Lebe lieber ungewöhnlich

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Wovon brauchen wir mehr in unserem Leben? Ist die Weisheit des Alters die Antwort auf alle Fragen, oder können wir auch etwas von der Ungebändigtheit unserer Kinder lernen?

Aller Anfang ist leicht.
In fast allen Yogaschulen der Welt steht irgendwo ein Bild oder eine kleine Figur von Shivas Sohn. Meist ist das Ganesha, der Beseitiger der Hindernisse. Er repräsentiert die „Anfangsenergie“. Wir wenden uns an ihn, wenn wir mit etwas Neuem beginnen, damit er mit seinem Rüssel und seinem dicken Bauch alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen kann. Wenn wir dann gesegnet ein Projekt begonnen haben, kommen wir trotzdem immer wieder an den Punkt, an dem es irgendwo nicht weiter geht. Dann bekommen wir Angst, vielleicht doch die falsche Richtung eingeschlagen zu haben, den falschen Yogastil zu üben oder mit dem falschen Partner zusammen zu sein. Gott sei Dank hat Ganesha einen Bruder, der das Ruder übernehmen kann. Treten Sie ein, junger Herr Karthikeyan!

Auftritt Angst.
Keine gute Göttergeschichte ohne einen ordentlichen Dämon. In den düsteren alten Zeiten hatte der finstere Taraka so lange asketische Praktiken geübt, bis die Götter nicht umhin konnten, ihm einen Wunsch zu gewähren. Wie so oft, brachten sie sich dadurch selbst in größte Schwierigkeiten. Denn Taraka erbat sich nichts anderes als Unbesiegbarkeit. Nur ein Sohn Shivas sollte ihn besiegen können. Die Götter erschraken. Denn Shiva war damals als Asket bekannt, der nie seine Meditation verließ. Dass er sich dem Wunder der Liebe hingeben und ein Kind zeugen würde, schien völlig undenkbar. Nur war es jetzt zu spät, den gewährten Wunsch abzulehnen. Und so begann Taraka, die Götter zu terrorisieren und die Welt zu unterjochen. Wer dieser Taraka war? Wir kennen ihn im 21. Jahrhundert unter einem anderen Namen: Angst. Angst vor der Freiheit. Angst vor der eigenen Kraft. Angst vor der Lust. Angst hat viele Gesichter. Und der große Meditierende tat so, als ob ihn das alles nichts angehen würde.

Meditation und Frühlingslust.
Es klingt wie in einem kitschigen Roman, aber eine Frau mit der Kraft der Erde kann die Konzentration des größten Yogis aus dem Gleichgewicht bringen. Parvati – als Tochter des Berggottes Himavat geboren – war diese Shakti, die Shiva dazu bringen konnte, vom Meditationskissen hinab und ins Bett hinein zu steigen. Was dann passierte, können wir hier mit Worten nicht beschreiben. Zwar hatten die Götter sich gewünscht, dass Shiva und Parvati das Kind zeugen würden, das sie befreit. Aber der dazugehörige Liebesakt jagte ihnen ganz schön Angst ein. Die beiden fanden einfach kein Ende. Und es rumpelte so dermaßen in ihrer Kammer, dass die Grundfesten der Welt erschütterten. Wir alle kennen diese Energie, wenn wir verliebt sind. Die Welt schien für die beiden keine Rolle mehr zu spielen

Selbstzweifel unbekannt.
So schickten die Götter Agni, den Gott des Feuers, in Gestalt einer Taube, das Liebesspiel zu unterbrechen. Die beiden waren wenig erfreut, und Shivas Samen traf den Vogel in den Schnabel. Doch selbst der Feuergott wäre fast verbrannt an der Hitze von Shivas Kraft, und so ließ er die Tropfen in die Flussgöttin Ganga fallen. Diese trug ihn an Land. Leider erklärt die Mythologie nicht befriedigend, wie auf einmal der hübsche Karthikeyan aus dem Samen entstand, aber da er von sechs Schwestern gesäugt wurde, die laut Geschichte die Luft und den Raum verkörperten, wissen wir, dass dieser propere Jugendliche die Kraft aller fünf alle Elemente in sich vereinte. Und er wusste das auch. Karthikeyan, oder Skandha, wie er in manchen Traditionen auch genannt wird, war zu jung um an sich zu zweifeln. Er sollte einen Dämon bezwingen. Was konnte er tun, als zu siegen? In ihm gab es nur diesen einen Gedanken: Auf in den Kampf!

Besonnen oder furchtlos?
Wenn Sie bei Ihrer nächsten Reise in Süd-Indien in einem Tempel den jungen Krieger sehen, der auf seinem Pfau reitet, dann spüren Sie vielleicht ein bisschen was von dieser Unbändigkeit und Ungebändigtheit der Jugend in seinem Ausdruck. Er sieht immer so aus, als sei er ein Teenie-Gott. Und doch ist er in einer sehr machtvollen Position, als Gott des Krieges, bekannt. Seine Hand grüßt uns in Abhaya Mudra, der Geste der Furchtlosigkeit. Bei aller Liebe zur Besonnenheit, oft brauchen wir diese Kriegerkraft. Gerade auf der Yogamatte, auf dem Meditationskissen, in unserer Familie, im Beruf.

Mut zum Erfolg.
Wir können uns tausendmal ablenken lassen von Bedenken oder dem Wunsch, langsam voranzugehen, um nur nichts falsch zu machen. Das mag oft angemessen sein. Manchmal lähmt es uns. Wir müssen lernen zu unterscheiden, wann es hilfreich ist, vorsichtig zu sein, und wann es angemessen ist, sich mit Leib und Seele in die Schlacht zu stürzen. Karthikeyan wurde in Wildheit gezeugt, und besiegte die Furcht ohne mit der Wimper zu zucken. Er machte sich keine Gedanken darum, ob er verlieren könnte. Und noch besser: Er hatte auch keine Angst davor, erfolgreich zu sein. Warum sollten wir davor Angst haben? Schreiten Sie in grenzenloser Liebe voran, und schauen Sie, was passiert. Erwarten Sie nichts als ein Wunder. Mögen Sie überrascht sein.

Ralf Sturm ist Yoga- und Meditationslehrer sowie Systemischer Berater. Neue Meditationen regelmäßig unter: www.gefühlssturm.de

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