Gesellschaftlichen Druck loslassen? – Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Dr. MoonHee Fischer, promovierte Religionsphilosophin, im Bereich der alternativen Heilung tätig, auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Schreibe dafür einfach eine Mail an redaktion@yogaworld.deHeute fragt Bettina nach gesellschaftlichen Druck und dem Loslassen dieser.

Bettina: Als Frau soll ich die perfekte Mutter, perfekte Ehefrau, kreativ und selbständig im Beruf sein. Das ist doch utopisch. Wie kann ich mich dem gesellschaftlichen Druck? Um mich herum scheint alles perfekt zu laufen.

Das Gras ist immer grüner

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Das wissen wir und trotzdem fallen wir immer wieder darauf herein. Vieles scheint bei anderen besser zu laufen als bei uns selbst. Die anderen scheinen vom Glück mehr begünstigt und mit Eigenschaften gesegnet zu sein, die ihnen ein leichteres und erfolgreicheres Leben bescheren. Wenn dies aber der Wahrheit entspräche, müsste dann die Welt nicht wunderbar und friedlich sein? Und wie könnten wir es dann nicht sein? Denn Welt und Ich sind reziprok. Beide sind untrennbar miteinander verbunden und wirken wechselseitig aufeinander ein. Indem wir uns selbst verstehen, verstehen wir auch die Welt. Verstehen wir die Welt, verstehen wir uns auch selbst.

Sicherlich würden wir nicht sagen, dass die Welt perfekt sei. Und wenn die Welt nicht perfekt ist, wie können wir es sein? Wir alle sind ein Teil von ihr und stehen nicht außerhalb von ihr. Unsere Fehler sind die der Welt, so wie auch umgekehrt. Der Unterschied ist nur quantitativ und nicht qualitativ. Die Fehler selbst, ob klein oder groß, sind jedoch dieselben. Wir alle haben Fehler, Schwächen und vor allem Selbstzweifel. Manche können diese Tatsache nur besser verdrängen oder besser kaschieren als andere. Das Problem unserer Probleme ist, keine Probleme haben zu wollen und damit machen wir unsere Probleme größer als sie sein müssten.

Kein Leben ohne Schwierigkeiten

Schwierigkeiten gehören zum Leben und wenn wir das nicht akzeptieren können, dann sind wir verdammt, immer glücklich sein zu wollen. Und wir fühlen gesellschaftlichen Druck, alles richtig zu machen. Nicht nur, dass wir solch einem Druck nicht standhalten, ist dauerhaftes Glück absolut unmöglich. Selbst das Glück eines Erleuchteten liegt nicht darin, im ewigen Glück zu schwelgen und von allem Leid befreit zu sein. Seine Erleuchtung erfährt er in dem Wissen, dass weder Glück noch Leid beständig sind, denn alles was wird, vergeht. So hält er weder an dem einen noch an dem anderen fest.

Indem er die Dinge so lässt bzw. sie so nimmt, wie sie sind –mal sind sie gut, mal sind sie schlecht – entsteht beständiges Glück. Wahres Glück oder wahre Freiheit stellt sich nicht einfach durch Glück, einem Fern-sein von Sorgen und Leid ein, sondern durch Annahme. Paradoxerweise ist Annahme Loslassen. Das Loslassen geschieht nicht durch Entledigung, sondern durch vollkommene Akzeptanz.

Das Problem ist nicht von uns getrennt

Wir empfinden den Druck der Gesellschaft als erdrückend, aber wir alle tragen unseren Beitrag dazu bei. Wir alle sind gestresst, leiden an Überforderung und kompensieren unsere negativen Gefühle mit Forderungen an unseren Nächsten. Statt einem Mit – und Füreinander kämpfen wir gegeneinander. Obwohl wir alle im gleichen Boot sitzen. Haben wir aber kein Verständnis für andere, so hat auch keiner Verständnis für uns, denn jeder sieht ja nur sich selbst und seine eigenen Probleme. Dies führt bei jedem einzelnen zu größerer Unsicherheit und Unzufriedenheit. Beides erhöht das belastende Gefühl einer leistungs- und optimierungsorientierten Gesellschaft.

Wir können dem Druck der Gesellschaft niemals entfliehen, da wir ihn mitverschulden. Wie könnten wir über unseren eigenen Schatten springen? Wir können aber den äußeren Druck herausnehmen, indem wir den Druck bei uns selbst herausnehmen. Wenn jeder Einzelne ein wenig loslässt, entspannt sich auch der gesellschaftliche Druck im Allgemeinen. Das wiederum kommt mir zugute. Perfektion ist kein Maßstab, an dem wir uns mit anderen messen oder vergleichen könnten. Sie ist eine Haltung, die Dinge so sein zu lassen, wie sie sind. Nur so können auch wir, selbst so sein, wie wir sind.


Moonhee K. Fischer Satsang

Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und „Der Weg des Friedens„. Ihre Verknüpfung „spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch“ eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – „denn nichts existiert unabhängig voneinander“.

Portraitfoto von Elias Hassos

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