Upcycling – Aus alt mach neu

139

Um die Verwirrung zwischen Re- und Upcycling gleich zu Beginn auszuräumen: Beim altbekannten Recycling werden Abfallprodukte in ihre Ausgangsstoffe zerlegt und danach erneut verarbeitet, wie etwa Papier oder Plastikmüll. Die Qualität der Endprodukte ist dabei hinterher meist schlechter als vorher. Recyceltes Papier erstrahlt dann beispielsweise nicht mehr blütenweiß sondern kommt eher grau daher. Im Gegensatz dazu gewinnen beim Upcycling die neuen (alten) Produkte an Wert. Nutzungsdauer und Wertschöpfung verlängern sich und es findet – im Unterschied zum Recycling – kein Umwandlungsprozess in die Ausgangsbestandteile statt. Klassische Beispiele sind Taschen aus alten LKW-Planen oder Segeltuch. An sich ist dieser Prozess nichts Neues – für frühere Generationen war es noch ganz selbstverständlich, alte oder vermeintlich unnütze Materialien wiederzuverwerten, man denke nur an die traditionellen Flickenteppiche.

Adé anonymer Massenkonsum!
Neu sind allerdings der Begriff Upcycling und der hippe Touch, wie Christoph Harrach, Gründer des Trendportals Karma-Konsum und treibende Kraft der deutschen Nachhaltigkeitsbewegung, erklärt: „Das Neue am Upcycling ist das schicke Design. Das Jutesack-Image hat ausgedient, stattdessen geht es um individuelle Produkte aus den Bereichen Mode, Schmuck oder Interieur.“ Ausrangierte Skateboards werden zu Bücherregalen, kaputte Fliesen verwandeln sich in Ohrringe, und aus alten Männerhemden entstehen Abendkleider. „Das Thema Nachhaltigkeit ist als  kultureller Wert attraktiver geworden. Ich glaube, dass die Menschen nicht nur wegen des schlechten Gewissens, sondern wegen des Style-Faktors nachhaltig konsumieren.“ Dabei kann Upcycling unsere Rolle als Konsument tatsächlich verändern: Zum einen, indem wir geupcycelte Produkte kaufen und damit zum achtsamen Umgang mit Rohstoffen beitragen. Und zum anderen, indem wir als sogenannte Prosumenten die Dinge, die wir konsumieren, selber produzieren. Hier spielt das Thema DIY (do it yourself) eine große Rolle. Bei 36,7 Millionen Tonnen Haushaltsabfällen (etwa 456 Kilo pro Kopf), die jährlich in Deutschlands Mülltonnen landen, gibt es auf jeden Fall eine Menge Potenzial für kreative Abfallverwertung.

PET-Flaschen statt Ziegelsteine 
Mit Upcycling kann jeder einzelne der Wegwerfmentalität den Rücken kehren und damit nachhaltig die Umwelt sowie das Konsumverhalten verändern – sei es als Pro- oder Konsument. Der yogische Lebensstil bietet dabei einige Schnittstellen zur Upcycling-Philosophie erklärt Harrach, der seit 20 Jahren Yoga praktiziert: „Im Niyama Santosha, der Bescheidenheit, drückt sich eine materiell einfache Lebensführung aus. Sich nichts Neues zu kaufen und Dinge wiederzuverwerten, ist ein Ausdruck davon. Bestehende Produkte sinnvoll weiterzuverwenden und aufzuwerten anstatt der Erde Ressourcen zu rauben, kennzeichnet eine friedliche Lebenshaltung. Diese drückt sich ganz klar in Ahimsa aus, dem gewaltfreien Umgang mit der Erde.“

Dass neue Verwertungskreisläufe auch in größerem Stil funktionieren, beweist etwa Andreas Froese mit seinem Unternehmen Eco-Tec. Er zeigt Menschen weltweit, wie sie Plastikflaschen als Baumaterial nutzen können. Etwa 60 Häuser und Wassertanks hat er mittlerweile in Lateinamerika, Afrika und Indien realisiert. Dabei werden rund 14 000 mit Schutt oder Sand gefüllte PET-Flaschen pro Haus benötigt. Praktischer Nebeneffekt: Ihre lange Haltbarkeit von bis zu 450 Jahren verwandelt sich beim nachhaltigen Bauen vom Fluch zum Segen.


Blogs


www.weupcycle.com Eine Fundgrube voller kreativer DIY-Ideen. Ursprünglich wollten Lisa Schultz und Magdalena Akantisz 30 Tage lang jeweils ein Projekt vorstellen. Aufgrund des Erfolges verlängerten sie ihre Aktion auf drei Jahre. Mittlerweile sind über 1000 Upycling-Produkte online.


www.zweitleben.de Wie man mode- und trendbewusst, aber gleichzeitig auch ökologisch und nachhaltig leben kann, zeigen die Macher von Zweitleben. Das Online-Magazin informiert zum Thema, blickt hinter die Kulissen von nachhaltigen Unternehmen und zeigt Projekte zum Nachmachen.


Lesestoff


„Intelligente Verschwendung. The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft“ von Michael Braungart u. William McDonough // Oekom Verlag, 17,95 Euro

Die Autoren skizzieren einen Lebensentwurf, bei dem Upcycling keine Vision, sondern die Vervollkommnung unseres Lebensstils ist. Im Fokus stehen gesundes Wohnen, erfülltes Arbeiten und die Errichtung zukunftsfähiger Städte.


„IKEA Hacking – 30 kreative Projekte zum individuellen Wohnen“ von Marie-Helen Hoffstaedter u. Carolin Friese // Christian Verlag, 19,99 Euro

Kreatives Design für den kleinen Geldbeutel – die Autorinnen zeigen mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen das Potenzial alter IKEA Möbel auf.


„Aus Alt mach Schön: Kreatives Upcycling aus Dosen, Tüten, Jeans …“ von Sabine Bohlmann // DK Verlag, 12,95 Euro

Wer sofort loslegen will, liegt mit diesem Anleitungsbuch genau richtig. Für die zahlreichen und gut erklärten Upcycling-Projekte reichen Schere und Kleber als Equipment meist völlig aus.



Monique Opetz arbeitet als Redakteurin, freie Autorin und Bloggerin in München. Auf www.momoselle.de bloggt sie zum Thema DIY.