Baum vor Palme: Yogabilder und ihre Bedeutung

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Sonne, Wasser, weite Himmel und mittendrin eine Yogahaltung: Kaum etwas beschreibt unser Bild von Yoga besser als – Yogabilder.

Haben Sie schon mal spaßeshalber das Wort „Yoga“ ge­googelt und auf die Funktion „Bilder“ geklickt? Achtzehn von zwanzig Fotos auf der ersten Ergebnisseite zeigen fast identische Szenen: Eine Yogini unter freiem Himmel, gerne im Gegenlicht der auf- oder untergehenden Sonne fotografiert, so gut wie immer am Wasser. Auch in der Werbung herrschte dieser Bildtyp bis vor Kurzem vor – eigentlich überall da, wo ein Bild gesucht wird, das nicht bloß eine Asana illustriert, sondern die Faszinationskraft von Yoga vermitteln soll. Seltsam eigentlich, denn wer hat außerhalb des Urlaubs schon Gelegenheit, am Strand zu üben? Und selbst wenn: Fühlt man sich im Freien nicht immer auch ein bisschen beobachtet?
Die eigentliche Yogapraxis findet drinnen statt. Trotzdem sind da diese Bilder. Welche Botschaft haben sie? Auf welche Vorbilder gehen Sie zurück? Wenn man die einzelnen Motive genauer unter die Lupe nimmt, wird deutlich, an was das alles – bewusst oder unbewusst – erinnert. Und warum.

Eine Frau
Dass auf den „typischen“ Yogabildern fast ausschließlich Frauen zu sehen sind, hat natürlich etwas damit zu tun, dass Frauen den Großteil der Yogapraktizierenden ausmachen. Aber nicht nur. Es ist auch ein ganz bestimmter Typ Frau: Schlank, anmutig und auf eine allgemeine, verbindliche Art attraktiv. Sie steht für „den schönen Körper“ an sich und hat mehr Ähnlichkeit mit einer Statue als mit einem Menschen aus Fleisch und Blut. Sogar wenn viel Haut zu sehen ist, wirken diese Frauen nicht sexy, im Gegenteil: Das Saubere, Klare, Gesunde wird hervorgehoben, eben der „schöne Körper“, der der Ästhetik seiner Zeit entspricht – und zugleich auch zeitlos ist. Das Gesicht ist meist unsichtbar. Wenn nicht, trägt es ebenso wenig charakteristische Züge wie der Körper. Es ist ein ebenmäßig schönes, ein idealtypisches Gesicht. Die Augen sind häufig geschlossen, vielleicht auch sanft in den Himmel oder die Landschaft gerichtet. Ein leises Lächeln umspannt die Lippen, der ganze Ausdruck signalisiert Harmonie, Entspannung und ein stilles, inneres Glück.
Solche jenseits von Individualität und Alltäglichkeit inszenierten Bilder des „schönen Körpers“ haben in der Kunst eine lange Tradition. Schon in der Antike waren der ideal geformte Körper der Statuen und ihr entrückter Gesichtsausdruck ein Symbol für das Göttliche. Nicht anders sind mittelalterliche Madonnenbilder oder barocke Heiligenfiguren zu verstehen. Natürlich sind moderne Yoginis keine Göttinnen und Heilige, aber dennoch folgen diese Bilder in gewisser Weise den historischen Vorbildern. Auch sie laden ihr Motiv mit dieser feierlich gestimmten, quasi religiösen Aura auf. Der schöne, einsame Frauenkörper in seiner idyllischen Umgebung sig­nalisiert, dass es im Yoga um mehr geht als um Spaß oder Fitness. Er verspricht eine wie auch immer geartete Spiritualität, die im Yoga enthalten sein soll oder zu der man mit Hilfe von Yoga gelangen kann.

Eine Asana
In der Yogahaltung wird der Körper aber nicht nur als „ideal schön“ im Sinn von ästhetisch und wohlproportio­niert gezeigt, man sieht auch, dass er geschmeidig und vital, also gesund ist. Gesundheit hat in unserer Kultur einen hohen Wert. Niemals zuvor haben Menschen so viel dafür getan gesund zu sein – und das obwohl Ernährung, Gesundheitssystem und Lebenserwartungen (bei uns) so gut sind wie nie zuvor. Das alles führt zuweilen sogar in einen übersteigerten Körperkult oder eine Art „Gesundheitsreligion“. Auch von daher ist es gar nicht so verwunderlich, dass für viele Yogafotos auf einen ähnlichen Bildtyp zurückgegriffen wird, wie in früheren Jahrhunderten bei religiösen Kunstwerken.

Zu den beliebtesten Yogahaltungen auf dieser Art von Bildern gehören neben Meditationshaltungen wie Padmasana (Lotussitz) und Siddhasana (Sitzhaltung der Weisen) vor allem Gleichgewichtshaltungen – allen voran Vrikshasana (Baum). Was sich in diesen Haltungen ganz konkret, aber auch auf symbolischer Ebene zeigt, ist offensichtlich: perfekte Balance, Innerlichkeit, Ruhe, Klarheit, Gelassenheit, Harmonie – also all jene Qualitäten, die uns heutigen Menschen so besonders erstrebenswert erscheinen, weil sie uns in besonderem Maß abgehen.

Beim Baum, dem unangefochtenen Spitzenreiter unter den abgebildeten Yogahaltungen, geht die Symbolik noch weiter: Hier wurzelt ein Mensch mit einem Bein tief in der Erde und mit seiner hoch aufgerichteten Gestalt wächst er hinein in den Himmel. Er verbindet also die irdische Materie mit dem Geist, das Sein mit dem Bewusstsein – und macht damit sichtbar, was uns Menschen aus Sicht vieler Religionen und philosophischer Systeme überhaupt ausmacht.
Dass der menschliche „Baum“ in diesem Spannungsfeld von Himmel und Erde zwar stabil stehen kann, sich dabei aber immer wieder neu ausrichten und ins Gleichgewicht finden muss, dass er nicht selten schwankt und fällt, zeigen die still stehenden Yogabilder nicht. Hier gelingt die Balance, um die wir alle ringen, auch über den Moment hinaus. Die Harmonie zwischen Himmel und Erde wird dauerhaft wahr.


 

Den gesamten Artikel lesen Sie im Yoga Journal 04/2015