Nachgefragt bei Young-Ho Kim

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Wie erkenne ich in meiner Yogapraxis den schmalen Grat zwischen Herausforderung und Überforderung? Welche Rolle spielt dabei der Ehrgeiz?

Oft packt uns der Ehrgeiz, und wir möchten bestimmte Asanas unbedingt sofort können. Dabei stellt sich die Frage, wie man den Ehrgeiz mit Gelassenheit kombinieren kann. Schließlich gilt es, Fortschritte zu erzielen, ohne sich dabei Frust oder Verletzungsrisiken auszusetzen.

Von Patanjali stammt der Hinweis „Sthira Sukham Asanam“ – die Yoga-Haltung soll fest und bequem sein. Stabilität und Leichtigkeit sind die geistigen Attribute der Asanapraxis. So weise und plausibel dies klingen mag, erwischen wir uns immer wieder, wie wir übermütig über die Grenze hinausgehen, uns Schmerzen zufügen oder die Praxis einfach frustriert und resigniert aufgeben.

Um herauszufinden, ob uns eine Herausforderung weiter bringt oder überfordert, ist es zunächst wichtig, die richtige Einstellung zur Anstrengung einzunehmen. Wenn man beispielsweise beginnt, die Krähe (Bakasana) zu üben, wird man mit der Angst konfrontiert, vornüber zu fallen. Genau so ist es beim Handstand. Viele Schüler, die ohne Wand und Partner üben, befürchten einen Überschlag. Für die Überwindung dieser Angst ist die Bereitschaft, sich überhaupt mit ihr (oder anderen Emotionen) auseinandersetzen zu wollen, ausschlaggebend. Ohne diese Bereitschaft werden wir uns niemals der Herausforderung stellen, ein Asana zu beherrschen und nähmen uns die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Seien Sie also offen und nehmen Sie die Herausforderung an.

Nachdem die Herangehensweise stimmt, brauchen Sie das nötige Know-How, um die Position korrekt ausführen zu können. Halbwissen kann dabei sehr gefährlich sein – die fatalste Kombination ist allerdings Halbwissen gepaart mit Übermut. Um Stabilität und Leichtigkeit zu erzeugen, benötigen wir also Information und die richtige Einstellung.

Bei dieser Achtsamkeitsübung spielt die Atmung eine Schlüsselrolle. Sie ist der rote Faden, an dem Sie sich entlang hangeln können. Verlieren Sie ihn, verlieren Sie auch die Kontrolle über Ihren Körper und die Fokussierung des Geistes. So laufen Sie Gefahr, Ihre Grenzen zu überschreiten. Bleiben Sie also ganz bei sich, indem Sie auf Ihre Atmung achten und sich von ihr leiten lassen.

Die Ujjayi-Atmung (Kehlkopf-Atmung) erzeugt die nötige Spannung im Körper. Gleichzeitig beruhigt sie den Geist. Zudem kann man ihren Klang deutlich vernehmen, wodurch es uns leichter fällt, auf uns selbst zu hören. Achten Sie also als Schüler und ebenfalls als Lehrer auf die Ausrichtung des Asana und gleichzeitig auf eine ruhige Ujjayi-Atmung.

So lange Sie das ruhige Rauschen Ihrer Ujjayi-Atmung begleitet, können Sie sich unbesorgt weiter langsam an Ihre Grenze vortasten. Sobald Sie sich überfordern oder Sie die Angst packt, werden Sie bemerken, dass Sie in eine Pressatmung verfallen oder sogar das Gefühl haben, gar nicht mehr atmen zu können.

Wenn das Rauschen Ihres Atems nicht mehr ruhig ist, sondern angestrengt, laut und unregelmäßig wird, stehen Sie davor, sich zu überfordern. Erkennen und akzeptieren Sie in diesem Moment die Grenze, lassen Sie sich davon jedoch nicht demotivieren. Überprüfen Sie hier nochmals Ihre innere Haltung und nehmen Sie von neuem eine positive Einstellung gegenüber Ihrer Praxis ein. Sie sollten die Situation als eine Herausforderung wahrnehmen, die Ihre Praxis spannend macht und bereichert. Wäre das Leben nicht langweilig, wenn wir alles schon wüssten und sofort können würden?

Young-Ho Kim ist in Südkorea geboren und mit der asiatischen Kampfkunst Taekwondo aufgewachsen. Zusätzlich übt er seit Jahren Yoga, betreibt in Frankfurt das Studio Inside Yoga und reist als Lehrer und Ausbilder durch ganz Europa.

www.insideyoga.de