Ist Hochsensibilität ein Trend? Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Philosophin Dr. MoonHee Fischer auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Stelle auch du MoonHee eine Frage! Schreibe uns dafür eine Mail mit deiner Frage an redaktion@yogaworld.de. Die Fragen werden selbstverständlich anonym behandelt. Wir veröffentlichen lediglich den Vornamen, wenn du damit einverstanden bist. Heute: Wieso steigt die Hochsensibilität?

Phuong: Ist Hochsensibilität ein emotionaler Trendzustand oder eine Folgeerscheinung einer kollektiven Sehnsucht?

Eine Folgeerscheinung der materiellen, schnelllebigen Welt scheint die steigende Sensibilität zu sein. Trotz der Zunahme von Egoismus und Oberflächlichkeit? Wie kann das sein? Schließt das eine das andere nicht aus? Sicherlich ist die Welt in den letzten Jahren bewusster geworden. Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Vegetarismus, fernöstliche Philosophien, Yoga, Superfood, Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Dazu kommt, dass die Zahl an Burnout und psychisch erkrankten Menschen weltweit zunimmt. Sind jedoch Überforderung und die Auseinandersetzung mit sich selbst und  das Scheitern mit sich und an der Welt weitreichende Indizien für eine hochsensible Gesellschaft?

Es ist auffallend bis tragisch, dass sensibel sein oft mit empfindlich sein verwechselt wird. Die Menschheit wird allgemein empfindlicher. Aber kaum sensibler. Wir sind weniger sensibel als empfindlich. Denn alles, was wir tun, machen wir für uns selbst. Alles was uns passiert, beziehen wir auf uns. Sind die Dinge nicht so, wie wir es wollen, haben wir das Recht uns zu beklagen.

Hochsensibilität – Eine Mangelerscheining

Wir sind großartig darin zu wollen, zu verlangen und uns zu bedauern. Immer fehlt uns etwas. Hingegen sind wir sehr schlecht im bedingungslosen Geben und  Teilen. Wir teilen dann gerne, wenn wir etwas dafür bekommen. Unsere gefühlte Sensibilität ist also keine echte, sondern eine Ich-bezogene Empfindlichkeit. Diese muss klar von Empfindsamkeit unterschieden werden. Bin ich wahrhaftig sensibel, dann bin ich empfindsam für die Bedürfnisse meiner Umwelt. Nicht nur für meine eigenen. Denn wahre Sensibilität impliziert Achtsamkeit, Respekt und Verständnis gegenüber dem Anderen. Ihr Fundament ist ein Dialog und kein Monolog.

Die Menschheit als Kollektiv, sowie der Einzelne leiden. Das ist nicht neu. Nur wird dieses Leid durch Schnelllebigkeit und Übermaß bewusster erfahren und die Sehnsucht nach Leidbefreiung wird spürbar stärker. Jedoch ist Leiden kein Parameter für Sensibilität. Wer leidet ist noch lange nicht sensibel. Leider leben wir in der Annahme, dass Sensibilität leidend macht. Aber Leid und Sensibilität schließen sich aus den oben genannten Gründen aus. Sensibilität führt nicht zu Leid, sondern transzendiert es. Wir leiden nicht an zu viel Sensibilität, sondern an zu wenig. Wären wir wahrhaft sensibel, dann wären wir gegenüber den Nöten der Welt viel empfindsamer. Denn sie krankt nicht am Leiden. Sie krankt an Mitgefühl und Lieblosigkeit. Wäre beides gegeben, so gäbe es auch kein Leid.

Die Frage letzter Woche


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein. Sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander. “Denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Portraitfoto: Elias Hassos | Titelfoto von Elina Sazonova von Pexels

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