Yoga und Buddhismus: Interview mit Dharmapriya

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Sein Name, Dharmapriya, bedeutet „Der die buddhistische Lehre liebt“. Dabei liebt der 1949 geborene Kanadier nicht nur den Weg der Weisheit, sondern auch den des Yoga. Beides verbindet er seit mehr als 30 Jahren. Wie sich seine buddhistische Praxis und Yoga gegenseitig befruchten, berichtet er im Interview.

Dharmapriya, wem bist du zuerst begegnet, dem Buddhismus oder Yoga?
Beidem zur gleichen Zeit. 1972 bin ich nach London gezogen, in ein besetztes Haus. Ein paar Schritte entfernt davon gab es ein buddhistisches Zentrum, damals eines der wenigen in England überhaupt. Dort wurde auch Yoga angeboten. Eines nachmittags kam ich früher von der Arbeit nach Hause und entschloss mich, in die Yogastunde zu gehen. Eigentlich nur, um mein Vorurteil zu bestätigen, dass Yoga eine verweichlichte Form von Sport sei. Pseudosport für Memmen. Es war eine Iyengar-Stunde, geleitet von einem sehr guten Lehrer, in meinem Alter, noch keine 30. Nach  90 Minuten war ich bekehrt.

Und was waren deine ersten Erfahrungen mit dem Buddhismus?
Mitte der 1970er-Jahre herrschte eine sehr experimentierfreudige Atmosphäre. Man probierte alles Mögliche, von Drogen über Meditation bis zum Tanz. In der Zeit lernte ich Leute kennen, die zur Mittsommernacht nach Glastonbury in Westengland fuhren, Acid nahmen und dort warteten, ob die UFOs landen würden. Über eine sehr schöne Frau in unserem Haus, in die ich mich verliebte, kam ich zur Meditation. Ich fand es unglaublich schwer, mich zu konzentrieren, spürte aber sofort, dass die Meditation mich auf einer tieferen geistigen Ebene ansprach. Ich absolvierte einige Wochenend-Retreats, die ich als sehr schmerzlich empfunden habe. Das ist, als ob man als Brillenträger lange Zeit mit verschmutzten Gläsern herumläuft und sie dann putzt. Alles wird plötzlich sehr scharf sichtbar, sehr klar.

Wie wirkte diese Entwicklung auf deine Yogapraxis?
Ich geriet in einen Klärungsprozess. Lokamitra war eindeutig mein Yogalehrer und ein sehr guter buddhistischer Freund, ein Kalyana Mitra, was sinngemäß „spiritueller Freund“ heißt. Ende 1977 ging ich erstmals nach Pune zu einem Intensivkurs mit B. K. S. Iyengar, Geeta und Prashant, unbewusst diesen Klärungsprozess fortführend. Ich wollte wissen, wohin meine innere Reise geht.

Welche Erfahrungen hast du auf dieser Reise gemacht?
Wir waren nur 25 Teilnehmer, ich fühlte mich mit meinen 28 Jahren sehr stark, aber nach vier Wochen war ich erledigt – eher von der Spannung als der Kraftanstrengung. Zwei Stunden Asanas pro Tag, sechsmal die Woche, dazu nachmittags Pranayama. Das habe ich gefürchtet, denn Mister Iyengar hat uns angeschrien, weil wir alles falsch gemacht haben.

Dennoch bist du dabeigeblieben.
Weil ich seinen Unterricht fantastisch fand. Erstens spürte ich beim Üben, dass sich das Zeitempfinden radikal veränderte. Er verlangte, dass wir uns von der ersten Sekunde an voll einbrachten. Ich habe das mit Sportarten verglichen: Wenn du läufst, läufst du anders, je nachdem, ob du 100 Meter läufst oder einen Kilometer. Iyengar wollte die 100-Meter-Geschwindigkeit für einen Kilometer. Und man hat es geschafft.

Mit dem schwindenden Zeitgefühl löste sich jede Art von Konkurrenz auf, die entsteht, wenn man sich mit anderen vergleicht. Das war gar nicht möglich. Wenn Mister Iyengar jemanden zusammenstauchte, wusste man, dass man am nächsten Tag selbst dran war.
Und das dritte war vollkommenes Vertrauen. Leute haben bei Iyengar gewagt, was sie sonst nie gewagt hätten.

Wieso ist das möglich?
Weil er sehr genau weiß, was er tut. Er hat uns richtig eingestuft. Er schaute in die Augen seiner Schüler und wusste, wieviel Energie sie noch hatten, wozu sie noch imstande waren. Das habe ich erst 20 Jahre später begriffen, und da war ich – und bin noch – von dieser Art des Unterrichtens weit entfernt.

In welcher Art hat dieser Aufenthalt dir bei deinem Klärungsprozess geholfen?
Auf der körperlichen Ebene hat mich Iyengar „umgehauen“. Doch hatte ich damals nicht das Gefühl, dass der Unterricht etwas mit Spiritualität zu tun hatte. Dieser Eindruck ist mir häufiger in der Iyengar-Welt begegnet, bei namhaften Lehrern, die ihre Spiritualität bei Sai Baba, Krishnamurti, beim Shaivismus oder beim Buddhismus gefunden haben. Da erlebte ich eine Leerstelle. Während dieses ersten Aufenthalts in Indien bin ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass der Buddhismus das ist, was ich suche und Iyengar Yoga die Art von Yoga, die sehr gut zum Buddhismus passt.

Warum Iyengar Yoga?
Weil es relativ ideologiefrei ist, viel mit Energie zu tun hat und mit Integration. Und weil es auf Achtsamkeit basiert, die zu Selbstwahrnehmung, Selbsterkenntnis führt. Energie und Achtsamkeit sind wichtige Werte im Buddhismus. Für die Meditation braucht man eine feine Energie. Wir haben in Pune sehr intensiv Rückbeugen geübt und ich merkte, dass danach meine Energie völlig außer Kontrolle geriet. Das ist auch in der Meditation meine Neigung, das habe ich durch Yoga erkannt.

Kannst du diesen Prozess genauer erklären?
In der buddhistischen Meditationspsychologie spricht man nicht nur von Zerstreuung und Abgelenktsein, sondern analysiert diese Zustände unter dem Aspekt der „Fünf Hindernisse“. Ein Hindernis ist „Unruhe und Besorgtheit“. Das würde ich frei umschreiben als „Energie außer Kontrolle“. Du kannst nie zuviel Energie haben, aber sie muss gerichtet und verfeinert sein. Energie außer Kontrolle ist eine Neigung, die Probleme in der Meditation schafft. Das habe ich deutlich im Yoga gespürt – viel deutlicher als in der Meditation.

Wie muss deine Yogapraxis in diesem Fall aussehen, um die Unruhe in der Meditation zu beseitigen?
Ich muss mich erden, mehr in die Füße kommen, das Bewusstsein tiefer in den Körper bringen. Das fiel mir am Anfang sehr schwer, und ich habe es gehasst. Mit dem Element Luft zu arbeiten, war für mich ein Kinderspiel. Aber ich brauchte die Erde.

Wie verbindest du die beiden Systeme konkret als Lehrender?
Für mich ist es sehr wichtig, das zu praktizieren, was Patanjali die vier Grundtugenden (Anm. d. Red.: Maitri, Karuna, Mudita, Upeksa) nennt – und die Buddhisten Brahmaviharas (Anm. d. Red.: die vier „göttlichen Verweilungen“). Von besonderer Bedeutung ist die erste Grundtugend, Maitri (ungefähr „liebevolle Güte“). Für mich bedeutet dies, nicht nur klar zu unterrichten, sondern mit freundlicher Zugewandtheit. Ebenso spielen die ethischen Prinzipien eine große Rolle: unter anderem positive Rede, was Wahrhaftigkeit und Genauigkeit einschließt. Damit meine ich nicht so sehr Anweisungen wie „den rechten Fuß 90 Grad ausdrehen“, sondern Genauigkeit in dem Sinne, jemanden zu korrigieren, indem man ihm sagt, warum und was. Dies ermutigt die Schüler und hilft mir, meine eigene Neigung zum Kritisieren zu bändigen.

(…)

Das gesamte Interview mit Dharmapriya lesen Sie im YOGA JOURNAL.


Weitere Infos zum Thema unter: www.buddhistisches-zentrum-essen.dewww.dharmapriya.com, www.triratna-buddhismus.de