Gemeinsam wachsen

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Wenn Yoga eine wichtige Rolle in Ihrem Leben spielt, ist es nur natürlich, dass Sie diese Begeisterung mit Ihren Kindern teilen und ihnen Yoga mit auf den Weg geben möchten. Je nach Alter und Naturell ist das allerdings manchmal gar nicht so einfach …

„Wie können meine Kinder von dem profitieren, was Yoga mir bedeutet?“ Eine Frage, die sich sicher viele Eltern stellen. Wenn man selbst erlebt hat, wie die Praxis den Körper kräftigt, den Geist beruhigt und das Leben leichter und tiefer machen kann, will man all das natürlich auch seinen Liebsten zugute kommen lassen – zumal Kinder und Jugendliche heute oft schon früh Stress und Leistungsdruck ausgesetzt sind und sich häufig (Smartphone und Co. sei Dank!) zu wenig bewegen. Es geht also um viel mehr als nur darum, ab und zu ein paar lustige Tier-Asanas auszuprobieren. Die amerikanische Yogalehrerin Lauren Toolin meint: „Als Eltern sind wir ja nicht nur dafür zuständig, dass unsere Kinder ein Zuhause haben, gut ernährt sind und mal in den Arm genommen werden. Wir helfen ihnen auch, ihren Charakter auszubilden und Fähigkeiten zu entwickeln, die sie in ihrem späteren Leben zu guten Entscheidungen motivieren.“ In dieser Hinsicht kann Yoga eine Art Schutzraum sein, eine stille Zuflucht oder auch ein Heiligtum, das einem ein Leben lang immer offen steht.

Die eigene Praxis teilen

Kinderyogakurse sind sicher eine feine Sache, aber mal gibt es gerade kein passendes Angebot, mal wäre die Yogastunde nur ein weiterer, schwer im Wochenplan unterzubringender Termin. Dabei geht es auch viel einfacher, denn was wirkt tiefer und nachhaltiger in der Erziehung als das tägliche Vorbild der Eltern? Kate Holcombe, Gründerin der Healing Yoga Foundation in San Francisco, hat in jungen Jahren in Chennai erlebt, wie ihr Lehrer, der berühmte T. K. V. Desikachar, sich zum Üben nicht hinter verschlossene Türen zurückzog, sondern inmitten seiner Familie praktizierte. Als sie selbst Mutter wurde, folgte sie seinem Beispiel. Sie ist sich sicher: „Yoga gehört ins Wohnzimmer, nicht ins Yogazimmer!“ Holcombes Söhne Calder und Hayes waren von klein auf dabei, wenn ihre Mama übte: „Am liebsten haben sie Dehnübungen mit mir gemacht. Wenn ich den herab-schauenden Hund übte, bestand ihr Lieblingsspiel daraus, so oft wie möglich unter mir hindurchzuschlüpfen, bevor ich in den heraufschauenden Hund wechselte. Und sobald ich auf dem Rücken lag, wollten sie natürlich, dass ich sie bäuchlings auf meinen Füßen als ‚Flieger‘ über mir schweben lasse.“ Irgendwann begannen die Söhne, auch komplexere Haltungen zu imitieren, die Mutter gab ihnen Tipps dazu, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ihnen zum Beispiel der Sonnengruß vertraut war. Am Abend rollte Kate Holcombe ihre Matte häufig im Kinderzimmer aus. Die Jungs sahen ihr im Halbdunkel aus ihren Betten heraus zu und lauschten ihrem Atem, bis sie irgendwann eingeschlafen waren. Holcombes Rat lautet daher: -„Anstatt sich die ‚Yogazeit‘ mühsam aus der ‚Familienzeit‘ herauszuschneiden und die Kinder als Hindernis oder Störfaktor zu empfinden, sollte man flexibel sein und die Praxis dem anpassen, was am besten zum Alltag und zu den Bedürfnissen der Kinder passt.“

Dabei ergibt es sich von selbst, dass man seinen Kindern das mitgibt, was man selbst lebt und praktiziert: Wenn Sie etwa ein Fan von Vinyasa-Sequenzen sind, werden ihre Kinder unter Yoga genau diese fließenden Bewegungen im Atemrhythmus verstehen lernen. Wenn Sie dagegen viel meditieren, dann werden ihre Kinder lernen, gemeinsam mit Ihnen still zu sein – bis es ihnen langweilig wird und sie lieber wieder spielen gehen. Und wenn Sie zuhause einen Altar haben, werden Ihre Kinder sicher mal Blumen dafür pflücken oder ein Bild malen wollen, das dort einen Ehrenplatz bekommt. Pandit Rajmani Tigunait, der spirituelle Leiter des Himalayan Institute in Pennsylvania, rät: „Lassen- Sie Ihre Kinder miterleben, dass Ihre Praxis Sie glücklich macht und erlauben Sie ihnen, daran teilzuhaben.“ Diese positiven Vorbilder und regelmäßigen Erfahrungen aus erster Hand führen nach seiner Auffassung fast automatisch dazu, dass Kinder erkennen, wie gut Yoga – in all seinen verschiedenen Spielarten – auch ihnen tun kann.

Einfach einsteigen

Eine der naheliegendsten Praktiken für Kinder ist sicher das Chanten. Egal ob Sie  gemeinsam die Songs von Ihrer Lieblings-Kirtan-CD mitschmettern oder Ihren Kleinen abends ganz leise einen vertrauten Sanskrit-Vers statt des Schlafliedes singen: Mantras haben einen tief besänftigenden Effekt – und Kinder spüren das intuitiv. Gleichzeitig sind Mantras und Legenden aus der Yogatradition der einfachste Weg, Kindern auch die philosophische und spirituelle Dimension näherzubringen. Falls Sie sich mit Texten wie der Mahabharata oder Ramayana beschäftigen, fallen Ihnen sicher eine Menge spannender Geschichten ein, die Ihre Kinder interessieren. Schließlich geht es da um superheldenhafte Götter, die sich mit mächtigen Dämonen herumschlagen müssen. Inmitten der farbenprächtigen Abenteuerlichkeit der Erzählung werden aber auch immer wichtige Themen diskutiert, darunter Glaube, Hilfsbereitschaft oder Selbstlosigkeit.

Kate Holcombe betont, wie wichtig es ist, Inhalte auszuwählen, die etwas mit den konkreten Erfahrungen der Kinder zu tun haben. Auch eine gut verständliche, altersgemäße Sprache und das gemeinsame Gespräch erleichtern den Zugang: „Mein Lehrer sagte immer: ‚Du kannst nur etwas anbieten, was die Hand auch ergreifen kann.‘“, so Holcombe. Als ihr Sohn Calder etwa 6 Jahre alt war und zu Unruhe und Nervosität neigte, zeigte sie ihm eine einfache Meditationstechnik. „Ich sagte: ‚Weißt du, was ich immer mache, wenn ich Angst bekomme? Ich lege eine Hand auf -meinen Bauch und lausche meinem Atem. Dann werde ich meistens ruhiger.‘“ (Siehe Kasten links.) Sogar Lektionen aus dem Yogasutra können für Kinder hilfreich sein, etwa wenn es um Konflikte und Missverständnisse geht – wichtig ist nur, dass man sie der kindlichen Erfahrungswelt anpasst.

In Indien ist es selbstverständlich, dass -Kinder schon früh an Yoga und Gebet heran-geführt werden und dadurch Spiritualität kennenlernen. T. K. V. Desikachars Sohn Kausthub berichtet: „Schon als Kleinkinder lernten wir, die Sonne als Quelle allen Lebens zu verehren.“ Mit 7 Jahren weihten ihn seine Eltern dann in eine Sonnenmeditation  namens Sandhyavandanam ein. Dazu gehören Surya Namaskar (Sonnengruß), -Prana-yama (Atemübungen), Nyasa (Gesten) und Mantras, die die Sonne bei Auf- und Untergang und mittags an ihrem Zenit ehren. Als er erwachsen wurde, praktizierte Kausthub zwar immer noch die selbe Meditation, doch erst jetzt begann er, die tieferen Dimensionen zu verstehen: „Irgendwann wird die  Meditation zu einer Metapher für die innere Sonne, man entwickelt sich also vom Äußeren auf das Innere zu.“ In einer ganz einfachen Variante könnte diese Praxis mit kleineren Kindern so aussehen: Beobachten Sie gemeinsam den Sonnenauf oder -untergang. Fragen Sie: „Was ist die Sonne eigentlich? Was tut sie für uns?“ Dann atmen Sie einige Male still und sprechen gemeinsam ein einfaches Gebet. Vielleicht so: „Danke, liebe Sonne. Du bringst so viel Licht in die Welt. Bitte bring auch Licht in mein Herz.“ Wenn Sie Ihren Kindern später einmal den Sonnengruß oder auch ein traditionelles Sonnengebet wie das Gayatri-Mantra beibringen, können sie an dieses Gefühl der Dankbarkeit und Hinwendung anknüpfen.

Spiel, Spaß und Herz

Wenn man Kinder für Asanas begeistern möchte, sollte die Praxis spontan und lustig sein. Kausthub Desikachar erinnert sich noch gut daran, wie sein Vater Asanas zu einem Spiel für seine Schwester und ihn machte: „Er erzählte uns zum Beispiel: ‚Hilfe, wir sind auf einer Insel gefangen! Was brauchen wir, um von hier wegzukommen?‘ Wir riefen: ‚Wir brauchen ein Boot! Wir brauchen eine Brücke!‘ Und er erwiderte: ‚Gut, dann zeigt mal mit eurem Körper, wie die aussehen.‘ Dabei ermutigte er uns immer, unsere Phantasie und Kreativität einzusetzen.“

Auch Indra Mohan, eine langjährige Schülerin von T. K. V. Desikachars Vater T. Krish-namacharya, hat Ideen für eine spannende, altersgemäße Praxis mit Kindern entwickelt. Für Kinder ab 6 Jahren empfiehlt sie, jeweils -mehrere Asanas (etwa eine Stehhaltung, eine Rück-beuge und eine Vorwärtsbeuge) spielerisch miteinander zu verbinden, um die Konzentration zu halten und Ablenkung zu vermeiden. Während des Übens helfen ein -Mantra oder eine Affirmation, die Ausatmung zu verlängern und zur Ruhe zu kommen. Ein guter Weg, Zugang zum Herzen zu finden, es zu öffnen und ein Gefühl sowohl der Eigenliebe als auch der Liebe zu einer wie auch immer -gearteten Göttlichkeit zu fördern, ist in ihren Augen eine Variation des Anjali-Mudra: Dabei öffnet man die vor dem Herzen aneinanderliegenden Hände in der Mitte, während sich Fingerspitzen und Handwurzeln weiterhin berühren – ein schönes Bild für das lebendig pulsierende, sich weitende Herz. Die meisten -Kinder sind nicht nur offen für diese spirituelle Dimen-sion, sie sehnen sich geradezu danach. In der oft nüchternen, entzauberten Welt der Erwachsenen fehlt ihnen
etwas ganz Wesentliches, zu dem sie später im Leben nur noch schwer einen natürlichen Zugang finden werden. Schon ein einfaches Ritual, das die aufgehende Sonne ehrt, ein regelmäßig wiederkehrendes Lied, ein vertrautes Mantra oder ein herzöffnendes Mudra sind ein Geschenk für ein empfindsames Kinderherz.

Atmen lernen

Die vielleicht einfachste und zugleich kraftvollste -Praxis, die Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben können, ist das Bewusstsein für den Atem. Die entspannte, tiefe Zwerchfellatmung ist die Grundvoraussetzung für alle subtileren Atemtechniken der Yoga-tradition. Sie aktiviert den Parasympathikus, fördert so innere Ruhe und Konzentration und mindert Ängste. Ishan ist als Sohn des heutigen Himalyan-Institute-Leiters Pandit Tigunait in engem Kontakt mit dessen Gründer Swami Rama aufgewachsen. Er erinnert sich: „Ich war ständig in Bewegung und sprang den ganzen Tag über von einem Ding zum nächsten. Swami Rama nannte mich ‚Mister Ablenkung‘. Am Abend war ich so überdreht, dass ich kaum noch in den Schlaf fand.“ Eine einfache Übung zur Zwerchfellatmung brachte für Ishan die Wende: Er bekam ein mit Sand gefülltes Kissen auf den Bauch gelegt und sollte beobachten, wie sich das Kissen mit der Einatmung hob und mit der Ausatmung senkte. „Heute bekäme ein Kind wie ich -vermutlich den ADHS-Stempel aufgedrückt“, überlegt Ishan. Er brauchte keine Tabletten: Nach einigen Monaten des Übens mit dem Sandkissen war die tiefe Zwerchfellatmung zum automatischen Atemmuster geworden. Ishans Konzentration verbesserte sich, und er schlief ruhiger. Im nächsten Schritt lernte er, die sanfte Berührung der Nasenspitze durch die Atemluft zu -beobachten, und irgendwann führte ihn sein Vater in die Meditation mit einem Mantra ein. Im Rückblick sagt Ishan: „Wenn man von klein auf in einen spirituellen Lebensstil eingebettet ist, fühlt man sich tief in seiner inneren Persönlichkeit verankert. Dadurch wird es selbstverständlich, den Weg zu verfolgen, zu dem man sich berufen fühlt. Diese tiefe Grundlage erreicht man durch die Basics – Sitzen, Atmen, Asana – aber ganz besonders durch die Meditation: Hier lernst du dich selbst kennen und erkennst, dass ein ruhiger, disziplinierter Geist dein wertvollstes Kapital ist.“

Inspirieren, nicht „erziehen“

Das alles geschieht natürlich nicht von heute auf morgen. Ishans Vater Pandit Tigunait rät, den Zugang zu Praxis und Philosophie langsam und Schicht für Schicht zu eröffnen. Das Maß sind dabei immer die Fragen der Kinder. Nichts sollte erzwungen werden, als Erwachsener bietet man lediglich Anleitung und Inspiration an. Dabei ist die beste Inspiration immer das eigene Vorbild. Ganesh Mohan weiß nicht nur als Sohn berühmter Yogaeltern, sondern auch als international tätiger Yogalehrer, wovon er spricht: „Nach meiner Erfahrung vermitteln diejenigen Eltern Yoga am erfolgreichsten an ihre Kinder, die selbst eine wirklich nachhaltige Praxis pflegen. Die Transformation deiner Eltern mitzuerleben, macht unweigerlich einen tiefen Eindruck auf dich.“ Auch die Yogalehrerin Lauren Toolin weiß: „Je öfter man sagt: ‚Mach das, das ist gut für dich‘, desto weniger Erfolg wird man bei seinen Kinder haben – erst recht bei Teenagern. Der Mensch lernt am meisten durch Beobachtung. Die Frage ist also: Nutzen Sie selbst Ihre Praxis so, dass Sie ein gutes Vorbild für ein Leben in Balance abgeben? Gelingt es Ihnen, so nachhaltige Effekte mit Yoga zu erzielen, dass es ein Teil dessen ist, wer Sie heute sind und wie Sie sich als Elternteil verhalten?“

Pandit Tigunaits wichtigster Tipp lautet: „Schaffen Sie durch Ihr eigenes Leben ein Umfeld, in dem auch Ihre Kinder ermuntert werden, über sich selbst nachzudenken. So entsteht ein Raum, in dem sie herausfinden können, wie unermesslich bunt das Leben ist und welcher Lebensstil, welche Werte, welche Glaubensgrundsätze und Praktiken sie am ehesten glücklich, gesund und erfüllt leben lassen.“ Das alles trägt das Potenzial in sich, nicht nur zum Besten Ihrer Kinder zu sein, sondern auch zum Besten der Welt, in der wir gemeinsam leben. Ishan meint: „Sobald du -beginnst, dich fest in dir selbst gegründet zu fühlen, können auch um dich herum wunderbare Dinge geschehen – denn du bereicherst und stärkst alles, was du berührst.“


Shannon Sexton schreibt als freie Autorin für Yoga- und Gesundheitsmagazine. Sie ist bekennender „Yoga Geek“ und erforscht die Wirkungen von Yoga und Meditation in verschiedenen Lebensbereichen. So wandte sie sich kurz nach Verfassen dieses Artikels der Frage zu, ob und wie das Singen von Mantras ihren neurotischen Hund therapieren könnte.

1 KOMMENTAR

  1. Vielen Dank, dieser Artikel hat mich zum Nachdenken gebracht über meine Yogapraxis und was ich für Erwartungen in meine Kinder setze, die sie unmöglich erfüllen können, weil ich kein Vorbild darin bin.

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