Kann ich zu viel Empathie empfinden – wie viel Einfühlungsvermögen ist gesund?

Heute beantwortet Dr. Moon Hee Fischer die Frage: “Welches Maß an Einfühlungsvermögen ist es sinnvoll zu zeigen? Für jemanden mit einem guten Gespür für Systeme und Mitmenschenkann ich auch zu viel Empathie haben?”

Es liegt im Wesen des Guten, dass es vom Guten nie ein Übermaß geben kann. Ein Zuviel des Guten kann nie schaden. Hingegen ist schon die kleinste Dosis vom Schlechten falsch.

Unabhängig von den persönlichen Fähigkeiten ist ein gutes Einfühlungsvermögen oder Empathie in jedem Lebensbereich und für jeden Menschen wichtig. Ohne das Vermögen, sich in andere Menschen und Situationen einfühlen zu können, ist jede Art von Beziehung früher oder später zum Scheitern verurteilt – auch die zu sich selbst. Das Maß, in welchem wir uns in uns selbst einfühlen bzw. uns selbst (er)fühlen können, ist das gleiche, in dem wir andere (er)fühlen können. Denn jede Beziehung fängt bei einem selbst (Ich) an, geht dann zum Anderen (Du) und kehrt als WIR zu einem zurück. Wie man in den Wald ruft, so kommt es wieder heraus.

Begrenzt ist das Leben, doch unerschöpflich die Liebe.

Ihara Saikaku

Einfühlungsvermögen ist jedoch kein Deal. Nicht: “Ich fühle dich, dann musst du mich doch auch fühlen; und sehen, was meine Bedürfnisse sind”, sondern: “Ich fühle dich, weil Du ein Teil von mir bist.” Alle Wesen sind mit ihrer Umwelt verflochten. Je weiter oder offener der Bewusstseinshorizont, desto sozialer und gemeinschaftsfähiger sind wir. Wir sind keine Maschinen, die mechanisch aufeinander reagieren – wir sind menschliche Wesen, die lebendig miteinander interagieren. Menschen sind Gefühlswesen. Das bringt Freude und Leid mit sich. So sehr wir uns eine leidfreie Welt wünschen, bedeutet Leid aber auch Lebendigkeit und Tiefe. Ein Universum bestehend aus reinem Glück und Freude, wäre bloß ein trunkener Rausch, in dem alle Verschiedenheit aufgehoben würde. Nichts hätte einen Eigenwert, alles wäre ein einziger Brei. Die Welt wäre nicht rund, sondern flach.

Leid gehört zum Leben wie der Atem. Auf dem Weg des tiefen Fühlens und des Miteinanders geht es nicht darum, Leid zu bekämpfen, es ist das Wissen über die rechte Einstellung zum Leiden, das uns frei macht. Leid existiert. Die Frage ist nicht: Wie kann ich mich vor Leid schützen, die Frage ist: Wie gehe ich mit Leid richtig um? Was kann ich tun, um es in etwas Gutes zu wandeln?

Noch mehr Satsang-Fragen und Antworten von Moon Hee findest du hier.


Satsang

Dr. Moon Hee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung.

Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens.” Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander.”

Titelbild: Anastasia Shuraeva via Pexels


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