Kann ein Atheist spirituell sein? Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Dr. MoonHee Fischer, promovierte Religionsphilosophin, im Bereich der alternativen Heilung tätig, auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Schreibe dafür einfach eine Mail an redaktion@yogaworld.de. Heute fragt Joseph: Kann ein Atheist spirituell sein? Kann man Religion und Spiritualität trennen? Wie lassen sich beide Konzepte unterscheiden?

Die Verneinung einer metaphysischen Größe oder eines transzendenten Wesens bedeutet nicht, dass man nicht spirituell oder gläubig sein kann. Zum Beispiel kommt der Buddhismus ohne den Begriff eines der Welt enthobenen Gottes oder einer Gottheit aus. Der Mahāyāna- und der Zen-Buddhismus, die eine Substanzlosigkeit aller Dinge postulieren, sind reine Anschauungen der Diesseitigkeit. Eine Jenseitsvorstellung und ein Dualismus werden ab­gelehnt. Basierend auf dem Konzept der Nicht-Zweiheit spielt sich alles im Hier und Jetzt ab.

Es gibt also keine Trennung von Transzendenz und Immanenz. Von Weltlichem und Göttlichem. Im Herzsutra heißt es: “Form ist identisch mit Leere und Leere ist identisch mit Form.” Somit ist die Frage nach einem Gott im Buddhismus hinfällig, da Gott wie alle anderen Entitäten leer von Selbstnatur ist. Der Buddhismus beruht auf der Philosophie des Nicht-Selbst (anātman). Das heißt ein individuelles Selbst gibt es nicht.

Im Gegensatz zum herkömmlichen westlichen Denken werden in der östlichen buddhistischen Tradition Leben, Tod und nirvāna immer als eine Drei-Einheit gedacht. Nirvāna, das angestrebte Endziel, kommt nicht nach dem Tod, sondern das Leben ist das Nirvāna selbst. Samsāra gleich nirvāna, nirvāna gleich samsāra. Samsāra und nirvāna durchdringen sich. Ohne samsāra kein nirvāna und ohne nirvāna keine Befreiung. Das Wesen allen Seins bzw. Nicht-Seins ist Buddhanatur. Die Buddhanatur ist keine mir übergeordnete Größe. Sie ist meine eigene Wesensnatur, die aber Leerheit ist. Somit ist Erleuchtung kein Fortschritt (Fortschreitend von sich selbst zu etwas anderem oder Neuem), sondern Rückschritt bzw. Rückkehr zum ureigenen universellen Selbst.

Universelle Einheit

Auch im Hinduismus wird trotz der großen Pluralität von Gottheiten die universelle Einheit von Allem vertreten. Alle Gottheiten sind ein und derselbe Gott, der wiederum mit dem ganzen Universum identisch ist. Alle Erscheinungen sind Emanationen, eine Theophanie des einen göttlichen Bewusst­seins. Brahman, das universelle Absolute, oder Shiva spielt mit sich selbst ein göttliches Spiel (līlā). Indem er seine wahre allumfassende Natur vergisst, wird er sich selbst als Welt bewusst. Denn in seiner vollkommenen Einheit geht er vollkommen in sich selbst auf und kennt kein Anderes. Jedoch ist das einzige erkennende Subjekt Shiva. Shiva ist das höchste Selbst, welches das Selbst jedes Einzelnen ist.[1] Somit gibt es letztendlich in der einen Wirklichkeit keinen Unterschied zwischen Atheist und Theist. Für Sri Aurobindo, Vater des integralen Yoga, ist der Atheist Gott, der Versteck mit sich selbst spielt.[2] ,Ist der Theist aber etwas anderes? Nun, viel­leicht; denn er hat den Schatten Gottes gesehen und sich daran geklammert.[3]

Für Erich Fromm, Psychoanalytiker, Soziologe und Humanist, kann es religiöse Atheisten und nicht-religiöse Gläubige geben[4]. “Worauf es heute ankommt, ist nicht der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern der zwischen den Menschen mit Herz und denen ohne Herz.“[5] Fromms nicht-theistische humanistische Religion oder Mystik verlegt den Gottesbegriff in den Menschen selbst. Gott ist keine Realität, sondern Symbol für die Zielgestalt humaner Entwicklung. “Gott, das bin ich, insofern ich menschlich bin.[6]

Gotteserfahrung ist äußerste Selbsterfahrung. Die letzte Wirklichkeit kann nur im Akt des Erlebens von Eins-Sein selbst erfahren werden. Gottesliebe und die Erfahrung des Eins-Seins werden als identisch betrachtet. Die Mystik stellt für Fromm die vollkommene Form religiöser Erfahrung dar. Sie endet konsequenterweise in einem gelebten religiösen Ethos. Der Kern mystischer Religiosität ist die Einkehr oder Rückbindung an das Wesentliche im Menschen. Das gilt auch für einen Atheist. Diese wird als Bestimmung des Herzens verstanden und ist jedem Menschen gegeben.

Die Liebe im Fokus

Der religiöse Appell an den humanistischen ethischen Menschen lautet, Gott gleich zu werden. Das heißt den Prinzipien von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe zu folgen und danach zu leben. Die Essenz und das Ziel jeder Religion ist Einheit. Je nach Tradition wird diese Einheit oder das Eine unterschiedlich benannt. Dao, Gott, Christus, Jahwe, Brahman, Shiva, Allah, Buddhanatur, universelles Selbst oder Bewusstsein, das Gute oder das Schöne sind nur verschiedene Namen für ein und dasselbe.

Nimmt man alle Begrifflichkeiten, Trennungen, Unterscheidungen weg, so offenbart sich die wahre Natur des absoluten Einen: die Liebe. Die Liebe als einheitsstiftendes Prinzip ist Offenheit und Beziehung schlechthin. Der religiöse, gläubige oder spirituelle Mensch zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er einem bestimmten institutionellen religiösen System folgt. Sondern durch seine Fähigkeit, lieben und über abgrenzende und trennende Gedanken hinausgehen zu können. Fromm bringt dies folgendermaßen auf den Punkt. “Es geht nicht darum, ob der Mensch zur Religion zurückkehrt und an Gott glaubt, sondern ob er die Liebe lebt und die Wahrheit denkt.“[7]

Gemeinsamkeiten aller Religionen

Ein wunderbares Beispiel dieser liebenden Offenheit ist Raimon Panikkar. Eine bemerkenswerte Aussage des katholischen Priesters ist: “Ich bin als Christ “gegangen”, ich habe mich als Hindu “gefunden”, und ich “kehre” als Buddhist “zurück”, ohne doch aufgehört zu haben, ein Christ “zu sein”. Panikkar so wie der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin sprechen sich für einen kosmischen Christus aus. Der kosmische Christus ist der ganze Christus. Und an diesen haben nicht nur die Christen teil. Sondern auch alle anderen Menschen, die Pflanzen, die Tiere. Also ist die Welt als Ganzes in ihm gegenwärtig.[8]

Panikkar erläutert: “Die Christen haben kein Monopol auf Christus! Und nicht nur kein Monopol auf Christus, die Chris­ten kennen dieses Mysterium, das sie Christus nennen, nur durch eine einzige Perspektive, nämlich die des Christentums. Aber alle anderen Religionen bereichern die Offenbarung dieses Mysteriums, das viele Namen und keinen Namen hat, das aber die Christen als Christus bezeichnen. Denn sonst ge­hören sie nur einer Sekte an.”[9] Christus ist also alles oder nichts.[10] Denn wer an die Liebe glaubt und Gutes tut, in dessen Herz ist auch Christus, sei er Christ, Moslem, Hindu, Jude oder Atheist. Er lebt im Geiste Christi.

Universelle menschliche Erfahrung

Der Kern jeder Religion und Ethik ist unbestreitbar die Liebe. So sagt auch der Zen-Buddhist Fromm. “Wenn echte Religion das ist, was den Menschen unbedingt angeht, was ihn motiviert und wozu er lebt, dann ist die Liebe die wahre Religion des Menschen.”[11] Und da die Liebe Beziehungsgeschehen als Ganzes ist, kann eine wahre (Welt)Religion oder eine ethische Weltanschauung niemals für sich und in sich alleine stehen. Die Wege mögen unterschiedlich und subjektiv sein, jedoch das Bedürfnis nach Wahrheit und Frieden und das angestrebte Ziel ist dasselbe. Das Erleben einer Einheitserfahrung ist universell. Ob wir uns als Atheist bezeichnen oder nicht.

Panikkar macht darauf aufmerksam, dass Gott nur für den denkenden Menschen Gott ist, aber “In sich ist Gott gar nichts, am wenigsten Gott.”[12] Nimmt man alles Begriffliche und Begreifliche weg (“Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen” Altes Testament, Die Zehn Gebote). Was bleibt dann noch? Eine Leere, die bis zum Rand voll ist.[13] Denn Leersein bedeutet Alles-sein. Diese leere Haltung eröffnet dem Spirituellen und dem Atheist einen gemeinsam begehbaren, mittleren Weg.


Satsang von letzter Woche


[1] Vgl. Moonhee Fischer: Wir erleben mehr, als wir begreifen. Studien zur Bedeutung und Interpretation des mystischen Weges der Leere und Fülle in fünf religiösen Traditionen 149, St. Ottilien 2020.

[2] Vgl. Satprem: Sri Aurobino oder Das Abenteuer des Bewusstseins 336, Gladenbach 2010.

[3] Sri Aurobindo Thouhts and Aphorisms 1972, 17:82, zitiert nach ebd.

[4] Vgl. Jürgen Hardeck: Religion im Werk von Erich Fromm: eine religionswissenschaftliche Untersu­chung 230, Münster/Hamburg 1990.

[5] Erich Fromm: Ihr werdet sein wie Gott. Eine radikale Interpretation des Alten Testaments und seiner Tradition 58, München 2008.

[6] Vgl. Erich Fromm: Psychoanalyse und Religion. Aus dem Englischen von Elisabeth Rotten. Überarbeitet von Rai­ner Funk 50, München 2008.

[7] Erich Fromm: Psychoanalyse und Religion. Aus dem Englischen von Elisabeth Rotten. Überarbeitet von Rai­ner Funk 16, München 2008.

[8] Vgl. Raimon Panikkar: Das Abenteuer Wirklichkeit. Gespräche über die geistige Transformation 147/148, München 2000.

[9] Raimon Panikkar: Das Abenteuer Wirklichkeit. Gespräche über die geistige Transformation 148, München 2000.

[10] Vgl. Pierre Teilhard de Chardin 1974, 205.

[11] Jürgen Hardeck: Religion im Werk von Erich Fromm: eine religionswissenschaftliche Untersu­chung 230, Münster/Hamburg 1990.

[12] Vgl. Raimon Panikkar: Gottes Schweigen. Die Antwort des Buddha für unsere Zeit 254, München 1992.

[13] Vgl. Sri Nisargadatta Maharaj: Ich bin. Gespräche mit Sri Nisargadatta Maharaj. Auszüge aus I Am That (Originaltitel) 21/22, Bielefeld 1998.


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto von Elias Hassos | Titelfoto von Gantas Vaičiulėnas von Pexels

 

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