Hanumans Assistentin

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Mittlerweile haben die neuen Medien auch die „entschleunigte” Yoga-Community erreicht. Spätestens seit Kasey Luber, die rasende Videoreporterin, ein neues Geschäftsmodell entdeckt hat: Sie filmt bei Yogaveranstaltungen und veröffentlicht die Beiträge dann über Facebook. Als Hanumans Assistentin hat sie sich nicht nur in den USA einen Namen gemacht.

Ein schwarzer Blumenhaarreif in den hellbraunen Haaren, ein lila Oberteil zu pinken Leggings und braunen Stiefeln – so kommt mir Kasey Luber, sprühend vor Energie, in der Lobby des Hyatt Regency in San Francisco entgegengesprungen. Sie lächelt und winkt. Und läuft prompt an mir vorbei. Im Laufe des Tages werde ich lernen, dass Kasey eben ein bisschen verplant ist. Viele kennen sie und sie kennt fast alle. Im echten Leben hat sie allerdings die meisten noch nie gesehen – nur virtuell, im sozialen Netzwerk Facebook. Klar, dass solche Begegnungen eher oberflächlicher Natur sind und jemand, der über 4500 „Freunde“ hat, nicht jeden persönlich kennen kann. Doch der Bekanntheitsgrad wächst auf diese Weise schnell: Mit ihrer Kamera um den Hals und einem Programmheft in der Hand sieht man die kleine, zierliche Person bei fast jedem yogischen Event in Amerika herumflitzen. Dort versucht sie filmisch einzufangen, was für ihre 4500 Freunde – oder sagen wir eher Fans – sehenswert sein könnte. Um einen Eindruck von ihrer Arbeit zu bekommen, begleite ich die selbständige Videoreporterin einen Tag lang auf der YOGA JOURNAL Conference in San Francisco. Ich beobachte sie, als ihr Geschäftspartner Frank Marino ein einziges Mal zur Kamera greifen darf, um sie für eine Anmoderation zu filmen. Ich lache über sie, wenn sie sich auf den Boden wirft, um die paar Sekunden einzufangen, in denen eine Ausstellerin im Kopfstand steht. Den ganzen Tag hetze ich ihr hinterher, wenn sie die Hauptdarsteller ihrer Videos für ein spontanes Interview jagt: Die Yogalehrer versorgen Kasey mit O-Tönen zu den jeweiligen Events und sind froh, an ihrem eigenen Bekanntheitsgrad arbeiten zu können.

Bevorzugter Arbeitsplatz: die ganze Welt
Von morgens bis abends hüpft Kasey ohne Pause vom ersten in den zweiten Stock, von Konferenzsaal A zu Konferenzsaal B, von Shiva Rea zu Baron Baptiste. Sie ist ein aufgedrehter Typ und ihre Energie ist enorm. Als junges Mädchen hatte sie aufgrund von ADHS massive Schwierigkeiten, sich zu beruhigen. Yoga und Meditation haben ihr dabei geholfen. Zur College-Zeit begann sie mit Kundalini Yoga und ihre erste Indienreise mit 21 schürte das Yoga-Feuer noch mehr. Im letzten Studienjahr belegte sie zahlreiche Kurse in indischer Philosophie und Psychologie und zog nach ihrem Abschluss nach Los Angeles, um dort im Kundalini-Zentrum „Golden Bridge Yoga“ von Gurmukh Kaur Khalsa ihre Yogalehrer-Ausbildung zu machen. „Ich habe für kurze Zeit auch Kurse gegeben und fand es schön, etwa zehn Menschen zu unterrichten. Aber ich wollte mehr Leute erreichen. Schon zu dieser Zeit habe ich in meinen Träumen einen Upload-Button visualisiert, den ich drückte und damit Wissenswertes in die ganze Welt verbreitete.“

2005 begann sie bei Yogamates zu arbeiten, einem sozialen Online-Netzwerk für Yogainteressierte. Zusammen mit drei Kollegen nahm sie in verschiedenen Yogastudios Stunden auf, die sie auf der Internetseite veröffentlichte. Damals waren die Internetverbindungen jedoch noch nicht so schnell wie heute, YouTube war gerade erst gegründet worden und Facebook ein Netzwerk für College-Studenten. „Wir waren mit unserer Idee viel zu früh dran. Die Leute wollten lieber DVDs haben. Zu der Zeit bauten wir eine beachtliche Bibliothek an gefilmten Interviews auf.“ Während der Finanzkrise beschloss der Verleger, das Vlogging (Bloggen in Videoform) einzustellen. Kaseys Kollegen wurden entlassen, ihr bot man an, sie könne weitermachen, wenn sie die ganze Produktion selbst übernähme. Also fuhr sie alleine nach Washington DC, wo sie auf der Veranstaltung „Chant for Change“ zu Obamas Amtseinführung ihr erstes eigenes Video drehte. „Es war wirklich nicht gut, denn ich hatte absolut keine Ahnung, was ich da tat.“

50 Yogastudios in 50 Tagen
Um das Filmhandwerk besser zu lernen, ging sie im Sommer 2009 auf eine weitere Reise: 50 Yogastudios in 50 Tagen. Weil der Plan schnell in die Tat umgesetzt werden musste, blieb keine Zeit für einen Kurs in Videobearbeitung. „Ich habe das Schneiden quasi unterwegs gelernt. In jeder Stadt lief ich in einen Apple Store und ließ mir von den Mitarbeitern helfen.“ Als der Betrieb der Internetplattform Yogamates Anfang 2010 eingestellt wurde, reiste sie nach Indien und lernte dort die Organisatoren der Stiftung „Yoga Aid“ kennen. Die nahmen sie direkt unter Vertrag, die „Give Love“-Tour mit MC Yogi zu begleiten. „In diesem Sommer habe ich wie eine Irre gefilmt – um die 50 Videos. Zu dieser Zeit wurde mir bewusst, dass Videos die effizienteste Form von Marketing sind: Mit einer starken Videokampagne kann man viel bewirken. So sammelten wir für Yoga Aid 100.000 Dollar an Spenden.“ Nach einer Reihe weiterer erfolgreicher Projekte war Luber von den YOGA JOURNAL Conferences und den großen Festivals schon bald nicht mehr wegzudenken. Als Vorbild dient Kasey Hanuman. Der indische Affengott symbolisiert in der Rolle des göttlichen Dieners die Bedeutung der Hingabe. Kaseys Wunsch war es schon immer, möglichst vielen Menschen kostenlos Wissen anzubieten. Da sie jedoch selbst irgendwie ihren Lebensunterhalt verdienen musste, gründete sie ihre eigene Firma bighappyday.com. Was ursprünglich lediglich als Filmarchiv geplant war, wurde bald eine bekannte und auch rentable Website.

Einen Monat und 400 Videos später: Big happy day
Kasey entwickelte nach und nach einen Sinn für das Geschäftliche und kann sich mittlerweile zurecht als „Yogapreneur“ bezeichnen. (Dabei handelt es sich um eine amerikanische Wortschöpfung, die sich aus den Wörtern „Yoga“ und „Entrepreneur“, englisch für Unternehmer, zusammensetzt. Anm. d. Verf.) „Früher wollte ich selbst immer alles möglichst schnell und sofort. Aber auf einmal begann sich die Welt immer schneller zu drehen. Ich sah die Dringlichkeit, Menschen immer schneller mit Informationen zu füttern. Alle wollen schnelle und leicht verdauliche O-Töne, da sie immer weniger Zeit haben. Daher finden es die Leute aufregend, dass ich so schnell Videos produziere.“

Ein Herz für Anfänger
In Lubers vollem Terminplan ist selten Platz für ihre eigene Yogapraxis. Dennoch hat sie gerade an der „21 Day Yoga Challenge“ des amerikanischen YOGA JOURNAL teilgenommen und in regelmäßigen Abständen von ihren Erfahrungen berichtet. Eigentlich praktiziert sie hauptsächlich Bhakti Yoga, mit Power Yoga oder intensivem Vinyasa Flow kann sie nichts anfangen. Ob das kalifornische Yoga mit seinem Fitness-Charakter überhaupt mit dem eigentlichen Yoga-Gedanken zu vereinbaren ist? „Im Mittleren Westen der USA fühle ich den Unterschied: Hier sind die Menschen so weit weg von den großen Städten und dem ganzen Tamtam. Hier ist Yoga noch nicht ‚sensationalisiert‘. Ich war letzten Sommer in Wisconsin und eine Frau machte in einer Klasse ihren ersten Kopfstand. Es war wunderschön, das mit anzusehen. In LA versucht jeder, in möglichst ausgefallenen Posen möglichst gut auszusehen. ‚Model-Yoga‘ sage ich dazu. Da frage ich mich manchmal: Wo ist das Yoga für Leute wie meine Mutter? Ich gehe am liebsten in Anfängerklassen, weil ich den Geist des Anfängers faszinierend finde.“

Für heute hat sie genug gefilmt. Nun macht sie sich auf den Weg zu einem Abendessen, zu dem alle eingeladen sind, die zur diesjährigen Conference etwas beigetragen haben. Dort wird sie neben sich ihren Laptop abstellen, der die gefilmten Clips in das Schneideprogramm einspeist. Das dauert etwas und sie wird diese Zeit ausnahmsweise einfach nur dazu nutzen, in Ruhe zu essen und persönliche Gespräche zu führen – ohne Filmlinse dazwischen. Was für sie der schönste Moment der Conference war? „Als ich noch kurz Zeit hatte, mich in eine Stunde von Seane Corn zu setzen. Da war ich zwischen echten Menschen, die ich sonst nur per Upload-Knopf erreiche. Menschen, die teilweise gerade eine Veränderung in ihrem Leben durchmachen oder seit langem endlich einmal wieder etwas für sich getan haben. Das macht mich wirklich glücklich.“