Interview mit Deva Premal & Miten – Teil 2

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Heile (die) Welt

Als sich die aus Nürnberg stammende Deva Premal und der britische Rockmusiker Miten Anfang der 1990er-Jahre in Oshos Ashram trafen, begann eine der größten Erfolgsgeschichten der spirituellen Musik. Der Sehnsucht ihrer Anhänger nach einer heilen Welt begegnen die Weltstars mit der Kraft der Mantras – und mit Visionen, die bis in die Weltpolitik reichen.

Welche Kraft können Mantras in unserer Gesellschaft entwickeln? Und warum scheint im Westen das Interesse an Musik aus der eigenen spirituellen Tradition zu schwinden?

Miten: Zunächst können Mantras keiner Organisation zugeschrieben werden – keine Religion hat Ansprucht auf ihre Kraft. Als eigenständige, uralte Heilsysteme gab es sie lange vor der Religion des Hinduismus. Das Gayatri zum Beispiel ist ein Gebet ans Licht. Wie auf jedem spirituellen Weg muss man ihre Kraft vollständig erfahren haben und damit eine neue Welt entdecken, in der Hingabe, Ekstase und wissenschaftliche Forschung Hand in Hand gehen. Eine Gemeinschaft, die heilende Mantras singt, erfährt Transzendenz. Dazu sind kein bestimmter Glaube und keine bestimmte Kultur notwendig. Es geht einzig um die persönliche Erfahrung und die Chance, das Tempo des Lebens eine Weile zu verlangsamen.

Deva Premal: Stress kommt daher, dass wir mit der Geschwindigkeit, die die Welt uns vorgibt, nicht mithalten können. Ohne nachhaltige Entspannungspraxis wenden wir uns Drogen, exzessiver Internetnutzung oder anderen Zerstreuungen zu, die an das Unbewusste appellieren. Das erzeugt nur noch mehr Stress. Wir laufen quasi auf Dauerbetrieb, und die Mantras bieten einen Rückzugsort.

Allerdings sind auch viele Menschen skeptisch, ihre eigene Stimme zu erheben. Sie finden, dass sie nicht singen können, und wollen zum Teil nicht zum Yoga, weil sie Angst haben, es dort zu „müssen“.

Miten: Traurig, aber wahr. Wir haben uns damit von einem ganz einfachen Ausdruck von Lebensfreude entfernt. Wenn wir singen, sind wir „nackt“, können uns nicht verstecken und fühlen uns der Bewertung anderer ausgesetzt. Ziemlich Angst einflößend! Was wir aber auf unseren Retreats und Konzerten beobachten, ist, dass wir durch das Singen beginnen, unsere Verletzlichkeit zu genießen und uns eins mit den anderen zu fühlen. Das schafft ein liebendes, harmonisches Umfeld.

Meditiert ihr persönlich lieber im Stillen oder mit Musikbegleitung?

Miten: Bei uns kann sich die Meditation zu jeder Zeit und in jeder Situation einstellen, egal, was wir gerade tun. Nonstop Bhakti Yoga! Es geht nicht nur um die Dauer einer Yogastunde oder eine Praxis, die mit einem Gongschlag beginnt und endet: Meditation ist eine Vollzeitaktivität und, wenn man seinen Weg gefunden hat, eine sehr leichte und heilsame Art zu leben. Mantra und Singen öffnen die Tür zu einer inneren Welt, in der wir Frieden mit uns selbst schließen können. Der Geist kann sich eine Weile zurückziehen und wir fühlen den Raum zwischen den Zeilen. Genau dort liegt die Magie.

Vor einigen Monaten berichteten wir im YOGA JOURNAL über „Black Yoga“, einen Stil, der zu Heavy Metal Musik praktiziert wird. Die Schüler erzählten, dass sie durch die Ansprache ihrer dunklen Seiten Katharsis erlebten. Was glaubt ihr, was Menschen in eurer Musik suchen und finden?

Miten: Wir hören oft, dass Menschen in Devas Stimme Trost finden, was nicht mit jeder Musik leicht ist. Im Mainstream will Musik meistens Gefühle ausdrücken und damit das Herz bewegen. Deva singt jedoch ohne jeden emotionalen Input, ihre Absicht ist nicht, jemanden aufzuwühlen. Sie greift von einer tieferen Ebene aus auf ihre Stimme zu, jenseits von Herz und Gefühlen. Die Musik kommt aus der Stille und kehrt dorthin zurück. Menschen erzählen uns, dass sie entscheidende Momente ihres Lebens mit unserer Musik begleiten: Geburt, Tod, Sex. In diese Intimität eingeladen zu werden, lässt uns sehr demütig werden.

Haltet ihr Mantra-Singen für eine Kunst?

Deva Premal: Nein, in der Mantra-Praxis hat Kunst keinen Platz. Es geht uns nicht darum, mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu beeindrucken. Wir wollen Botschafter sein, keine Künstler. Gott ist der Künstler. 

Welches ist euer Lieblingsmantra?

Miten: Das Gayatri-Mantra ist unsere Basis und bildet die Tragflügel, auf denen wir durch die Welt reisen. Es fließt quasi durch Devas Adern, und obwohl ich sie es über die Jahre unzählige Male habe singen hören, gab es keine Gelegenheit, an dem es mich nicht tief berührt hätte.   

Letzte Frage: Braucht die Welt mehr Mantra?

Deva Premal und Miten (gleichzeitig): Absolut!

Miten: Mantras fördern Mitgefühl, Vergebung und Verständnis. Lasst die ganze Welt Mantras singen! Wir brauchen sie mehr denn je. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Wir persönlich sind sehr von der globalen Krise und dem Schaden betroffen, den wir Mutter Erde und unserer eigenen Umwelt angetan haben. Die Menschheit scheint verrückt geworden zu sein. Aber lasst Putin, Trump und Merkel gemeinsam das Gayatri-Mantra rezitieren – dann würde etwas völlig Neues passieren!


Die Welt braucht mehr Mantra: Davon sind Deva Premal und Miten überzeugt – und mit ihnen Millionen von Anhängern auf der ganzen Welt.

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