Kolumne: Energy? Drink!

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Gesellschaftlicher Schmierstoff oder gefährliche Droge? Beim Thema Alkohol lautet die Antwort ganz klar: beides! Kann der Drahtseilakt zwischen Genuss und Gefahr gelingen? Unsere Kolumnistin versucht sich dran.

„Dichte Aromatik von reifem Kern­obst, dazu zarte Anklänge von Mandeln und Akazienblüten …“ „Intensives Rubinrot, feine Röstaromen, eleganter Geschmack von Schwarzkirschen und Waldfrüchten …“ Müssen Sie auch innerlich die Augen verdrehen, wenn Sie über solche Beschreibungen von Chardonnay und Pinot Noir stolpern?

Ich ja nicht, ich finde die super! Ich habe an VHS-Weinseminaren teilgenommen, Winzer in der Wachau besucht, beim Rheingau-Gourmet-Festival den Ausführungen von Sommeliers gelauscht und bin bei einem Online-Weinhandel als Stammkundin registriert. Kurz: Ich liebe Wein, genieße ihn oft und gern.

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn manchmal ist der kühle Weiße auch ein Mittel zum Zweck – er bringt mich auf Partys in Stimmung, entspannt mich nach einem stressigen Arbeitstag und macht aus mir einen deutlich geselligeren Menschen, als ich es von Natur aus bin. Und das ist natürlich gefährlich, denn Alkohol ist nun mal ein Nervengift mit Suchtpotenzial, dessen Konsum in Deutschland rund 74.000 Mal tödlich endet (Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). Weil ich das weiß, mache ich so ziemlich jeden Test, den ich zum Thema Alkoholismus finden kann und bekomme stets das Ergebnis: „Joa, geht gerade noch, aber aufpassen sollten Sie schon …“ Damit liege ich im Trend, denn gerade Frauen in mittleren Jahren trinken hierzulande oft mehr, als ihnen guttut.

Hilft nix, zu denen gehöre ich, und darum lege ich alljährlich eine mehrwöchige Alkohol-Pause ein, um zu kontrollieren, wie es mir ohne geht und um meinem Körper Erholung zu gönnen. Und er dankt es mir schnell! Schon nach wenigen Tagen schlafe ich besser, fühle mich fitter, straffer und beweglicher, habe weniger Appetit auf fettig-salzigen Mist und mehr Lust auf Obst und Gemüse. Partys fallen mir gar nicht so schwer, höchstens vielleicht am Anfang, wenn ich schnell in den Feier-Modus wechseln möchte, und am Ende, wenn alle um mich herum wirre „Weisheiten“ von sich geben oder lustige Balztänze erfinden und ich mich ein wenig fehl am Platz fühle. Aber hey – so merke ich wenigstens, wann es Zeit ist zu gehen und werde am nächsten Tag mit einem klaren Kopf belohnt. Kurz: Ich bin deutlich energiegeladener als sonst in diesen abstinenten Wochen.

Tja. Wenn das alles so super ist, wa­rum fange ich dann jedes  Jahr wieder an zu trinken? Zumal Rausch und Yoga ja nun mal so gar nicht zusammenpassen, führt bei letzterem der Weg zur Klarheit und Erkenntnis doch unter anderem über Selbstbeherrschung und eben nicht das unbekümmerte Nachgeben solcher
Gelüste.

Aber kennen Sie das? Manchmal bastelt man sich aus verschiedenen Positio­nen seine eigene Philosophie zurecht und passt sie hübsch dem eigenen Lebensstil an. In meinem Fall mündet das mitunter in Gedanken wie diesen: Womöglich liegt manche Klarheit auch im Nebel, womöglich birgt der Rausch eine spezielle Form von Energie. Keine körperliche, klar. Aber vielleicht eine emotionale? Ich werde nicht die einzige sein, die unter Alkoholeinfluss schon mal hemmungslos Tränen vergossen oder fremde Menschen umarmt hat. Sind diese Gefühlsausbrüche künstlich? Irgendwie ja und irgendwie nein. Fakt aber ist: Die Emotionen sind ja ganz offensichtlich in mir. Und darum sind sie auch wahr. Alkohol verschafft mir einen Zugang zu ihnen. Sicher nicht den gesündesten, vernünftigsten, aber einen eben doch. Auch die ganz eigene Energie eines leicht aus dem Ruder geratenen, weinseligen Abends unter Freunden ist eine, die ich nicht missen möchte.

Vielleicht rede ich mir das natürlich nur schön. Und vielleicht ist das sogar okay. Dazu eine kleine Anekdote: Eine Freundin schlich sich einst während eines Ashram-Aufenthalts nachts vor die Tür, um heimlich eine Zigarette zu rauchen, als der Sohn des Gurus sie dabei erwischte. Anders als befürchtet, rügte er sie nicht, sondern schürte ein Feuerchen und brachte ihr ein Kissen, auf dem sie es sich bequem machen konnte. Seine Erklärung: „If smoking is still your desire, why not make it comfortable?“ („Wenn du noch das Verlangen hast zu rauchen, warum machst du es dir dabei nicht gemütlich?“) Insofern verzeihe ich mir meine Lust am Trinken, behalte sie aber im Auge. Und zum Bier- oder Wein-Yoga (ja, gibt’s beides!) zieht es mich sowieso trotzdem nicht. Denn Taube, Krieger, Baum & Co. genieße ich dann doch lieber mit klarem Kopf.


Besonders leicht fiel CARMEN SCHNITZER ihre Alkohol-Auszeit 2017 auf Bali, wo die Auswahl an spritfreien Getränken im Lokal so verlockend war (Lemongrass-Splash! Drachenfrucht-Saft!), dass sie ihren geliebten Riesling kein bisschen vermisste.

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