Ziel erreicht? Clemens Frede im Interview

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© Nicole Wild

Für Clemens Frede bedeutet Fitness Wohlbefinden – aber gemütlich macht er es sich mit seiner Einschätzung nicht. Vielmehr setzt der Hamburger Yogalehrer und Berater für Leistungspsychologie auf Yoga als Weg, über den Körper die Erfahrungen des Lebens zu verstehen.

Clemens, bitte deine Einschätzung als erfahrener Marketing- und Werbe-Manager: In welchem Image siehst du Yoga derzeit bzw. welche Marketingkorrektur könnte es gebrauchen?
Die Yogapraxis wird immer vielseitiger. Aktuell sehe ich zwei große Trends im Üben: einerseits den intensiveren Fokus auf die Fitness und das Athletische, andererseits den Wunsch nach einer verfeinerten, individuellen Praxis. Unterschiedliche Zugänge zum Yoga finde ich sehr gut. Allerdings kann die Vielseitigkeit irgendwann zu einem Imageproblem führen, wenn nicht mehr klar ist, worum es beim Yoga im Kern geht. Wenn sich ein Schüler für „SUP Yoga“ oder „Bier-Yoga“ anmeldet, sollte er sich eine Vorstellung machen können, was das jeweilige Angebot mit Yoga zu tun hat.

Hältst du die zunehmende Fitness- Yoga-Verzahnung für sinnvoll?
Die Kombination mit Fitness ist ja nicht neu. Sinn der Asanas war schon immer, den Körper für die Meditation fit zu machen. Und wenn wir uns mit dem Körper beschäftigen, kommt es wohl zwangsläufig zu Überschneidungen mit anderen körperorientierten Disziplinen, zum Beispiel auch dem Tanz. Schade ist, wenn man bei Yogafit & Co. nur bestehende Strukturen unterstützt und „vor sich hin turnt“, es also nur noch um Muskelaufbau, Flexibilität oder Auspowern geht und die Philosophie unter den Tisch fällt. Voraussetzung dafür ist ein gut ausgebildeter Lehrer, der das Grundgerüst in diesem Rahmen vermitteln kann – daran mangelt es leider meistens.

Was bedeutet für dich „fit“ sein generell?
Fitness hat eine sehr individuelle Bedeutung, die ich mit „Wohlbefinden“ vergleichen würde – körperlich und mental. Interessant ist dabei, dass die eigene Fitness eine subjektive Wahrnehmung ist. Ähnlich wie Gesundheit ist sie zwar zu einem gewissen Grade messbar, aber unterschiedlich interpretierbar. Ab wann fühle ich mich „fit“? Ab wann bin ich „gesund“? Das wird irgendwann eine Frage des Selbstbewusstseins. Nicht umsonst werden diese Themen immer wieder von den Medien bedient – weil es kein wirkliches Ende gibt.

Mit welchem Begriff von „Leistung“ arbeitest du als Coach und Berater?
Leistung hat natürlich eine klassische, physische Definition von aufgewandter Energie in einem festgelegten Zeitraum. Wenn wir das aus Perspektive des Arbeitslebens, der Yogapraxis oder des Alltags betrachten, stellt sich die Frage, was das Ergebnis der aufgewandten Energie ist und wer am Ende des Tages die Leistung beurteilt. Es kommt in diesem Fall zusätzlich der Faktor „ich“ dazu: Wenn ich Leistung bringe, stehe ich am Ende der Zeit mit einem Burnout oder mit einem zufriedenen Lächeln da? Ich knüpfe Leistung also mit einem holistischen Verständnis an das Wohlbefinden der Person. Leistung ist in diesem Sinn das Ergebnis einer Arbeit, aber unter Berücksichtigung der Person, die diese Leistung bringt.

In welchen Situationen bietet es sich an, „Leistungsberatung“ in Anspruch zu nehmen?
Immer dann, wenn man das Gefühl hat, über- oder unterfordert zu sein. Oder anders: Immer wenn ich unsicher bin, ob ich selbst mit meiner eigenen Leistung zufrieden bin. Das kann den Beruf betreffen, aber auch das Familienleben oder den Sport. Bei „Leistung“ denken wir spontan, immer noch mehr bringen zu müssen. Überfordert zu sein, ist gesellschaftlich verpönt. Stattdessen streben wir nach Perfektionismus: Power-Frau, Power-Yoga, Power-Fitness. Dabei wäre es für viele von uns gut, einen Gang zurückzuschalten und das eigene Wohlbefinden in unser Leistungsverständnis zu integrieren. Anstatt nur nach außen stark zu wirken, sollten wir Stärke in der Form von Selbstbewusstsein in uns selber suchen und kultivieren.

Manche Yogastile können als „leistungsorientierter“ als andere verstanden werden. Wie siehst du in diesem Zusammenhang „deine“ Stile Anusara Yoga und Embodied Flow?
Jeder Yogastil ist in irgendeiner Art leistungsorientiert. Wir investieren Arbeit und Zeit, um die vierte Ashtanga Serie turnen zu können oder im Flow zur Erleuchtung zu kommen. Indem ich körperlich schwierige Asanas trainiere, kann ich subjektiv meine Leistung steigern. Anusara und Embodied Flow gehen für mich dagegen mehr in die Qualität der somatischen Wahrnehmung. Der Unterschied ist, ob man als Yogi seine Bestätigung von innen oder von außen sucht. Je nachdem, wie man sein Ziel oder seine Reise definiert, beurteilt man auch die eigene Leistung.

Welche Rolle spielen bei dieser Bewertung heute die sozialen Medien?
Dort sieht man immer wieder schicke Bilder von schwierigen Asanas, imposant in Szene gesetzt. Genauso treffe ich aber regelmäßig Yogis, die mir erzählen, wie sensibel ihre Wahrnehmung ist und dass sie ihre Chakren oder Aura spüren. Beides ist für mich eine Bestätigungssuche von außen. Andererseits kann man seine Bestätigung auch in sich selbst suchen, indem man die innere Stärke und das Selbstbewusstsein kultiviert. Entscheidend sind nicht der Yogastil und das Forum, sondern die persönliche Herangehensweise.

Zum Thema „Kraft“: Wie macht Yoga uns stark? Werden wir durch die Praxis zu Athleten?
Yoga kann uns äußerlich stark machen – Muskelkraft, Präzision, Disziplin gehören für mich dazu. Yoga kann uns aber auch nach innen stark machen. Da sehe ich persönlich die Kraft des Yoga: Sich selbst zu reflektieren und besser kennenzulernen. Eine bekannte Sportmarke definiert einen Athleten als jeden, der einen Körper hat. Das würde ich genauso sehen. Wie setze ich diesen Körper ein? Wie schaffe ich eine Einheit von Körper und Geist? Bei einer guten Praxis macht Yoga uns stark, indem wir uns selbst so gut kennenlernen, dass wir körperlich und mental ganz in unserer Mitte sind, so dass uns von außen nichts aus der Ruhe bringt.

Oft stehen sich zwei Meinungen gegenüber: Ein fitnessorientierter Ansatz untergrabe das spirituelle Fundament des Yoga. Andere halten die körperliche Praxis für die Voraussetzung, überhaupt tiefer gehen zu können. Wer hat denn nun recht?
Beide können Recht haben. Beschreiben wir es mal anders: Auch, wenn ich schwimmen gehe, kann ich eine spirituelle Erfahrung haben. Ich muss sie nur als solche identifizieren. Egal, ob ich schwimme oder auf die Yogamatte gehe – ich kann dabei bestimmte Muster bestätigen, Fitness-Ziele erreichen oder mich hinterfragen und eine besondere Erfahrung suchen. Ich kann Muskeln trainieren, um einen Schutzpanzer aufzubauen oder eine körperliche Praxis nutzen, um mich selbst besser kennenzulernen. Im Hatha Yoga ist eine körperliche Praxis unvermeidlich, denn die Grundlage des Hatha Yoga ist es ja eben, über den Körper die Erkenntnis und Befreiung zu finden. Der Ansatz des Bhakti Yoga würde dem zum Beispiel widersprechen. Da sagt man, dass Hingabe die tieferen Einsichten eröffnet.

In einem deiner Artikel schreibst du: „Beim Yoga geht es nicht um das Erreichen eines vorher definierten Ziels. Eher kannst du dich selbst dort erreichen, wo du stehst, um zu einem Ort größerer Balance aufzubrechen.“
Nun ja – was gewinnt man denn am Ende der Yogapraxis? Derjenige, der die verrückteste Asana machen kann oder am tiefsten in die Meditation eintauchen kann, stirbt trotzdem am Ende seines Lebens. Im Yoga geht es um das Jetzt und darum, Klarheit zu erlangen. Mich fasziniert dieser Moment der Akzeptanz, der Einsicht – ganz klar zu sehen, wo man steht und welche Kräfte des Universums gerade wirken. Diese Akzeptanz oder Einsicht hat übrigens auch in der Sport- und Leistungspsychologie erhebliche Bedeutung.

Siehst du Yoga also als Möglichkeit, über den Körper Erfahrungen des Lebens zu verstehen?
Dazu suche ich immer neue Wege. Über die letzten vier Jahre habe ich mich intensiv mit dem Thema Embodiment beschäftigt. Ein interessanter Aspekt war für mich dabei, Bewegung zum Beispiel aus dem Skelett heraus zu initiieren. Also Bewegung über Knochen und Gelenke auszuführen anstatt einfach eine Asana zu machen oder mit meinen Muskeln meinen Körper in eine bestimmte Position zu bringen. Das Ergebnis ist ein stabileres, stimmigeres Bewegungserlebnis. Genauso sollte es im Leben sein. Die Aufgabe der Muskeln ist es, die Bewegung der Knochen in den Gelenken zu führen, anstatt den Körper in eine Position zu zwingen. Das habe ich mit unseren Werten verglichen: Als stabiles Element stehen die Knochen für unsere Werte. Die Gelenke sorgen dafür, dass unsere Werte zueinander beweglich sind. Die Muskeln, stellvertretend für Aktionen und Handlungen, unterstützen diese Werte und geben ihnen Ausdruck. Wenn die Muskeln unsere Gelenke schützen und die Bewegung harmonisch führen, fühlt sich das für uns angenehm an. Wenn unsere Aktionen im Einklang mit unseren Werten sind, fühlt sich das ebenfalls harmonisch an. Wenn nicht, schmerzt es.

Ein einleuchtender, aber letztlich analytischer Vorgang. Das passt zu deiner Selbstbeschreibung als eher „wissenschaftlichem“ Yogi: „Ohne Schi-Schi und trotzdem mit Herz.“ Welcher „Schi-Schi“? Warum „trotzdem“? Und kann ein gelegentliches Räucherstäbchen nicht gut tun?
Es liegt wohl in der Natur des Menschen, vom Mystischen fasziniert zu sein und davon eine gewisse Anziehung zu verspüren. Das finde ich auch gut, es macht das Leben spannend. Allerdings lassen wir uns manchmal vom Glauben hinreißen und gehen in dem Wunsch, eine besondere Verbindung oder Einblick in das Mystische zu haben, zu weit. Der Mensch ist nämlich auch ein Meister darin, sich selbst zu täuschen. Unter „Schi-Schi“ verstehe ich das Unerklärliche und zwar besonders dann, wenn es als Fakt und nicht als Erfahrung angenommen wird. Schi-Schi ist für mich die mystische Show, die ein/e Lehrer/in vor der Klasse präsentiert, um besonders erleuchtet, mystisch oder interessant zu wirken. „Mit Herz“ bedeutet für mich stattdessen Authentizität. Aus dem eigenen Herzen heraus zu unterrichten, dabei klar zwischen Fakten und eigenen Erfahrungen zu unterscheiden, damit die Schüler selbst für sich beurteilen können, welche Bedeutung die Informationen und Erfahrungen für sie haben. Und Räucherstäbchen können wunderbar sein – ich bin nur eben nicht der Typ dafür. Nur im Hotel Miramonte in Bad Gastein, wo ich regelmäßig Workshops gebe, haben sie Räucherstäbchen, bei denen ich eine Ausnahme mache. Ich bin ein absoluter Genuss-Mensch und liebe zum Beispiel Schokolade. Jeder soll sich seinen Rahmen so gestalten, wie er es möchte.

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