Gipfel der Erleuchtung

Klettern und Yoga im gemeinsamen Aufwärtstrend

Wer kennt sie noch, die Haudegen in Kniebundhosen und Tweed-Sakko? Ausgerüstet mit einem Hanfseil, ein paar Schlaghaken und dem Obstbrand für brenzlige Passagen… Oder die Flower-Power Pilger, die sich im Räucherstäbchendunst indischer Ashrams zur Erleuchtung verrenkten?

 von Andreas Pfanzelt

Alte Klischees, an deren Schwelle zur Überwindung der Klettersport ebenso wie Yoga inzwischen stehen. Was einst Verhaltensauffälligkeiten weniger Aussteiger waren, sind heute breitenwirksame Bewegungen. Unter Kletterern ist Tweed vom Textilgewebe zur digitalen Statusmeldung (Tweet) geworden, die Ausrüstung hat hoch technologisierte Sphären erlangt und in der Trinkpause gibt es nun Latte und Bio-Limonaden. Und Yoga hat es bis in die Manageretagen großer Konzerne geschafft. Die Kleidung ist hipp statt Hippie – schließlich muss man auch nicht mehr nach Indien aussehen oder dorthin reisen, denn Yogaschulen sprießen überall weiter wie Pilze aus dem Boden.

Vielleicht war es eben diese ähnliche Entwicklung der Kletter- und Yoga- Community, aus der Nische heraus zum Trend, die dazu geführt hat, dass sich inzwischen immer mehr Menschen an einer Kombination aus beiden Bewegungsformen interessieren. Das macht auch durchaus Sinn, denn Yoga und Klettern haben erstaunlich viele Gemeinsamkeiten, allen voran natürlich das Körpergefühl und die Beweglichkeit.

Klettern erfordert gute Körperspannung und Dehnbarkeit der Muskulatur. Asanas aus dem Hatha-Yoga, wie der nach unten schauende Hund (Adho Mukha Svanasana) oder die Standwaage sind dafür geradezu prädestiniert, denn durch die intensive Streckung verleihen sie dem Körper Länge und Gleichgewicht. Zudem bieten Haltungen wie der Held (Virabhadrasana) und die Kobra (Bhunjangasana) mit der Weitung des Brustraums einen idealen Ausgleich zur starken Beanspruchung der Schultermuskulatur beim Klettern. Andersherum kann für Yogaübende das Klettern durch die ganzheitliche Muskelbeanspruchung eine wunderbare Körpererfahrung sein.

Auch auf mentaler Ebene liegen Yoga und Klettern sehr nah beieinander. Konzentration und geistige Klarheit erleichtern sowohl die innere Einkehr auf dem Meditationskissen, als auch das Klettern in schwindelerregenden Höhen. Durch Regulierung und Vertiefung des Atems beim Klettern kehrt innere Ruhe nicht nur in den Muskeln, sondern auch im Geist ein. Dann kann Klettern gar zur Meditation werden und das passieren lassen, was wir im Alltag so oft vermissen: im Moment sein, frei sein von ablenkenden Gedanken, sich selbst vertrauen und die Intensität und Ursprünglichkeit der Situation spüren.

Dass die kletternden Yogis und yogischen Kletterer dieser Welt immer mehr werden, lässt sich an vielen interessanten Beispielen verifizieren – von Werbeaushängen in Kletterhallen für hauseigene „Yogakurse für Kletterer“, über Berghütten als Yoga-Retreat-Orte, bis hin zu kombinierten Yoga- und Kletterurlauben mit Sonne, Strand und Fels. Geschätzt dürfte es in Deutschland bisher mehrere zehntausend Menschen geben, die regelmäßig sowohl Yoga praktizieren, als auch klettern. Die Zahl derer, die diese Kombination ausprobiert oder zumindest Interesse daran hat, ist vermutlich noch um ein Vielfaches höher.

Heute sind Yoga und Klettern also leichter zugänglich, besser in den Alltag integrierbar und für den Lebensstil von deutlich mehr Menschen passend. Klar ist Klettern nicht gleich Klettern und Yoga nicht gleich Yoga. Darum lohnt es sich, Yoga und Klettern jeweils in den unterschiedlichen Nuancen zu erleben und damit die ideale Verbindung aus beidem für den eigenen Weg zum Gipfel der Erleuchtung zu finden.

 


kletternyogaAndreas Pfanzelt ist Vini-Yogalehrer in Bonn. Sein Anliegen ist es, Yoga alltagsnah zu gestalten und an die Voraussetzungen der Übenden anzupassen. Andreas ist Gründer von HOW IS THE COW, dem Reiseveranstalter für Genussreisen mit Themenbezug zum Yoga, Klettern und Kulinarik.

Weitere Infos zum Thema Yoga und Klettern unter: www.howisthecow.de

Titelbild via unsplash.com // Samantha Sophia

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