Das Richtige tun

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Das richtige tun_nachdenkliche Frau am See_Foto: Beata Rastusznia

Wann ist es Zeit, aufzustehen, den Mund aufzumachen und sich zu wehren?
Und wann tut man gut daran, die Dinge einmal so zu lassen, wie sie sind, und einfach das zu tun, was von einem erwartet wird?

Mit manchen Menschen muss man sich immer wieder auseinandersetzen: Arbeitskollegen, die Eltern, ein (Ex-)Partner. Und egal wie oft wir uns beschweren, egal wie geschickt wir versuchen zu sein: Wir werden doch immer wieder mit ungerechten Vorwürfen oder Forderungen konfrontiert, oder uns werden Steine in den Weg gelegt, weil jemand sich einen Vorteil verspricht. Das Schlimmste ist: Je mehr wir dagegen „kämpfen“, desto tiefer verstricken wir uns. Die Wut wächst unaufhörlich. Manchmal reicht schon eine bestimmte Telefonnummer auf dem Display, um in die Luft zu gehen. Dann bemerken wir, dass wir uns so zeigen, wie wir gar nicht sein möchten.

Das indische Nationalepos Ramayana erzählt davon, wie König Dasharata einst – aus Angst, ihm könnte etwas zustoßen – beschloss, dass sein ältester Sohn Rama noch am nächsten Tag zum König gekrönt werden sollte. Die freudige Kunde verbreitete sich schnell im Palast und auch Kaikeyi, Dasharatas zweite Frau, die ihm mit Bharata einen weiteren Sohn geschenkt hatte, freute sich für den kommenden Thronfolger. Nur Kaikeyis Amme Manthara freute sich nicht. Sie fürchtete, dass Kaikeyi mit Ramas Krönung an Bedeutung verlieren würde – und damit auch sie selbst. So lief sie mit grimmiger Miene zu Kaikeyi. Als diese fragte: „Freust du dich nicht mit Rama?“, wies Manthara sie darauf hin, dass sie ihren Status verlieren würde. „Aber Rama wird ein wunderbarer König werden. Und dafür müssen auch wir Opfer bringen“, versuchte Kaikeyi sie zu beruhigen.

Angst als Antrieb

Doch wie eine Schlange fuhr Manthara fort, ihre Angst auch in Kaikeyis Herz zu pflanzen. „Was wird aus dir werden, wenn nicht dein Sohn König wird, sondern der seiner ersten Frau? Du wirst eine Dienerin sein. Und ich die Dienerin einer Dienerin. Aber gut, nehmen wir unser Schicksal einfach an und werden wir Dienerinnen.“ Ihr Plan ging auf: Kaikeyi besann sich darauf, dass sie bei König Dasharata noch zwei Wünsche frei hatte. So forderte sie von ihm: „Mache meinen Sohn Bharata zum König und schicke Rama für vierzehn Jahre in die Verbannung.“

Wenn Menschen – ob in privaten, beruflichen, geschäftlichen oder romantischen Beziehungen – intrigieren, dann tun sie das in aller Regel aus den gleichen Gründen wie Kaikeyis Kindermädchen: Sie handeln aus Angst. Das könnte einem egal sein, wenn es oft nicht so persönlich schmerzhaft wäre. Rama war nicht nur dabei, das ihm zustehende Königreich zu verlieren. Er sollte sogar für vierzehn Jahre seinen Palast verlassen und als Einsiedler im Wald leben. Welche Wahl hatte er? Er hätte gegenüber seinem Vater aufstehen und von ihm verlangen können, sich gegen Kaikeyis Wunsch zur Wehr zu setzen. Doch ihm war klar, dass er damit nur einen Streit geschürt hätte, der ihn sein ganzes Leben lang begleitet hätte. Und so sagte Rama, als er von seiner Verbannung hörte, einfach: „Wunderbar. Dann gehe ich gleich morgen los.“

Aushalten für den inneren Frieden

Dass Rama tatsächlich bereit war, auf sein Zuhause und das Königreich zu verzichten, war aber kein stummes Herunterschlucken eines ihm auferlegten Schicksals. Es war etwas, wofür er sich selbst aktiv entschied. Nicht „um des lieben Friedens willen“. Sondern um sich selbst in seiner Kraft zu spüren: Er konnte und würde diese Umstände annehmen. Auf diese Weise wurde er nicht sofort König. Aber dank der Entscheidung, die Dinge auszuhalten, wuchs er zu einer differenzierteren Persönlichkeit heran. Indem er Kaikeyi und Manthara nicht grollte, sondern nachgab, bereitete er in sich selbst den Boden für wirklichen Frieden.

Eine Frage des Vertrauens

Es ist sicher nicht immer leicht, zu unterscheiden, wann man wie Rama auf Gott vertrauen und die Dinge so annehmen soll, wie sie gerade sind. Ein wichtiger Hinweis kann die eigene innere Aufruhr sein: Je lauter wir gegen Menschen oder eine Situation schreien wollen, desto größer ist vielleicht das Geschenk, das wir empfangen, wenn wir sie einfach mal gewähren lassen. Wenn wir abwarten, bis sie all ihr Gift verspritzt haben und irgendwann von selbst die Lust daran verlieren. Viele Menschen handeln aus Angst. Besiegen wir also zuerst unsere eigene Angst. Danach besteigen wir dann – genau so gelassen wie Rama es schließlich auch wieder tat – den uns sowieso zustehenden Thron. Nur sehen wir dabei viel eleganter aus.


Foto: Foto: Beata Ratusznia// unsplash.com

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