Her mit den Dämonen!

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Gemeinsam geht es besser. Wenn man mit seinen Dämonen geschickt umgeht, sind sie die besten Helfer zum Glücklichsein.

Manchmal werden wir im Ashram beneidet. Weil hier nur friedliebende Menschen sind, die gerne meditieren. So eine Umgebung wünscht sich ja eigentlich jeder. Ohne die ganzen Anforderungen des Alltags wäre vieles einfacher. Und tatsächlich kann so ein Leben auch sehr glücklich sein. Allerdings nicht immer so, wie man es sich zunächst vorgestellt hat.

Selbst die Götter hatten es früher im Himmel schwer. Ständig diese Kämpfe mit den Dämonen. Die ewigen Auseinandersetzungen mit den Asuras hatten die Devas bereits so ausgezehrt, dass sie beschlossen, endlich den Nektar der Unsterblichkeit zu finden, um dadurch alle Sorgen um die eigene Existenz los zu sein. Sie gingen zu ihrem Chef, um sich Hilfe zu holen. Brahma erklärte ihnen allerdings, dass der lebensspendende Amrita nur in einem gemeinsamen Akt mit den Dämonen zu holen sei, und gab ihnen dann eine Art Bauanleitung für die größte Küchenmaschine der Welt. Damit die Kräfte der Dunkelheit und des Lichts zusammen wirken könnten, empfahl er den Berg Kailash in die Mitte des großen Milchsees zu stellen, auf dessen Grund das Elixier verborgen war. Die Schlange der Ewigkeit würde als Antriebsseil dienen, an dem Gut und Böse wechselseitig ziehen müssten, um so das kostbare Elixier zu gewinnen. Die Götter waren zwar ängstlich, weil die Dämonen dadurch ja auch gestärkt werden würden. Vishnu deutete jedoch an, ihm würde schon etwas einfallen.

Von beiden Seiten wurde nun gearbeitet. Statt des wundervollen Nektars kam jedoch plötzlich das furchtbare Gift Hala Hala zum Vorschein, das die Welt zu vernichten drohte. Das kennen wahrscheinlich die meisten von uns. Der Kailash ist nicht nur das Zentrum des Universums, er repräsentiert auch unsere eigene Mitte. Und wenn wir uns auf den spirituellen Weg begeben – hin- und hergerissen vom Wunsch, ein meditatives Leben zu führen, und alten bequemen Gewohnheiten – fallen uns auf einmal unendlich viele negative Dinge an uns selbst auf. Oft projizieren wir die dann lieber auf andere „Störenfriede“, statt sie in uns selbst zu akzeptieren. Solche Menschen meiden wir und ärgern uns darüber, wie feindselig die Welt ist. Wenn wir uns dann noch selbst Vorwürfe dafür machen, ist der Kreislauf der Selbstvergiftung komplett, und es hilft nur noch eines: aufhören zu kämpfen. In der Geschichte erklärt der barmherzige Shiva sich bereit, das Gift selber zu trinken. Die Inder haben manchmal eine sehr befreiende Weltsicht: Unsere eigenen Handlungen bestimmen einen guten Teil unseres Lebens. Aber am Ende führt vor allem die göttliche Gnade zur Befreiung. Wir müssen nicht alles selbst machen.

Als schließlich der Nektar zum Vorschein kam, freuten sich die Götter. Die Dämonen wollten natürlich auch ihren Anteil. Gott sei Dank wissen wir schon, dass sie in den Geschichten immer verlieren. Denn während Vishnu die Asuras ablenkte, genossen die Devas das Elixier, und der vermeintliche Kampf war erst mal zugunsten der Guten entschieden. Aber hatte überhaupt wirklich ein Krieg stattgefunden? Schließlich hätte das Licht ohne die Kraft des Schattens nicht „siegen“ können. Bei genauem Hinschauen verliert die Dualität ihren Schrecken. Und das, was böse schien, war eine hilfreiche Kraft.

Jeden Tag bemerke ich bei Menschen etwas, das mich stört. Seltsamerweise gerade hier, wo ich wohne. An einem Ort, den so viele Leute als heilsam ansehen. Ich vergesse oft, dass er das wirklich sein kann, und erblicke Probleme. Wenn ich allerdings genau hinschaue, sehe ich, dass alle Menschen in meiner Umgebung auch stets Geschenke mitbringen. Denn alleine würde ich hier auf der Welt ganz schön hilflos aussehen. Wenn mir auch manchmal scheint, es ginge mir besser, wenn wenigstens die schlimmsten Individuen von der Bildfläche verschwänden – am Ende weiß ich, dass wir alle miteinander arbeiten. Dass wir uns gegenseitig unterstützen, beim ewigen Glücklichsein. So erlebe ich jeden Tag mehr, dass ich bei Menschen um mich herum etwas bemerke, das ich schätze. Dieser „Nektar des Lebens“, den ich immer koste, wenn ich mich daran erinnere, macht mich froh, nicht alleine zu sein. Es funktioniert übrigens auch, wenn man in der Kölner Innenstadt wohnt – und an allen anderen Orten auf der Welt.