Hormon Yoga – wie wirksam?

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Bei City Yoga Berlin unterrichtet die von Dinah Rodrigues zertifizierte Yoga-Lehrerin Lalleshvari Claudia Turske Hormon-Yoga und ist überzeugt davon, dass „HoYo“ eine echte Alternative zur künstlichen Hormontherapie ist. YOGA JOURNAL-Mitarbeiterin Diana Krebs experimentierte in einem ihrer Workshops mit Bhastrika-Atmung im Schulterstand und ihrem inneren Feuer.

Wer Lalleshvari Dr. Claudia Turske, Mitbegründerin von City Yoga Berlin, je in einer ihrer Klassen oder Workshops erlebt hat, vermutet kaum, dass diese bis in die Haarspitzen von Yoga beseelte Frau noch bis vor wenigen Jahren „von den Wechseljahren ausgehebelt“ war. So beschreibt sie die Zeit, in der sie die typischen Symptome wie Schlaflosigkeit, Depressionen, Haarausfall und Antriebslosigkeit fast in die Knie zwangen – und das trotz jahrelanger Yoga-Praxis. Auf der Suche nach einer Lösung ohne Hormonersatztherapie entdeckte sie Hormon-Yoga und ließ sich von der Begründerin Dinah Rodrigues zur Hormon-Yoga-Lehrerin zertifizierten. Die Autorin des Übungsbuches „Hormonyoga-Therapie für die Menopause“ ist heute ein lebendes Beispiel dafür, dass Frauen in den Wechseljahren weder ihre Weiblichkeit noch ihre Energie einbüßen müssen. Das erfährt jeder, der einen ihrer Workshops besucht.

Samstagmorgen, Berlin Mitte, es ist 8.30 Uhr. Nicht gerade die Uhrzeit, in der ich normalerweise mein inneres Feuer mal eben so entfache. Doch genau das ist mein Ziel und Basthrika, eine Pranayama-Übung, soll mir dabei helfen. Unsere Kursleiterin Lalleshvari Dr. Claudia Turske übersetzt Bhastrika mit „Blasebalg-Atmung“: durch die Nase stoßartiges Ein- und Ausatmen in den Bauch. Im Augenblick jedoch würde ich noch nicht einmal ein trockenes Birkenblatt zum Brennen bringen. Meine Atmung gleicht mehr einem Hecheln. Dazu kommen hebelartige Auf- und Abwärtsbewegungen der Arme, die den Körper aufwärmen und die Atmung unterstützen sollen. Die erste Begegnung mit Hormon-Yoga scheint erst einmal kompliziert und komplex. Und ich frage mich ernsthaft, ob mir je ein geschmeidiger Praxisablauf ­gelingen wird. Doch Lalleshvaris Assistentin Annette nickt mir aufmunternd zu: „Das geht am Anfang allen so.“ Nun gut, im Augenblick sind die Wechseljahre bei mir noch kein wirkliches Thema. Für meine Eierstöcke habe ich mich auch noch nie sonderlich interessiert – obwohl mir hormonelle Beschwerden alles andere als fremd sind. Regelmäßig plagt mich das ­Prämenstruelle Syndrom, das mich in schlechten Zeiten in den vorübergehenden Wahnsinn treibt. Und auch hier kann Hormon-Yoga Linderung ­verschaffen, ebenso bei Schilddrüsenunterfunktion, Migräne, Stresszuständen oder nicht erfülltem Kinderwunsch.

Ursprünglich wurde Hormon-Yoga entwickelt, um Wechseljahrsbeschwerden ohne Medikamente zu trotzen. In den Wechseljahren kommt es zu einem Absinken des Hormonspiegels. In den Eierstöcken werden immer weniger Sexualhormone produziert. Diese Disbalance versucht das Gehirn auszugleichen, was Jahre dauern kann. Durch die zurückgehende Hormonproduktion in den Eierstöcken sinkt der ­Östrogenspiegel, gleichzeitig steigt die Follikel-stimulierende Hormonkonzentration. Das Ungleichgewicht verursacht die typischen Symptome wie beispielsweise Schlaflosigkeit, Depressionen oder Rückgang der Libido. In Deutschland war und ist die Hormontherapie (HT), also die tägliche Einnahme von künstlichen Hormonen, die häufigste Therapieform für Frauen nach der Menopause und in den Wechseljahren. So galt die Einnahme von Hormonpräparaten wie Östrogen-Gestagen-Kombinationen lange als eine Art universelles Allzweckmittel für Frauen mittleren Alters. Nicht nur wurden sie bei Wechseljahrsbeschwerden wie Hitzewallungen, depressive Verstimmungen oder Haarausfall empfohlen, sondern auch zur Vorbeugung von Herzerkrankungen und Osteoporose. Für die Langzeitfolgen einer solchen hormonellen Behandlung interessierte sich lange Zeit niemand wirklich. Erst in den letzten Jahren werden Sinn und Zweck der Hormontherapie eingehend und heftig diskutiert. Zündstoff lieferten beispielsweise die Studienergebnisse der nordamerikanischen Women‘s Health Initiative (WHI) oder der britischen „Million Women ­Study“. Ziel dieser Studien war es, Risiken und Nutzen einer HT bei Frauen in der Menopause und den Wechseljahren zu ­dokumentieren.

Die Ergebnisse dieser lang angelegten Studien riefen tatsächlich eine neue Herangehensweise im Umgang mit der HT auf den Plan. Denn es stellte sich heraus: Gesunde Frauen, die auf eine künstliche HT zurückgriffen, zeigten eine erhöhte Anfälligkeit für Herzinfarkt, Schlaganfall und Brustkrebs bei gleichzeitigem Rückgang des Risikos für Darmkrebs und Knochenfrakturen. Unsere Kursleiterin Lalleshvari konnte bereits auf eine langjährige Yoga- und Meditationspraxis zurückblicken, als sie sich mit Anfang 50 – auf der Höhe ihres Schaffens, wie sie uns erklärt – mit den typischen Symptomen wie Schlaflosigkeit, Hitzewallungen, Depressionen und Haarausfall konfrontiert sah. So kam die gebürtige Schweizerin zum Hormon-Yoga, ließ sich von Dinah Rodrigues zertifizieren und steht heute dank regelmäßiger Praxis mit beiden Beinen wieder fest auf der Erde. Und sie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Hormon-Yoga heilen kann.

Prana neu entfachen
Lalleshvari ist überzeugt davon, dass Hormon-Yoga eine echte Alternative zur künstlichen HT ist. Durch die direkte Massage verschiedener Organe durch Asanas in Kombination mit einer besonders dynamischen Atemtechnik und Energielenkung soll neues Prana entstehen und den Eierstöcken zugeführt werden. Da die Eierstöcke eng mit der Hypophyse und der Schilddrüse verbunden sind, werden im Hormon-Yoga diese beiden Organe ebenfalls stimuliert. In verschiedenen Fallsstudien hat Dinah Rodrigues die Wirksamkeit von Hormon-Yoga bei Wechseljahrsbeschwerden, aber auch Depressionen, Migräne und Unfruchtbarkeit dokumentiert.

Auch Lalleshvari hat in den vergangenen Monaten beobachten dürfen, wie Frauen ihre Workshops zwar mit großer Neugier, aber auch ebenso großer Skepsis besuchten. Die überwiegende Mehrheit von ihnen ging aber mit einem freudigen Lächeln und „dicken Eierstöcken“, wie sie sagt, nach Hause. Mittlerweile kann Lalleshvari von zwei Frauen aus ihren Kursen berichten, die wider ärztlicher Erwartung durch Hormon-Yoga schwanger wurden. Frauen, die regelmäßig Hormon-Yoga praktizieren und einmal die Woche in die Klasse kommen, fühlten sich gesamthaft besser und schöner. „Seit dem Hormon-Yoga-Workshop im letzten August und dem häufigen Praktizieren in den Wochen danach, setzt meine Menstruation regelmäßig – zum Teil auf den Tag genau – ein. Ich lebe zum ersten Mal seit Jahren mit einem funktionierenden Zyklus“, berichtet beispielsweise eine Workshop-Teilnehmerin in Lalleshvaris Blog.

Die Workshop-Gruppe an diesem Wochenende setzt sich aus Frauen zwischen Anfang 30 und Ende 50 zusammen und mit ihnen die Liste der hormonellen Beschwerden: Menopause-Symptome, Wechseljahrsbeschwerden, PMS- und Menstruationsprobleme, Migräneanfälle, Schilddrüsenunterfunktion.

Die Übungsreihe im Hormon-Yoga beginnt mit Aufwärmübungen für Schultern und Hüften in Kombination mit Bhastrika und Ujayii. Im anschließenden Hauptteil bauen wir Prana durch Atemübungen in verschiedenen Asanas auf. Diese Energie wird durch Konzentrationsübungen und Setzen von Bandhas zu den Eierstöcken, der Schilddrüse oder der Hypophyse gelenkt. Zerlegt in ihre Einzelteile würden mir die Übungen besser gelingen. Ich spüre, wie meine Gesichtszüge einfrieren beim Versuch, Basthrika in der Kerze zu atmen. Doch wie es scheint, bin ich nicht die Einzige, die dreinblickt wie eine entschlossene Amazone. Immer wieder nimmt uns Lalleshvari durch humorvoll-ironische Bemerkungen die Strenge aus dem Gesicht, was uns zum Kichern bringt. Wir lachen überhaupt sehr viel während dieses Wochenendes. Der Spaßfaktor in der Hormon-Yoga-Praxis ist Lalleshvari wichtig, keine Frage.

Hormon-Yoga zeigt seine Wirkung auf die unterschiedlichste Weise, das spüren wir schnell. Einige sind tief erschöpft und müde und sehnen die Mittagspause herbei. Andere wiederum sprühen vor Energie und Tatendrang. Neben der Müdigkeit spüre ich, wie meine Schilddrüse – ein Organ, dem ich bis vor diesem Workshop noch nie bewusst Aufmerksamkeit geschenkt habe – reagiert. Das ganze Wochenende über werde ich von einem nicht zu stillenden Hungergefühl heimgesucht. Dahinter steckt wohl der in Fahrt gekommene Stoffwechsel. Nach der Mittagspause folgen Entspannungsübungen, die mich aus einem tiefen Formloch holen und bei Stress, Schlaflosigkeit oder Müdigkeit helfen sollen.

Anfängern empfiehlt Lalleshvari, die ganze Übungsreihe zu praktizieren. So lernt man den Ablauf kennen und kann herausfinden, welche Übungen wann gut tun. Geübte können nach einiger Zeit den Schwerpunkt auf die Stimulierung derjenigen Organe verlegen, die Beschwerden bereiten.

Hormon-Yoga: Nicht für jede Frau
Die Workshops bei Lalleshvari sind Voraussetzung, um an der wöchentlichen Hormon-Yoga-Klassen teilzunehmen. Vor Beginn eines Workshops wird per Fragebogen der gesundheitliche Zustand der Teilnehmerinnen abklärt. So verschafft sich Lalleshvari ein Bild darüber, mit welchen Belangen die Frauen zu ihr kommen – und ob sie eventuell nicht am Workshop teilnehmen dürfen: Bluthochdruckpatientinnen etwa oder Frauen mit hormonabhängigen Tumoren. Denn Hormon-Yoga wirkt sich ungünstig auf diese Erkrankungen aus, lässt beispielsweise den Bluthochdruck steigen oder den Tumor wachsen.

Gerade Frauen, die über keinerlei Yoga-Erfahrung verfügen, fehlt es an Beweglichkeit und Dehnbarkeit der Körpermuskulatur. Damit es nicht zu Verletzungen kommt, achtet Lalleshvari auf eine ganz genaue Ausrichtung des Körpers in den Übungen. Überhaupt wacht sie mit Argusaugen während des gesamten Workshops darüber, dass es uns allen gut geht: Sie bremst falschen Ehrgeiz aus und findet Alternativen, wenn wir eine Asana nicht so praktizieren können, wie es der Ablauf vorsieht. Überhaupt betrachtet sie die richtige Ausrichtung des Körpers als ebenso wichtig wie die Hauptaspekte des Hormon-Yogas. Viele Frauen, die Lalla in ihren Workshops zu Gesicht bekommt, verfügen nämlich über keinerlei Yoga-Erfahrung. Nicht selten sind sie übergewichtig oder klagen über Beschwerden in den Gelenken oder im Rücken. Sie selbst hat sich vor Jahren ihre Knie verletzt beim Versuch, den Lotossitz einzunehmen. Sie sei einfach überehrgeizig gewesen, sagt sie heute. Zwar schmerzen ihre Knie heute immer noch, aber sie weiß mittlerweile damit umzugehen – nämlich durch eine präzise Körperausrichtung.

Ganzheit erfahren
Am Ende des zweiten und letzten Workshop-Tages bin ich zwar immer noch nicht nicht ganz firm im Zusammenspiel von ­Bhastrika und Asanas. Aber ich ahne, wohin die Reise geht. Ich bin energiegeladen und guter Dinge, mein Bauch fühlt sich zufrieden an. In den darauffolgenden Tage finde ich genügend Zeit, neben meiner üblichen Heimpraxis auch Hormon-Yoga zu praktizieren. Nach einem langen Arbeitstag am Schreibtisch sind die Übungen eine wahre Wohltat. Normalerweise ist mir ein „aufgeblasener Bauch“ im Alltag lästig. Wie so viele andere Frauen bin ich darauf bedacht, meinen Körpermitte schön flach zu halten. Immer wieder erwische ich mich tagsüber dabei, wie ich den Bauch einziehe. Im Hormon-Yoga komme ich damit aber nicht durch. Bhasthrika weitet den Bauch und lässt die normale Atmung tiefer werden. Ein Gefühl von Ganzheit stellt sich bei dieser intensiven Atmung ein, das mir draußen – „in der Welt der flachen Bäuche“ – oft abgeht.

Eine Woche nach dem Workshop setzte übrigens meine Periode ein – seit langer Zeit wieder auf den Tag pünktlich und ohne die üblichen Stimmungsschwankungen und lästigen Wahrnehmungsverschiebungen im Vorfeld. Zufall? Ich kann es noch nicht sagen, aber das ist auch nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist mir, dass ich durch HoYo, wie Hormon-Yoga bei City Yoga genannt wird, eine Erweiterung meiner Yoga-Praxis erfahren habe – und die scheint nebenbei auch noch meine hormonellen ­Beschwerden zu lindern. Wie praktisch!

Foto: Jenny Siebold


Diana Krebs hat Religionswissenschaften und Geschichte studiert, lebt in Berlin, hat einen Sohn und setzt sich leidenschaftlich gerne mit Yoga auseinander – auf der Matte als auch in den Schriften. Die größte Herausforderung besteht für sie im Augenblick darin, yogische Grundsätze mit den Anforderungen des Alltags zu vereinen – und findet, dass sie dafür hin und wieder einen Orden verdient hätte.

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