Interview: Ang Lee – „Diese Geschichte trifft den Kern unseres daseins.“

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Ein Junge, ein Boot, ein Tiger: Die Geschichte von 
Pi Patel, der 227 Tage allein mit einem bengalischen Tiger über den Pazifik driftete, bewegte in Yann Martels Bestseller „Schiffbruch mit Tiger“ bereits Millionen Leser. Oscar-Gewinner Ang Lee verfilmte die Reise
 zu sich selbst nun als großes Abenteuer in 3D. Eine Geschichte um Hoffnung, Mut und die Kraft des Geistes.

„Schiffbruch mit Tiger“ ist bereits so etwas wie ein moderner Klassiker. Warum wollten Sie ihn verfilmen?

Ich habe mich in das Buch verliebt, als es in den USA herauskam, ohne gleich an einen Film zu denken – und das, obwohl die Geschichte sehr visuell geschrieben ist. Erst später kam die Idee auf, dieses fantastische Buch als Film einem noch größeren Publikum zugänglich zu machen. Ich hatte das Gefühl, Pis wunderbare Reise teilen, sie filmisch umsetzen zu müssen. Ich war fasziniert von der Geschichte und wollte den Film schaffen, den das Buch verdient.

Was hat Sie inspiriert?
Für mich handelt das Buch von unserer Liebe, unserer emotionalen Verbindung zum großen Unbekannten. Ich finde es faszinierend, weil es ums Geschichtenerzählen geht und die Frage, warum das Erzählen von Geschichten unserem Leben Bedeutung verleiht. Wir müssen für uns selbst einen Sinn schaffen, uns mit etwas verbinden und diese Geschichte tut das. Das versuche ich auch mit meiner Arbeit. Es ist ein wunderbares Erlebnis, im Kino gemeinsam der Entwicklung einer Geschichte zu folgen – und was für einer Geschichte: Ein Junge und ein Tiger suchen gemeinsam mitten auf dem Ozean nach einer Möglichkeit zu überleben.

Eine sehr aufbauende Geschichte…
Gute Geschichten sind immer aufbauend, weil sie uns bewegen. „Life of Pi“ berührt die Gefühle und nimmt uns mit auf eine Reise. Ein Film muss dich von einem Ort zu einem anderen bringen. Teile des Buches sind sehr emotional, aber für mich ist es vor allem fantasievoll und verrückt. In mir hat es nicht nur Emotionen geweckt. Es ist etwas Großes, Abstraktes dahinter, das mich berührt. Der Erfolg des Buches beruht nicht nur auf Humor und Weisheit, die auf dieser wunderbaren Reise eine tragende Rolle spielen, sondern auf seiner Allgemeingültigkeit.

Was können wir aus Pis Reise lernen?
Wir erleben, wie ein Junge zum Mann wird und lernt, die Natur zu respektieren. Das ist nicht Disneyworld da draußen, nicht wie in den meisten amerikanischen Filmen. Es geht um (Ehr-)Furcht vor der Natur, vor wilden Tieren.

Wie denken Sie über die spirituelle Dimension der Geschichte?
Wie Pi, der die verschiedenen Religionen ausgekundschaftet hat, versuchen wir alle, einen Sinn im Leben und der Religion zu finden. Aber Religion kann das nicht mehr leisten. Es gibt so viele Konflikte in der Welt, die ihre Ursache in der Religion haben, dass wir meiner Meinung nach Gemeinsamkeiten brauchen, etwas, das verbindet. Das Buch schafft so etwas. Pi liebt jede Religion und sieht darin kein Problem. Wenn er dann allein auf den Ozean hinausgeschleudert wird, muss er sich mit der Natur und Gott als abstrakter Idee auseinandersetzen. Es gibt plötzlich keine organisierte Religion, keine Gemeinschaft, keine Beziehung zu anderen Menschen. Er muss seine eigene Gesellschaft erschaffen, sich um seine Zurechnungsfähigkeit kümmern. Das Thema der Geschichte trifft den Kern unseres Daseins. Das macht sie so universell und erfolgreich. Yann Martel hat mir erzählt, dass er ein philosophisches Buch für Erwachsene im Sinn hatte, das aber auch bei Kindern ankommt. Der Film ist mehr als ein Abenteuer, er wirft die Frage auf: Können wir etwas glauben, was wir nicht beweisen können? Unsere Beziehung zu Gott – unser Glaube – das ist eine emotionale Bindung, nichts, was auf Wissen oder Beweisen gründet. Ich hoffe, dass der Film auch eine Provokation ist und Gespräche darüber auslöst, worum es eigentlich geht.

Was bedeutet Spiritualität für Sie?
Glaube ist schwer fassbar. Die Quelle alles Materiellen kommt aus dem Nichts. Die Essenz des Lebens ist nicht materiell, sie ist eine Illusion. Manchmal glaube ich, dieser Illusion eher trauen zu können als dem realen Leben, das voller Täuschung und Vertuschung ist. Illusion ist nicht nichts – dieser Ansatz ist es wert, untersucht zu werden. Ich bin nicht besonders religiös. Aber wir müssen uns mit Fragen wie der nach Gott und der Ursache unserer Existenz auseinandersetzen. Heutzutage ist es schwer, darüber zu sprechen, weil nichts bewiesen werden kann. Die Vorstellung, das Leben bestünde aus nichts als Fakten und Gesetzen, lehne ich ab. Ein Leben ohne Spiritualität ist Dunkelheit und wäre absurd für mich. Ob man das jetzt Illusion oder Schicksal nennen will, wir haben diese emotionale Verbindung zum Ungewissen. Und es liegt in unserer menschlichen Natur, immer mehr darüber herausfinden zu wollen…

Gibt es ein gemeinsames Thema, einen roten Faden in Ihrem Werk?
Ich glaube, alle meine Filme handeln von verlorener Unschuld. Pi hat seine Familie und den Zoo verloren und muss allein auf dem Ozean mit der Natur klarkommen. Wir alle kennen solche Momente der verlorenen Unschuld, wenn wir anfangen müssen, erwachsen zu werden, ob wir wollen oder nicht. Einerseits wollen wir unabhängig sein und uns von unseren Eltern lösen, andererseits weigern wir uns, erwachsen zu werden, wollen Kinder bleiben. Die Menschen erhalten sich ihre kindlichen Seiten, müssen sich aber auch dem Leben stellen und reifer werden. Wenn das Schiff untergeht, beginnt Pis Lektion über das Erwachsenwerden und über die Realität der Welt.

Sie haben die Rolle des Pi mit Suraj Sharma besetzt, einem 17-Jährigen, der noch nie zuvor geschauspielert hat. Und er ist überwältigend.
Er ist ein Naturtalent! Ich habe ihn aus Tausenden Jungen ausgewählt und war von Anfang an überzeugt von seiner natürlichen Ausstrahlung und Präsenz. Er konnte nicht schwimmen, hatte vorher nicht einmal das Meer gesehen und musste vorab ein dreimonatiges straffes Trainingsprogramm absolvieren. Ich habe ihm selbst Schauspielunterricht gegeben; er ist unglaublich und wird eine große Zukunft haben.

Was bedeutet es für Sie, als Lehrer mit Schauspielern wie Suraj zu arbeiten?
Lehren ist lernen. Wenn ein junger Schauspieler dir vertraut, ist das etwas ganz Besonderes. Die Beziehung zwischen Regisseur und Schauspieler ist eine Koexistenz, man lernt voneinander, wächst miteinander, jenseits der Grenzen der sprachlichen Kommunikation. Das ist sehr Zen. Diese besondere Kommunikation muss man pflegen und respektieren. Als Regisseur gibst du dein Bestes, aber du kannst es nicht allein schaffen. Ich danke Schauspielern wie Suraj für ihr Talent und dafür, dass sie mir zuhören.

Mit jedem Film schenken Sie uns ein volles Spektrum menschlicher Erfahrungen. Wie möchten Sie als Filmemacher gesehen werden?
Ich würde mich freuen, wenn ich als Diener des Filmemachens gesehen würde, als Vehikel. Die Filme, die ich mache, wählen mich – nicht umgekehrt. Ich bin das Medium, ihr Diener.