Ist (spiritueller) Egoismus nur schlecht? Satsang Kolumne

In der Satsang-Kolumne antwortet Dr. MoonHee Fischer, promovierte Religionsphilosophin und alternative Heilerin auf eure dringenden (Sinn-)Fragen. Stelle auch du MoonHee eine Frage: Schreibe uns eine Mail mit deiner Frage an redaktion@yogaworld.de. Die Fragen werden selbstverständlich anonym behandelt, wir veröffentlichen lediglich den Vornamen, wenn du damit einverstanden bist. Pia fragt: Wie kann Egoismus zum Glück verhelfen und was kann ich davon lernen? Oder ist Egoismus immer nur schlecht?

In einer Welt, in der die Individualität der Gemeinschaft vorgezogen wird, statt Ehrlichkeit und Anstand, Profit propagiert wird, Gier und Vergnügen mehr Wert beigemessen wird als Teilen und aufrichtiger Freude, Selbstoptimierung der Selbstreflexion vorgezogen wird und Gewalt, Hass und Ablehnung statt Liebe und Mitgefühl zur Tagesordnung gehören, kann man dem Egoismus sicherlich etwas Positives abgewinnen. Menschen neigen dazu, Schlechtes und selbstverschuldete schlechte Eigenschaften so hinzudrehen, dass es für sie Sinn macht. Denn es ist einfacher ein bequemer und schlechter Mensch zu sein als ein guter.

Generell ist der Begriff Egoismus negativ besetzt. Ein gesunder Egoismus ist aber gut und wünschenswert. Jedoch ist Egoismus kein dehnbarer Begriff. Er ist weder beliebig noch relativierbar. Das wäre, als ob man ein bisschen schwanger sein könnte, was nicht möglich ist. Entweder ist man es oder nicht. Die Auswirkungen von egoistischem Verhalten mögen zwar unterschiedlich stark ausgeprägt sein, mal mehr oder weniger auffallen, aber der Egoismus an sich ist immer derselbe.

Tragischerweise haben wir uns mit einer schnelllebigen und oberflächlichen, aber vor allem mit einer trennenden Gesellschaft abgefunden. “Die Welt ist nun mal so wie sie ist und jeder muss schauen (zu Recht), wo er bleibt.” In einer egoistischen Welt sieht man hauptsächlich seine Rechte und kaum seine Pflichten. Und hat man welche, so hat man das Recht, sich zu beklagen und sich zu bedauern. Der Egoismus ist kurzsichtig und teilt nicht gerne. Die Folgen sind Vorwürfe und Anklage: Die anderen sind Schuld. Egoistisches Verhalten zeigt sich in Rechthaberei, Wut, Misstrauen, Lastern, in der Unfähigkeit zum Dialog und zur Versöhnung, in Unverständnis und in Ängsten.

Die Ursache des Egoismus liegt in der Entfremdung des Menschen. Von sich selbst und von anderen. Genau in dieser Selbstentfremdung und Trennung liegt das größte Leid des Menschen. In ihnen wurzeln alle Ängste (siehe Frage nach der Angst), die der Beginn von Ambivalenz und Kompensation sind. Der moderne Mensch leidet. Das ist unübersehbar. Aber er leidet weniger an der Welt, sondern an sich selbst. Denn Egoismus bedeutet nicht Fülle, in dem Sinne von Mehr, sondern Mangel. Nämlich den an sich selbst. Der Egoist liebt sich nicht zu viel, sondern zu wenig, im Grunde hasst er sich, so Erich Fromm.[1]

Hass scheint ein starkes Wort zu sein, aber was ist Hass anderes als Ablehnung und Verzweiflung? Nur der ver-zweite (gespaltene) Mensch ist verzweifelt und zu unreflektiertem oder schlechtem Handeln fähig. Alle Nichtliebe, alles Schlechte und Böse, mag es noch so klein sein, hat seinen Anfang in dem Gefühl der Trennung und der Einsamkeit. Anders gesagt, dort wo Einheit ist, ist Liebe und Verständnis und dort wo Trennung ist, ist Egoismus und Ablehnung. Liebe ist Offenheit und immer PRO, hingegen ist Egoismus, als falsche Selbstbezogenheit, Abgrenzung und immer CONTRA. Das Dagegen-sein zeigt sich in einem überzogenen Anspruch auf Freiheit und wird gerne mit den Worten – Ich muss gar nichts – zum Ausdruck gebracht. Müssen wir nicht, wenn wir nicht wollen? Ist es aber nicht schöner und bereichernder, um der Gemeinschaft und der Liebe willen, müssen zu wollen, statt trotzig der Welt entgegen zu stehen?

Können wir um unserer selbst und zugleich um der anderen willen, in eine Großzügigkeit kommen und unsere Kleinheit überwinden? Können wir weicher statt härter sein? Können wir ehrlich zu uns selbst sein und statt des Splitters im Auge des anderen, den Balken in unserem eigenen Auge sehen? Können wir uns(er) SELBST finden und jeglichen Selbstzentrismus überwinden, indem wir uns freiwillig dem Allgemeinwohl unterwerfen bzw. unterstellen, ohne uns dabei beschränkt und gedemütigt zu fühlen? Wir müssen verstehen. Selbst bedeutet nicht Ich. Das Ich ist immer in sich isoliert und gefangen. Nur im wahren Selbst, das sich nicht von anderen unterscheidet, sondern mit unserem ureigenen tiefen Selbst verschmilz, sind wir wirklich autark und frei – alles andere ist und bleibt illusorische Ich-Projektion.

Paul: Ist ein spiritueller Weg eine Gefahr zu egoistisch zu werden? Die Rückbesinnung auf das eigene Wohl und die Selbstzentrierung und auch der damit verbundene Selbstoptimierungswahn endet bei vielen Menschen, darin, dass sie sich immer mehr abgrenzen.

Die Abgrenzung ist ein allgemeines Problem der heutigen schnelllebigen Zeit, einhergehend mit der Überforderung, allem gerecht zu werden, und einem tiefgreifenden Gefühl, im Leben zu kurz zu kommen. In unserer Wohlstandsgesellschaft ist Zeit ein rares Gut. Wir alle sind Sklaven einer scheinbar schnelltickenden Uhr. Jedoch hat sich die Zeit nicht verändert, denn ein Tag hat immer noch 24 Stunden und eine Stunde immer noch 60 Minuten. Das, was sich verändert hat – sind wir. Wir sind es, die schneller ticken bzw. leben. Wir haben keinen inneren Halt mehr und haben dadurch den Bezug zu den wesentlichen Dingen verloren. Wir sind lost in space. Wir haben nicht nur unser (Zeit)gefühl für die wichtigen Dinge im Leben. Wir haben vor allem uns selbst verloren.

Verloren in Raum und Zeit haben wir weder eine Richtung noch einen Anhaltspunkt, wo unsere Reise hingeht oder wo sie hingehen sollte. Wir dümpeln vor uns hin und lassen uns von einer nicht vorhandenen Zeit Gefühle, Verhalten und Bedürfnisse aufoktroyieren, die wir eigentlich nicht haben wollen. Denn wollen wir nicht alle unsere Zeit sinnvoller nutzen? Wollen wir nicht alle mehr Zeit mit geliebten Menschen und mit Freunden verbringen und mit dem, was uns innerlich wirklich erfüllt? Erkennen wir: “Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht (erfüllend) nutzen.” (Seneca)

Der spirituelle Weg beginnt, wenn wir uns unserer Gefangenschaft bewusst werden und endet, wenn wir sie transzendiert haben. Transzendenz wird aber nicht durch Verneinung, Ablehnung oder ein Ankämpfen erreicht, sondern durch Annahme. Nur in der Übersteigung von Verneinung und Bejahung ist wahre Transzendenz oder echte Freiheit möglich. Das Anhaften an dem einen oder anderen wird durch persönliche Konditionierungen geprägt. Auch diese Erkenntnis darf nicht abgelehnt werden, sondern muss wieder überstiegen werden. Der spirituelle Weg ist der Weg des Darüber-Hinaus. Deshalb ist Erleuchtung auch kein Endzustand, sondern erst der Anfang. Erleuchtung oder das Darüber-hinaus ist nichts anderes als Offenheit schlechthin. Und dort, wo wahre Offenheit ist, gibt es nichts, was trennt. Kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Es gibt oben und unten, innen und außen, klein und groß, Tag und Nacht. Jedoch frei von persönlicher Bewertung.

Im Zen spricht man von der Soheit der Dinge. Das bedeutet: Die Dinge sind so, wie sie sind! So heißt es im Zen: “Bevor du Zen studierst, sind Berge Berge und Flüsse Flüsse. Während du Zen studierst, sind Berge keine Berge und Flüsse keine Flüsse mehr. Hast du dann die Erleuchtung gewonnen, sind Berge Berge und Flüsse Flüsse.” Die Dinge sind also so, wie sie sind, und nicht, wie wir uns wünschen oder wie wir sie uns machen. Nur in der Akzeptanz der Soheit aller Dinge liegt die vollkommene Befreiung vom Ego. Denn nur durch sie können auch wir uns so erkennen, wie wir wirklich sind. Frei von Konditionierungen, Vorstellungen und Wünschen. Die wahre Selbsterkenntnis ist von der Welt nicht trennbar. Sie öffnet den Menschen für seine Mitwelt, der Liebe und Fürsorge für den anderen, da das Selbst, im Gegensatz zum trennenden Ich. Nicht individuell, sondern universell ist. Es ist inklusiv und nicht exklusiv.

Problematischerweise geht der Weg von Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung in den meisten Fällen über eine starke Ich-Bezogenheit. Man fängt an, sich und die Welt zu reflektieren, und nimmt sich dafür als Maßstab. Das kann dazu führen, dass der spirituelle Mensch dem Weltsein, der Soheit, dem Sein im Hier und Jetzt, entgleitet und eine über den Dingen stehende Haltung annimmt. Die Folgen sind spirituelle Überheblichkeit und Besserwisserei. Der Spirituelle, der nun meint, bewusster und achtsamer als andere zu sein, erkennt nicht, dass er die eine Seite der Bewertung nur durch eine andere Seite der Bewertung eingetauscht hat. Der achtsame Weg ist jedoch der mittlere Weg. Alle Extreme müssen vermieden werden. Oft erkennt der erwachende Mensch seine Engstirnigkeit oder Einseitigkeit nicht und glaubt das Recht zu haben, sich selbst der Welt und der Verantwortung in ihr entziehen zu dürfen oder sogar zu müssen. Alles, was der Selbstentwicklung scheinbar im Wege steht, wird nun als Last und Mühe empfunden. Das kann die Familie, der Partner, die Partnerin, der Beruf, Freundschaften sowie auch die Gesellschaft im Allgemeinen sein.

Die heutige und vor allem die westliche Spiritualität ist eine Spiritualität to go. Eine Wellness-Spiritualität, da sie nur so weit betrieben wird, wie sie einem Wohlgefühle und Wohlbehagen schenkt. Der spirituelle Hedonismus lässt grüßen. Yoga, Achtsamkeitsseminare, Meditation, Nachhaltigkeit sind deshalb so populär, weil sie MIR etwas geben, in dem Sinne, dass ICH mich wohlfühle. Nicht nur, dass ich einem angesagten Trend folge, ich sehe auch besser und jünger dadurch aus. Mittlerweile ist es allgemein bekannt, dass ein nachhaltiger Lebensstil uns ein gesünderes und längeres Leben beschert. Spirituelle Erfahrungen werden weniger um der Erfahrung selbst, geschweige denn für den Dienst am Nächsten und für das Allgemeinwohl angestrebt, sondern aus dem banalen und trivialen Grund, seine persönlichen Bedürfnisse zu stillen und zu kompensieren.

Sich gut zu fühlen ist gut, denn nur ein glücklicher Mensch ist eine Bereicherung für die Welt. Jedoch darf das eigene Glück nicht über das eines anderen gestellt werden. Wie kann man sich wohlfühlen oder aufrichtig glücklich sein, wenn andere leiden? Mein Glück ist von dem Glück der anderen nicht trennbar. Das heißt: Ich bin nicht frei, alles zu tun, was mir beliebt. Ich trage Verantwortung für das Wohl meiner Mitwelt. Tue ich das allerdings gerne, bin ich frei, und diese Freiheit nennt man Liebe. Denn was ist Liebe anderes, als auf das eigene Wohl um des anderen willen. Aus Freiheit heraus – zu verzichten? Erst indem ich aus freien Stücken mein Recht auf Freiheit loslasse, wird jede Art von Abgrenzung und Egoismus überwunden.


[1] Vgl. Erich Fromm 2014, Die Kunst des Liebens 100, München.

Mehr Antworten gibt es hier


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens”. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis“. Foto: Elias Hassos

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