Die Kunst der Aufmerksamkeit

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Interview mit ELENA BROWER

 

Erica scheibt Elena eine E-Mail mit der Bitte, Elena solle sich Ericas Homepage ansehen und ihre Design-Arbeit beurteilen. Erica möchte das leben, was sie im Unterricht lehrt: Mut, Mitgefühl und Schönheit. Ob sich das in ihrer Webseite widerspiegeln würde? Elena erkennt sofort, dass sie in Erica eine kreative Partnerin gefunden hat, mit der sie ein besonderes Buch gestalten will. Die beiden greifen zu Buntstiften, Herz und Papier, sammeln Geld für den Druck und klären in Buchform kunstvoll über Aufmerksamkeit auf.

YJ: Während ich durch die Seiten geblättert habe, musste ich mich sehr konzentrieren, um keins der vielen Details in eurem Buch zu übersehen. War es eure Absicht, detailreich zu designen, um beim Leser eine gewisse Aufmerksamkeit zu generieren? Ist Kunst per se ein Weg, Aufmerksamkeit zu steigern?

Kunst kann einen sicherlich dabei unterstützen, wenn man aufmerksamer werden möchte. Unsere Absicht war es, unsere eigenen Wege aufzuzeigen, wie wir Informationen sehen und sammeln, die im Kontext mit Yoga, Philosophie und der Heilung stehen. Unsere Hoffnung ist es, dass unsere Leser anfangen, den Lernprozess auszukosten. Besonders, weil der Akt des Notierens immer digitaler wird. Wir wollten mit einem Buch anfangen, dass man tatsächlich in den Händen halten kann und das am Ende jeden Kapitels durch leere Seiten Raum für Kritzeleien, Spiele, Zitate oder selbst kreierte Unterrichtssequenzen lässt. Während meines Studiums habe ich mir immer gerne Notizen im bunten, kreativen Stil gemacht und mit Schriftzug, Größe und Platzierung gespielt, um meine Aufmerksamkeit auf gewisse Punkte zu lenken, die mir wichtig erschienen.

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Elena Brower, by Michael Chichi

Das ist dein erstes Buch. Warum hast du dich dafür entschieden, es diesem Thema zu widmen? Hast du die Kunst der Aufmerksamkeit durch Anusara gelernt?

Als Yogalehrer suchen wir immer nach Wegen, unseren Schülern die verschiedenen Arten der Verbindung zu vermitteln. Dieses Gefühl der Verbindung in unserer Asana-Praxis ist mit dem Empfinden vergleichbar, das einen überkommt, wenn man seine Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes richtet. Athleten machen dieselbe Erfahrung, wenn sie in ihrer Materie aufgehen. Und sie sind erfolgreich, weil sie sehr achtsam und mit ihrem Sport verbunden sind. Erica und ich wollten besonders die interessanten Wege aufzeigen, die Lehrer anwenden, um sich dieser Verbindung zu nähern. Deshalb berührt jedes Kapitel eine tiefgreifende Form der Verbindung: Vergebung lernen, der Stille zuhören, unsere wahrgenommenen Begrenzungen erfahren, unseren Mitmenschen und Momenten in unserem Leben gegenüber präsenter und respektvoller sein. Es wäre schön, wenn wir alle die Kunst der Aufmerksamkeit praktizieren könnten. Wir beide haben erfahren, wie es sich anfühlt, wenn wir es selbst praktizieren. Und ja, gelernt habe ich die Kunst der Aufmerksamkeit von John Friend. Er hat uns gezeigt, wie wir Schönheit sehen und Kunst auf ungewöhnlichen Wegen erschaffen können. Seine Lehren haben eine besondere Ebene von Aufmerksamkeit in mein Leben gebracht, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich dazu imstande wäre, sie zu fühlen. Dafür bin ich auf ewig dankbar.

Ich habe einmal in einem Buch von Osho gelesen, dass Künstler die spirituellsten Menschen seien, weil sie bei jeder neuen Arbeit vertrauen müssen. Hast du bei eurem Buch dasselbe gefühlt?

Für mich bedeutet Spiritualität, wachsam und bewusst zu leben. Wenn ich an einem vertrauten Ort bin, kann ich diese Wachsamkeit sehr einfach üben. Und umgekehrt: Wenn ich auf diese Weise wahrhaft präsent bin, kann ich meine Bewertungen und Projektionen aufgeben und fühlen, dass ich vertraue. Dieses Buch zu gestalten wurde zu einer Feuerprobe für Erica und mich, in der wir Vertrauen üben und erfahren konnten. Erica vertraute meiner Textarbeit, ich vertraute ihrem künstlerischen Auge und manchmal tauschten wir die Rollen. Während unserer nächtlichen Arbeitssitzungen am Telefon (Erica lebte auf Hawaii und ich in New York – da blieb uns für die Arbeit nur die Zeit von Mitternacht bis drei Uhr morgens) mussten wir beide immer wachsam bleiben, um unseren Lesern am Ende das beste Ergebnis präsentieren zu können.

Von Laura Hirch

 

Mehr lesen Sie in unserer Ausgabe März/April 2013.

 

„Kunstvoll und aufmerksam“

 

die-kunst-der-aufmerksamkeitGrafisch haben die beiden Yogalehrerinnen Elena Brower und Erica Jago mit ihrem ersten gemeinsamen Buch „Die Kunst der Aufmerksamkeit“ ein wahres Meisterwerk geschaffen. Schön, schlicht und zeitgenössisch designt ist jede Seite sehr aufwendig gestaltet und merklich voller Liebe fürs Detail. Wer das Buch zügig durchblättern möchte, um alle Bilder zu sehen, wird sich nicht leicht tun: Ständig bleibt das Auge an Kleinigkeiten hängen, die zum Innehalten und Bewundern anregen. Man muss sich konzentrieren, um nichts zu übersehen. Ob damit beim Leser mehr Aufmerksamkeit geweckt werden soll? „Lächle, du übst gerade Yoga“ steht als kleiner Ratschlag unter einer Haltung. So einfach ist es, einem mit einer kleinen Aufmerksamkeit ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.

Fazit: Das Buch ist eine wahre Inspirationsquelle für alle kreativen Yogis, die mit Freude und Aufmerksamkeit die liebevoll gestalteten Details im Blätterwerk und im eigenen Leben entdecken wollen.

„Die Kunst der Aufmerksamkeit“ von Elena Brower und Erica Jago (Kamphausen/Theseus, ca. 30 Euro)

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