Kinderyoga gehört den Kindern – von Andrea Helten

Kinderyoga ist ein wunderbares Tool, um Kindern sowohl yogische Haltungen als auch Achtsamkeit zu vermitteln. Das wissen natürlich in allererster Linie auch Yogalehrer*innen – und sie sind es, die ihre Kids in den Kinderyoga-Unterricht schicken oder gemeinsam mit ihnen zu Eltern-Kind-Yoga-Workshops kommen. Warum das meist wunderbar, manchmal jedoch problematisch ist, erklärt die Gründerin von Kinderyoga Berlin, Andrea Helten.

Kürzlich war es wieder einmal soweit: Nach der langen Pandemie-Zwangspause fand einer unserer beliebten Eltern-Kind-Yoga-Workshops in Präsenz statt. Die Kinder sind hier ab vier Jahre alt und jedes kommt mit jeweils einem Elternteil. So ist der Fokus aufeinander noch intensiver, gelingen Partner-Übungen und eine abschließende Partner-Massage zu einer innigen Verbindung. Neben sechs anderen Paaren hatte sich für dieses Mal auch eine Yogalehrerin mit ihrer siebenjährigen Tochter angekündigt. Sie schrieb mir vorher eine Mail, in der sie ihren Beruf nannte und sich daher besonders über mein Angebot und auf die gemeinsame Zeit mit ihrer Tochter auf der Yogamatte zu freuen schien. Sie teilte mir noch mit, dass Mutter und Tochter zuhause eher Schwierigkeiten hätten, gemeinsam Yoga zu machen, da die Kleine nicht so richtig bei der Sache wäre. Als wir uns dann am Workshop-Tag im Raum befanden, starteten wir nach einer kleinen Vorstell-Einheit erst einmal mit einer Runde wildem Tanzen sowie einem Gruppen-Spiel. Ich beginne die Familienyoga-Workshops stets so, damit sich Groß und Klein im fremden Raum wohlfühlen und die anfängliche Aufregung in einer neuen Gruppe durch Lachen und Bewegung auf ein Minimum reduziert wird. Schon an dieser Stelle spürte ich, dass die Yogalehrerin diese Spiele eher befremdlich fand – aber sie machte mit ihrer Tochter natürlich mit. Und diese hatte sichtlich Freude!

Wenn Eltern die Intention des Kinderyoga missverstehen

Als wir dann mit dem Asana-Part begannen und uns alle in eine Katze verwandelten, sah ich es: Während alle anderen Teilnehmerinnen katzenhafte, relativ freie Bewegungen machten, instruierte die Yogalehrerin ihre Tochter leise, möglichst korrekt die Vorderseite des Körpers zu strecken und anschließend die Wirbelsäule im Katzenbuckel zu runden. “Steißbein Richtung Boden, nimm das Kinn zur Brust”, hörte ich sie leise instruieren, und sie legte zur Verdeutlichung eine Hand an den unteren Rücken ihrer Tochter. In der anschließenden Stellung “Hund” ging es noch weiter: Aus ihrer “Hund-Haltung” heraus flüsterte die Mutter ihrem Kind zu, die Beine etwas zu beugen, damit der Rücken mehr in Streckung käme. Während wir anderen in ein lautes Bellen und Jaulen einstimmten und ein Bein hoben, um “an den nächsten Baum zu pullern”, konnte ich sehen, dass die kleine Tochter der Teilnehmerin durch die Anstrengung, möglichst korrekt den dreibeinigen Hund auszuführen, zusehends weniger Freude hatte.

Aktion Kleine Helden 2022
Kinderyoga mit Andrea Helten – Dieses Bild entstand während einer Stunde der Aktion Kleine Helden 2022 – Foto: Nela König

“Und denkt daran, beim Kinderyoga wie auch beim Eltern-Kind-Yoga geht es nicht um das korrekte Ausführen der Haltungen”, sagte ich an niemanden spezifisch gewandt, während ich selbst mein anderes Bein hob, um nochmals zu “pinkeln”. Nach dem Asana-Part folgte die Partnermassage – das Highlight jedes Eltern-Kind-Yoga-Workshops! Erst massierten die Mütter die Hände ihrer Kids, dann wurde gewechselt und die Kinder massierten liebevoll die Hände ihrer Mamas. Ein magischer Moment, wenn die Entspannung und Verbindung im Raum so greifbar ist. Die besagte Mama, die Yogalehrerin, schien nicht so richtig zufrieden mit den Massagekünsten ihrer Tochter zu sein und wies ihre Kleine leise an, trotz meiner eigenen Anleitungen. Als wir uns nach der Massage und einer Runde Kuscheln wieder im Sitzkreis zur Feedback-Runde wiederfanden, sah ich in leuchtende Augen von Groß und Klein. Auch der Tochter der Yogalehrerin hatte es richtig gut gefallen, “vor allem die Massage”. Nur ihrer Mama äußerte sich kritisch: “Ich fand, es war insgesamt zu wenig Yoga”.

Auch Eltern wollen “gesehen” werden

Ich habe noch lange nach dem Workshop an ihre Worte denken müssen. Und ich habe verstanden, dass auch Eltern sich beim Eltern-Kind-Yoga-Workshop “gesehen” fühlen wollen. Und mittlerweile meine Inhalte so nachjustiert, dass auch die Eltern auf ihre Kosten kommen.

Die Erwartungshaltung macht den Unterschied

Und dennoch macht dieses Erlebnis deutlich, dass wir alle nicht frei von Erwartungshaltungen zum Yoga gehen. Und naturgemäß ist die Erwartungshaltung an den Kinderyoga bei praktizierenden Yogalehrer*innen eine andere als bei Kids, die schon im Kindergarten mit Yoga in Berührung kommen.

Jede*r, der Yoga für Erwachsene unterrichtet, ist es gewohnt, dass 90 Minuten lang nur die eigene Stimme zu hören ist. Und man kann sicher sein, dass die Schüler*innen im Raum die Asana-Folge bestmöglich mitmachen – eben soweit es ihre Körperlichkeit zulässt. Es geht um die korrekte Haltung, um den richtigen Atemrhythmus – und am Ende liegen alle entspannt in Savasana. Glücklich darüber, für einige Minuten wirklich im Flow gewesen zu sein, bevor das Kopfkino wieder beginnt.

In Andrea Heltens Kinderyogastunden geht es sehr lustig zu. Hier ein Foto von der “Aktion Kleine Helden 202” Foto: Nela König

Im Kinderyoga geht es nicht um die korrekte Haltung

Beim Kinderyoga dagegen geht es laut und wild zu – und eine gute Kinderyogalehrer*in ermuntert ihre kleinen Schüler*innen sogar, sich aktiv einzubringen. Es geht ums Miteinander, vielleicht um eine kleine Rahmengeschichte, in der die Grundwerte des “Ahimsa” vermittelt werden. Und natürlich geht es darum, zum ersten Mal im “Hund” kopfüber zu stehen (und das auch kurz auszuhalten). Wir verwandeln uns in fauchende Kätzchen und hüpfende Frösche. All das ist spielerisch und hat mit korrekter Haltung recht wenig zu tun (es sei denn, es wird gefährlich), mit Flow dagegen umso mehr!

Die Verbindung macht’s im Eltern-Kind-Yoga

Beim Eltern-Kind-Yoga dagegen steht die Verbindung auf der Yogamatte im Vordergrund: Groß und Klein berühren sich – auf körperlicher Ebene, aber eben auch darüber hinaus. Und das ist der wesentliche Aspekt im Kinderyoga, den wir Kinderyogalehrer*innen vermitteln wollen: Auf der Matte die größtmögliche Freude zu erleben. Die Yogamatte als Ort zu erleben, an dem ich “Ich” sein kann – denn dann kehren wir als Erwachsene hier vielleicht wieder zurück.

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Im Kinderyoga die unbegrenzte Freiheit erleben

Ich bin mir ganz sicher, die eingangs beschriebene Yogalehrerin wusste es nicht besser und sie hat keinesfalls böswillig gehandelt: Sie hat das gemacht, was sie gut kann und was durch ihre Tätigkeit von ihr normalerweise verlangt wird: zeigen und instruieren, wie Yoga funktioniert. Leider begab sie sich mit ihrem Kind jedoch wieder in die Rolle der Lehrerin und nicht, wie es wünschenswert wäre, auf Augenhöhe, auf ein “Du und Ich”. Und die Tochter erlebte ein “Richtig” und “Falsch” auf der Yogamatte.

Auch im Kinderyoga erleben wir es, dass Kinder zu uns geschickt werden, um etwas zu erreichen: Der Kleine soll sich besser konzentrieren können, abends leichter einschlafen und weniger herausfordernd im Alltag sein. Auch hier besteht eine gewisse Erwartungshaltung an den Kinderyoga seitens der Eltern. Versteht mich nicht falsch: Yoga ist wundervoll! Achtsame Übungen können schon bei kleinen Kindern positive Effekte haben. In allererster Linie soll Kinderyoga aber – ihr wisst es bereits – Freude machen. Und die wird getrübt, wenn Eltern Kindern ihre Erwartungen überstülpen, wenn Kinder schon beim Kinderyoga nach ihren Leistungen bewertet werden.

Also: Lasst die Kids beim Yoga ihre eigenen Erfahrungen machen! Lasst sie sich austoben, ausprobieren, spüren und entfalten. Lasst sie wenigstens ein kleines bisschen Freiheit erleben. Denn die offenen Räume zur freien Entfaltung sind heutzutage so rar geworden. Das ist doch ein guter Schritt in eine glückliche Kindheit. Und eben auch ein glücklicher Start in das Erleben von Kinderyoga.


Andrea Helten ist Gründerin von Kinderyoga Berlin, Kinderyoga-Lehrerin, Autorin von “Yoga für dich und dein Kind” und “Yoga mit der Maus” (gerade im April erschienen), Produzentin umfangreicher Online-Weiterbildungen und Chefredakteurin von PLUS.Kinderyoga.de. Sie hat sich auf Eltern-Kind-Yoga, kreativen Kinderyoga und Teen-Yoga spezialisiert und liebt es, ihr umfangreiches Wissen an so viele Menschen wie möglich weiterzugeben. Über 10 Jahre arbeitete Andrea als MTV-Redakteurin. Insofern ist ihre große Leidenschaft für Musik natürlich auch in ihrem Yoga-Unterricht zu spüren. Mehr zu Andrea findest du auf Kinderyoga Berlin und @kinderyogaberlin //

Fotos: Nela König


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