Das Leben (um)lernen

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Die selbstverständliche Verbindung mit dem Wunder: Mark Whitwells „fortgeschrittenes Yoga für perfekte Anfänger“

Mit einem Versprechen kommt Mark Whitwell zum Interview ins Jivamukti Yogaloft in München. In seinem zweitägigen Workshop „The Promise“ wird er eine gleichzeitig radikale und beruhigende Devise ausgeben: Die Suche ist vorbei. Im Yoga gibt es weder ein physisches noch ein spirituelles Ziel. Das Ideal ist bereits vorhanden und heißt „Realität“. Die Yogapraxis ermöglicht unmittelbare Verbindung mit dieser Realität, unserem individuellen, komplizierten, erstaunlichen und rundum perfekten Leben. Dabei lautet Marks Versprechen: „Übe täglich Yoga – entschlossen, natürlich, aber nicht besessen. Dann garantiere ich Frieden, Kraft, Erfüllung – und ein fantastisches Liebesleben.“ All dies stellt jeder Moment bereit? Wir sind komplett versorgt und müssen „nur“ Verbindung herstellen? Verlockend. Und plausibel, wie sich im Gespräch mit Mark Whitwell und seinem Schüler Patrick Broome, einem der wichtigsten Vertreter des Jivamukti Yoga in Deutschland, herausstellt.

Yoga Journal: Mark, du bist auf Einladung des Jivamukti Centers in München zu Gast. Wie entstand deine Freundschaft mit Patrick Broome?

Mark Whitwell: Patrick und ich haben gemeinsam die Straßen von New York unsicher gemacht – das verbindet immens (lacht).

Patrick Broome: Mark und ich begegneten uns 1999 in New York bei Sharon Gannon und David Life. Ich absolvierte gerade mein Teacher Training und arbeitete am Front Desk. Mark unterrichtete wöchentlich im Jivamukti Center. Sein Ansatz interessierte mich, weil Vertreter vieler Stile teilnahmen und offenbar alle profitieren konnten.

MW: Ich stamme ursprünglich aus Neuseeland und tastete mich zu diesem Zeitpunkt langsam an die USA heran. Das Jivamukti Center war sozusagen mein Verknüpfungspunkt zu den USA, ein Ort, an dem ich wirklich ankommen konnte. Meine Yoga-Heimat ist die Lehre Krishnamacharyas, und im Umfeld von Sharon und David verstand man die Prinzipien des „Lehrers unserer Lehrer“, wie ich ihn nenne. Unter anderem unterrichtete Krishnamacharya BKS Iyengar und Patthabi Jois, dessen Prinzipien im Jivamukti System integriert sind. Von Beginn an gab es eine starke Verbindung zwischen Sharon, David, Patrick, mir – und dem „Großvater“.

YJ: Wie hast du Patricks Weg seither wahrgenommen?

MW: Meiner Meinung nach hat Patricks Arbeit in Deutschland einiges bewirkt. Er hat dem Yogaweg eine öffentliche Wirksamkeit gegeben, die es in dieser Form noch nicht gab. Damit steht er in einer großen Tradition: Die ersten europäischen Indologen, die vor etwa 100 Jahren die Sanskrit-Schriften übersetzten, waren Deutsche. Das neue Interesse an der alten Weisheit ist ein wunderbares Phänomen.

PB: Dabei habe ich ein zentrales Element meines Wegs dir zu verdanken. Durch dich habe ich schlicht und ergreifend atmen gelernt. Obwohl ich mich vorher viel mit den extrem atemgesteuerten Ashtanga und Jivamukti Formen beschäftigt habe, hatte ich von Atmung keine Ahnung. Das Prinzip des „Kraft/Empfangens“ (ha-tha; strength receiving), wie die Bandhas bei der Ausatmung Stabilität schaffen und wie der Körper dann als festes Gefäß Energie aufnehmen und vor Leben explodieren kann – all das änderte den Schwerpunkt meiner Praxis gewaltig. Aus Körperarbeit wurde Atemarbeit.

MW: Bis dahin hattest du dich sehr intensiv mit den sogenannten „populären“ Formen des Yoga beschäftigt und ihnen dann mit den Prinzipen von Krishnamacharya eine neue Tiefe gegeben. Verbindung funktioniert sehr gut im Yoga: Meine Arbeit besteht darin, Krishnamacharyas Lehre mit Iyengar und Asthanga Vinyasa zu kombinieren.

YJ: Dann kann man Yoga nach Krishnamacharya also nicht als „populär“ bezeichnen?

<br />©Bärbel Miessner

 

MW: Er ist einfach nicht so bekannt und hat nicht die Marketing-Gewichtung erfahren, mit der die Entstehung der heutigen „Yoga-Marken“ besonders in den USA begleitet wurde. Aber grundsätzlich ist „Popularität“ für mich nicht negativ besetzt. Mein eigener Weg begann, als ich als Jugendlicher mitbekam, dass sich die Beatles nach Rishikesh aufmachten. Unsere Pophelden interessierten sich für authentischen Yoga! Da musste etwas dran sein. Kurze Zeit später reiste auch ich nach Indien, weil mich Alternativen zum Funktionieren in der westlichen Gesellschaft interessierten.
Seither ist es für mich essentiell wichtig, den wissenschaftlichen, überlieferten Yogaweg in den zeitgemäßen Unterricht zu integrieren. Akademische Betrachtung macht Yoga kraftvoll, sicher, effizient – und sehr, sehr saftig.

PB: Wie würdest du aus deiner Erfahrung zusammenfassen, was Krishnamacharya uns anbietet?

MW: Krishnamacharya beschreibt einen Yogaweg, der jedem einzelnen Menschen gerecht werden kann. Absolut jeder kann unmittelbare Intimität mit der Realität erfahren – einer Realität, die nährt und unterstützt. Es gibt für jeden das passende Yoga, und es ist jederzeit erreichbar: Wer atmen kann, kann Yoga üben. Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist, ist das Leben ein perfekter, heilender Prozess. Als Gelehrter der Veden erfand Krishnamacharya seine Aussagen nicht selbst, sondern formulierte die wissenschaftliche Erkenntnis: Wir brauchen die Yogapraxis als Werkzeug, um unsere Ideale zu verwirklichen. Sonst bleiben sie unerreichbare Konzepte und optimaler Anlass zur Frustration. Wir unterscheiden immer zwischen Alltag und Spiritualität. Das ist ein intellektuelles Konzept, das die Menschen auf Dauer unglücklich macht. Wir brauchen Yoga, um diesen Dualismus aufzulösen.

PB: Hat dir die von Krishnamacharya vermittelte Praxis geholfen, die Prinzipien deiner anderen Lehrer Nithyananda und U.G. Krishnamurti zum Ausdruck zu bringen?

MW: Absolut. Über die Jahre habe ich in Indien von einer Reihe faszinierender, „erleuchteter“ Persönlichkeiten lernen dürfen, „Jivamuktis“ (befreite Seelen) im wahrsten Sinne des Wortes. Die Meister Nithyananda und U.G. Krishnamurti beschrieben Yoga als Weg, auf dem das spirituelle Konzept nicht nur Theorie ist. Dieser Weg ist die Befreiung vom Unglück.
Das verzweifelte und vermeintlich vergebliche Streben nach „Erleuchtung“ und der ständige Vergleich – „Verdammt! Andere sind erleuchtet und ich nicht“ – hat soziale Strukturen erzeugt, die uns von unserer Essenz entfernt haben. Die luftigen Höhen spiritueller Exklusivität haben sich vor allem die großen Religionen zunutze gemacht und den Weg dahin als Kampf beschrieben, den nur die Besten bestehen. Genau hier setzt die Yogapraxis an: Wir können – und die Betonung liegt auf „können“ –  in jeder Situation etwas letztendlich sehr Einfaches unternehmen, um uns und die Realität komplett anzunehmen.

YJ: Ihr beide seid international anerkannte Yogalehrer und unterrichtet eine große Zahl von Schülern. Wenn sich jeder jederzeit sein individuelles Yoga aneignen kann, worin liegt dann die Rolle des Lehrers?

MW: Der Lehrer unterweist den Schüler in der Entwicklung seines eigenen Yoga, nicht der Übernahme dessen, was der Lehrer praktiziert. Das wäre Imitation. Jeder kann Yoga üben, allerdings nicht jeden Yoga. Der Schlüssel hierzu liegt im Atem, der Verbindung zur Lebenskraft. Er bedingt die Asana, nicht umgekehrt. Die individuelle Praxis emanzipiert den Schüler vom Lehrer. Ich erinnere ich mich gut an eine Yoga Conference in Köln, auf der Patrick über die Relevanz des Atems sprach – im Publikum waren Sharon Gannon, David Life und ich. Ein schönes Siegel zwischen uns.

PB: Auch die Schriften nehmen Yoga das vordergründig Komplizierte. Sehr oft zitierst du Krishnamacharya in seiner Überzeugung, dass die ersten vier Yoga Sutras von Patanjali den gesamten Yoga erklären.

MW: Ja, es gibt eine „Top 4“. Sie definieren Yoga, der Rest des Buches ist Kommentar. Das zweite und wichtigste Sutra unterliegt einer sehr interessanten Übersetzungsdebatte: Hatha Yoga – chitta (Bewusstsein) – vritti (gerichtet) – nirodha (wahl). Krishnamacharya übersetzt Nirodha mit „Wahl“, aber über hundert andere Wissenschaftler setzten den Begriff mit „Beschränkung“ gleich. Der „Lehrer unserer Lehrer“ betont die Wahl bzw. Entscheidung, die Gedanken in eine kontinuierliche Richtung zu bringen. Nicht einen Kampf, der uns Bedürfnisse unterdrücken lässt.
Die Redaktion des Bewusstseins, um der Erfahrung auf den Grund gehen zu können, ist ein Thema in vielen Religionen. Nicht so im Yoga: Hier lebt man im Fluss der alltäglichen Erfahrung, beobachtet sie, verbindet sich mit ihr und kann dadurch zur Essenz kommen. Im Christentum werden Heilige mit einem Heiligenschein über ihrem Kopf dargestellt. Im Yoga strahlt der ganze Körper, und es gibt keinen Konflikt mit der Welt, darunter Sex und der Polarität zwischen Mann und Frau.

PB: Im westlichen Denken ist Dualismus charakteristisch, sogar in Diskussionen über Patanjali. Man muss etwas überwinden, um irgendwo hinzukommen – die Karotte ist immer knapp vor der Nase, nie erreichbar. Rückzug nach innen, transzendieren, Erleuchtung . . . Die dualistische Welt sollte ein Auslaufmodell sein. Es geht um Einheit.

MW: Ein linearer Prozess hin zu Gott ist sinnlos, weil Gott nicht abwesend ist. Wie könnte sich eine Quelle jemals von ihrem Ausdruck distanzieren? Wenn wir Asana üben, treiben wir keinen Sport, sondern verschmelzen mit dem, was der Hinduismus shakti nennt – der Lebensenergie, die uns bestens versorgt. Sich anstrengen, irgendwo hinzukommen oder die Welt zugunsten scheinbarer Alternativen zu verneinen, ist ein Hamsterkäfig, den wir schnellstens aufgeben sollten.

YJ: Ein Hamsterkäfig, der sich allerdings hervorragend vermarkten lässt.

MW: Erleuchtung wird tatsächlich als spirituelle Ware gehandhabt, und zwar von in dieser Hinsicht sehr intelligenten Gurus. Auch und gerade in Indien ist Spiritualität ein riesiges Business. Es gibt definitiv einen Unterschied zwischen Authentizität und dem Verkaufen von Hoffnung. Einen echten Guru erkennt man an seinem Desinteresse an einer Gefolgschaft. Er würde seine Schüler niemals sozial oder mental abhängig machen.

 

<br /> ©heartofyoga.com

YJ: Das moderne Yoga kann sich vieler Kanäle bedienen, um die Menschen zu erreichen. Dabei spielen die Medien eine wichtige Rolle.

MW: Das finde ich im Grunde großartig. Jeder sollte diese Zugang zu dieser Information haben und erfahren, dass Yoga keine heldenhafte, komplizierte Angelegenheit ist, sondern ein einfaches Mittel, sein Leben zu bereichern. Dem steht kein Alter, keine Konsitution oder spezifischer Glaube im Weg. Werner Vogel, mein Verleger in Deutschland, ist beispielsweise 70 Jahre und überzeugter Katholik. Er unterrichtet im Priesterseminar von Fulda Yoga – als eine Art „Körpergebet“, mit dem man der Schöpfung begegenen kann. Jesus war ein Yogi, ebenso Buddha.
Solche Dinge sollten den Weg in den Mainstream finden. Dazu sind alle Medien geeignet: Mein Unterricht läuft beispielsweise zwei Mal die Woche auf dem Kabelsender Body In Balance. Eine Serie heißt „Real Yoga For Real People – Ten Ancient Secrets To Make Any Yoga Your Yoga.“ Fernsehen und Internet sind wichtig. Und dann die Live-Events. Ich denke da an einen Workshop im Münchner Olympiastadion…(lacht)

YJ: Ein früherer Mark Whitwell-Workshop in München hieß „Advanced Yoga for EveryOne“. Was bedeutet im Yoga echter Fortschritt?

MW: Dazu müssen wir mit der Vorstellung von Yoga als einer Gymnastik mit spirituellem Twist aufräumen. Asana bedeutet, Kraft zu empfangen. Fortschritt ist direkter, individueller Kontakt mit der Realität, nicht die perfekte Beherrschung einer Haltung. Ein Workshop, den ich am Esalen Zentrum in Kalifornien unterrichtete, hatte den Titel „Advanced Yoga For Perfect Beginners“. Auch ein Anfänger ist perfekt, weil das Leben perfekt ist, ein Wunder der Natur, das nicht einmal die Wissenschaft komplett begreifen kann. Yoga ist machbar, genau heute – und nicht als Konzentration auf ein zukünftiges Ziel. Und er passt auf jeden Köper (every body) und jede Lebenssituation, nicht nur auf junge weiße Frauen mit Ballett-Erfahrung, die dazu noch die nötige Freizeit haben. Jeder hat die Chance, seine Bewegungen dem Atem anzupassen: So entstehen authentische Yogis, keine Asana-Fans.

YJ: Ist die momentane Welt besonders reif für den Yogaweg?

MW: Alle Krisen und Konflikte entstehen, wenn sich Menschen ungeliebt fühlen. Unsere Aufgabe ist es, Liebe zu verbreiten und allen klarzumachen, dass sie geliebt werden. Aber nicht als Missionare, sondern kreative Impulsgeber. Dazu haben wir ein fantastisches Hilfsmittel – Yoga, die natürliche, unkomplizierte Teilnahme am Wunder des Lebens. Das ganz „normale“ Leben sollte ausgiebig gefeiert werden. Hierzu leben wir gleichzeitig in der schwierigsten und bestmöglichen Zeit.

Interview: Christina Raftery

Mark Whitwell war lange Jahre persönlicher Schüler von Krishnamacharya und seinem Sohn T.K.V. Desikachar. Sein Yoga versteht er als “Yoga des Herzens” (“Yoga Of Heart”), dessen Prinzipien er in seinem gleichnamigen Buch verdeutlicht. 1996 gründete Mark die Nonprofit-Organisation “The Heart of Yoga Association” (www.heartofyoga.com), die die Yoga-Ausbildung an ungewöhnlichen Orten, darunter Beirut und der Nahe Osten, unterstützt.

Patrick Broome ist Gründer und Co-Leiter der drei Jivamukti Yoga Center (www.jivamuktiyoga.de) in München. Der promovierte Psychologe und Autor ist Yogalehrer der Deutschen Fußballnationalmannschaft, der TSG 1899 Hoffenheim und des FC Bayern München. Seine Erfahrungen mit den Sportlern inspirierten ihn zu seinem Buch ” Yoga für den Mann”.

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