Yogapionierin: Ursula Lyon

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Yogapionierin Ursula Lyon

Die 1928 in Köln geborene Buddhistin Ursula Lyon versteht sich vor allem als Begleiterin auf dem „umfassenden Weg“ des von ihr begründeten Sampada-Yoga, der das buddhistische Leitmotiv der liebenden Güte, „Metta“, sowie Yoga und Meditation zu einer heilsamen und ganzheitlichen Lebensstrategie verbindet.

Eigentlich wollte Ursula Lyon nach dem Abitur Medizin studieren, doch daraus wurde „nur“ eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und Physiotherapeutin. Bereits mit zehn Jahren hatte sie ihre leibliche Mutter verloren. Mit der späteren Frau des Vaters verstand sie sich nicht besonders gut. So packt sie nach der Ausbildung mit 22 Jahren die Koffer, um in São Paolo als Kindermädchen zu arbeiten. Beweggründe: Fernweh und Neugier aufs Leben. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie zwölf erfüllende Jahre in Brasilien verbrachte. Als das Paar nach Deutschland zurückkehrte, begann Jesse Lyon sich für die Lehre des Buddhismus zu interessieren – und Ursula Lyon folgte ihrem Gatten auf diesem Weg. Gleichzeitig begann sie sich, etwa zu Beginn der 1960er-Jahre, für Yoga zu interessieren, da sie mit der Technik des bewussten und tiefen Atmens die Geburt ihrer zwei Töchter nahezu schmerzfrei erlebt hatte – das hatte sie überzeugt.

Der Weg des Körpers

Yoga galt zu jener Zeit als esoterische Gymnastik. Es gab nicht viele ernst zu nehmende Fortbildungsmöglichkeiten, Ausnahmen waren, wie Ursula Lyon berichtet, etwa Helga Peters oder Selvaraja Yesudian. 1977 absolvierte sie eine „Vorführstunde“ beim BDY, dem ein paar Jahre zuvor gegründeten Yogalehrerverband. Damit war sie zertifizierte Yogalehrerin. Gleichzeitig besuchte sie ein Schweigeseminar bei ihrem späteren Lehrer Christopher Tittmus. Die Wege des Yoga und der Meditation eröffneten sich ihr gleichzeitig, und beides gehört untrennbar für sie zusammen, „vereinigt im Körper als Tempel der Seele und des Geistes“. Die eher männlichen Vorsitzenden der buddhistischen Vereinigungen sahen das damals allerdings anders: Als Frau und weitgehend Autodidaktin erfuhr sie einigen Widerstand. Ursula Lyon musste Yoga also über den Umweg der „Gesundheitsgymnastik“ vorwiegend an die Frau und – meist per Privatstunde – an den Mann bringen. So begann sie, den Anhängern der rein geistig verstandenen buddhistischen Lehre Wahrnehmung und Einfühlungsvermögen durch Yoga zu vermitteln, und zwar auf körperlichem Wege.

Die „Emanzipation des Yoga“ erfolgte in dieser Zeit und in den Jahren zuvor dank der Beharrlichkeit von Pionierinnen wie Indra Devi, die als erste Schülerin von Krishna­macharya in den ausschließlich von Männern praktizierten Yogakosmos vorgedrungen war (Portrait in YOGA JOURNAL 3/2015). Auch Ursula Lyons spätere Lehrerin Ayya Khema, die in Sri Lanka auf einer Insel ein Nonnenkloster gründete, musste sich in der von Männern dominierten Glaubenswelt behaupten. Lyon traf die buddhistische Nonne nach dem Tod ihres Mannes und vertiefte sich sowohl unter ihrer Anweisung als auch während längerer Aufenthalte in Sri Lanka und Thailand in die buddhistische Lehre. Auch hier erfuhr sie eine tendenzielle Ablehnung der Körperlichkeit. Aber Ursula Lyon blieb einmal mehr – freundlich und humorvoll persistierend – bei ihrer Überzeugung und hielt es mit Buddha: „Die Achtsamkeit auf den Körper ist ein Heilmittel für alles.“

Achtsamkeit, Liebe, Glück

Die alten Schriften weisen darauf hin, dass Yoga als Vorbereitung zur Meditation dient. Heute gehen Achtsamkeitstechniken wie MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) Hand in Hand mit körperbezogenen Wahrnehmungsübungen, darunter Bodyscan, Meditation und Yoga. Wie Ursula Lyon erzählt, begegnet sie oft Menschen, die darüber klagen, keine Freude oder Liebe empfinden zu können. Ein „Heimweg“ zu sich selbst könne ihrer Ansicht nach am besten über den Übungsweg der Selbstbeobachtung stattfinden. Er vollziehe sich in kleinen Schritten, etwa mittels Bodyscan durch die körperlichen Schichten hin zum Gefühl. „Glück“ und „Liebe“ seien komplexe Konstrukte, geknüpft an hohe Erwartungen. Das erlebte Gefühl hingegen gehe unmittelbar unter die eigene Haut und sei real erlebbar – kein Zufall, sondern vielmehr lernbar. Der Ratschlag der buddhistischen Achtsamkeitslehrerin: Bei allem, was schön ist, verweilen und innehalten. Achtsame (Selbst-)Beobachtung sei nur aus dem Zustand der Stille und Ruhe heraus wahrnehmbar. Hier löse sich das wertende Denken auf und verwandele sich in pures Hören, Riechen oder Fühlen. Die Konsequenz: Wer sich mit dem reinen Objekt zu verbinden vermag, hebt den Zustand der Trennung auf, verspürt Einheit und erreicht dadurch quasi die Met(t)a-
Ebene: die Wohnstätte der Liebe im Herzen.

Der Verstand erweist sich dabei oftmals als Irrweg. Es gilt, Unvollkommenheit zu akzeptieren und sich vom Perfektionsanspruch zu befreien. Echtes Selbstbewusstsein resultiert aus dem achtsamen Bewusstsein des Selbst. Indem wir bewusst lernen, das „Scheitern“ der Idealvorstellungen hinzunehmen, eröffnen sich befreiend neue (Aus-)Wege. Schwierigkeiten können als Übungsmomente verstanden werden.

Bewusst fühlen

Yoga hat sich im vergangenen Jahrhundert sprichwörtlich emanzipiert, und auch der Buddhismus ist längst keine reine „Männerwirtschaft“ mehr. Als Schülerin von Ayya Kema wurde Ursula Lyon bewusst, wie viel Disziplin sie aufbringen musste, um als Frau in der buddhistischen Gemeinschaft ernst genommen zu werden. Die „eisernen Ladys“ der 1980er-Jahre, die in die bis dahin von Männern besetzten Positionen vorrückten, mussten oftmals ein Stück ihrer Weiblichkeit aufgeben. Heute ist die Gleichstellung von Frauen und Männern in vielen Bereichen selbstverständlich, aber damals mussten Frauen ihre Ernsthaftigkeit und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen.
Im Laufe ihres eigenen Lebenswegs ist Ursula Lyon die weibliche Verkörperung des Buddha „Kuan Yin“ ans Herz gewachsen, die vorwiegend in China und Japan sowie in Teilen Südostasiens verehrt wird. Sie gilt als Bodhisattva: in ihren Tugenden vollkommen und in ihrem Wesen erleuchtet. Eine Allegorie der Weisheit sowie des liebenden und gütigen Mitgefühls. Diese mütterlichen, weiblichen Qualitäten ruhen nach Ansicht der lebenserfahrenen Yoga- und Meditationslehrerin in uns allen und entsprechen unserem tiefsten Selbstgefühl: Denn wir können nur mitfühlen, wenn wir uns überhaupt erst selbst fühlen. Dies vollziehe sich nicht auf der als männlich eingestuften Verstandesebene, sondern sei Ausdruck unseres Wesens, das im Unterbewusstsein wirkt. Bewusst empfundene Gefühle – für sich selbst und andere – sind reine Herzensangelegenheiten, die uns zum Wesentlichen und ganz sicher auf unseren jeweils individuellen Lebensweg bringen.

Die „Buddha-Oma“ auf Youtube

Im digitalen Zeitalter angekommen, bietet Ursula Lyon auf ihrem eigenen Youtube-Kanal als die Buddha Oma Meditationsübungen an und gibt antworten auf tiefgreifende Fragen des Seins.

 

 

Yogapionierin Ursula Lyon PortraitÜber 25 Jahre ist Ursula Lyon inzwischen in der Ausbildung für Yoga­lehrende tätig. Ihr Schwerpunkt sind Schweigeseminare, die alle Aspekte des umfassenden Weges einbinden und in ein achtsames, entwicklungsfähiges Leben münden sollen. Im Waldhaus Verlag sind von Ursula Lyon unter anderem die Bücher „Sampada Yoga“ und „Rituale für das ganze Leben“ sowie Meditations-CDs erschienen. Mehr Infos unter  www.sampadasangha.com