Satsang Kolumne: Wie du dich von destruktiven Mustern befreist

Satsang kommt aus dem altindischen Sanskrit und bedeutet: Sich in der Wahrheit treffen. Traditionell wurde der Begriff für ein Zusammensein zwischen einem Meister und seinen Schülern verwendet. Zu solch einem “Treffen” laden wir euch jetzt ein. Hier auf yogaworld.de, mit der promovierten Philosophin Dr. phil. MoonHee K. Fischer. In unserer neuen Satsang-Kolumne beantwortet MoonHee eure großen und kleinen Lebensfragen.

Die Suche nach dem eigenen Selbst

Ich lade dich dazu ein, Fragen zu stellen, die ich dann aus ganzheitlicher Sicht, auf medialer Ebene beantworte. So erhältst du eine Anleitung zu einer neuen Offenheit – dir selbst gegenüber und zu mehr Spiritualität im Alltag. Idealerweise lernst du, deine tiefsten Sehnsüchte und Träume bewusst wahr zu nehmen und dein Leben positiv zu verändern. Ich freue mich auf eure Fragen, die ich sehr gerne – so weit es mir möglich ist – beantworten werden. Meine Antworten haben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Mir ist es durchaus bewusst, dass manche Fragen eine ausführlichere Beantwortung verdient hätten, vor allem die persönlicheren. Ich bitte euch um Verständnis, dass das hier in diesem Rahmen nur bedingt möglich ist. Sollten Fragen offen bleiben, dann einfach noch einmal fragen oder mich kontaktieren.

Hier findest du den ersten Teil der Satsang-Kolume. Alle neuen Fragen gibt es hier.

Ich freu mich auf deine Fragen. Mögen alle Wesen glücklich sein,
Deine MoonHee


Julius: Wie kann man effizient (und langfristig) nicht konstruktive Muster transzendieren?

Der Begriff der “Transzendenz” hat alltagssprachlich die Bedeutung etwas zu übersteigen, in dem Sinne etwas zu meistern. Meisterschaft wird um der Erkenntnis willen angestrebt und setzt Mühen und Willen voraus. Die Befreiung von Negativem geschieht durch die richtige Erkenntnis – und diese wird durch Bereitschaft gewonnen.
Die Frage, die sich hier stellt: Sind wir wirklich bereit dafür? Können wir loslassen – um frei und glücklich zu sein. Wollen und können wir wahres Glück – wirklich – zulassen?

Wenn dem so ist, warum hängen wir an Verhaltensweisen, die uns schaden, die uns unglücklich machen, die uns schuldig fühlen lassen, die uns einengen und klein halten? Wer zwingt uns denn, so zu handeln und zu fühlen, wie wir es tun – außer wir selbst? Haben wir nicht die Freiheit zu wählen, wer oder was wir sein wollen oder sind wir durch vergangene Ereignisse in unserem Verhalten und Fühlen determiniert? Ist unsere Zukunft voraus bestimmt oder ist sie offen und veränderbar? Liegt es nicht an uns selbst, wie wir etwas sehen oder sehen wollen?

Negatives kann nur durch Positives aufgelöst werden, da Schlechtes immer nur Schlechtes nach sich zieht. D.h. wir müssen erst einmal unsere Einstellung zu unseren destruktiven Mustern verändern. Denn die gleiche Einstellung oder das gleiche Verhalten führt immer zum gleichen Ergebnis. Wollen wir diesen Automatismus stoppen, so müssen wir uns zerstörerischen Neigungen entziehen. Die Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft oder Offenheit, die ein und dieselbe Sache aus einer anderen Perspektive sehen zu können. Konkret: Wir müssen die Lichtseite anstatt die Schattenseite eines sich immer wiederholenden Musters betrachten.

Schatten gibt es nur dort, wo Licht ist. Die Schattenseite eines Musters verweist auf etwas, das da ist, aber keine Anerkennung findet. Der Schatten offenbart, wenn wir genau hinschauen, das verdeckte Licht ins uns – Potenziale und Stärken, die vorhanden sind, die wir aber nicht leben. Er zeigt einen Missstand, ein Fehlen bzw. einen blinden Fleck auf. Muster wiederholen sich so oft oder kehren solange zurück, wie wir sie noch benötigen. Durch sie sollen wir uns bewusst werden, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte oder sein könnte. Die Transzendenz oder Meisterschaft von negativen Gewohnheiten zu guten, liegt darin, das wir das Negative in sein positives Gegenstück umwandeln. Dafür müssen wir jedoch erst die positiven Entsprechungen der negativen Muster bestimmen und unser Leben auf sie fokussieren. Nur in der bewussten Wahrnehmung unserer verborgenen positiven Potenziale, können wir unsere Fehler oder Mängel in uns beheben und letztendlich Heilung bzw. Ganzheit erfahren. Indem wir das Licht in uns mehren, wird das Dunkle ganz von selbst schwächer. Werden wir uns bewusst, dass wir an unseren Mustern und Schwächen festhalten und sie nicht an uns.

Rosa: Was für ein Gefühl steckt hinter der Angst?

Es gibt zwei Arten von Gefühlen, die allen Menschen, unabhängig von Ethnie, Kultur und Normen, gemeinsam sind: Die Freude und die Angst. Beide Gefühle schließen sich aus. Wo das eine ist, kann das andere nicht sein. Freude und Angst werden weltweit sprachübergreifend verstanden und erkannt – sie gehören zu den essentiellen Gefühlen, die die Welt verbinden oder spalten. Die Freude ist im Gegensatz zur Angst Verbundenheit, Weite und Offenheit und geht mit Vertrauen und Glauben einher. Hingegen ist Angst Trennung, Enge und Verschlossenheit, welche Misstrauen und Selbstzweifel nach sich zieht.

So wie die Freude uns für den Anderen, die Welt, öffnet, da sie eine Kraft ist, die nach außen ausstrahlt und sich vervielfältig, so verschließt die Angst uns – vor unserer Umwelt, aber auch vor uns selbst. Sie beraubt uns unserer Vitalität, unseres Mutes und unserer Eigenständigkeit. Sie macht uns zum Gefangenen einer in sich abgekapselten und einsamen innerlichen Welt. Denn sie gibt nicht, in dem Sinne, dass sie sich mitteilt, sondern sie nimmt und reduziert. In der Freude fühlen wir uns sicher und geborgen, in der Angst hilflos und ausgeliefert:

Wir fühlen uns nackt und unseres Seins bemächtigt. Wir alle kennen das erdrückende und einengende Gefühl der Angst. Ganz gleich, wie die Angst sich auch zeigen mag – ob als Verlustangst, Angst vor Versagen, die Angst nicht anerkannt und geliebt zu werden, die Angst um körperliche Unversehrtheit etc. – wird jede Angst von der Angst des Kontrollverlustes dominiert. Die größte Angst des Menschen ist, nicht geliebt zu werden, die mit der Angst, ganz alleine zu sein, und mit der Angst, keine Kontrolle zu haben unmittelbar zusammen hängt. Alles Nicht-Greifbare oder Nicht-Erfassbare versetzt den Menschen in Angst und Schrecken. Daher bekämpft oder lehnt der Mensch alles ihm Fremde ab. Hier liegt der Nährboden für Krieg, Gewalt und Hass.

In der Psychologie wird zwischen Furcht und Angst unterschieden. Dort wird die Meinung vertreten, dass die Furcht auf etwas Konkretes gerichtet ist und die Angst unbestimmt bleibt. Wir alle kennen den Ausdruck: die Angst vor der Angst. Das Unbestimmte bestimmt das Unbestimmte. Die Angst selbst ist also nicht wirklich real. Sie ist eine Art emotionale Fata Morgana, ein Konstrukt unseres denkenden Verstandes. Entgegen der gängigen Meinung ist es sinnvoll zwischen Emotionen und Gefühlen zu unterscheiden. Emotionen sind kopfgesteuerte Zustände, die von einem bewertenden und vergleichenden Verstand gebildet werden. Ich bin schön – ich bin hässlich; ich bin klug – ich bin dumm; ich bin glücklich– ich bin unglücklich; ich bin es wert geliebt zu werden – ich bin es nicht wert geliebt zu werden.

Wahre, aufrichtige Gefühle haben jedoch ihren Sitz im Herzen, das eint und nicht trennt. Unberührt von Veränderungen im Außen sind sie überzeitlich und universell. Dagegen sind Emotionen Launen eines unruhigen, sich immer verändernden Verstandes und somit der Ursprung von Leid und Ängsten. Je mehr Ängste wir haben, desto mehr leben wir im Kopf. Der Unterschied zwischen einem emotionalen Menschen und einem Gefühlsmenschen ist das Gewahrsein des Herzens. Das Herz kennt weder Negatives noch Gegensätze oder Widersprüchliches. Wahre Gefühle sind immer rein positiv. Das Herz ist immer FÜR und kann aus diesem Grund auch niemals brechen. Das, was bricht, unglücklich oder verzweifelt ist, ist das vom Verstand geschaffene Ego.

Der moderne Mensch zeichnet sich durch eine hohe Emotionalität und Empfindlichkeit aus (siehe Frage über die Hochsensibilität). Er lebt hauptsächlich im Kopf und weniger im Herzen. Er klammert sich an Fakten und greifbare Dinge. Werden diese ihm entzogen, so fühlt er sich unsicher und im schlimmsten Fall hört er, aus einem falschen Selbstschutz, auf (wahrhaftig) zu fühlen. Scheitert nun der Versuch, den Mangel an echten und tiefen Gefühlen durch Projektionen zu kompensieren, so tritt eine existenzielle, beängstigende Leere ein. Diese Leere wird als Bedrohung alles Greifbaren und Kontrollierbaren empfunden. Die Angst, nicht mehr Herr der Dinge zu sein, ist die diffuse Angst vor der Angst. Angst gleich Kontrollverlust gleich Verlust. Das Einzige, was der nicht greifbaren Angst entgegen wirken kann, ist die freiwillige Abgabe von Kontrolle und die konkrete Annahme der Leere von Verlust. Jedes dagegen Ankämpfen verschlimmert die Misere. Nur im Loslassen (von Kontrolle) erfahren wir die Freiheit von Angst. Je mehr wir loslassen können, desto angstfreier leben wir und umso mehr können wir von einem falschen Selbstschutz ablassen und wieder anfangen, richtig zu fühlen.

Da Angst und Freiheit sich gegenseitig ausschließen, bedeutet Angst immer Zwang. Niemand ist in seinen Ängsten frei. In unseren Zwängen sehen wir nur uns selbst und unsere eigenen Probleme und Nöte. Wir sind blind für das objektiv Richtige und für die Bedürfnisse der anderen. Da der Mensch seiner Natur nach aber ein
Gemeinschaftswesen ist, verliert er dadurch an Menschlichkeit, welches ein unmenschliches Verhalten nach sich zieht. Unmenschlichkeit zeigt sich nicht erst in Gräueltaten, sie fängt im Kleinen durch Selbstbezogenheit an. Unglücklicherweise kann dort, wo Egoismus herrscht, keine Liebe sein –nicht nur für andere, auch für sich selbst nicht. Das gleiche gilt für die Angst. Dort, wo Angst ist, kann es keine Liebe geben, und da, wo Liebe ist, gibt es keine Angst – denn Kontrolle ist immer Abwesenheit von Liebe! Liebe ist nur in und durch Freiheit möglich und niemals durch Zwang. Wahre Liebe schenkt sich und begrenzt nicht. Die Tragik des Menschen ist, dass seine größte Angst ist, der Liebe nicht wert zu sein und zugleich fürchtet er sie. Denn die Liebe gewinnt man nicht durch einen kontrollierbaren Verstand und greifbare Tatsachen, sondern allein durch ein losgelöstes und mutiges Herz. Zur Liebe gehört Mut: Sie ist ein Abenteuer, welches weder berechnet
noch gesteuert werden kann. Die Liebe tut nicht – sie ist.

Paul: Ist ein spiritueller Weg eine Gefahr zu egoistisch zu werden? Die Rückbesinnung auf das eigene Wohl und die Selbstzentrierung und auch der damit verbundene Selbstoptimierungswahn endet bei vielen Menschen, darin, dass sie sich immer mehr abgrenzen.

Die Abgrenzung ist ein allgemeines Problem der heutigen schnelllebigen Zeit, einhergehend mit der Überforderung, allem gerecht zu werden, und einem tiefgreifenden Gefühl, im Leben zu kurz zu kommen. In unserer Wohlstandsgesellschaft ist Zeit ein rares Gut. Wir alle sind Sklaven einer scheinbar schnelltickenden Uhr. Jedoch hat sich die Zeit nicht verändert, denn ein Tag hat immer noch 24 Stunden und eine Stunde immer noch 60 Minuten. Das, was sich verändert hat – sind wir. Wir sind es, die schneller ticken bzw. leben. Wir haben keinen inneren Halt mehr und haben dadurch den Bezug zu den wesentlichen Dingen verloren. Wir sind lost in space. Wir haben nicht nur unser (Zeit)gefühl für die wichtigen Dinge im Leben. Wir haben vor allem uns selbst verloren.

Verloren in Raum und Zeit haben wir weder eine Richtung noch einen Anhaltspunkt, wo unsere Reise hingeht oder wo sie hingehen sollte. Wir dümpeln vor uns hin und lassen uns von einer nicht vorhandenen Zeit Gefühle, Verhalten und Bedürfnisse aufoktroyieren, die wir eigentlich nicht haben wollen. Denn wollen wir nicht alle unsere Zeit sinnvoller nutzen? Wollen wir nicht alle mehr Zeit mit geliebten Menschen und mit Freunden verbringen und mit dem, was uns innerlich wirklich erfüllt? Erkennen wir: “Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht (erfüllend) nutzen.” (Seneca)

Der spirituelle Weg beginnt, wenn wir uns unserer Gefangenschaft bewusst werden und endet, wenn wir sie transzendiert haben. Transzendenz wird aber nicht durch Verneinung, Ablehnung oder ein Ankämpfen erreicht, sondern durch Annahme. Nur in der Übersteigung von Verneinung und Bejahung ist wahre Transzendenz oder echte Freiheit möglich. Das Anhaften an dem einen oder anderen wird durch persönliche Konditionierungen geprägt. Auch diese Erkenntnis darf nicht abgelehnt werden, sondern muss wieder überstiegen werden. Der spirituelle Weg ist der Weg des Darüber-Hinaus. Deshalb ist Erleuchtung auch kein Endzustand, sondern erst der Anfang. Erleuchtung oder das Darüber-hinaus ist nichts anderes als Offenheit schlechthin. Und dort, wo wahre Offenheit ist, gibt es nichts, was trennt. Kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Es gibt oben und unten, innen und außen, klein und groß, Tag und Nacht. Jedoch frei von persönlicher Bewertung.

Im Zen spricht man von der Soheit der Dinge. Das bedeutet: Die Dinge sind so, wie sie sind! So heißt es im Zen: “Bevor du Zen studierst, sind Berge Berge und Flüsse Flüsse. Während du Zen studierst, sind Berge keine Berge und Flüsse keine Flüsse mehr. Hast du dann die Erleuchtung gewonnen, sind Berge Berge und Flüsse Flüsse.” Die Dinge sind also so, wie sie sind, und nicht, wie wir uns wünschen oder wie wir sie uns machen. Nur in der Akzeptanz der Soheit aller Dinge liegt die vollkommene Befreiung vom Ego. Denn nur durch sie können auch wir uns so erkennen, wie wir wirklich sind. Frei von Konditionierungen, Vorstellungen und Wünschen. Die wahre Selbsterkenntnis ist von der Welt nicht trennbar. Sie öffnet den Menschen für seine Mitwelt, der Liebe und Fürsorge für den anderen, da das Selbst, im Gegensatz zum trennenden Ich. Nicht individuell, sondern universell ist. Es ist inklusiv und nicht exklusiv.

Problematischerweise geht der Weg von Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung in den meisten Fällen über eine starke Ich-Bezogenheit. Man fängt an, sich und die Welt zu reflektieren, und nimmt sich dafür als Maßstab. Das kann dazu führen, dass der spirituelle Mensch dem Weltsein, der Soheit, dem Sein im Hier und Jetzt, entgleitet und eine über den Dingen stehende Haltung annimmt. Die Folgen sind spirituelle Überheblichkeit und Besserwisserei. Der Spirituelle, der nun meint, bewusster und achtsamer als andere zu sein, erkennt nicht, dass er die eine Seite der Bewertung nur durch eine andere Seite der Bewertung eingetauscht hat. Der achtsame Weg ist jedoch der mittlere Weg. Alle Extreme müssen vermieden werden. Oft erkennt der erwachende Mensch seine Engstirnigkeit oder Einseitigkeit nicht und glaubt das Recht zu haben, sich selbst der Welt und der Verantwortung in ihr entziehen zu dürfen oder sogar zu müssen. Alles, was der Selbstentwicklung scheinbar im Wege steht, wird nun als Last und Mühe empfunden. Das kann die Familie, der Partner, die Partnerin, der Beruf, Freundschaften sowie auch die Gesellschaft im Allgemeinen sein.

Die heutige und vor allem die westliche Spiritualität ist eine Spiritualität to go. Eine Wellness-Spiritualität, da sie nur so weit betrieben wird, wie sie einem Wohlgefühle und Wohlbehagen schenkt. Der spirituelle Hedonismus lässt grüßen. Yoga, Achtsamkeitsseminare, Meditation, Nachhaltigkeit sind deshalb so populär, weil sie MIR etwas geben, in dem Sinne, dass ICH mich wohlfühle. Nicht nur, dass ich einem angesagten Trend folge, ich sehe auch besser und jünger dadurch aus. Mittlerweile ist es allgemein bekannt, dass ein nachhaltiger Lebensstil uns ein gesünderes und längeres Leben beschert. Spirituelle Erfahrungen werden weniger um der Erfahrung selbst, geschweige denn für den Dienst am Nächsten und für das Allgemeinwohl angestrebt, sondern aus dem banalen und trivialen Grund, seine persönlichen Bedürfnisse zu stillen und zu kompensieren.

Sich gut zu fühlen ist gut, denn nur ein glücklicher Mensch ist eine Bereicherung für die Welt. Jedoch darf das eigene Glück nicht über das eines anderen gestellt werden. Wie kann man sich wohlfühlen oder aufrichtig glücklich sein, wenn andere leiden? Mein Glück ist von dem Glück der anderen nicht trennbar. Das heißt: Ich bin nicht frei, alles zu tun, was mir beliebt. Ich trage Verantwortung für das Wohl meiner Mitwelt. Tue ich das allerdings gerne, bin ich frei, und diese Freiheit nennt man Liebe. Denn was ist Liebe anderes, als auf das eigene Wohl um des anderen willen. Aus Freiheit heraus – zu verzichten? Erst indem ich aus freien Stücken mein Recht auf Freiheit loslasse, wird jede Art von Abgrenzung und Egoismus überwunden.

Peter: Wie kann man es schaffen, angesichts der Fülle der heutigen Probleme (Umweltverschmutzung, Covid-19, Rassismus, wirtschaftliche Ungleichheit) sich auf das zu konzentrieren, was man selbst zur Verbesserung der Welt beitragen kann?

Warum ist die Welt so, wie sie ist? – Weil wir sie so machen! Wir alle tragen unseren Beitrag zu den bestehenden Weltproblemen bei – ob passiv oder aktiv; der eine mehr, der andere weniger. Krieg und Terror, Kapitalismus, globale Armut, Welthunger, Klimawandel, Landgrabbing, Korruption, Ausbeutung, Diskriminierung, Massentierhaltung etc. sind real und menschengemacht.  

“Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der gren­zenlosen Überfluss produziert.”[1] Trotz einer Landwirtschaft, die ein Drittel mehr Kalorien erzeugt, als für die Versorgung der Weltbevölkerung rechnerisch notwendig wäre, leiden immer noch 805 Millionen Menschen an Hunger.[2] 1,4 Milliarden Menschen leben in extremer Armut[3], obwohl laut Weltbank 16 Prozent der Weltbevölkerung über 83 Prozent der Vermögenswerte verfügen.[4] Nach Jean Ziegler, Soziologe und Politiker, werden die Kinder, die an Hunger sterben, ermordet. Auch der Philosoph Thomas Pogge spricht von aktiver Tötung, da es leicht möglich wäre, dieses Sterben zu ver­hindern.[5] Peter Singer, ebenfalls Philosoph und Ethiker, bringt den gleichen Vorwurf zum Ausdruck.

Wir brauchen die 2015 erschienene Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus nicht als Mahnappell, um uns zu vergegenwärtigen, dass das Verhältnis von Mensch und Welt nicht nur kein dialogisches, sondern im höchsten Maße besorgniserregend ist. Die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels sind allgemein bekannt. Ein Leugnen oder ein Nichthandeln kommt einer Massenvernichtung von Mensch und Natur gleich. Der Geist des Klima­wandels zerstört unerbittlich und unwiderruflich. Seine Hauptverursacher sind die Industriestaaten, vor allem die USA und Europa. Mittlerweile tragen aber auch China und Indien immer stärker zur globalen Erwärmung bei. Dennoch sind es (noch) vorrangig die Armen in den Entwicklungsländern, die die schweren Folgelasten zu tragen haben.

Nicht nur, dass der Klimawandel die schlechten Lebensbedingungen der Armen auf dramati­sche Weise verschärft – die westliche kapitalistische Welt weiß diese Situation auch noch für sich profita­bel zu nutzen. Ein prominentes Beispiel ist “Landgrabbing”. Weltkonzerne eignen sich für den Ex­port (Bio-Sprit, Palmöl, Wasser etc.) auf unlautere Weise fremdes Landeigentum an. Zurzeit liegen 39 Millionen Hektar Land in Händen von ausländischen Investoren. “Zusätzlich laufen Verhand­lungen über weitere 15 Millionen Hektar Fläche.”[6] Der Kolonialismus ist mit all seinen schlechten Seiten zurückgekehrt. Sklavenähnliche und menschenunwürdige Zustände gehören dort zur Tagesord­nung. Nicht selten treiben Scham und vollkommene Hoffnungslosigkeit Vertriebene und Unter­drückte in den Selbstmord.

Es herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, dass Klimapolitik, globale Armut, Welthunger und Friedenspolitik nicht voneinander zu trennen sind. “Wo es an Ernährungssicherung mangelt, sind soziale und politische Stabilität gefährdet und Frieden und Sicherheit bedroht.”[7] Die Lösung lautet: Ganzheitliche Ökologie. Ein isoliertes Denken führt “zu inkonsistenten politischen Maßnah­men, die sich teilweise gegenseitig aufheben.” Interdisziplinäre und dialogische Wissenschaften helfen, weltweite Missstände und Defizite klar zu formulieren. Dennoch ist es zu bezweifeln, dass sie fä­hig sein werden, das komplexe Problem des Klimawandels zu lösen. Dass es eine radikale weltweite Veränderung braucht, ist unbestritten. Doch die wird nicht von außen kommen können, sondern erst durch einen Wandel des Menschen selbst.

Nach dem Philosophen Slavoj Žižek geschieht die Katastrophe vor dem (F)Akt.[8] Nehmen wir als Beispiel den “Dritten Pol” in Ti­bet. Die Katastrophe ist nicht die gefährliche Gletscherschmelze und deren schwerwiegenden Fol­gen, sondern die Haltung, die dazu geführt hat. Soll die Veränderung mehr als nur eine kosmetische sein, braucht es einen radikalen und bleibenden Wandel und dafür brauch es eine Ethik der Nachhaltigkeit, die unumstößlich auf einer Ethik der Liebe basiert. Denn die Lösung aller menschlichen Probleme liegt in einer gelebten Offenheit und Verbundenheit, getragen von dem Gedanken, dass alles mit allem verbunden ist. So banal das auch klingen mag, scheint die Umsetzung dessen fast unmöglich. Die Frage ist, können wir nicht oder wollen wir nicht?

Unsere Welt und unsere Gesellschaft ist krank – weil der Einzelne in ihr krankt bzw. leidet. Die Hauptursache unserer verheerenden Weltprobleme liegt nicht in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem mit seinen machtorientierten Weltkonzernen, sondern in der Entfremdung des Einzelnen von sich selbst. Der Kapitalismus ist nur eine Folge davon. Es ist nämlich der selbstentfremdete Mensch als getrenntes und in sich abgekapseltes Individuum, der der Welt unvereinbar entgegensteht. Sein Motto Individualität und Freiheit über alles verführt ihn zu einem ich-bezogenen eingeschränkten Fühlen, Denken und Verhalten. So stellt er aus einem falschen Idealismus und dem damit einhergehenden Glauben, Recht zu haben, seine Bedürfnisse über die der anderen.

Dabei hält er lieber an einer destruktiven Haltung – die anderen sind die Bösen bzw. die Blöden – fest, als eine positive konstruktive Haltung der Solidarität und Gemeinschaftlichkeit zu pflegen und zu leben. Paradoxerweise versteckt sich der Individualist allzu gerne hinter dem Kollektiv Welt, aus dem er sich aus Angst vor Individualitäts– und Identitätsverlust schon längst herausgenommen hat. Das führt wiederum dazu, dass er sich persönlich weniger verantwortlich für die Belange und Nöte der Welt fühlt. – Die anderen sind Schuld. – Jedoch helfen Schuldzuweisungen nicht weiter. Indem wir die Fehler bei anderen suchen, retten wir nicht die Welt. Wir alle sind Teil des Systems und nutzen unsere Vorteile daraus. Wir alle sind mitschuldig und wir alle sitzen im gleichen Boot.

Erwarten wir deshalb nicht von anderen, dass sie die Welt retten mögen und uns gleich mit. Retten wir sie, indem wir sie vor uns schützen. Für den Soziologen und Psychoanalytiker Erich Fromm steht fest: “Unser ethisches Problem ist die Gleichgültigkeit des Menschen sich selbst gegenüber. Wir haben den Sinn für die Bedeutung und Einzigartigkeit des Individuums verloren und haben uns zu Werkzeugen für Zwecke gemacht, die außerhalb von uns selbst liegen. Wir erleben und behandeln uns als Ware und wur­den unseren eigenen Kräften entfremdet. Wir sind zu Dingen geworden, und auch unsere Mitmenschen sind für uns Dinge. Da wir unseren eigenen Kräften nicht vertrauen, haben wir keinen Glauben an den Menschen, keinen Glauben an uns oder an das, was unsere Kräfte schaffen können. Wir haben kein Ge­wissen im humanistischen Sinn, denn wir wagen es nicht, uns auf unsere eigene Urteilsfähigkeit zu ver­lassen. Wir sind eine Herde: wir glauben, dass der Weg, dem wir folgen, zu einem Ziel führen müsse, weil wir alle anderen denselben Weg gehen sehen. Wir tasten im Dunkeln und bleiben nur deshalb mutig, weil wir auch alle anderen pfeifen hören.”[9]  

Die Rettung der Welt liegt also nicht in den Händen irgendwelcher Machthaber, sondern an und in jeden von uns. Wir alle sind aufgerufen unser Bestes zu geben. Erkennen wir: Nicht die Welt schuldet uns etwas, sondern wir der Welt. In den Worten Mahatma Gandhis: “Sei du die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.” Ich schließe mich Erich Fromm in seiner Hoffnung an, dass der Mensch sein Leiden erkennen mag – den Mangel an Liebe. Nur in dem wir diesen Mangel in uns selbst beheben, kann die Welt als gefestigte Einheit gesunden. Denn die Gesellschaft krankt nicht an äußeren Dingen, sondern an Trennung und Lieblosigkeit. Die Liebe gehört nicht nur zu den tiefsten und grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen, sondern sie ist die seelische Fähigkeit, die den Menschen zum Menschen macht. So kann nur die Lie­be die einzige vernünftige und befriedigende Lösung auf alle unserer Probleme sein.[10] Sie allein stellt einen vernünftigen und gesunden Weg aus unserer kranken Gesellschaft dar. Jedoch muss hierfür unser Alltagsverständnis von Liebe neu bzw. weiter gefasst werden. Wahre Liebe ist weder nur ein Gefühl noch ist sie individuell – sie ist Bezogenheit bzw. Verbundenheit schlechthin und somit immer universell.

Das bedeutet, dass sie unteilbar und allgemein ist. Sie ist die Bezogenheit des Menschen zur Welt als Ganzem. Für Fromm steht fest: Indem ich sage: “‚Ich liebe dich‘, muss ich auch sagen können ‚Ich liebe in dir auch alle anderen, ich liebe durch dich die ganze Welt‘”.[11] Universelle oder wahre Liebe zeigt sich in Fürsprache und Fürsorge für und um den anderen, so wie in einem Verantwortungsgefühl und der Achtung vor allem Leben. Die Voraussetzung hierfür ist die Liebe zu sich selbst. Selbstliebe und Nächstenliebe bedingen einander. Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch keinen anderen, wie umgekehrt. Wer scheinbar nur andere liebt, liebt gar nicht. Das Wesen der Liebe ist paradox. Sie ist Vereinigung, bei der die Integrität und die Individualität bewahrt bleiben – Wir sind Eins und doch Zwei. Oder wie Teilhard de Chardin, Jesuit, Paläontolge und Anthropologe sagt: “Die wahre Vereinigung verschmilzt nicht, sie differenziert.”[12] Nur so kann die Gleichheit und Freiheit aller Menschen gewährleistet werden.


  • [1] Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern 15, München 2013.
  • [2] Vgl. Welthunger-Index 5, Bonn 2014.
  • [3] Vgl. Peter Singer, Leben retten. Wie sich Armut abschaffen lässt – und warum wir es nicht tun 22, Zürich 2010.
  • [4] Siehe Jean Ziegler, Ändere die Welt 49, München 2014.
  • [5] Siehe Thomas Pogge, Weltarmut und Menschenrechte 18, Berlin 2011.
  • [6] Welternährung Bonn 20/21, 2014.
  • [7] Welternähung 16, Bonn 2014.
  • [8] Vgl. Slavoj Zizek, Was ist ein Ereignis? 36, Frankfurt 2014.
  • [9] Erich Fromm, Den Menschen verstehen 191, München 2014.
  • [11] Erich Fromm, Die Kunst des Liebens 79, München 2014.
  • [12] Teilhard de Chardin Aufstieg zur Einheit 285, Olten und Freiburg 1974.

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