Let’s talk about Sex. And Ayurveda.

943

Wir leben in einer Welt, in der immer noch eine Steigerung nötig zu sein scheint. Das hat auch Folgen für unser Sexleben – vor allem aber für unser Energielevel, was wiederum mit dem Sex zusammenhängt. Ein Teufelskreis? „Erotik ist eine reine Frage der Energie“, sagt Dr. Ulrich Bauhofer. YOGA JOURNAL traf den bekannten Ayurveda-Arzt in seiner Münchner Praxis und sprach mit ihm über Sex. Das Ergebnis: eine sehr hilfreiche Energielehre.

YOGA JOURNAL : Dr. Bauhofer, wie funktioniert das „Prinzip Anziehung“ aus ayurvedischer Sicht?
DR. BAUHOFER: Stellen wir doch zunächst einmal die Frage: Was macht einen Menschen denn überhaupt attraktiv? Ist es nicht seine Ausstrahlung, seine Vitalität, seine Energie? Im Ayurveda fasst man all diese Qualitäten unter dem Begriff „Ojas“ zusammen. Dabei handelt es sich um das feinste Stoffwechselprodukt, das unser Organismus zu erzeugen vermag. Ojas ist eigentlich gar kein Stoff mehr, aber auch noch nicht reine Intelligenz. Es ist unsere Lebenskraft und verkörpert das, wodurch wir lebendig sind. Es schlägt die Brücke zwischen Körper und Geist und ist die reinste Form der Lebensenergie. Sie sagten, Ojas sei ein Produkt unseres Stoffwechsels, also letztlich unserer Nahrung. Wie entsteht es? Grundsätzlich müssen wir begreifen, dass Nahrung all das ist, was uns nährt. Ein gutes Essen ebenso wie eine Umarmung, ein Kompliment oder der Anblick eines ergreifenden Sonnenuntergangs. Was immer wir unserem Organismus präsentieren, was unsere fünf Sinne aufnehmen, muss unser Stoffwechsel verarbeiten. Verantwortlich dafür ist ein Funktionsprinzip, das wir im Ayurveda „Agni“ nennen. Agni ist das Feuer unserer Verdauung und unseres Stoffwechsels. Er verwandelt die Nahrung, also den Reis, die Tomate oder die Gurke in Ihre Nase, Ihre Leber, Ihre Knochen. Ein funktionstüchtiger Agni ist schließlich imstande, alles, was in Ihr System gelangt, in seine subtilste Qualität zu verfeinern – Essen ebenso wie Sinneserfahrungen. Wenn Ihr Stoffwechsel also optimal arbeitet, dann produziert er reichlich Ojas. Und das verleiht Ihnen Strahlkraft, Lebendigkeit, Kreativität, Optimismus und Lebensfreude. Das ist wohl für unser Gegenüber sehr anziehend … Natürlich! Ojas ist das, was Ihre Attraktivität ausmacht. Machen wir uns kurz klar, wie diese „Attraktivität“ entsteht: Wenn wir etwas essen, wird unsere Nahrung nach ayurvedischem Verständnis schrittweise in sieben Gewebe umgewandelt, die sieben Dhatus: Rasa (Blutplasma), Rakta (Blutzellen), Mamsa (Muskelgewebe), Meda (Fettgewebe), Asthi (Knochengewebe), Majja (Knochenmark/Nervensystem) und schließlich Shukra (Fortpflanzungsgewebe, beim Mann Samen, bei der Frau Eizellen). Das Fortpflanzungsgewebe ist also der subtilste „Stoff“ im Organismus, aus dem dann Ojas entsteht.

Was bedeutet das in Bezug auf unsere Sexualität?
Wenn ein Mensch sehr viel Shukra hat, dann hat er auch eine sehr hohe Libido. Beim Geschlechtsakt gibt der Mann während der Ejakulation sein Shukra ab. Aus diesem Grund ist er auch danach erst einmal etwas ermattet. Deswegen empfehlen die uralten ayurvedischen Texte, Shukra schnell wieder aufzubauen, indem man nach dem Geschlechtsakt Milch trinkt. Milch wird nämlich unter Umgehung der anderen Dhatus direkt in Shukra umgewandelt. Heutzutage muss man dafür allerdings auf eine gute Qualität der Milch achten. Die ayurvedische Medizin plädiert dafür, mit dem Shukra-Dhatu sorgsam umzugehen. Es hat ja direkt mit unserer Lebensenergie zu tun. So ist auch die Idee des Tantra, Sexualität so zu kultivieren, dass man dabei nicht notwendiger Weise sein Shukra verliert. Das heißt, nicht zu oft bzw. nur bewusst Sex zu haben? Das hängt stark von der individuellen Konstitution ab. Ein primär von Vata geprägter Mensch verfügt von seiner Konstitution her einfach über eine geringere Libido als beispielsweise ein Kapha-Typ.

Warum?
Weil Kapha für Robustheit, Kraft, und Ausdauer steht. Sexualität spielt darum für einen Kapha-Menschen eine größere Rolle als für eine feingliedrige, zarte Vata-Persönlichkeit. Der feurige Pitta-Mensch ist leidenschaftlich, was sich auch in seinen sexuellen Neigungen ausdrücken wird. Was die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs angeht, empfehlen die ayurvedischen Texte, dabei unter anderem auch das Alter, die Jahreszeiten und das Klima zu berücksichtigen. Wenn der Körper im Sommer durch große Hitze ausgezehrt wird, sollte man weniger Sex haben als im Winter, wenn er durch kräftiges Essen wieder mehr Shukra aufbauen kann.

Das Prinzip Brahmacharya lehrt unter anderem sexuelle Enthaltsamkeit. Kommt es aus ayurvedischer Sicht dadurch nicht zu einem Stau an Shukra?
Im Ayurveda werden dreizehn natürliche körperliche Bedürfnisse beschrieben – eines davon ist der Geschlechtsakt. Die Unterdrückung dieser Bedürfnisse, ebenso wie ihr exzessives Ausleben, führen zu einem Ungleichgewicht der Doshas und das kann zur Entwicklung einer Krankheit beitragen. Letztlich geht es darum, in seiner Lebensweise ein gesundes Gleichgewicht zu entdecken, das jeder Mensch für sich finden muss. Worauf es im Ayurveda hinausläuft, ist ein Konzept, das man „Satmya“ und „Asatmya“ nennt. Der Begriff Satmya wird mit „Verträglichkeit“ übersetzt, Asatmya mit „Unverträglichkeit“. Vom Wortursprung her bedeutet Satmya „meine Wahrheit“. Denn nicht alles ist für jeden gleich verträglich oder unverträglich. Vielmehr geht es darum, sich so zu sensibilisieren, dass uns unser Organismus klar signalisiert, was uns nützt und was uns schadet. Alle vedischen Disziplinen wie Yoga, Ayurveda und Jyotish tragen dazu bei, dahingehend achtsamer zu werden.

Gesellschaft und Zeitgeist zwingen uns aber zum permanenten Vergleich. Durch die Übersexualisierung fühlt man auch in diesem Lebensbereich den Druck, funktionieren zu müssen.
Ich bin froh, dass es Magazine wie das YOGA JOURNAL gibt, um mehr Menschen in puncto Bewusstsein erreichen zu können. Es zeigt uns, worum es im Leben geht: um Yoga. Das bedeutet aber nicht, irgendwelche Asanas zu machen, sondern von seiner Begrifflichkeit her, „Einheit“ in sich zu verspüren. Wenn ich das schaffe, bin ich erleuchtet, also auch gesund. Gesundheit heißt im Sanskrit Swastha. „Stha“ bedeutet „verankert sein“, „swa“ ist das „Selbst“. In seinem Selbst ruhen. Wenn ich bei mir bin, dann mache ich das, was für mich gut ist und lasse das, was für mich nicht gut ist.

Angenommen, ich erlebe über die Jahre einen Abfall der Libido. Könnte ein Ungleichgewicht in meinem Körper die Ursache sein?
Die Libido eines Menschen hängt von vielen Faktoren ab: von der Konstitution, vom Alter, der Ernährung, vom Wetter, dem Einfluss von Licht, der psychischen Verfassung, Stress, Schlaf oder dem Energielevel. Wenn Sie vor Energie strotzen – ein Merkmal von ausgeprägtem Shukra – steigt Ihre Libido an; wenn Sie sich erschöpft, müde und ausgelaugt fühlen, fällt Ihre Libido ab. Ein Mensch, dessen Doshas Vata, Pitta und Kapha im Gleichklang sind, spürt, was für ihn Satmya und was Asatmya ist, was ihm Energie spendet und was ihm Energie raubt. Wenn man einen kontinuierlichen Abfall der sexuellen Lust bemerkt, sollte man ein Auge auf sein Energiemanagement richten. Darum geht es auch in meinem neuen Buch „In Balance leben“.

Behandeln Sie in diesem Buch auch die Rolle von Stress für unser Energiemanagement?
Stress ist einer der größten Energieräuber im Leben der Menschen. Was die Natur ursprünglich einmal als Überlebensreflex konzipiert hat, mutierte zu einer der dominantesten Krankheitsursachen unserer Zeit. In Deutschland verzeichnen wir 10 bis 14 Millionen Burnout-Fälle. Ich habe Patienten, die schon mit Mitte 20 darunter leiden. Deshalb müssen wir lernen, unsere Energie zu managen. Jeder von uns überprüft regelmäßig sein Bankkonto. Doch wie viele kümmern sich mit der gleichen Sorgfalt auch um ihr Energiekonto? Mit Energie verhält es sich aber wie mit Geld: Wenn Sie fortwährend mehr Energie ausgeben, als Sie wieder regenerieren, sind Sie irgendwann pleite – energetisch insolvent. Und das wirkt sich auf alle Facetten Ihres Lebens aus, auch auf Ihre Sexualität.

Wie kann ich denn nun meine sexuelle Attraktivität und Libido steigern?
Indem Sie achtsam mit Ihrer Lebensenergie umgehen – aus ayurvedischer Sicht also mit Ihrem Agni, Ihrem Shukra und Ihrem Ojas. Jede Form der Energie, die Sie aufnehmen – Essen, Flüssigkeit, Luft, Licht oder schöne Erlebnisse – wandelt ein gut funktionierendes Agni in Ojas um. Deshalb müssen Sie zum einen Ihr Agni pflegen, also nicht durch zu schweres, zu reichhaltiges oder zu spätes Essen überlasten. Zum anderen sollte alles, was in Ihren Körper gelangt, von möglichst sattvischer, also positiver, lebensfördernder Qualität sein. Denn je mehr Sattva zum Beispiel Ihr Essen auszeichnet, umso mehr Ojas kann Ihr Agni daraus extrahieren. Je mehr Tamas, also negative Energie, es beinhaltet, umso weniger Ojas enthält es. Machen Sie sich bitte bewusst, dass Ihre Attraktivität allein von Ihrer energetischen Ausstrahlung abhängt – von der Lebensfreude, die von Ihnen ausgeht. Und darin verbirgt sich schlussendlich auch das Geheimnis einer erfüllten Sexualität.

Foto: Photocase

Dr. med. Ulrich Bauhofer ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda. In seiner Münchner Praxis berät er Unternehmen in Sachen Gesundheitsmanagement, gibt Seminare und hält Vorträge zu der jahrtausendalten Heilkunde.