer Ausdruck in den Augen.

Tanja, du bist es gewohnt, Menschen zu unterrichten und angehende Yogalehrer auf ihrem Weg zu begleiten. Beobachtest du da einen ähnlichen Prozess in Richtung Authentizität?
Tanja: Auf jeden Fall in der Hinsicht, dass innere Erfahrung überzeugend wirkt. Für die Gruppe in diesem Film haben wir yogaerfahrene Statisten ausgewählt, denn mir kam es darauf an, dass die Haltungen sicher und bewusst ausgeführt werden. Gefreut hat mich, dass Regisseur und Kameramann meine Arbeit ernst genommen haben, mich regelmäßig am Monitor die Yogaszenen überprüfen ließen und meinen Empfehlungen vertraut haben.

Diese beratende Funktion am Set ist interessant, da man Yogis im populären Film bislang eher als komische, versponnene Figuren kannte.
Franziska: Dass es sich bei meiner Rolle um eine ernsthaft angelegte Figur handelte, war ausschlaggebend für meine Zusage. Ich wollte keine durchgeknallte Esoterikerin spielen, sondern Teile meiner eigenen Einstellung einfließen lassen. Ich persönlich stehe dem Überhöhten und Heiligen im modernen Yoga kritisch gegenüber. Bei einer Spiritualität, die sich nur behauptet anfühlt, bin ich sehr empfindlich und deshalb immer selektiver bei der Auswahl meiner Lehrer. Ich möchte den Eindruck bekommen, dass sie das Vermittelte selber leben.

Wie würdest du die von dir dargestellte Yogalehrerin Esther Carlson beschreiben?
Franziska: Ich wollte sie als normalen Menschen zeigen, nicht als seltsame, einsame Frau, die mit 40 Jahren allein im Häuschen am See lebt. Ich mag ihre Naturverbundenheit, sie wohnt mit ihren Tieren am Wasser, lebt mit den Elementen, übt auf ihrem Steg und ist zu weiten Teilen eins mit sich selbst – ein Mensch, mit dem ich gerne befreundet sein würde. Da ich eine recht prägnante Stimme habe, war mir wichtig, dass ich nicht säusele. Ich wundere mich, wenn Yogalehrer beim Unterrichten plötzlich eine völlig andere Tonlage annehmen. Was soll das? Ich möchte, dass man normal mit mir spricht. Also wollte ich nichts Künstliches, sondern eine Figur aus Fleisch und Blut, die Yoga liebt und es gerne weitergibt. Keine Beseelte, die halb über dem Boden schwebt, sondern jemand, der barfuß fest auf dem schwedischen Boden steht.

Bei „Inga Lindström“ handelt es sich um ein beliebtes ZDF-Format, das von einem Millionenpublikum gesehen wird. Eine Verantwortung, was das Bild von Yoga betrifft?
Franziska: Eine gewisse Tiefe ist für mich innerlich und inhaltlich gegeben. Inwieweit sich das transportieren wird, hängt von vielen Faktoren ab: Wie ist es gefilmt, geschnitten, was will der Regisseur letztendlich zeigen und wie will es das Publikum sehen? Auch deswegen bringt es beim Film nichts, auf Wirkung zu spielen. Da du keine Kontrolle über das fertige Produkt hast, brauchst du eher Vertrauen. Ich habe mir zuvor überlegt, was Yoga mir eigentlich bedeutet und welche Qualitäten ich an Lehrern schätze. Am Schluss war ich immer bei Wahrhaftigkeit. Sie zu spüren, erleichtert mir, Dinge anzunehmen und zu lernen. Mir sind Lehrer nahe, die es nicht „cool“ finden, „spirituell“ zu sein, sondern als Menschen auftreten, die nachfragen und nachspüren, nicht wissen.

Tanja, hast du bei dieser Arbeit auch an deine Lehrer gedacht?
Tanja: Ich habe mich als Lehrerin inzwischen auf Yin Yoga spezialisiert, habe für den Film jedoch Vinyasa-Sequenzen ausgewählt, die ich in meiner Ausbildung bei Christine May gelernt habe. Stehhaltungen mit gehobenen Armen sind durch die Kamera besser einzufangen und entsprechen eher dem populären Bild von Yoga.

Franziska: Dadurch, dass ich Tanja intensiv bei ihrer Arbeit beobachten konnte, habe ich – oft nur an Kleinigkeiten – gemerkt, welche Verantwortung jeder Lehrer­beruf in sich trägt. Er erfordert Liebe, Interesse für Menschen und vor allem Geduld. Letzteres geht mir leider ziemlich ab. Yogalehrer zu sein, beschränkt sich ja nicht nur auf das Ansagen von Asanas. In dem Moment, wenn dir Menschen zuhören und sich öffnen, erwarten sie manchmal Antworten auf Lebensfragen. Mit dieser Verantwortung will gut umgegangen sein – ein Riesen­thema für mich.

Als Yogalehrer Eintritt ins Leben der Schüler finden – welche Erfahrungen hast du diesbezüglich, Tanja?
Tanja: Das ist in der Tat nicht ohne und mir anfangs ehrlich gesagt nicht bewusst gewesen. Die Ausbildung war in meiner damaligen Lebensphase die Rettung vor Krankheit und der Weg aus dem Burnout. Im Gegenzug schildern mir immer wieder Menschen, wie gut ihnen meine Stunden oder meine Bücher tun. Das geht bis hin zu Projek­tionen auf meine Person. Das spiegelt mir erneut meine Verpflichtung, die Schüler immer auf ihre Selbstverantwortung hinzuweisen.
Franziska: Eine interessante Frage ist, warum Menschen Yogalehrer werden. Im besten Fall haben sie bahnbrechende Dinge für sich erfahren, die sie gerne weitervermitteln wollen. Es gibt jedoch auch Leute, die vor allem die Plattform lieben: Du stehst vorne und alle machen, was du sagst. Es handelt sich ja vordergründig nicht um ein Miteinander, einen Dialog, sondern eine Ansage und das Folgen eines Monologs – eine Situation von Macht, Dominanz und Bewunderung, die einladen kann, die Verantwortung abzugeben. Bei Yogalehrern kann das Gefühl „Hier ist ein Mann mit Tiefe und Weichheit, der mich versteht und mir neue Perspektiven eröffnet“ eine besondere Wirkung auf Frauen haben. Was könnte es auch Besseres geben – wenn es wirklich so ist …

Tanja: Man muss sich unbedingt dessen bewusst sein, was man sagt. Meine Yin Yoga-Stunden verbinde ich mit bestimmten Übungen und Erfahrungen als Mentalcoach und achte bewusst darauf, dass einige Trigger-Punkte enthalten sind, die die Schüler motivieren können, sich immer wieder fragen: Entspricht mir mein Leben? Geht es mir gut dabei?

Franziska: Als Schülerin ist es mir wichtig, dass ich immer wählen kann. Yoga ist wunderbar für Körper und Seele, allerdings keine Psychotherapie. Ein Lehrer sollte niemand sein, der Rezepte gibt. Es gibt einfach keine Abkürzung zur spirituellen Tiefe – dennoch legen viele Lehrer diesbezüglich eine atemberaubende Geschwindigkeit vor. Eine Ausbildung von wenigen Wochen ersetzt jahrelange Praxis, Selbstmarketing überstrahlt Kompetenz. Menschen lassen sich gerne verführen, das kenne ich auch von mir. Bei Versprechen wie „In 7 Minuten zu besserem Sex durch Yoga“ hört es für mich allerdings auf. Es ist wunderbar, dass es Yoga gibt, aber es ist kein Allheilmittel und kann nicht alles andere ersetzen.

Franziska Schlattner: 1999 spielte in „Crazy“ von Hans-Christian Schmid eine ihrer ersten Kino­rollen. Im vergangenen Jahr war sie im TV-Politthriller „Die Spiegel-Affäre“ als Marianne Strauß zu sehen. Dazwischen drehte sie mit Regisseuren wie Oskar Roehler, Dominik Graf, Michael „Bully“ Herbig und Rainer Kaufmann.


Foto: ZDF