Yoga People: Nonne 2.0

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Kankyo Tannier bloggt und twittert, betreibt eine Website, gibt TED-Talks und ist auf Facebook aktiv. Außerdem ist sie verheiratet – und buddhistische Nonne der Zen-Tradition.

Aussenstehenden erscheint es extrem, aber als buddhistische Nonne über 15 Jahre lang in einem elsässischen Kloster zu leben, war für Kankyo Tannier nichts weiter als ein logischer Lebenslauf: „Meine Entscheidung entwickelte sich schrittweise. Erst entdeckte ich den Zen-Buddhismus und die Zen Meditation. Die Momente der Verbindung, die daraus entstanden, machten es mir ganz leicht, meine Heimatstadt zu verlassen und in ein Kloster zu ziehen.“ Nach einigen Jahren pendelte sie zwischen dem Kloster und Straßburg, um als Stimmtrainerin zu arbeiten. Seit zwei Jahren wohnt sie in einem kleinen Haus im Wald, etwa 500 Meter vom Kloster entfernt. Aber egal, wo sie lebt: „Jeden Morgen erinnert mich mein rasierter Kopf im Spiegel an mein Commitment – und macht mich richtig glücklich.“

In einer aufgeregten Welt hat sich Kankyo Tannier der Stille verschrieben und aktuell unter dem gleichen Titel ein Buch veröffentlicht. „Stille: Meine buddhistische Kur für ein leichteres Leben“ (Arkana, 18 Euro) erteilt allem eine Absage, was unser Leben unnötig beschwert. Die viel zu vielen Aktivitäten seien es, mit denen die Menschen sich selbst zu entfliehen scheinen, die Orientierung am materiellen Außen. In ihrem Buch beschreibt die gar nicht asketisch, sondern energiegeladen wirkende Zen-Nonne verschiedene Formen von Stille, die nicht zwangsweise etwas mit formaler Meditation zu tun haben müs- sen: Es gehe nicht darum, sich völlig aus- zuklinken. Unter innerer Stille versteht sie vielmehr, vollkommen offen für die Welt zu sein und gleichzeitig einen Ort der Stille zu kultivieren, um immer dort andocken zu können. Jenseits eines sim- plen Glücksversprechens helfe dies, auch unangenehme Gefühle zu akzeptieren.

Ihre Botschaft der Stille trägt Kankyo Tannier in die Sphäre, die derzeit am lautesten agiert: Im immerwährenden Informationsstrom der sozialen Medien, in dem auch die ruhigsten und privatesten Momente dokumentiert werden, bloggt und twittert sie, betreibt ihren eigenen YouTube-Kanal und ist auf Facebook aktiv. „Nonne 2.0“ nennt sie sich selbst deswegen scherzhaft, und in einer Partnerschaft lebt sie auch noch. „Nur so kann ich doch glaubwürdig über Dinge sprechen – indem ich sie selbst erfahren habe“, benennt sie das eigentlich Selbstverständliche. Ihr Anliegen ist es, ein „spirituelles“ Leben inmitten von Alltagser- fahrungen zu etablieren. Dafür nutzt sie die sozialen Medien als Tools – und lässt sich keinesfalls von ihnen bestimmen. „Ich versuche, mich nicht von den Kommentaren abhängig machen. Und wenn ich doch mal ein „Like“ vermisse, nehme ich mir Zeit um zu erforschen, welcher Mangel tatsächlich dahinter liegt.“

Stille ist bei Tannier also mehr als die Abwesenheit von Lärm. „Ob laut oder leise: Wir können nicht gegen die Welt ankämpfen“, so Tannier. Sie selbst engagiert sich regelmäßig für Umweltthemen und Tierrechte, versuche aber, nicht aus Wut über Missstände, sondern Verantwortungsgefühl zu agieren. Eine innere Haltung der Stille übertrage sich sofort auf die Umgebung. Dazu reiche es anfangs, sich fünf Minuten vor ein Fenster zu setzen und die Welt „einfach so“ vorüber ziehen zu lassen.

Ähnlich wie diese sind alle Übungen, die Kankyo Tannier empfiehlt, einfach, aber wirkungsvoll. Sie selbst praktiziert zweimal täglich Zazen (Zen-Meditation) und Hatha-Yoga, findet Ruhe aber auch durch Rückzug in die Natur, im Umgang mit ihrem Pferd Efstur und in ihrer Arbeit als Hypnose-Therapeutin. Letztlich empfindet sie den gesamten Tag als Meditation – eine Nonne ganz und gar von dieser Welt.

 

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