Bring dein Ich zum Blühen – Teil 2

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Haben Sie im ersten Teil gelesen, wie Sie Disziplin mit Selbst-Mitgefühl ersetzen und so Ihr Leben zum Strahlen bringen können? Dann freuen Sie sich heute auf die Fortsetzung. Denn Studien belegen, dass das die effektivere Strategie ist, um Verhaltensänderungen zu etablieren.

Positiv denken

Anstelle der Selbstkritik sollten Sie eine positive Motivation finden, rät Juliano. „Erinnern Sie sich daran, dass Sie bedingungslose Liebe verdienen, dass Sie es wert sind, nicht zu leiden. Aus diesem Blickwinkel heraus können Sie jede Art von Veränderung angehen: ,Ich ändere dieses Verhalten, weil ich ein gesünderes, glücklicheres Leben verdiene.‘“

Ihrer Ansicht nach ist die Yogamatte ein guter Ort, um  damit zu beginnen. Auch hier meldet sich oft genug unser innerer Kritiker, wenn wir zum Beispiel Schwierigkeiten mit einer Haltung haben. Julianos Rat: Achten Sie in solchen Momenten darauf, wie Sie sich fühlen – psychisch und physisch. Und dann wählen Sie eine mitfühlendere „Antwort“ auf diese Emotionen. Wenn Sie sich zum Beispiel schimpfen, weil Sie für eine bestimmte Asana nicht flexibel genug sind, dann erinnern Sie sich daran, dass genau diese Asana Ihnen dabei hilft, Ihre Flexibilität nach und nach zu verbessern – und es nicht darum geht, die Haltung über Nacht perfekt zu beherrschen. Einfach achtsam in der Pose zu bleiben, ist genug. Wenn Sie sich dabei erwischen, wie Sie denken: „Ich muss mehr in diese Asana gehen oder sie besser aussehen lassen!“, dann fragen Sie sich stattdessen: „Fühlt sie sich gut an? Fühle ich mich darin sicher? Was kann ich tun, um sie mehr zu genießen?“

Dieser Denkweise kommt Ihnen auch außerhalb der Matte zugute. Wenn Sie vor der Wahl stehen, in ein altes Verhaltensmuster zurückzufallen oder aber standhaft zu bleiben, dann achten Sie darauf, wie Sie diese Entscheidung innerlich diskutieren. Nein zu dem Stück Schokoladenkuchen zu sagen oder früh aufzustehen, um zu meditieren, ist kein Akt der Selbstverleugnung! Es bedeutet, dass Sie sich um sich selbst kümmern. Seien Sie stolz auf Ihre positive Entscheidung und Sie werden feststellen, wie kleine Schritte mit der Zeit zu großen Erfolgen führen.

Ausrutscher und Rückfälle

Wenn wir Schwierigkeiten haben, einen guten Vorsatz in die Tat umzusetzen, sind wir schnell versucht, das als Beweis dafür zu sehen, dass mit uns etwas nicht stimmt. Doch wie der Weise Patanjali ausführt, leidet jeder auf seinem Weg der Selbst-Transformation und macht dabei Fehler. Das bedeutet nicht, dass Sie sich jedes Mal abkanzeln sollen, wenn Sie zum Beispiel eine morgendliche Yogastunde verpassen, Ihrem Partner gegenüber die Geduld verlieren oder mal eine riesige Schüssel Eiscreme verputzen. „Wenn Sie sich fragen: ,Warum ich?‘ oder ,Wieso bin ich so blöd?‘, dann vermehren Sie nur Ihr Leiden. Besser ist es, den Fehler als Chance zu sehen“, rät Kate Holcombe. Als Chance, daraus zu lernen.

Studien bestätigen, dass achtsame Selbstreflexion helfen kann, positive Veränderungen zu bewirken, während zu große Selbstkritik einen kleineren Ausrutscher oft zu einem größeren Rückfall werden lässt. Von ,Oh nein, ich habe meine Kreditkarte benutzt!‘ ist es dann nur noch ein kurzer Weg zu ,Jetzt habe ich meinen Vorsatz sowieso schon gebrochen, dann kommt es auf dieses 300-Euro-Kleid auch nicht mehr an.‘ Und ,Ich habe heute kein Yoga geübt‘ wird zu ,Ich werde niemals eine passionierte Yogini werden, also kann ich den Kurs gleich aufgeben.‘“

Dieses Phänomen ist so gängig, dass Wissenschaftler ihm sogar einen Namen gegeben haben: den „What-the-hell“-, also „Was zur Hölle“-Effekt. Das Problem ist nicht der einzelne Fehler, sondern das Elend, das man daraus macht – was dazu führt, dass wir genau in dem Verhalten Trost suchen, das wir eigentlich ändern wollten, oder dass wir ein Ziel aufgeben, damit wir uns nicht schlecht fühlen müssen, wenn wir auf dem Weg dorthin Fehler machen. Studien haben ergeben, dass, ob Sie nun Gewicht verlieren, das Rauchen aufgeben oder regelmäßig trainieren wollen, Ihre Erfolgschancen größer sind, wenn Sie sich erst mal so akzeptieren, wie Sie sind – und sich Ausrutscher verzeihen. Selbst-Mitgefühl bedeutet, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, ohne die üblichen Schuldgefühle auszulösen. Im Gegenteil, es gibt Ihnen die Kraft, sich um sich selbst zu kümmern – auch dann, wenn alte Versuchungen locken. Aktuelle Forschungen unterstützen diese These.

In der Bhagavad Gita, einer der Heiligen Schriften des Yoga, findet man einen Rat, wie man an Vorsätzen festhält, auch wenn die Fortschritte alles andere als groß sind. Als am Rande einer Schlacht Furcht und Verwirrung den Protagonisten, einen Krieger und Sinnsucher namens Arjuna, überwältigen, verliert er seine Kampfeslust und bittet Krishna um Unterstützung. In dem darauffolgenden epischen Monolog lehrt Krishna Arjuna, sein Selbstvertrauen und seine Entschlossenheit zurückzugewinnen, indem er die Taten, die er auszuführen hat, sozusagen „umarmt“ und verinnerlicht. „Taten, die der wahren Natur eines Menschen entspringen, sollten nicht aufgegeben werden, auch wenn sie Schuld beinhalten. Denn jede Unternehmung ist auch durchzogen von etwas Schuld, so wie es kein Feuer ohne Rauch gibt.“

Der Yogalehrer und Psychologe Rolf Sovik, spiritueller Leiter des Himalayan Institute, erklärt: „Tief innen sind selbst die Taten, denen die besten Vorsätzen zugrunde liegen, niemals perfekt – was aber nicht heißt, dass Sie aufgeben sollen! Die Botschaft der Bhagavad Gita besagt, dass, wenn Sie sich den Taten widmen, für die Sie bestimmt sind, Sie toleranter gegenüber Ihren Unperfektheiten sein werden. Schritt für Schritt werden Sie bemerken, wie Ihr Verstand klarer und Ihr Herz ruhiger wird. Mitgefühl ist in diesem Zusammenhang weniger eine psychologische Strategie als das natürliche Ergebnis des Strebens nach einem höheren Selbst.“

Was also ist die Kernaussage von all dem? Wenn Sie sich für die kommende Zeit gute Vorsätze machen wollen, tun Sie das mit Selbst-Mitgefühl. Bei jedem Ihrer Schritte, auch dann, wenn Sie aufgeben wollen, denken Sie stets daran, dass die Kraft für Veränderung einem liebevollen Umgang mit sich selbst entspringt. Wie Holcombe beobachtet: „Wir alle besitzen eine innere Quelle voller Weisheit, Widerstandsfähigkeit und Kraft, einen Ort voller Frieden und Leichtigkeit, von großer Freude und Licht. Wenn wir mit dieser Quelle verbunden sind, dann haben Selbstzweifel keine Chance. Tief im Inneren wissen wir, wer wir sind und was wir tun sollten.“ Yoga kann Ihnen helfen, diesen Ort zu finden. Und Selbstliebe ebenfalls.


Kelly McGonigal ist promovierte Psychologin, Professorin und Yogalehrerin. Am 21. Februar erschien ihr Buch „Glücksfaktor Stress: Warum Stress uns erfolgreich und gesund macht“ bei Trias.

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