Lebe ich zu “unyogisch”?

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Jeder, der Yoga übt, wird über kurz oder lang mit der Frage konfrontiert: Ist meine Art zu üben, zu leben, mich zu verhalten jetzt „yogisch“ oder nicht? Womöglich findet sie jemand „total unyogisch“? Die Ansichten darüber, was mit Yoga vereinbar ist und was nicht, gehen weit auseinander. Geld, Genuss und Geselligkeit oder puristisches Asketenideal?

So vieles läuft mittlerweile unter dem Namen Yoga, dass man es fast nicht glauben kann. Alles Yoga? Normalerweise versucht die Kolumnistin sich – aus Gründen des inneren Friedens – aus diesen Überlegungen herauszuhalten, doch kürzlich musste sie dann doch Korkklötze staunen: Eine (ebenso echte wie ernst gemeinte) Facebook-Anzeige lud ein zu „Pop-up-Yoga & Wein“ auf einem Weingut. Yoga und Wein? Geht’s noch??? Hektisch suchte ich nach dem Moralischen-Zeigefinger-Emoji in Facebooks erweiterter Palette – nichts. Nur „gefällt mir“, „Love“, „lachend“, „erschreckt“, „traurig“ und „wütend“. Die Qual der Wahl.

Versuchen wir es mal basisdemokratisch: Der Ex-Werberin in mir „gefällt“ die Idee, die weibliche Wein-Zielgruppe mittels Yoga auf ein Weingut zu locken. Aber dieser Teil meiner Historie spielt irgendwie auf der bösen Seite der Macht. Zum „Lachen“ ist die Veranstaltung schon. Aber lachen kann man ja auch zynisch. „Erschreckt“ bin ich von der fast „wütend“ machenden Dreistigkeit, Yoga derart zu instrumentalisieren. „Traurig“ ist, dass ich offensichtlich eine Spaßbremse bin. Der „Love“-Button ist der schwierigste: Könnte ich doch innerlich mein Bhakti-Mood per Knopfdruck aktivieren und Yogis und Winzer gute Menschen sein lassen. Ich brauche Hilfe. Ich brauche: ein illustres Kaffeekränzchen.

Yogisch oder nicht yogisch – das ist hier die Frage
Schwarzwälderkirschtorte (ohne Schuss), Blümchen-Porzellan, die Kolumnistin und die Herren Patanjali und Svatmarama. Ich schenke nach, verteile sahniges Gebäck (vor allem Svatmarama mag es süß und milchig) und schaue dann erwartungsvoll in die Runde. „Alles, was den Geist von Klarheit entfernt, ist nicht hilfreich“, beginnt Patanjali die Diskussion. Svatmarama nickt. „Mein Guru sagt: Dicker Kopf am Morgen bringt Kummer und Sorgen.“ Logo. Mit Kater geht keiner gern auf die Matte und Pranayama mit Fahne – ach herrje!

„Das heißt, das, was den Geist klärt und fokussiert, ist yogisch. Alles andere nicht?“, hake ich nach. Patanjali seufzt. „Kennst du nicht mein Sutra? Ich dachte, mittlerweile sei es mehrfach übersetzt und verlegt? Yoga ist der Zustand, in dem vollendete Klarheit ungezügeltes Denken ersetzt. Man muss verschiedene Dinge etablieren: Achtsamkeit und Friedlichkeit im Umgang mit anderen, Disziplin und Zufriedenheit im Umgang mit sich, ein Gefühl von Mitte über das Körperbewusstsein, einen langen, ruhigen Atem und Kontrolle über die Sinne. Dann beginnt die eigentliche Übung des Yoga – ich nenne sie die Innere – man konzentriert sich auf eine Sache, meinetwegen ein Mantra, dann bleibt man dabei, bis du nicht mehr ein Mantra rezitierst, sondern mit dem Mantra verschmilzt.“

Svatmarama fuchtelt mit der Gabel. „Genau. Mein Guru sagt, alles, was krank macht und ablenkt, ist dem Yoga nicht förderlich: Menschenmengen, Reisen, Bäder vor Sonnenaufgang im kalten Fluss, Frauen …“. Er stockt und lässt die Gabel sinken. „Frauen?“, frage ich. „Wir Nath-Yogis lebten in einer Männergemeinschaft“,erklärt Svatmarama. „Frauen sind eine ungemeine Ablenkung.“ „Für den, der seine Sinne noch nicht beherrschen kann,“ erwidere ich schnippisch. Patanjali grinst. Svatmarama stimmt zu: „Die Sinne sind wie Pferde vor einem Wagen. Wir müssen unseren Verstand wie Zügel einsetzen, geleitet von unsererinneren Wachheit, damit wir zum Ziel kommen.“ „Also kein Kaufrausch im SSV?“, frage ich geknickt. Patanjali räuspert sich: „Was du kaufst, macht dich nur scheinbar glücklich. Aber diese Dinge sind nicht von Bestand. Es ist Un-Wissen, Banales für Glücklichmacher oder Vergängliches für Beständiges zu halten. Daraus entsteht Leid.“ (Ich scanne im Geiste meinen sehr gut gefüllten Kleiderschrank und muss ihm recht geben … so viel und nichts anzuziehen.) „Leid ist also unyogisch?“ „Natürlich ist es das. Der Yogi strebt nach dem Einssein. Das ist zu abstrakt, um verständlich zu sein. Aber stell dir vor, es wäre so, wie der Zustand von Verliebtheit. Man fühlt sich komplett, mit allem und jedem.“ Svatmarama setzt seine Tasse ab. „Mein Guru sagt, dass durch das Üben von Yoga – Asana, Pranayama, Mudra – der Geist in den Zustand vollendeten Glücks kommt. Aber erst nachdem die Knoten durchstoßen sind.“ „Was für Knoten?“, frage ich. Svatmarama und Patanjali schauen sich vielsagend an und antworten im Chor: „Deine inneren Schweinehunde, Abgründe und schlechten Eigenschaften. Deine Ängste, Vorurteile und Angewohnheiten.“ Au Backe!

Yogis suchen das Glück
„Wisst ihr“, gebe ich in die Runde zu bedenken, „heutzutage und außerhalb der indischen Gesellschaft stellen wir uns viele Fragen in Bezug auf das richtige Verhalten im yogischen Kontext. Alkohol hatten wir schon. Dann ist da Ernährung – vegan oder vegetarisch? Darf ich mich für Yogaunterricht bezahlen lassen? Und wie ist das mit Sex?“ Svatmarama prustet Krümel über den Tisch; Patanjali haut ihm auf den Rücken und antwortet, während der andere noch hustet: „Nun, bei der Ernährung halte ich mich strikt raus, Diskussionen über Götter und das, was auf den Teller kommt, enden immer im Streit. Statt rigider Vorgaben rate ich meinen Schülern dazu, auf sich zu achten. Alles, was krank und müde macht, vom Yoga üben abhält, ist hinderlich.“ „Was ist mit Ahimsa?“, kontere ich. „Guter Punkt,“ lobt Patanjali: „Wer niemanden und nichts schädigt, der lebt in einer friedlichen Welt.“ „Also doch besser fleischlos?“ Ich lasse nicht locker. Patanjali schaut fragend auf Svatmarama. „Mein Guru empfiehlt passende Nahrung. Fleisch ist nicht dabei. Eher proteinreiche Hülsenfrüchte, einige Gemüse und Obst sowie Süßes und Milch.“ Mir scheint, auch für die alten Meister ist das Thema zu komplex für eine einfache Antwort.

Ist eine einfache Antwort möglich?
„Wie weit kann ich mich von euren Lehren entfernen – und übe immer noch Yoga?“ Die Herren schauen mich verständnislos an. „Ist zum Beispiel jede achtsam ausgeführte Körperbewegung Asana?“ Svatmarama düster: „Die Dunkelheit ist zurück!“ Patanjali sinniert: „Nun ja, ich sage zwar nur, dass eine Asana eine Körperhaltung ist, die stabil und einfach zu gleich ausgeführt wird – jedoch zählt der Effekt. Entspannung in Anstrengung zu spüren, heißt, zwei Gegensätze zusammenzubringen, sodass Einheit fühlbar wird. Darin versenkst du den Geist und bekommst eine Idee …“ „Aber kann ich das nicht auch beim Tennis?“ „Vielleicht. Doch Asana ist nur ein Teil von Yoga. Asana ist Yoga, aber Yoga nicht nur Asana. Du reduzierst ja Tennis auch nicht auf den Ball. Und definierst danach jeden Ball als Tennis!“ Svatmarama ergänzt: „Die Sache ist die: Yoga entsteht nur durch das Üben von Yoga. Wir können ihn nicht begreifen oder erklären, denn Yoga steht außerhalb des logischen Denkens. Yoga hat eine eigene Realität. Alles, was so ist wie immer, kann also kein Yoga sein. Und jetzt hör auf zu fragen und übe lieber. Dann kommen die Antworten ganz von selbst.“

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