Ausgangssperre im Ashram: “Dankbar, hier sein zu dürfen”

Wenn deutsche Touristen in Indien an einem Ort der Besinnung und Gemeinschaft feststecken, ist es Zeit für einen Perspektivwechsel. Mit Teamwork, Yoga und ganz viel Zeit, nach Innen zu schauen, wird die Corona-Krise zur Chance.

Mira steht mit den Füßen im klaren Wasser des Ganges und sieht der Sonne zu, die über den Ausläufern des Himalayas aufgeht. Bis auf das Rauschen des Flusses und das Zwitschern der Vögel ist es still in dem kleinen Dorf Haripur Kalan bei Rishikesh in Nordindien. “Schwer vorstellbar, dass sich die ganze Welt gerade im Ausnahmezustand befindet”, sagt die 27-Jährige.

Touristen sitzen fest

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Die Studentin aus Berlin wohnt bereits seit einem Monat im Shri Santosh Puri Ashram und hat hier eine Ausbildung zur Yogalehrerin absolviert. “Nach dem Training wollte ich eigentlich noch weiter durch Indien reisen”, erzählt sie. Daraus wird nun erst einmal nichts. Mit der Ausbreitung des Corona-Virus reagiert auch Indien mit drastischen Sicherheitsmaßnamen: Der nationale und internationale Flugverkehr wurde weitestgehend eingestellt und eine Ausgangssperre verhängt.

So wie Mira geht es vielen Touristen, die in Indien festsitzen. Für Heimreisewillige organisieren das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Delhi Rückflüge nach Frankfurt, über 750 Deutsche konnten auf diesem Weg bereits in die Heimat zurückkehren. Da mittlerweile viele indische Staaten ihre Grenzen geschlossen haben und kaum mehr Taxis fahren, wird bereits die Anreise nach Delhi zur Herausforderung. “Wir standen schon mit gepackten Rucksäcken am Tor, als der Taxifahrer spontan abgesagt hat, weil er von der Polizei gestoppt worden ist“, berichtet Mira.

Karma-Yoga

Hund Yogi beobachtet Ganga beim Bad im heiligen Fluss Ganges. Foto: Dennis Peterzelka (auch Titelfoto)

Der Ashram hat mittlerweile für Neuankömmlinge geschlossen, die anwesenden 15 Gäste dürfen aber bleiben. “Wir versuchen gemeinsam das Beste aus der Situation zu machen”, erklärt Ganga, Yogalehrer und Leiter der spirituellen Gemeinschaft. Für den 42-Jährigen ist es selbstverständlich, dass der Alltag wie gewohnt weitergeht: Morgens um halb fünf werden Mantras am Feuer gesungen, es gibt Chai und Kräutertee. Danach geht jeder der Bewohner seiner eigenen Yogapraxis nach und übt sich in Asanas, Pranayama oder Meditation.

Brasilianerin Christina, Dennis aus Berlin und Laura aus Freising helfen bei der Zubereitung des Abendessens. Foto: Svenja Schnüll

Nach ihrer Morgenroutine hilft Mira in der Küche, das Essen vorzubereiten. Wegen der Ausgangssperre können die Arbeiter nicht mehr kommen, deshalb packen jetzt alle mit an: Yoga-Halle fegen und wischen, Gemüse schneiden, im Garten arbeiten. Im Ashram heißt das Karma-Yoga, Dienst für die Gemeinschaft. Dank des großen Gemüsegartens und der 18 eigenen Kühe ist für Salat und frische Milch gesorgt. Was nicht im Garten wächst, wird eingekauft. Morgens zwischen 7 und 10 Uhr ist es erlaubt, das Haus zu verlassen, um Einkäufe zu erledigen. Deshalb gibt es eine Liste, auf der jeder das eintragen kann, was er braucht – Bananen, Moskitospray, Schokoriegel.

Kirtan statt Fernsehen

Ausgelassene Stimmung beim Kirtan: Christina aus Brasilien, Carla aus Australien und Jorge aus Spanien musizieren zusammen mit Mandakinis Sohn Rudraksha. Foto: Shri Santosh Puri Ashram

Während Freunde und Familie zu Hause vor dem Fernseher oder Computer sitzen, treffen sich die Bewohner des Ashrams am Nachmittag zum Kirtan: Die Klänge von Trommeln, Schellen und Harmonium tönen über das Gelände, es wird im Wechsel gesungen, die Stimmung ist ausgelassen. “Ich bin dankbar, hier sein zu dürfen”, sagt Laura. Die 29-Jährige aus Freising ist noch kurz vor der Verkündung der Ausgangssperre im Ashram eingezogen. “Wir sind hier an einem wunderschönen Ort mit großem Garten, direkt am Ufer des Ganges. Andere Leute sitzen in ihren Hotelzimmern oder am Flughafen fest.” Ganga nickt zustimmend. Der Sohn des indischen Gurus Baba Santosh Puri und der Deutschen Narvada Puri kann sich keinen Ort vorstellen, der sicherer ist. “Babaji hat mir kurz vor seinem Tod versprochen, dass der Ashram geschützt ist, wenn ich ihm hier einen Tempel errichte. Das waren seine letzten Worte an mich“, erinnert sich Ganga und deutet auf die kleine Tempelanlage unter dem Baelbaum.

Ganga und Schwester Mandakini führen die spirituelle Tradition ihrer Eltern fort. Foto: Shri Santosh Puri Ashram

Das tägliche Chanten von Mantras am Feuer stammt noch aus der Zeit, in der die beiden elterlichen Gurus, genannt Babaji und Mataji, den Ashram mit vollkommener Hingabe und Verzicht auf jeglichen Luxus geführt haben. Im Jahr 2001 haben Ganga und seine beiden Schwestern Mandakini und Alaknanda die Leitung übernommen. Seitdem ist die Anlage mehrfach erweitert und liebevoll restauriert worden: Aus dem ehemaligen Kuhstall ist eine Yoga-Halle geworden, es gibt weiche Betten, warme Duschen und gefiltertes Trinkwasser.

Yoga-Routine gibt Halt

Die Bewohner des Ashrams bei der morgendlichen Asanapraxis. Foto: Shri Santosh Puri Ashram

In der kleinen Welt des Ashrams ist es leicht, die Virus-Pandemie für eine Weile zu vergessen. Doch spätestens beim Blick aufs Smartphone ist das Thema wieder präsent. Ob Ganga Angst hat vor Corona? Er lächelt, wiegt nach indischer Art den Kopf, dann antwortet er: “Mit jedem Atemzug kommen wir dem Tod näher. Darauf müssen wir vorbereitet sein. Dieses Bewusstsein ist Yoga.” Aber der überzeugte Yogi stimmt zu, dass vor allem ältere und vorerkrankte Menschen geschützt werden sollten. Einen Grund zur Panik sieht er jedoch nicht, sondern begreift die Situation vielmehr als Chance: “Jetzt müssen die Menschen zu Hause bleiben und dort ihren inneren Frieden finden. Und wenn sie ihn nicht finden, dann müssen sie ihn kreieren. Auch das ist Yoga.”

Im Shri Santosh Puri Ashram wird Yoga gelebt, Tag für Tag aufs Neue. Ganga ist sich sicher: “Yoga hilft dabei, gesund und fit zu bleiben – physisch, mental und spirituell.” Die tägliche Routine gebe den Bewohnern auch in unsicheren Zeiten Halt. Der Yogalehrer führt die Traditionen seiner Eltern fort und bleibt gleichzeitig offen für Neues. Ein Ritual ist seit Beginn der Ausgangssperre bereits dazugekommen: Wer möchte, trifft sich am Abend zum Japa, dem Aufsagen von Mantras. 108 mal wird dann gemeinsam gesungen: Lokah Samastah Sukhino Bhavantu – Mögen alle Lebewesen glücklich und frei von Leid sein.


Svenja Schnüll ist freie Journalistin, Freelancerin für kreative Content Creation und zertifizierte Yoga-Lehrerin. Ihren Hintergrund in International Business Management und Kommunikation verbindet sie mit ihrem Interesse für Achtsamkeit, Yoga-Psychologie und emotionaler Intelligenz. Auf ihren Reisen um die Welt probiert sie sich gerne aus und ist unter anderem als Seminarleiterin und Autorin tätig. 

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