Auf der Suche nach Yoga

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Rishikesh gilt als die „Yogahauptstadt der Welt“. Tatsächlich erschlägt einen auf den ersten Blick der Kommerz. Dann findet man sein Yoga – und wieder zu Hause möchte man eigentlich am liebsten sofort zurück.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Bitte von einer Reiseteilneh­merin höre: „Kannst du bei der Agentur anrufen und einen früheren Rückflug für mich organisieren? Ich habe mir Rishikesh ganz anders vorgestellt“. Da wir erst vor zwei Tagen angekommen sind, versichere ich Simone, mich um die Umbuchung zu kümmern, bitte sie jedoch, noch bis zum Ende der Woche mit ihrer endgültigen Entscheidung zu warten.

Selten sind die Erwartungen bei einer Indienreise so hoch wie vor der Ankunft in Rishikesh. Der Name der Stadt am Rande des Himalaya wird unter Yogis auf der ganzen Welt voller Andacht aus­ gesprochen. Es sei die Yogahauptstadt der Welt, heißt es.

Spirituell oder kommerziell?
Auf der spirituellen Landkarte erschien der Ort spätestens 1968, als die Beatles einige Wochen im Ashram von Maharishi Mahesh Yogi verbrachten, um Medita­tion zu erlernen. Die meisten Stücke des „White Album“ wurden dort geschrie­ben. Lennon distanzierte sich allerdings schnell wieder von Maharishi, als dieser plötzlich ziemlich weltliche Interessen an den Tag legte. Heute ist der Ashram verlassen. Gegen eine kleine „Spende“ für den Wachmann kann man die über­wucherten Meditationshütten aber noch immer besichtigen.

Geld oder Lust kommen hier (wie überall) so manchem Yogalehrer in die Quere. Das Schild im „Welcome Café“ in der Nähe der Ram­-Jhula­-Brücke ist eindeutig: „Please don’t marry our yoga teachers. They are in short supply”. Bitte heiraten Sie nicht unsere Yogalehrer – der Vorrat ist be­grenzt. Beim ersten Spaziergang am Ufer des Ganges mag man das kaum glauben. Die Anzahl der nebeneinander aufgereih­ten Yogaschulen ist größer als die der Schuhgeschäfte in der Leipziger Innen­stadt. So zieht es sich durch den ganzen Ort: Überall sieht man Plakate und Wer­bung für „Yoga & Meditation Class“, „Cha­kra Therapy“ und „30 Day Yoga Teacher Course“. Es scheint nur wenige Leute zu geben, die nicht an diesem Boom mitver­dienen wollen. Dabei ist es nicht einfach, einen Yogalehrer zu finden, der älter als 35 Jahre ist und schon länger als fünf Jah­re unterrichtet.

Yogische Schazusuche
Rishikeshs wirkliche Perlen liegen ver­steckt und suchen nicht nach Aufmerk­samkeit – sie lassen sich finden. So wie das Mastram Baba Ashram. Die Höhle am Ganges, in deren Innerem ein einfacher Yogi aus den Bergen meditierte, kann nur tagsüber besucht werden. Ebenso die klei­ne Hütte, in der der Meister, dessen wirk­lichen Name niemand kannte, Satsang gab. Es ist plötzlich sehr still, wenn man in diesem kleinen Raum sitzt – was auch deshalb kaum verwunderlich ist, da der Yogi selbst zu Lebzeiten nicht viel sprach. Diese Stille nimmt man mit, wenn man weiter am Ufer entlangwandert.

Einige hundert Meter weiter erblickt man auf der linken Seite wieder ein kleines Häuschen, an dessen Mauer ein freund­liches Schild den Passanten auffordert: „Be good, do good“. Wir sind am Tapasya Kutir angekommen, der „Hütte des inne­ren Feuers“, in der Swami Sivananda in den 1920er­-Jahren zur Meditation saß. Auch hier wird jede Minute, die man in dem kleinen Raum verbringt, mit einer Berührung der inneren Stille belohnt. 1936 gründete Sivananda die „Divine Life Society“ und seine Arbeit zur Verbreitung des Yoga machte Rishikesh erstmalig zu einem weltweit bekannten spirituellen Zentrum. Seine Botschaft war einfach: „Sei gut, tu’ Gutes.“ Die Divine Life Socie­ty versteht sich selbst als Kloster. Auch hier wird nicht mit Plakaten oder Fly­ern geworben. Gäste müssen sich lange im Voraus anmelden und können in der Regel nur für kurze Zeit bleiben. Ein Be­such der Morgenmeditation um fünf oder der anschließenden Puja um sechs Uhr früh bringt einen dem Zauber wieder et­was näher, der entlang des Ganges jeden Tag etwas stärker wird. Je mehr man in Rishikesh ankommt, desto mehr kommt man auch bei sich selbst an.

Große Meister
Neben Krishnamacharya und seinen Schülern war Sivananda im letzten Jahr­hundert einer der bedeutendsten Ver­treter des Hatha­-Yoga. In der Divine Life Society wird für Männer und Frauen getrennt unterrichtet und von wechseln­den Lehrern. Aber wer sind die heutigen „Stars“ des Hatha­-Yoga in Rishikesh? Ich höre mich unter Ladenbesitzern und Ein­heimischen um und schließlich fällt ein Name: Rudra Dev. Er sei ein perfekter Meister, sagt Sri Karthikeyan von der Divine Life Society über ihn.

Um Rudra zu finden, muss man sich be­wegen. Sein „Yoga Study Center“ liegt klein und versteckt weit außerhalb der Stadt. Mit 20 Jahren war er Mönch in der Divine Life Society. Zu dieser Zeit begeg­nete er B.K.S. Iyengar und wurde einer seiner engsten Schüler. Er übernahm den Hatha­-Yoga­-Unterricht im Ashram. Allerdings wurde er schließlich darum gebeten, sich für den hauseigenen Stil zu entscheiden oder zu gehen. In der Halle, in der Rudra heute unterrichtet – er lebt noch immer als Mönch und das Center gehört ihm nicht selbst – hängen Bilder von Sivananda neben denen von Iyengar: Rudra kombiniert die Exaktheit der Asa­nas mit einer tiefen Liebe zu den spiritu­ellen Lehren. Bis etwa zu seinem 50. Ge­burtstag war er in Rishikesh „gefürchtet“ für seine Strenge und seinen sehr for­dernden Unterricht. Mit der Zeit wurde er mitfühlender und sanfter. Mittlerweile ist er 60 Jahre alt, was man ihm nicht an­sieht. Im Anschluss an seinen morgend­lichen Unterricht praktiziert er täglich mindestens drei Stunden selbst – und er ist immer noch begeistert davon, dass er jeden Tag Neues in den Asanas entdeckt.

Irgendwann ist man also auch im Über­angebot von Rishikesh tatsächlich beim Yoga angekommen. In einem der vielen Center, der Ashrams oder bei einem der Menschen im Ort. Sie alle scheinen hier etwas ruhiger zu sein, als das sonst in Nordindien der Fall ist. Je länger man bleibt, desto berührender empfindet man die Natur rings um die Stadt, die Aus­läufer des Himalaya und die ewig ruhige „Ganga“. Jeden Tag fasst man etwas mehr Vertrauen zu ihr, bis man schließlich selbst zum Baden hineinspringt.

Simone, die umbuchen wollte, zieht ih­ren Entschluss nach drei Tagen wieder zurück. Und es war vermutlich nicht das letzte Mal, dass sie die „Yogahauptstadt“ besucht hat.