Mark Stephens: Wie Yoga bedeutsam wird Teil 2

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Wer bin ich? Was ist meine Bestimmung? Und wie kann Yoga mir bei der Beantwortung dieser Fragen helfen? Im vierten Teil seiner Artikelreihe beleuchtet der „Lehrer der Lehrer“ Mark Stephens die Bedeutung von Dharma. Und er schildert, wie dieses philosophische Prinzip der Yogapraxis mehr Tiefe und Bedeutung verleihen kann. Den ersten Teil finden Sie hier. 

Pranayama zum Leben erwecken

So wie jede Asana bestimmte Reaktionen auslösen kann, beeinflusst sie auch den Atem in einer besonderen Weise, selbst wenn die Unterschiede zuweilen sehr fein sind. Indem wir während des Übens beobachten, wie sich der Atem im Körper anfühlt, gelangen wir zu der Erkenntnis, dass wir auch bewusst in den Körper hineinatmen und den Atem zu bestimmten Regionen lenken können, zum Beispiel an Stellen, wo Spannungen sitzen. Auf diese Weise können wir von innen heraus erfahren, wie der Atem körperliche Empfindung, emotionale Regungen und geistige Bewusstseinszustände verändert. Auf all das achtend entwickeln wir nach und nach ein feineres Bewusstsein für unsere Reaktionsmuster, ganz einfach weil Atemmuster ein Ausdruck sind für zugrunde-liegende Bewusstseinszustände. All das lädt dazu ein, sich der Welt der Pranayama-Praktiken zuzuwenden. Idealerweise beginnt man damit, ganz einfach den natürlichen Atem wahrzunehmen. Ujjayi Pranayama (siegreiche Atmung) erlaubt es dann, noch etwas bewusster, feiner und tiefer zu atmen. Zudem beruhigt das flüsternde Rauschen Nerven und Geist. Dieses Geräusch kann man nutzen, um den Atem gleichmäßiger werden zu lassen (Samavritti Pranayama) und dadurch auch insgesamt den Energiefluss in die Balance zu bringen. Kapalabhati (scheinender Schädel) eröffnet eine Gelegenheit, die Intensität erhöhter Energie wahrzunehmen und dabei zu lernen, wie man präsent bleibt und seine Handlungen so mäßigt, dass man sich auch dann noch leicht fühlt, wenn die Umstände einen ängstlich und unruhig stimmen könnten.

Meditation vom Herzen aus

Atemübungen werden zu einem noch aufschlussreicheren Werkzeug, wenn man sie verbindet mit herzzentrierter Meditation: Dabei visualisiert man den Atem so, als flösse er mit der Einatmung direkt ins Herz hinein und bei der Ausatmung auf der Körperrückseite wieder hinaus – so wie die Heckwelle eines Bootes. Nutzt man den Atem wie ein Mantra und sinkt man vollständig ein in die mit ihm verbundenen Empfindungen, so kann man Atemhindernisse wie Angst oder Unruhe in die unendlich weite Liebe des eigenen Herzens hinein visualisieren und die Hindernisse mit jeder Ausatmung im Kielwasser des Atems verschwinden sehen. Diese Herzmeditation kann Emotionen klären, ganz egal ob sie nun Freude oder Wut hervorrufen. Das hilft uns, nach und nach dem näher zu kommen, was eigentlich das Herzstück unseres Lebens ausmacht: unserem Dharma.

Klarheit über Werte und Ziele

Je bewusster man die einzelnen Yogapraktiken in dieser Weise ausrichtet, desto besser können sie dazu dienen, eine klarere Vorstellung vom eigenen Lebensziel zu gewinnen. Als Yogalehrer können wir diesen Prozess auch unterstützen, indem wir unsere Schüler dazu animieren, darüber nachzudenken, was sie in ihrem Leben am meisten begeistert, was sie als ihr einzigartiges Geschenk an die Welt betrachten und was sie am meisten mit Neugier und Hingabe erfüllt. Während der Herzmediation könnte man dann die Vision solch einer Berufung ins Herz hinein einatmen und ausatmend die Widerstände und Hindernisse loslassen, die dem vielleicht entgegenstehen.

Die Samen solch einer Selbstreflektion können schon zu Beginn einer jeden Yogastunde (oder jeder privaten Praxis) gesät werden, indem man mit einem Moment der Stille beginnt und eine klare Intention für das Üben setzt. Erinnern Sie Ihre Schüler (oder sich selbst) immer wieder daran: Während des Übens hilft ein stetiger, ruhiger Blick, den Geist besser an die Bewegungen zu binden. Atmen Sie tief und gleichmäßig (als ob Ihr Leben davon abhinge) und erlauben Sie es jeglichem während der Praxis aufsteigenden Gefühl, sich zu zeigen und vollständig zu enthüllen.

Sei dir selber treu

In Shakespeares Drama Hamlet gibt Polonius seinem Sohn Laertes bei dessen Abreise den Rat: „Dies über alles: Sei dir selber treu. Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage: Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“ Als Yogalehrer fühlt man sich manchmal vielleicht gezwungen, bestimmte Werte und Prinzipien zu unterrichten, vielleicht sogar eine bestimmte Form der Spiritualität, von der es heißt, sie sei die Essenz von Yoga. Doch in Wirklichkeit gibt es keine einheitliche Yogaphilosophie, keine spezifische Spiritualität und kein Glaubenssystem, das voll und ganz yogisch wäre. Viel eher handelt es sich um ein ganzes Universum von Ideen, Überzeugungen und Vorstellungen über die Natur von Realität.

Was also sollte man als Yogalehrer unterrichten, wenn es um Spiritualität und den tieferen Sinn von Leben und Yoga geht? Die Antwort lautet: Sei dir selber treu. Wenn es Sie inspiriert, indische Ragas zu singen, weil Sie sich dadurch mit etwas verbunden fühlen, das Ihnen am Herzen liegt, dann freuen Sie sich daran und lassen Sie andere daran teilhaben! Und wenn es ganz andere Quellen von Bedeutung und Sinn in Ihrem Leben gibt, dann teilen Sie diese mit Ihren Schülern – und zwar genau so weit, wie es Ihr Herz erfreut. Wichtig ist nur, dass Sie dabei genügend Raum lassen für andere Überzeugungen und Vorlieben, so dass jeder sich frei fühlen darf, mit dem zu sein, was ihm selbst etwas bedeutet.

Der tiefere Sinn von Yoga im eigenen Leben muss sich nicht in Sanskrit-Begriffen, der Anrufung von Hindu-Göttern oder aus dem Altertum stammenden philosophischen Konzepten am umfassendsten ausdrücken. Sehr viel wahrscheinlicher ist er präsent in den konkreten, authentischen Erfahrungen, die wir während der Praxis machen, wo jeder Atemzug und jeder Moment eine Einladung enthält, sich für die Unmittelbarkeit und Wahrheit des eigenen Lebens zu öffnen – genau hier, genau jetzt.


Mark Stephens hat bereits drei internationale Beststeller über den Yogaunterricht geschrieben, ein viertes Buch über Heilen mit Yoga erscheint auf Englisch im November (alle deutschen Ausgaben beim Riva-Verlag). Er lebt in Kalifornien und unterrichtet weltweit. markstephensyoga.com

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