Mark Stephens: Alle(s) fit?

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Viele Schüler kommen wegen konkreter Beschwerden in ihre erste Yogastunde. Andere wollen den Unterricht nach einer Verletzung oder Krankheit nicht missen. Auch wenn ein Yogalehrer kein Therapeut ist, sollte er auf diese Bedürfnisse eingehen können, meint unser Experte für guten Yogaunterricht, Mark Stephens.

Heilen, was uns krank macht – das ist ein Leitmotiv von Yoga seit seinen Anfängen und zwar egal, ob es sich um körperliche Verletzung oder um existenzielle Angst handelt. Sehr viele Schüler kommen wegen ihrer Beschwerden zum Yoga. Gerade sie sind auf einen Lehrer angewiesen, der ihr Leiden versteht und in der Lage ist, ihnen geeignete Modifikationen zu den geübten Haltungen anzubieten. Doch wie geht das? Wie können Yogalehrer ihre Schüler bestmöglich begleiten? Mit welchen Modifikationen können sie sie am besten in ihrer Heilung unterstützen?

Yoga als Mittel der Selbstheilung

Sinnvoll geübt – also im Einklang mit der eigenen sinnlichen Wahrnehmung und mit der Selbstverpflichtung zu Ahimsa (Nicht-Verletzen), Aparigraha (Nicht-Besitzen-wollen), Svadyaya (Selbststudium), Abhyasa (Ausdauer) und Vairagya (Nicht-Anhaftung) – kann Yoga eine tief heilende und das Bewusstsein erweiternde Praxis sein. Wenn man es als eine therapeutische Heilpraxis versteht und unterrichtet, wird man Asanas, Pranayama und Meditation immer so anpassen, dass sie das Wohlbefinden und die Ganzheit jedes Einzelnen individuell unterstützen, und zwar möglichst egal ob es sich um die Schüler einer regulären Klasse handelt oder um Einzelschüler.

Zwar sind etliche Yogalehrer zugleich auch ausgebildete Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, oder andere lizenzierte Gesundheitsexperten, die meisten sind das aber nicht. Sie dürfen von Rechts wegen keine Diagnose stellen und keine Therapien durchführen. Dennoch können auch sie wirksame, ganzheitliche Ansätze anbieten, die ihren Schülern helfen, den Unterricht gut für sich zu nutzen und sich selbst zu heilen. Dafür ist es für einen Lehrer nicht nur wichtig, bestmöglich über die objektiven Bedingungen seiner Schüler informiert zu sein. Er sollte auch Kenntnisse und Fähigkeiten entwickeln, mit deren Hilfe er seine Schüler mit geeigneten Modifikationen anleiten kann, und er sollte wissen, wie sich diese Anpassungen auswirken. Genauso wichtig ist es für Yogaschüler, dass sie das im Unterricht Gelernte mit einem intuitiven Sinn für Selbstheilung bei sich selbst anwenden. Lehrer und Schüler sind also gleichermaßen eingeladen, tief in die Welt des Lernens und Erfahrens einzutauchen und diejenigen Yogawerkzeuge zu erforschen, die helfen können, sich besser zu fühlen und das bestmögliche Leben zu leben.

Das schnell wachsende Wissen über spezifisch heilende Yogatechniken, wie es in Workshops, Büchern und Artikeln zugänglich ist, stellt dabei eine große Hilfe dar. Ein gutes Grundverständnis der funktionalen Anatomie, Kinesiologie, Physiologie und Psychologie des Menschen hilft einem Yogalehrer, dieses Wissen auch wirklich zu begreifen und anzuwenden. Dennoch braucht er mehr als nur Wissen. Das Herz der Lehrer-Schüler-Beziehung liegt im Herzen selbst: in der mitfühlenden, fürsorglichen und bedachten Interaktion, die einen Schüler am besten dazu ermutigen wird, sich sicher zu fühlen und sich für Selbsterforschung und innere Wandlung zu öffnen.

Die Heilkräfte ankurbeln

Alle Menschen besitzen angeborene Kräfte der Selbstfürsorge und Selbstheilung. Auch wenn es im Yoga für viele Krankheiten und Verletzungen geeignete Behandlungen gibt, sein wichtigster therapeutischer Nutzen liegt sicher darin, dass es uns hilft, ein Gefühl von umfassendem Wohlbefinden zu entwickeln und die eigene Selbstheilung zu aktivieren.

Ein Lehrer, der seine Schüler in ihrer Heilung begleitet, lehrt idealerweise mit Empathie, Freundlichkeit und Mitgefühl. Er weckt in ihnen ein Gespür für ihre heilenden Energien – etwa indem er bejahende Gefühle, Vertrauen und Offenheit fördert. Je besser sich ein Lehrer auf seine Schüler einlässt und ihre Bedürfnisse versteht, auf je natürlichere Art er eine vertrauensvolle Beziehungen zu ihnen aufbaut, desto mehr fördert er auch deren Fähigkeit, die für ihre Heilung besten Entscheidungen zu treffen. Das beginnt mit aufmerksamem Zuhören. Anstatt nur Worte zu hören, sollte es darum gehen, die ganze Botschaft zu verstehen, die sich manchmal in der Körpersprache viel besser ausdrückt.

Wenn all diese Qualitäten zusammenkommen, fällt es einem Lehrer wesentlich leichter, die individuellen Bedingungen seiner Schüler zu erkennen und auf sachgerechte und mitfühlende Weise auf sie einzugehen. Die fachliche Ausbildung sollte einen Yogalehrer außerdem dazu befähigen, die Yogahaltungen seinerSchüler gut einzuschätzen. Anhand seiner Kenntnisse der funktionalen Anatomie kann er dann Strategien entwickeln, mit denen er auf Beschwerden des Bewegungsapparates im Unterricht eingehen kann. Ein gutes Verständnis davon, wie verschiedene Asana-, Pranayama- und Meditationspraktiken emotionale Zustände beeinflussen, hilft ihm bei der Arbeit mit Schülern, die Ängste und/oder Depressionen erleben. Ohne die Trennungslinie zur professionellen medizinischen Praxis zu überqueren, ist er so in der Lage, auf Schüler einzugehen, die mit besonderen Bedürfnissen in den Unterricht kommen.

Der Heilungspfad des Yoga

Genau wie die Seher der vedischen Zeit, Arjuna in der Bhagavad Gita oder Patanjali in seinen Reflexion über die Natur des Geistes, haben Menschen zu allen Zeiten Leid erlebt und nach Möglichkeiten gesucht, das Leben besser zu machen. Unser modernes Leben hat den Vorteil, dass wir auf sehr vieles zurückgreifen können, was im Lauf der menschlichen Zivilisation an Wissen und Weisheit entwickelt und gesammelt wurde. Andererseits erzeugt unsere Art zu Leben neuen Druck und neues Leid. Angst, Depression, Drogen, Süchte, Krebs und vieles mehr umgeben uns ständig. Wie wunderbar ist es doch, dass wir Yoga haben!

Yoga ist ein starkes Mittel gegen viele der menschlichen Leiden, vor allem weil es die Pforten des Bewusstseins für mehr Wohlbefinden öffnet. Um dieses große Versprechen von Yoga einzulösen, ist vor allem eines wichtig: Erinnern Sie sich immer daran, dass nicht zählt, wie weit Sie gehen, sondern nur wie Sie gehen. Und dann: Atmen Sie immer, als ob Ihr Leben davon abhinge.


Mark Stephens hat bereits drei internationale Bestseller über den Yogaunterricht geschrieben. Sein viertes Lehrbuch über Yogatherapie erscheint auf Englisch im November (alle deutsche Ausgaben gibt es beim Riva-Verlag). Er lebt in Kalifornien und unterrichtet weltweit, häufig in Deutschland, Österreich und Schweiz. markstephensyoga.com

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