Muss Liebe bedingungslos sein?

Heute beantwortet Dr. Moon Hee Fischer die Frage: “Muss Liebe bedingungslos sein? Und wenn sie es nicht ist, ist es dann keine wahre Liebe?

Für den gewöhnlichen Menschen ist die Liebe die Bühne seiner Eitelkeit. Für den edlen Menschen ist sie die Erhöhung seines Selbst.

Im menschlichen Dasein ist die Liebe sicherlich das Schönste und das meist Begehrteste, dennoch stellt sie das größte Problem und das größte Mysterium dar. Trotz ihrer Allgegenwärtigkeit – sie wird beschrieben und besungen, sie wird ersehnt und gefürchtet, sie wird studiert und gelehrt – glänzt sie in unserem Leben mehr durch Abwesenheit als durch ihre wahre Präsenz. Wäre dem nicht so, so hätten wir keine Probleme. Wir alle wären glücklich und zufrieden. Unsere Welt wäre wunderbar.

Natürlich kann die Liebe nichts für unsere Probleme. Denn wir sind es, die die Liebe missinterpretieren und sie für unsere Zwecke missbrauchen. Wir glauben die Liebe zu kennen, weil wir davon überzeugt sind, dass wir lieben. Aber ist das, was wir, fühlen wirklich Liebe? 

Geliebt-werden vs. Lieben

Die Liebe ist die Kraft, die alles miteinander verbindet und Einheit schafft. In ihr fallen Gegensätze und Vielheit – ohne den Verlust ihrer Einzigartigkeit – harmonisch in eins zusammen. Wo sie ist, gibt es weder Trennung noch Grenzen, weder ein Mein noch ein Dein, weder Ich noch Du. Das Wesen der Liebe ist grenzenlos und inklusiv – nichts wird ausgeschlossen. Liebe gleich Ein und Alles. In ihrer unendlichen Fülle ist sie Vollkommenheit schlechthin. Das schlechthin Vollkommene ist aber nur vollkommen, wenn es nicht auf sich selbst verweist. Der Vollkommenheit gehen Bescheidenheit und Selbstvergessenheit voraus. Nur ein Sein, das nicht nach Gründen fragt bzw. nicht MUSS, sondern in völliger Freiheit einfach das ist, was es ist, kann wahrhaftig sein. Und es wird dann erfahren, wenn von Kleinheit, Mangel und Bedingtheit abgelassen wird. Denn Kleinheit, Mangel und Bedingtheit stellen im Gegensatz zur Fülle immer Einschränkung und Begrenzung dar. Da wir aber in Teilen und Trennungen, statt in Einheit und Ganzheit, denken und fühlen, suchen wir das Glück im Geliebt-werden statt im Lieben.

Bild: Matthew Henry via Unsplash

Die Folgen sind schwerwiegend: Liebe ist nicht mehr selbstlose All- oder Wir-Fülle, sondern selbstbezogene Ich-Bedürftigkeit. Wir wollen die Liebe nicht mehr der Liebe wegen, um ihrer Schönheit und ihres Friedens Willen, sondern persönliche Gründe, Interessen, Erwartungen und Vorstellungen treiben uns an, uns ihrer habhaft zu machen. In einer Welt, wo der Kopf dominiert, Glauben und Vertrauen eine Seltenheit sind, ist Liebe längst nicht mehr frei und selbstlos, sondern bedingt. Bist du so, wie ich es mir wünsche, dann liebst du mich – liebst du mich, dann liebe auch ich dich. Die Liebe ist zu einem Konsumgut und Tauschobjekt verkümmert. Gibst du mir, dann gebe ich dir. Liebst du mich – nach meinen Wünschen, zu meinen Konditionen und Bedingungen – dann bin ich glücklich. Bin ich glücklich, dann mache ich auch dich glücklich. Das Glück der Liebe liegt also nicht in der Liebe selbst, sondern darin, dass ich bekomme, was ICH möchte. 

Es liegt in der Natur des Menschen, geliebt werden zu wollen. Daran ist nichts falsch. Nur sollte das Geliebt-werden nicht die Bedingung des Liebens seins. Überhaupt sollte man im Namen der Liebe keine Bedingungen stellen. Denn wahre Liebe schenkt sich und kann nicht eingefordert werden. Liebe lässt sich nicht erbitten! Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir das auch für uns nicht. Wer will in Sachen Liebe Almosen? Wir alle wollen aus freien Stücken – bedingungslos – unserer selbst wegen geliebt werden und nicht aus einem Mangel oder weil wir irgendwelche Auflagen erfüllen. So sollten wir uns immer wieder fragen: Liebe ich wirklich oder brauche ich nur jemand, der mir meine Bedürfnisse stillt?

Noch mehr Satsang-Fragen und Antworten von Moon Hee findest du hier.

Lies auch die Frage: Was ist Liebe?

Satsang

Dr. Moon Hee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung.

Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens.” Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander.”


Titelbild: Matthew Henry via Unsplash

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