Auf ein Rendevous mit Sanskrit

393

Wir sollen uns verlieben. Ganz klar. Und zwar in Sanskrit. Das ist die Botschaft, die ich auf meinem ersten Sanskritseminar im Münchner Jivamukti Loft empfange. Manorama, die bekannte Sanskritlehrerin erklärt uns, dass Sanskrit-Lernen wie Daten sei. So sollen wir uns dieses Wochenende auf ein Rendevouz mit Sanskrit einlassen …

Obwohl Manorama ruhig und anmutig vor uns sitzt, sprühen ihre leuchtenden Augen nur so vor Energie und Charisma. Ihr vorrangiges Dosha ist Pitta. Das hätte sie bei der Vorstellung gar nicht erst erwähnen brauchen. Wir sehen uns mit unseren braunen langen Haaren mit der Ponyfrisur sehr ähnlich und ich frage mich, ob sie mich deshalb öfter ansieht als mir lieb ist. Vielleicht hat sie aber auch längst schon begriffen, dass sie mich in den Bann des Sanskrit gezogen hat. Ihr Unterricht ist ansteckend. Ich nehme ihr ihre Mission voll und ganz ab, uns zu überzeugen, Sanskrit nicht nur als eine Sprache zu sehen, die es aus einem Buch zu erlernen gilt, um einen Zugang zu alten Schriften zu erlangen. Sie möchte, dass wir die Seele der Sprache kennen und lieben lernen. Wir sollen aber auch verstehen, dass Sanskrit ein „Stück des Yogakuchens“ sei und wie Yoga selbst in mehrere Facetten zu gliedern ist. Und dass es eine Sprache der Befreiung und Kultur des Verständisses sei. Ich lasse mich auf das Rendevouz ein und freue mich schon während der Stunde auf das nachfolgende Interview.

YJ: Manorama, was bedeutet dein Name?

Ich habe meinen spirituellen Namen “Manorama” von Guruji (Shri Brahmananda Sarasvati) erhalten. Eigentlich heiße ich Thea D’Alvia.“Mano” bedeutet Geist und Herz und “Rama” liebreizend. In seiner vollen Pracht bedeutet der Name soviel wie “Liebreizend für das Herz, bezaubernd für den Geist”.

Schön! Du hast deinen Guru schon in sehr frühen Jahren kennengelernt. Hat er dir geraten, Sankskritlehrerin zu werden?

Als ich ihm das erste Mal begegnete, war ich 13 Jahre alt. Zwischen den Jahren 16 und 22 sagte er mir, ich würde einmal Tausende von Menschen lehren. Aber erst sollte ich vernünftig Sanskrit studieren. Er war eine extrem liebenswürdige Person, aber auch ein strenger Vormund. Er wollte wirklich, dass ich ein erfülltes Leben habe und er wusste, dass Sanskrit ein Pfad dorthin sein sollte. Zuerst lehrte er mich und später brachte er mich dazu, selbst zu lehren. Nach seinem Tod dauerte es eine Weile, bis ich Fuß gefasst hatte aber nach und nach wuchs meine Schülerzahl. Sharon Gannon bat mich irgendwann, bei der Jivamukti Yoga School zu unterrichten. Jetzt bin ich auf dort und für weitere Yogaschulen auf Yogalehrerausbildungen die Hauptlehrerin für den Sanskritunterricht. Ich unterrichte mein Luminous Shabda, also Sanskrit, Meditation und in verschiedenen Yogazentren in New York und bin häufig in Florida, Texas und Mexico für Kurse unterwegs. Seit letztem Jahr toure ich nun auch durch Europa. Europäische Schüler haben aber auch die Möglichkeit, mit mir online mittels eines Teleclass-Formats Sanskrit, Mantren und die yogischen Lehren zu lernen. Gerade eben hat ein neuer Kurs begonnen, der sich “Fundamentals Of Yoga Club tm” nennt. Man kann sich dafür ganz leicht per Skype einwählen. Letztes Jahr gab es zum Beispiel den Kurs ”The Year of Living Gita tm”, wo Schüler das Prinzip des Luminous Shabda und der Bhagavad Gita erlernen konnten. 2013 stehen weitere Kurse auf dem Programm. Deutsche sind übrigens sehr gut im Sanskritunterricht! Ihr habt Endungen und  zusammengesetzte Wörter, den Wunsch, das Sanskritsystem zu verstehen und die Gabe, gut strukturieren zu können und organisiert zu sein.

Wie sieht ein typischer Sanskritunterricht bei dir aus?

Zuerst erkläre ich die Haltung, mit der der Sprache am besten begegnet werden sollte. Ich lehre Sanskrit nämlich durch die Prinzipen des Luminous Shabda. Man sollte zum Beispiel immer an einem Punkt des gemeinsamen Respekts starten. Dann erkläre ich sehr spezifisch, was Sanskrit ist und was nicht und welchen Platz es im Leben eines modernen Westlers und Inders hat und lehre spezifische Mantren. Wichtig ist dabei vor allem, wie jedes einzelne der Sanskrit-Klänge ordentlich betont wird. Dann geht es los mit dem Büffeln von Vokabeln und Grammatik. (Aber das muss jeder für sich selbst machen.)

Was bedeutet denn “Luminous Shabda“?

Ich habe den Terminus immer als die „Sprache der Vibration“ erklärt. Aber nach einigen Jahren verstehe ich „Luminous“ (deutsch: leuchtend Anm.d.Red.) als die Bewegung des Lichts auf dem Gaumen und im ganzen Körper. Shabda wiederum ist der Klang. Für mich ist das dann „Klang aus Licht“. Übrigens sind die Wörter Gott und Göttin auf der Wurzel „div“ (in Englisch „divine“: göttlich. Anm.d.Red.)aufgebaut. Das bedeutet „glänzen“ oder „scheinen“. Aus „div“ wird Deva, was dann als Gott oder „Licht erfüllt“ übersetzt werden kann. Wenn man das so liest, kann es sehr abstrakt rüber kommen, aber eigentlich geht es nur darum, wie du dein Selbst besser wahrnehmen kannst, indem du die Sprache und Vibration gezielt einsetzt. Durch Luminous Shabda lehre ich aber nicht nur Sanskrit, sondern auch wie man die Prinzipien des Yoga in sein Leben integrieren kann. Da gibt es zum Beispiel die Santosha Meditation tm (Zufriedenheit) und das korrekte Rezitieren von Mantren. Für mich ist jedes Mantra wie ein Mini-Guru. Wenn du dich länger mit seiner Bedeutung auseinandersetzt, wirst du irgendwann Antworten erhalten. Immerhin kommen sie von den Rishis, den Sehern, also erleuchteten Wesen.

Im Unterricht hast du behauptet, jede Sprache hätte seine eigene Schönheit. Welche Schönheit hat Sanskrit für dich?

Für mich ist es immer wieder faszinierend, wie Menschen grundlegende Heilung erfahren, wenn sie nur den Klang dieser Sprache sprechen oder hören. Der Klang des Sanskrit ist magisch! Für mich ist er wie ein Durchgang, der mich zu einem anderen Raum führt. Dennoch ist es schön, auf diesem Weg geführt zu werden. Sanskrit zu lernen passiert nicht einfach nur, wenn man Vokabeln und Grammatik lernt. Als Teil des Prozesses brauchst du zur Unterstützung einen Guru. Oder wenn du das Wort Guru nicht magst: Du brauchst einfach einen Lehrer, der ein tiefes Verständnis seines eigenen spirituellen Aspektes und dessen der Sprache hat. Deswegen nenne ich es auch Luminous Shabda, weil es eben nicht stures Lernen einer Sprache ist. Es geht darum, die Sprache deines eigenen Selbst zu erlernen und dafür brauchst du Anleitung.

von Laura Hirch

Mehr lesen Sie in unserer Ausgabe Mai-Juni 2013.

 

Info: Manorama ist weltweit als Lehrerin für Sanskrit und Yogaphilosophie bekannt. Sie unterrichtet unter anderem auf Yoga Teacher Trainings bei Jivamukti Yoga, tourt seit letztem Jahr durch Europa und bietet online Sanskrit-Unterricht an. Mehr Informationen unter www.sanskritstudies.org.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here