Willkommen in der Illusion

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Müssen Yogis leiden, um zu wachsen? Vielleicht sind wir gar nicht so besonders, wie wir manchmal denken. Es geht uns nicht anders als allen Menschen.

Ich zucke immer zusammen, wenn ich westliche Yogalehrer erzählen höre, dass der sogenannte spirituelle Weg oft sehr schwierig und voller Leid ist. Manchmal scheint es, als ob es eine Art Olympiade gäbe: Je schwerer das Schicksal, desto größer der spirituelle Fortschritt. Ich teile diese Sicht nicht unbedingt. Im Herkunftsland des Yoga hat man eine eher entspannte Haltung dazu.

Sowohl bei den Buddhisten als auch bei Hindus erzählt man sich Geschichten von Narada. Für die einen war er ein Schüler des Buddha, für die anderen ist er der Götterbote, der oft mit Krishna unterwegs war und von ihm lernte. Auf einem dieser Spaziergänge bat er seinen Lehrer einmal, ihm das Wesen und Geheimnis der Maya zu erklären, der Schöpfung in der wir leben, und in der unser Bewusstsein so befangen ist: „Wie kann denn alles Illusion sein?“, fragte er Krishna. „Das kann man nicht so einfach erklären“, antwortete der. „Man muss es erfahren, um es zu verstehen. Aber könntest Du mir erstmal ein Glas Wasser holen? Ich bin nämlich etwas durstig.“ „Gerne, Meister!“, sagte Narada und machte sich auf den Weg zum nahegelegenen Fluss. So kennen wir das ja. Erstmal macht es uns Spaß neue Entdeckungen zu machen, und wir nehmen dafür auch in Kauf, dass wir unsere Yogamatte ausrollen müssen. Oder wie in Naradas Fall, dem Lehrer einen Gefallen tun. Wie lange hält unsere Praxis dann?

Narada kam schnell am Fluss an, an dem gerade eine reizende junge Frau einen schweren Krug mit Wasser füllte. „Kann ich ihnen helfen das zu tragen, meine Liebe?“ fragte er. Die Schöne nahm sein Angebot an und lud ihn gleich zu sich ins Dorf ein, worüber er sich natürlich sehr freute. Und wie es dann in solchen Geschichten ist, heirateten sie, zogen zusammen in ein wunderschönes Haus und bekamen Kinder. In manchen Versionen der Geschichte brachte er es sogar zum Häuptling des Dorfes. Alles lief wundervoll, und Narada genoss das Familienleben, bis nach zwölf Jahren ein großer Regen den Fluss über das Ufer treten ließ und das Dorf bedrohte. Wir brauchen keine große Phantasie, um uns zu denken, wie die Geschichte ausging. Narada versuchte seinen Besitz, seine Frau und die Kinder durch die Flut zu tragen. Und er verlor eines nach dem anderen. Hilflos musste er zusehen, wie erst sein Gold, dann seine Kinder und zuletzt seine Frau weggespült wurden. Alle Versuche, sie und sich selbst festzuhalten, waren erfolglos, denn er kämpfte gegen eine Kraft, die größer war als er. Erst als er den letzten Ast, an den er sich noch geklammert hatte, losließ, beruhigte sich der Fluss, und er erlangte am Ufer wieder sein Bewusstsein.

„Wo ist mein Wasser, mein Freund?“ hörte er Krishna fragen, „Warum hast du mich so lange warten lassen?“ Narada war, verständlicherweise, ziemlich verdutzt. So geht es uns manchmal auch, wenn wir uns mitten im Sturm des Lebens wieder aufs Meditationskissen setzen und plötzlich merken, dass die Dinge in uns zur Ruhe kommen. Wir lassen Yoga so oft warten. Und es ist auch nichts Verkehrtes daran, sein Leben schön auszuschmücken. Aber manchmal verbringen wir mehr Zeit damit, im Online-Shop nach einer besonders zu uns passenden Yogamatte zu suchen, als uns einfach auf die Matte zu begeben.

Wenn wir uns aber die Zeit nehmen, uns wieder in unsere Mitte zu bringen, dann verliert das, was uns wehtut oder schockiert, für diesen einen Moment seinen Stachel. Die erste edle Wahrheit des Buddha lautet zwar tatsächlich: „Alles Leben ist Leiden“. Aber damit ist nur gemeint, dass alle unsere Versuche, unser Leben so komfortabel wie möglich einzurichten, zum Scheitern verurteilt sind. Wenn wir diesen Anspruch aufgeben, leben wir auf einer anderen Ebene. Dann hören wir auch auf, jemand Besonderes zu sein. Ein Yogi hat keinen schwereren Weg gewählt, als alle anderen Menschen auf der Welt. Wir entwickeln uns nicht durch Leid. Wir entwickeln uns, weil wir uns entwickeln. Das ist die Natur unseres Lebens. Und irgendwann werden wir durch die Betrachtung des Chaos, das wir für uns alleine wahrscheinlich nicht in den Griff bekommen, vielleicht offener für die Wünsche und Bedürfnisse anderer. Denn wir sind alle zusammen in dieser wunderbaren Maya.