Raum zum Atmen: Organisation ist alles

83

Aufräumen und Aufatmen: In bewusster Absicht Ordnung zu schaffen, kann eine befreiende Übung sein, bei der Sie inneren Frieden wiederfinden – und endlich auch Ihre Autoschlüssel.

Die Yogalehrerin Catherine Crocket war eine Staplerin. Wichtige Papiere legte sie zur Seite, ignorierte stapelweise ungeöffnete Post und ließ Kurspläne in ihrem Büro achtlos zu Boden fallen – obwohl sie dort jeden Morgen meditiert. Jahrelang gelang es ihr, das sich anhäufende Durcheinander auszublenden. Doch als die Ehe mit ihrem Mann zerbrach und es an der Zeit war, die gemeinsamen Sachen auszusortieren, geriet das Chaos plötzlich außer Kontrolle. Sie fand nichts mehr, hielt wichtige Verabredungen nicht ein und konnte sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren. „Es war überwältigend und verwirrend“, sagt Crocket. „Ich stand morgens auf, wollte meine Yogaübungen machen und dann sah ich all die Sachen.

Irgendwie hielten mich die vielen Stapel davon ab, die Zeit des Tages zu genießen, die ich eigentlich für die Konzentration auf mich selbst vorgesehen hatte. Nach einiger Zeit war auch ihr für Yoga und Meditation reservierter Raum von Papierbergen versperrt und es erschien ihr unmöglich, sich jemals durch diese Stapel hindurchzuarbeiten. Wie sollte sie sich ihren Weg zurück auf die Matte bahnen? Die Antwort, die sie fand, war eine spirituelle Erfahrung – das erleichternde Gefühl, das mit Ausmisten, Rauswerfen und Aufräumen verbunden ist. Doch was hat Ordnung mit Spiritualität zu tun? Wie sich herausstellte, ziemlich viel.

„Im Äußeren aufzuräumen, hilft dabei, auch innerlich Ordnung zu schaffen“, sagt Jeanne Deignan-Kosmides, Organisationsberaterin und Kripalu-Yogalehrerin aus Baltimore, Maryland. Sie ist sich sicher: „Ordnung zu schaffen, sorgt für einen klaren Kopf und schafft Platz“ – auf dem Yogaweg und für alle anderen Dinge, auf die man sich konzentrieren will. Im Grunde ist Ordnung ein essenzieller Teil der spirituellen Lebensweise. Ebenso wie Yoga den Geist zentriert und den Fokus ausrichtet, sorgt auch Ordnung in der Umgebung für eine neue Ebene an Klarheit, Bedeutung und Effektivität – im gesamten Leben und nicht nur auf dem Schreibtisch. Beim Ordnung Schaffen geht es auf ganz praktischer Ebene darum, Platz im eigenen Kopf zu machen, so dass man die eigenen To-do-Listen abarbeiten und wieder ganz bei der Sache sein kann. Wenn alles ordentlich und organisiert ist, fällt es leichter, freie Zeit zu genießen und sich in den eigenen vier Wänden wohl zu fühlen. Auf spiritueller Ebene bedeutet Ordnung aber auch, dass man nicht nur das äußere Chaos überwindet, sondern auch die Mechanismen erforscht, die für das selbst geschaffene Chaos verantwortlich sind, und allmählich realisiert, wie viel Energie einen die Unordnung kostet. Das Prinzip ist ganz einfach: Beobachten wir die eigenen Gefühle, verändern das eigene Denken und eignen uns selbst neue Gewohnheiten an, beginnt sich auch die Welt um uns herum zu verändern.

Nun werden Sie sich fragen: Ist das wirklich so? Vielleicht haben Sie sich schon einmal vorgenommen, Ihr Haus, Ihr Büro oder nur eine kleine Kommode aufzuräumen und haben einen langen Nachmittag damit verbracht, Dinge wegzuräumen – nur um dann festzustellen, dass Ihre Ordnung gerade ein paar Tage hielt? Vielleicht haben Sie sogar einen professionellen Organisationsberater zu Rate gezogen und mussten anschließend feststellen, wie das Ergebnis Ihrer Bemühungen und Ihres Geldes unter einem neuen Stapel voller Unrat verschwanden? „Ich habe alle diese Behälter gekauft, zum Teil sogar spezielle Schachteln für bestimmte Dinge, aber ich werde einfach nicht fertig“, sagt die Yogalehrerin Cynthia Mesh, die in ihrem Haus in Arlington, Massachusetts, ihr Studio und ihr Büro betreibt. „Ich habe mir so oft vorgenommen, alle Dinge, die ich in die Hand nehme, wieder zurück an ihren Platz zu legen. Aber irgendwie gelingt mir das nie.“ Sie und viele andere, die mit der eigenen Unordnung ringen, haben das gleiche Problem: Während es nur weniger Stunden bedarf, gedankenlos aufzuräumen, kann es Wochen, ja sogar Monate dauern, bis man seine Gewohnheiten grundlegend verändert und man am Ende in der Lage ist, das Chaos endgültig zu überwinden.

Intention finden
Sich geistig zu organisieren klingt nach viel Arbeit – und das ist es auch. Hierzu bedarf es fundamentaler Veränderungen in der Art und Weise, wie Sie Dinge erledigen. Der erste Schritt ist, sich über den Anlass klar zu werden, diese Neuausrichtung überhaupt vornehmen zu wollen. Im achtgliedrigen Pfad des Ashtanga Yoga legte Patanjali die Niyamas (Verhaltensregeln oder Einschränkungen) fest, die Yogis auf ihrem Weg zum leidlosen Zustand pflegen sollten. Die erste dieser Verhaltensregeln nennt sich Saucha (Reinheit). Neben der Reinheit des Körpers und der eigenen Umgebung umfasst dieses Prinzip auch, Distanz zu gewinnen und zu reflektieren, warum wir unsere bisherigen Gewohnheiten in geordnetere Bahnen verändern wollen. „Ich begreife Saucha gerne als Klarheit der Intention“, so die Yogalehrerin und Autorin („A Year Of Living Your Yoga“) Judith Hanson Lasater aus San Francisco. „Wenn wir uns über unsere Absichten im Klaren sind, wird jede Aufgabe leichter.“
Das ist ein wichtiger Schritt, bevor Sie mit der physischen Arbeit des Ordnung Schaffens beginnen. Denn nur eine starke, bedeutungsvolle Intention wird zu einer wirklichen Veränderung führen. Sobald Sie Ihre Absicht definiert haben, können Sie sich auf einen bestimmten Bereich konzentrieren, in dem sie sich mehr Frieden und Ordnung wünschen. Das kann in Ihrem täglichen Tagesablauf sein, in Ihrem Buchhaltungssystem oder in einem bestimmten Zimmer Ihrer Wohnung. Nehmen wir an, Sie haben sich entschlossen, Ihr Büro in Ordnung zu bringen. Stellen Sie sich nun vor, wie dieser Raum aussehen soll und was sie dort erreichen möchten. „Im Moment ist mein Büro ein einziges Chaos“, bedauert Cynthia Mesh. „Ich wünschte jedoch, es sähe darin aus wie in einem Yoga-Studio, dass auch ein kleines Büro enthält. Ich sehe einen geräumigen freien Boden vor mir, schönen Stoff an den Wänden und einen aufgeräumten Schreibtisch, auf dem eine Pflanze steht. Ich möchte, dass dieser Raum der Angelpunkt meiner täglichen Morgenroutine ist. Dort übe ich 15 Minuten Yoga, um mich selbst zu zentrieren, bevor ich mich anderen Aufgaben widme.“ Ob Sie sich nun ein gemütliches Zuhause vorstellen oder gar Seelenfrieden: Ihr Vorsatz, sich selbst zu organisieren, muss stark genug sein, um die vor Ihnen liegenden Herausforderungen zu bewältigen. Vergessen Sie nicht: Hier geht es nicht um schnelle Hilfe. Und sicherlich werden Sie irgendwann alles wieder sein lassen wollen. Sobald Sie frustriert sind und Widerstand spüren, kehren Sie gedanklich zu Ihrer Intention zurück, um sich Ihrer Absicht zu versichern und dem Prozess des Aufräumens wieder Bedeutung zu verleihen.

Erforschen
Sobald Sie sich Ihrer Absicht bewusst sind, beginnen Sie damit, Ihr eigenes Verhalten mit Hilfe einer zweiten Niyama zu beobachten, der Svadhyaya (Selbstbeobachtung). Womit verursachen Sie Unordnung? Und warum tun Sie das? Indem Sie Ihre Handlungen und Gedanken in dem Bereich, den Sie gewählt haben, beobachten, können Sie die wahren Ursachen für Ihr Chaos erkennen. Sobald Ihnen das gelungen ist, können Sie mit der physischen Arbeit des Ordnung Schaffens beginnen und neue, effektivere Gewohnheiten entwickeln. Indem Sie Ihr eigenes Verhalten studieren, werden Sie sich Ihrer automatischen und unbewussten Verhaltensweisen gewahr. Stapeln Sie gedankenlos ungeöffnete Rechnungen auf einer Ablage, verlegen Sie Ihre Autoschlüssel oder lassen Sie einen Haufen Yogautensilien mitten im Wohnzimmer liegen, wenn Sie mit dem Üben fertig sind? Viele solcher bekannten, tagtäglichen Angewohnheiten entwickeln wir schon in unserer Kindheit. Indem wir diese Gewohnheiten jedoch mit Interesse und Mitgefühl beobachten, können wir beginnen, sie rückgängig zu machen. Nehmen wir an, Sie sind gerade mitten in einer Tätigkeit begriffen – in einem Projekt, bei der Zubereitung einer Mahlzeit oder beim Spielen mit den Kindern. In solchen Momenten wird ein Zimmer, in dem viele Gebrauchsgegenstände verteilt sind, immer chaotisch aussehen. Das ist aber noch kein Chaos, sondern das natürliche Resultat dessen, was Sie gerade tun. Die ent- scheidende Frage ist vielmehr: Werden Sie die Dinge wieder an ihren Platz räumen, wenn Sie fertig sind? Selbstverständlich ist es oft einfacher, alles stehen und liegen zu lassen und sich der nächsten Aufgabe zuzuwenden. Wenn Sie jedoch zurückkehren, stört Sie der Anblick des Chaos, das Sie hinterlassen haben.

Widmen Sie sich einem Ort in Ihrem Zuhause, in dem Sie gerne mehr Ordnung halten würden, wie zum Beispiel dem Schrank unter der Küchenspüle. Fragen Sie sich selbst: Wie kamen bloß all die Sachen dort hin? Die haben sich dort nicht selbst gestapelt, auch wenn es vielleicht so scheint. Sie haben Sie dort hin geräumt. Fragen Sie sich also noch mal: Was ist das alles? Wann räume ich mein Gerümpel dort hin? Und warum tue ich das? Diese letzte Frage ist der Beginn der tiefgehenden Seelenarbeit, die eigenen Gewohnheiten absichtsvoll zu verändern. Haben Sie Angst, sich mit dem Inhalt des Schränkchens auseinanderzusetzen? Welche anderen Gefühle kommen hoch, wenn Sie den Inhalt des Schrankes betrachten? Fällt es Ihnen schwer, zu entscheiden, was Sie behalten und was Sie wegwerfen wollen, weil Sie nicht wissen, was Ihnen wirklich wichtig ist? „Als ich nach der Scheidung meine Papiere durchging, fühlte ich mich heimatlos“, sagt Catherine Crocket. „Meine Ehe war vorbei, aber ich besaß noch alle Beweise für ihre Existenz. Ich glaube, deshalb habe ich sie behalten. Diese Papiere standen für meine Geschichte. Es fiel mir schwer, sie loszulassen.“ Aber sie tat es – mit Hilfe eines professionellen Organisationsberaters und der Verpflichtung, Ordnung als persönliches Wachstum zu begreifen.

Fortschritt als Prozess begreifen
Erkennen wir uns selbst als Ursache für die Unordnung um uns herum, kann dies durchaus deprimierend sein und Sorge bereiten. Kehren Sie zu Ihrer zu Beginn gefassten Intention zurück, sobald das geschieht. Beobachten Sie sich und Ihre Schwächen mit Mitgefühl und Liebe. Sie mögen sich selbst für eine „Chaotin“ oder für „faul“ halten. Diese negativen Begriffe halten Sie jedoch davon ab, sich Strategien anzueignen, die Ihnen das Leben leichter machen. Das Leben zu ordnen ist vielmehr ein Prozess, bei dem man lernt, entspannter und gegenwärtiger zu existieren. Ohne Mitgefühl neigen Sie vielleicht dazu, sich selbst für das Wirrwarr zu verurteilen, dass sie verursacht haben. Womöglich geloben Sie, dass es nicht wieder vorkommt, nur um dann wieder in Ihre alten Verhaltensweisen zurückzufallen. Doch zu hoch angelegte Ziele sind kontraproduktiv. Vielleicht gelingt es Ihnen, Ihre täglichen Gewohnheiten zu verändern, aber das Ziel, „sich selbst zu organisieren“ ist illusorisch. Sie sollten sich im Klaren sein, dass es die Endhaltestelle „organisiert“ nicht gibt. Nun, da sie jedoch eine Vorstellung davon haben, was Sie erreichen wollen und verstehen, wie Sie an den Punkt gekommen sind, an dem Sie sich befinden, wird es Zeit, sich die Hände schmutzig zu machen. Listen schreiben, Putzen und das Erstellen der Steuererklärung mögen Ihnen vielleicht niemals Freude bereiten, aber müssen auch nicht unangenehm sein. Das geistige Wachstum beginnt, wenn Sie anerkennen, dass selbst die weltlichsten Dinge, wie das Aufräumen Ihrer Yogautensilien nach dem Üben, Tätigkeiten sind, die es wert sind, mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt erledigt zu werden. Solche Arbeiten sind beides: Der Prozess und der Schlüssel zu spirituellem Wachstum. „Wenn man sich jeden Tag für fünf Minuten ganz und gar und voller Freude der Meditation widmen würde, würde das eine Veränderung bewirken“, sagt Judith Hanson Lasater. „Das Gleiche geschieht, wenn man Dinge, die man nicht leiden kann, mit Sachlichkeit tut. Lassen Sie sich darauf ein, eine Aufgabe, die sie nicht mögen, täglich fünf Minuten lang zu erledigen. Es wird sehr befreiend sein.“ Vielleicht möchten Sie auch einen Freund um Hilfe bitten, sich selbst einen Zeitplan erstellen, oder damit beginnen, einfach einige Dinge zu sortieren. Egal, was sich für Sie gut anfühlt – machen Sie es. Am wichtigsten ist, dass Sie dabei ruhig und gleichmäßig atmen, um bei der Sache zu bleiben. Oftmals spüren wir Panik in uns aufsteigen, wenn wir eine neue Herausforderung angehen. Fangen Sie deshalb mit einer leicht zu bewältigenden Aufgabe an, die Sie Ihrem Ziel näher bringt. Denken Sie daran: Sie werden nicht Ihr gesamtes Haus an einem Wochenende in Ordnung bringen. Aber Sie können zunächst einen bestimmten Raum aufräumen und lernen, diesen sauber zu halten, bis Sie in der Lage sind, sich dem nächsten Ort zuzuwenden. In der Lehre des Zen-Buddhismus wird die Geschichte eines Schülers erzählt, der seinen Meister nach dem Weg zur Erleuchtung fragt. Der Meister antwortet: „Hast du deinen Reis gegessen?“ „Ja“, sagt der Schüler. „Gut“, sagt der Meister. „Dann spüle deine Schüssel ab.“

Und tatsächlich ist es so, dass jede Aktivität, zum Beispiel Yoga, ein selbst gekochtes Essen oder Meditation – ja, auch das Bezahlen der Rechnungen – erst dann abgeschlossen ist, wenn man danach alle Utensilien wieder zurück an ihren Platz gelegt hat. Der Arbeitsplatz muss anschließend nicht perfekt aussehen, solange Sie Ihren Seelenfrieden damit haben. Anstatt sich also vorzunehmen, alles auf einmal und in totaler Perfektion zu erledigen, erarbeiten Sie sich lieber langsam einfache organisierende Handgriffe, die Sie in Ihren Alltag integrieren können. Dann müssen Sie nur noch daran denken, Ihre Schüssel abzuspülen, nachdem Sie Ihren Reis gegessen haben. Danach sind sie bereit für alles, was kommt.


Marilyn Paul, Mitbegründerin der Organisationsberatungsfirma Bridgeway Partners, ist Autorin des Buches „It’s Hard to Make a Difference When You Can’t Find Your Keys: The Seven-Step Path to Becoming Truly Organized“ (Penguin Compass).
Fotoquelle: Pexels