Freiheit und Beziehung: ein Widerspruch? Satsang Kolumne

Satsang kommt aus dem altindischen Sanskrit und bedeutet: Sich in der Wahrheit treffen. Traditionell wurde der Begriff für ein Zusammensein zwischen einem Meister und seinen Schülern verwendet. Zu solch einem “Treffen” laden wir euch jetzt ein. Hier auf yogaworld.de, mit der promovierten Philosophin MoonHee K. Fischer. In unserer neuen Satsang-Kolumne beantwortet MoonHee eure großen und kleinen Lebensfragen. Heute geht es um Freiheit und Beziehung.

Marc: Wie kann ich in einer Beziehung Freiheit finden?

Es scheint, dass Beziehung und Freiheit sich widersprächen. Aber beide Begriffe bedingen einander. Eine Beziehung, die nicht frei ist, ist keine. Und Freiheit ohne Beziehung kann es nicht geben. Beziehung so wie Freiheit stehen für Verbundenheit und das setzt Offenheit voraus. Dass Beziehung Verbundenheit ist, verstehen wir, aber dass auch Freiheit nur durch Verbundenheit möglich ist, das mag vielleicht nicht so eingängig sein. Unser alltäglicher Freiheitsbegriff ist mit der Vorstellung verbunden, alles machen zu können und zu dürfen, was man möchte. Eine Einschränkung empfinden wir als Eingriff in unsere Privatsphäre. Wir fühlen uns in unserer Individualität nicht gewürdigt, und sogar in unseren Gefühlen bedroht und verletzt.

Da aber wahre Freiheit auf Wahlmöglichkeit basiert, kann es eine Freiheit ohne Verbindungen und Verbindlichkeit nicht geben. Dazu kommt, dass wahre Freiheit nicht nur eine “Freiheit von” und “Freiheit zu” sein kann. Sie muss in ihrer Vollkommenheit auch “Freiheit von Freiheitsein. Wahre Freiheit ist also nicht einforderungswürdig, weder in die eine noch in die andere Richtung. Es liegt im Wesen der Freiheit weder Dies noch Das zu sein. Sie ist das Dazwischen, die Mitte, die alles verbindet, somit ist sie Beziehung schlechthin. Verbundenheit und Gegenseitigkeit schränken nicht sein, vielmehr sind sie der einzige Weg zur wahren Freiheit. Wahre Freiheit ist nur dann, wenn sie über sich selbst hinausgeht bzw. von sich selbst loslassen kann und sich im anderen findet.

Konkret: Wahre Freiheit ist nichts anderes als Liebe. Je mehr der Mensch liebt, desto freier ist er. Demnach ist wahre Freiheit weniger von äußeren Faktoren oder Bedingungen abhängig, sondern eine Sache von innerer Stärke und Vertrauen. Primär in sich selbst und sekundär in die Geliebte oder den Geliebten. Will man in einer Beziehung Freiheit finden, muss man sie erst in sich selbst finden. Dies geschieht, wenn man sich selbst loslässt. Freiheit kann wie die Liebe nicht gedacht werden. Sie kann nur gelebt werden, indem man sie (zu)lässt.

Timon: “Es fällt mir schwer treu zu bleiben auch wenn ich das von meiner Partnerin unbedingt erwarte.”

Innen wie Außen – Außen wie Innen. Treue zeigt sich zwar im Außen – sie fängt jedoch im Inneren an. Sie geht mit Loyalität einher und bedeutet gelebte Ehrlichkeit. Das Fundament von Ehrlichkeit ist Wahrheit und Wahrheit ist kein dehnbarer Begriff. Entweder ist man ehrlich oder man ist es nicht. Eine “eigentliche” Ehrlichkeit bzw. Treue gibt es nicht. Interessanterweise wird das Wort “eigentlich” gerne im Kontext von Untreue benutzt. So hört man oft: “Eigentlich bin ich schon treu.” Das eingeschobene Wort “eigentlich” und “schon” sollen zum Ausdruck bringen, dass man im Grunde, also tief im Inneren, ehrlich ist. Wenn wir jedoch von Grund auf ehrlich oder treu sind, wie können wir es dann im Außen nicht sein? Die ehrliche Antwort ist – wir sind es nicht. Wir belügen uns. Die Gründe hierfür können vielfältig sein.

Wieso können oder wollen wir nicht treu sein? Liegt es an uns, am anderen oder an der Partnerschaft selbst? Untreue ist ein untrügerisches Zeichen, dass etwas nicht stimmt bzw. dass etwas fehlt. Auf jeden Fall ist etwas nicht so, wie es sein sollte oder könnte. Die Untreue liegt in erster Linie darin, dass wir zu uns selbst nicht ehrlich sind und damit auch nicht dem Partner gegenüber. Die Fragen, die sich hier zu stellen lohnen: Bin ich in meiner Beziehung glücklich, bin ich mit mir glücklich? Und wenn nicht, bin ich bereit die Konsequenzen dafür zu tragen? Positiv für die Beziehung, indem man sich den Problemen und Schwierigkeiten stellt und gemeinsam daran arbeitet oder positiv für die Beziehung, indem von ihr loslässt. Treue sollte nicht belasten, sondern eine “gemeinschaftliche gelebte” Freude sein.

Wolfgang: Unter welchen Umständen macht es Sinn, eine beendete Beziehung neu zu beleben?

Einer der größten Ängste des Menschen ist, verlassen zu werden und alleine zu sein. Kaum einer hat keine Verlassens- bzw. Verlustängste. Bei manchen ist sie so groß, dass man sich erst gar nicht auf eine verbindliche und tiefere Beziehung einlässt. Andere wiederum halten mit allen Mitteln an einer Beziehung fest, obwohl sie dabei alles andere als glücklich sind. Nicht selten werden die eigenen Bedürfnisse und Interessen entweder über die des anderen gestellt oder sie werden hintenangestellt, und offensichtlich schlecht laufende oder nicht passende Dinge werden gerne verdrängt oder verschönert.

Eine harmonische, ausgewogene und partnerschaftliche Beziehung ist erstrebens- und wünschenswert, aber in der Umsetzung schwierig. Beziehung bedeutet Austausch, Mit- und Füreinander, auch die zu sich selbst. Sinn und Zweck von Beziehungen ist das Erlernen der Beziehungsfähigkeit. Nicht Monolog, sondern Dialog, und damit verbunden die Fähigkeit zur Offenheit. Denn (wahre) Beziehung ist Offenheit schlechthin. Diese darf auf keinen Fall als ein Sich-alles-offen-halten verstanden werden. Die Unverbindlichkeit ist der Tod jeder Beziehung. Verbundenheit ist die Voraussetzung für eine Beziehung und um echte Offenheit zu leben. Nur in einer verbindenden, wertfreien Offenheit können wir den anderen wirklich sehen und hören. Alles andere ist keine Beziehung, sondern Selbstprojektion: von eigenen Einfärbungen, Mustern, Vorstellungen, Wünschen und Ängsten. Man sieht also nur sich selbst und nicht den anderen.

Aber so wie man eine Rechnung nicht ohne den Wirt machen kann, so kann man auch ohne ein Gegenüber keine Beziehung führen. Eine Sackgasse endet immer, ganz gleich wie lange die Straße auch sein mag. Wollen wir dieser Sackgasse entgehen oder sie sogar auflösen, so sollte unser Ich ausbaufähig bzw. lernfähig sein. Ein ausgebautes Ich meint in diesem Kontext, Wachstum zum DU und das Zusammenfließen in ein gemeinschaftliches WIR. Das Ende einer Beziehung kann so traumatisch und bewegend sein, dass wir zur Transformation bereit sind. Diese liegt im Loslassen und in der Annahme.

Das Loslassen sollte mit der Enttäuschung aller Trugbilder und falschen Vorstellungen, die ich von der Beziehung, von meinem Gegenüber und von mir selbst habe, einhergehen. Ist das, was dann noch bleibt, fern von Verlust- und Versagensängsten, von Kompensation und Selbsttäuschung, annehmbar und beziehungswürdig, so sollte man offen sein – dem anderen und sich selbst gegenüber. Der Offenheit dem anderen gegenüber geht eine Offenheit sich selbst gegenüber voraus. Nur wer sich selbst erkennt und sich selbst annehmen kann, kann sich auf einen anderen beziehen und dabei zugleich autark und autonom sein. In der Selbstannahme liegt der Schlüssel für eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Wer die eigene Freiheit noch nicht erreicht hat, wird auch die Freiheit einer harmonischen Beziehung nicht kosten. (Siehe Frage: Wie kann ich in einer Beziehung Freiheit finden?) Auf Grund des Selbstmangels ist man nicht nur emotional erpressbar, sondern bleibt trotz der Beziehung für sich alleine.

Die Frage letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens”. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis“. Foto: Elias Hassos | Titelfoto von Elly Fairytale von Pexels

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