Satsang-Kolumne: “Kann ich anderen bei Selbstliebe helfen?”

Satsang kommt aus dem altindischen Sanskrit und bedeutet: Sich in der Wahrheit treffen. Traditionell wurde der Begriff für ein Zusammensein zwischen einem Meister und seinen Schülern verwendet. Zu solch einem “Treffen” laden wir euch jetzt ein. Hier auf yogaworld.de, mit der promovierten Philosophin MoonHee K. Fischer. In unserer neuen Satsang-Kolumne beantwortet MoonHee eure großen und kleinen Lebensfragen.

Die Suche nach dem eigenen Selbst

Immer mehr Menschen entdecken ihr Bedürfnis nach Spiritualität: nach Ruhe, Entspannung, leisen Momenten – nach Einkehr und Harmonie. Fast jeder in unserem Bekanntenkreis macht Yoga oder meditiert. Manche haben bereits eine Ayurvedakur in Indien gemacht oder vertrauen sich ganzheitlich arbeitenden Ärzten und Therapeuten an. Denn die Suche nach dem eigenen Selbst und nach inneren Frieden steigt proportional zur Schnelllebigkeit im Außen. Unser heutiges Weltbild ist von einem grundlegenden Materialismus und einem starken Nihilismus geprägt. Das Resultat ist eine Welt, die ganz auf Vernunft getrimmt ist; wo Gefühle keinen Platz haben oder nur noch in dem Maße wie es der vorherrschende Lifestyle oder die Gesellschaft es zulässt. Der Mensch muss funktionieren. Dies führt nicht nur zu einer Überforderung im Allgemeinen, sondern wirft auch eine Menge von Fragen auf. Und genau diese Fragen möchte ich dir hier beantworten, als Medium, das auf die altindische Form des Satsang zurückgreift.

Ich lade dich dazu ein, Fragen zu stellen, die ich dann aus ganzheitlicher Sicht, auf medialer Ebene beantworte. So erhältst du eine Anleitung zu einer neuen Offenheit – dir selbst gegenüber und zu mehr Spiritualität im Alltag. Idealerweise lernst du, deine tiefsten Sehnsüchte und Träume bewusst wahr zu nehmen und dein Leben positiv zu verändern.

Ich freue mich auf eure Fragen, die ich sehr gerne – so weit es mir möglich ist – beantworten werden. Meine Antworten haben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Mir ist es durchaus bewusst, dass manche Fragen eine ausführlichere Beantwortung verdient hätten, vor allem die persönlicheren. Ich bitte euch um Verständnis, dass das hier in diesem Rahmen nur bedingt möglich ist. Sollten Fragen offen bleiben, dann einfach noch einmal fragen oder mich kontaktieren.

Ich freu mich auf deine Fragen. Mögen alle Wesen glücklich sein,
Deine MoonHee


Cornelia: Mich beschäftigt das Thema “Selbstliebe” und damit zusammenhängend an sich glauben und Selbstvertrauen gewinnen.

Ich finde, dass meine fast 14 jährige Enkelin so wenig Selbstvertrauen hat. Das hängt in ihrem Fall nicht nur mit dem Alter zusammen, denn das Thema hat sie schon lange. Sind die Eltern, bzw. das wäre meine Tochter zu dominant?Und kann ich ihr als Großmutter helfen?

Oscar Wilde schrieb: “Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.” Und diese zu verwirklichen, kommt einer Lebensaufgabe gleich. Die Selbstliebe ist wohl die größte Herausforderung und zugleich das schönste Abenteuer des Menschen. Er kann daran wachsen, sowie daran scheitern und zerbrechen. Die Liebe zu sich selbst und das Vertrauen in sich selbst bedingen einander. In dem Maße wie ich mich selbst liebe, erfahreich Vertrauen in mich selbst. Selbstvertrauen ist die äußere Erfahrung oder die Exekutive (ausführende Gewalt) von Selbstliebe. Erfahrung meint hier: Durch sie erkenne oder werde ich mir der Liebe zu mir selbst bewusst. Selbstvertrauen stellt quasi die äußere und greifbare Form der Liebe zu mir selbst dar. Denn das Vertrauen in sich selbst spiegelt sich im konkreten Handeln und Verhalten wieder.

Die Selbstliebe gleicht dem Samen in der Erde und die daraus erwachsende sichtbare Blume dem Vertrauen in sich selbst. Damit diese Blume kräftig und schön erblühen kann, muss sie gehegt und gepflegt werden. Ein gutes Selbstvertrauen wird durch positive Erfahrungen genährt und diese stärken wiederum die Liebe zu sich selbst, die sich dann wieder in Vertrauen zu sich selbst – selbst erfährt. Den Samen der Selbstliebe bringen wir mit. Ob sich dieser jedoch frei und richtige entfaltet oder ob dieser eingeht, ist von äußeren Faktoren abhängig. Hierbei kommt der frühen Entwicklungsphase des Kindes, man könnte sie auch Keimphase nennen, wollen wir bei dem Bild des Samen bleiben, wegen ihrer Fragilität eine enorme Wichtigkeit zu. In den ersten drei bis fünf Jahren (kulturabhängig) wird das Fundament bzw. die Fähigkeit zu einem selbstliebenden und selbstvertrauensvollen Menschen gelegt. Spätere Korrekturen sind zwar nicht ausgeschlossen, aber schwierig. Somit kommt den Eltern oder der ersten Bezugsperson eine große Verantwortung zu. Sicherlich kann die Liebe Wunden heilen – im Idealfall sollten wir es aber gar nicht so weit kommen lassen.

Die Frage nach deiner Enkelin möchte ich von einer anderen Ebene beantworten. Sie ist in ihrem Wesen scheu und etwas schüchtern; sie ist zart und sensitiv. Dies macht sie einerseits empfänglich für ihr Umfeld, aber anderseits erfährt sie dadurch, viel stärker als andere, emotionale Begrenzungen und Trennungen. Sie ist eine kleine Träumerin und Träume brauchen Auslauf. Wird ihr dies nicht gewährt, so fühlt sie sich unsicher und eine unbewusste Trauer oder Schwermut stellt sich ein. Um dem entgegen zu wirken, sollte man ihre kreative Seite fördern. In der Kreativität kann sie das Gefühl von Weite und Freiheit ausleben. Enge oder Grenzen wecken in ihr das Gefühl von Schuld.

Sie neigt dazu, sich unbegründet schuldig bzw. sich für ihre Umwelt zu sehr verantwortlich zu fühlen, welches von der Mutter unbewusst verstärkt wird. Das verleiht ihre eine gewisse Ernsthaftigkeit für ihr Alter, aber auch die Fähigkeit zur Empathie. Zu ihren Ängsten gehören, dass sie es den Menschen um sie herum nicht recht machen kann und dass sie eine Belastung sein könnte. Deshalb hält sie sich unbewusst bedeckt und tritt eher ein Stück zurück, als dass sie sichtbar – selbstbewusst – nach vorne treten würde. Paradoxerweise hat sie dadurch die seltene Fähigkeit, sich zu Gunsten anderer zurücknehmen zu können und Freude daran, anderen zu helfen und sie zu unterstützen. Aus Schwächen, wenn man nicht gegen sie ankämpft, werden Stärken. Aus diesem Grund sollte man um ihres Selbstvertrauens willen gezielt ihr Sanftheit oder Zartheit bewusst stärken. Zum Beispiel durch Yoga, Meditation und soziales Engagement, aber vor allem durch Kreativität.

Phuong: Ist Hochsensibilität ein emotionaler Trendzustand oder eine Folgeerscheinung einer kollektiven Sehnsucht?

Eine Folgeerscheinung der materiellen, schnelllebigen Welt scheint die besondere Betonung von Sensibilität zu sein. Trotz der Zunahme von Egoismus und Oberflächlichkeit sieht es so aus, als würde die Sensibilität allgemein zunehmen. Wie kann das sein? Schließt das eine das andere nicht aus?

Sicherlich ist die Welt in den letzten Jahren bewusster geworden. Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Vegetarismus, fernöstliche Philosophien, Yoga, Superfood, Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Dazu kommt, dass die Zahl an Burnout und psychisch erkrankten Menschen weltweit zunimmt. Sind jedoch Überforderung und die Auseinandersetzung mit sich selbst und  das Scheitern mit sich und an der Welt weitreichende Indizien für eine hochsensible Gesellschaft?

Es ist auffallend bis tragisch, dass sensibel sein oft mit empfindlich sein verwechselt wird. Die Menschheit wird allgemein empfindlicher, aber kaum sensibler. Wir sind weniger sensibel, geschweige hochsensibel, als empfindlich. Denn alles, was wir tun, machen wir für uns selbst. Alles was uns passiert, beziehen wir auf uns. Sind die Dinge nicht so, wie wir es wollen, haben wir das Recht zu schreien und uns zu beklagen. Wir sind großartig darin zu wollen, zu verlangen und uns zu bedauern. Immer fehlt uns etwas. Hingegen sind wir sehr schlecht im bedingungslosen Geben und  Teilen. Wir geben und teilen dann gerne, wenn wir etwas dafür bekommen. Unsere gefühlte bzw. gedachte Sensibilität ist also keine echte, sondern eine Ich-bezogene Empfindlichkeit. Diese muss klar von Empfindsamkeit unterschieden werden. Bin ich wahrhaftig sensibel, dann bin ich empfindsam für die Bedürfnisse meiner Umwelt und nicht nur für meine eigenen. Denn wahre Sensibilität impliziert Achtsamkeit, Respekt, Empathie und Verständnis gegenüber dem Anderen. Ihr Fundament ist ein Dialog und kein Monolog.

Die Menschheit als Kollektiv, sowie der Einzelne leiden. Das ist nicht neu – nur wird dieses Leid durch Schnelllebigkeit und Übermaß bewusster erfahren und die Sehnsucht nach Leidbefreiung wird spürbar stärker. Jedoch ist Leiden kein Parameter für Sensibilität. Wer viel leidet ist noch lange nicht sehr sensibel. Leider leben wir in der irrigen Annahme, dass Sensibilität leidend macht, aber Leid und Sensibilität schließen sich aus den oben genannten Gründen weitgehend aus. Sensibilität führt nicht zu Leid, sondern transzendiert es. Wir leiden nicht an zu viel Sensibilität, sondern an zu wenig. Wären wir wahrhaft sensibel, dann wären wir gegenüber den Nöten der Welt viel empfindsamer. Denn sie krankt nicht am Leiden – sie krankt an Mitgefühl und Lieblosigkeit. Wäre beides gegeben, so gäbe es auch kein Leid.

Anonym: Kann man seine Seele verlieren und woran erkennt man Menschen, die ihre Seele verloren haben?

Alles Leben ist beseelt. Leben und Seele sind korrelative Begriffe. Die Seele ist das, was Materie zum Leben erweckt. So kann auch der menschliche Körper ohne Seele nicht lebendig sein. Entgegen der gängigen Vorstellung, die Seele würde bei der Zeugung in den materiellen Körper eintreten und bei dessen Tod wieder hinaus, ist die Seele nicht ein kleines Etwas, welches im menschlichen Körper lokalisiert ist. Vielmehr befindet sich der Mensch mit seinem Körper in der Seele. Das Größere beinhaltet das Kleinere und das Kleinere nicht das Größere. Der Mensch ist also der Seele unterstellt und die Seele nicht dem Menschen. Die Seele verbindet den Menschen und alle anderen Lebewesen zu einer übergeordneten Einheit. Denn Leben kann es nur durch Verbundenheit und Gemeinschaft geben. Nichts existiert für sich alleine – alles ist mit allem verbunden. Die Seele ist das alles verbindende Glied bzw. Energie, die niemals verloren geht, weder durch Tod noch durch Karma oder schwerwiegende Traumata. Das alles Verbindende ist untastbar und unveränderbar.

Die Seele als übergeordnete verbundene Instanz ist sich der Materie, dem Köperlichen, gewahr. Aber die Materie oder der Köper nicht unbedingt der Seele. Das Größere erkennt mit Leichtigkeit das Kleinere, aber das Kleine nicht ohne Mühe das Größere. Dieses Nicht-Gewahrsein der Seele kommt einem Schlaf- oder Dämmerzustand gleich und hat schwerwiegende Folgen für das menschliche Leben. Die Nicht-Wahrnehmung der Seele geht mit dem Gefühl von Nicht-Verbundenheit einher. Das daraus resultierende Gefühl von Verlorenheit und Einsamkeit drückt sich positiv durch die Suche nach sich selbst und negativ durch Egoismus aus. Egoismus bedeutet nicht Selbstbezogenheit, sondern Selbstentfremdung. Der egoistische Mensch lebt in Trennung zu sich selbst und somit zu seiner Mitwelt. Widersprüchlicher Weise zieht der Mangel am Selbst oder das Nicht-Bewusstsein der Seele eine selbstentfremdende Ich-Fixierung nach sich.

Je größer der Mangel, desto stärker der Egoismus. Je stärker der Egoismus, desto mehr verliert der Mensch den Glauben an seine Seele und dadurch den Bezug zu ihr. Der scheinbare Verlust der Seele ist Ausgangspunkt für Ängste, schlechte Gefühle und Unfrieden, aber vor allem wird der Kopf wichtiger als das Herz. Das Einzige woran man noch glaubt, ist das Materielle und das Greifbare. Die Folgen sind Wissenschafts- und Obrigkeitshörigkeit, Bürokratie, Kapitalismus, Ausbeutung, Korruption, Klimawandel, Konsumsucht etc. Die Aufhebung solcher Missstände und Unmenschlichkeit liegt in der Bewusstwerdung der Seele, dem Gewahrsein seines Selbst. Dies geschieht, wenn wir zur übergeordneten Einheit zurückkehren und uns gewahr werden. Wir können niemals unsere Seele verlieren, nur den Glauben an sie.

Helena: “Im Unterschied zu vielen Freundinnen und Freunden, leide ich nicht ständig an Zukunftsängsten, auch wenn ich die, objektiv gesehen, wirklich haben müsste. Woher kommt dieses Vertrauen?”

Erich Fromm, Soziologe und Psychoanalytiker bezeichnet den modernen Menschen als notorisch unglücklich. In seinem Buch Haben und Sein schreibt er: “Wir sind eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen: Einsam, von Ängsten gequält, deprimiert, destruktiv, abhängig – jene Menschen, die froh sind, wenn es ihnen gelingt, jene Zeit totzuschlagen, die sie ständig einzusparen versuchen.” Für Fromm liegt das Problem in der kapitalistischen Komsumgesellschaft, die den selbstentfremdeten und konformen Menschen hervorbringt. Die weltweit steigende Zahl der psychisch erkrankten Menschen geben ihm recht. Laut WHO litten 2015 44,3 Mio. Menschen an Depression und 37,3 Mio. an Angstzuständen in den europäischen Regionen.

Depression und Angstzustände sind die neuen Volkskrankheiten der reichen bzw. der Wohlstandsländer und nicht wie man vermuten würde der armen Länder. Die zunehmende westliche Schnelllebigkeit, basierend auf einem materialistischen Weltbild, fördert einen tiefgreifenden Nihilismus, der sich wiederum in Werteverfall, Langeweile, aber vor allem in der Unfähigkeit zu Reziprozität und Solidarität zeigt. In einer kapitalistischen Konsumgesellschaft, wie Fromm es treffend beschreibt, wird alles zu einem Ding degradiert. Das Leben und sich selbst betrachtet man nur noch als ein Ding. Und da Dinge kein Selbst besitzen, wird der Mensch zu Automaten und Automaten lieben nicht.

Weiter führt Fromm aus: Der Ding-Mensch ist der Haben-Mensch, der sich nur noch über das bestimmt, was er hat und haben kann und nicht mehr was er sein könnte. Das Sein ist zu einem bloßen Haben mutiert. Das natürliche Bedürfnis des Menschen ist aber zu sein und nicht nicht zu sein. Hinter der Sinnlosigkeit des Nihilisten steckt die Furcht vor der Seinslosigkeit, ein leeres Da ohne Sein. Um dieser nihilistischen Seins- bzw. Sinnlosigkeit zu entfliehen, muss der Haben-Mensch haben, um zu sein. Denn wenn er nicht hat, ist er nicht. Das weckt das Verlangen, mehr zu haben oder – lieber noch – am meisten zu haben. Deshalb ist das Verhältnis zwischen den Menschen der Existenzweisen des Habens durch Rivalität, Antagonismus und Furcht belastet. Das Haben schließt den anderen aus: Anstelle des dialogischen Selbst, des wahren Seins, rückt ein entfremdetes, sinnentleertes Ich – verkrüppelt und isoliert vom Rest der Welt. Der Haben-orientierte Mensch, der seine Identität im Haben von Dingen, Menschen, Ideologien und Macht findet, ist der äußerlich reiche Mensch und zugleich der innerlich ärmste.

Der Wohlstandsmensch hat zwar, aber er ist nicht mehr. Der Verlust des Seins geht proportional mit einer innerlichen Vereinsamung und der Verarmung von sozialen Fähigkeiten einher. Die Unfähigkeit zu teilen, zu Gemeinschaft und zu Selbstreflexion sind tragische Ausläufer davon. Denn der Mensch als zoon politikon ist kein in und für sich abgeschlossenes Wesen, sondern ein Gemeinschaftswesen. Jedes zuwider Handeln der menschlichen Natur muss früher oder später zu psychischen Krankheiten führen. Depressionen und Ängste sind Zeichen eines nekrophilen Menschen. Nach Frommscher Termini ist die Nekrophilie im Gegensatz zur Biophilie, der Liebe zum Lebendigen, die Liebe zum Toten. Hier gilt Zerstörung um der Zerstörung willen, Konflikte werden mit Gewalt gelöst und alles Leben wird mechanisch gedeutet. Fromm antwortet auf Nietzsche, nicht Gott sei tot, sondern der Mensch.

Will der Mensch diesem Tod entrinnen, so muss das Leben – in Gänze – wieder bejaht werden. Ganzheit ist jedoch nur durch Offenheit und Verbundenheit möglich. Die Lösung bzw. Heilung liegt also in der Aufgabe eines falschen Selbstzentrismus, eines isolierten Ich, und dem Finden des wahren Selbst, dem allverbundenen Wir, welches das Fundament eines Gott- oder Urvertrauens ist.

Marcus: „Was kann ich konkret unternehmen, um wieder in mein volles Selbstvertrauen zu kommen?“

Das Wort Selbstvertrauen setzt Selbstbewusstsein voraus. In der Alltagssprache verstehen wir unter einem selbstbewussten Menschen, jemanden, der klar weiß, was er will und dafür einsteht. Wer sich das nimmt, was er will und erfolgreich ist, den empfinden wir als selbstbewusst und voller Selbstvertrauen. Jedoch ist diese Einstellung eine sehr oberflächliche – eigentlich ist sie ist nicht korrekt. Denn um selbstbewusst zu sein oder in sich selbst zu vertrauen, muss man erst einmal wissen, was das Selbst ist. Selbstbewusstsein bedeutet, sich seines Selbst bewusst zu sein. Also was ist das Selbst, von dem wir alle reden?

Das Selbst ist nicht das Ich! Spirituelle und bewusste Menschen wissen um den Unterschied. Das Selbst ist im Gegensatz zum Ich – universell und nicht individuell. Es kennt also keine persönlichen Anhaftungen oder Vorlieben. Deshalb wird auch oft vom höheren Selbst gesprochen. Da das Selbst universell ist, gibt es aber kein niedrigeres, höheres oder mehr entwickeltes Selbst. Das Selbst ist frei von Wertung und Unterscheidungen. Es gibt nur ein Selbst, an dem alle anderen scheinbaren Selbste teilhaben. Jedoch sind alle Selbste – deins, meins, das des Nachbarns etc. – das gleiche Selbst.

Das wahre Selbst ist unvergänglich, unveränderlich und nicht teilbar bzw. nicht trennbar. Das heißt, dass im wahren und universellen Selbst alles andere, was jemals wahr und noch sein wird, enthalten ist. Das Selbst bedeutet vollkommene Einheit – es ist alles was ist. Und Einheit kennt weder Trennung noch Leid oder Zweifel. Lass wir von dem Gedanken einer Trennung ab, so sind wir unseres Selbst bewusst und somit auch voller Selbstvertrauen. Konkret: Lassen wir von der irrtümlichen Haltung einer Getrenntheit ab und können den Gedanken zulassen, dass alles mit allem verbunden ist, dann haben wir wahrhaftiges Vertrauen in uns selbst.

Timon: “Es fällt mir schwer treu zu bleiben auch wenn ich das von meiner Partnerin unbedingt erwarte.”

Innen wie Außen – Außen wie Innen. Treue zeigt sich zwar im Außen – sie fängt jedoch im Inneren an. Sie geht mit Loyalität einher und bedeutet gelebte Ehrlichkeit. Das Fundament von Ehrlichkeit ist Wahrheit und Wahrheit ist kein dehnbarer Begriff. Entweder ist man ehrlich oder man ist es nicht. Eine “eigentliche” Ehrlichkeit bzw. Treue gibt es nicht. Interessanterweise wird das Wort “eigentlich” gerne im Kontext von Untreue benutzt. So hört man oft: “Eigentlich bin ich schon treu.”

Das eingeschobene Wort “eigentlich” und “schon” sollen zum Ausdruck bringen, dass man im Grunde, also tief im Inneren, ehrlich ist. Wenn wir jedoch von Grund auf ehrlich oder treu sind, wie können wir es dann im Außen nicht sein? Die ehrliche Antwort ist – wir sind es nicht. Wir belügen uns. Die Gründe hierfür können vielfältig sein.

Wieso können oder wollen wir nicht treu sein? Liegt es an uns, am anderen oder an der Partnerschaft selbst? Untreue ist ein untrügerisches Zeichen, dass etwas nicht stimmt bzw. dass etwas fehlt. Auf jeden Fall ist etwas nicht so, wie es sein sollte oder könnte. Die Untreue liegt in erster Linie darin, dass wir zu uns selbst nicht ehrlich sind und damit auch nicht dem Partner gegenüber. Die Fragen, die sich hier zu stellen lohnen: Bin ich in meiner Beziehung glücklich, bin ich mit mir glücklich? Und wenn nicht, bin ich bereit die Konsequenzen dafür zu tragen? Positiv für die Beziehung, indem man sich den Problemen und Schwierigkeiten stellt und gemeinsam daran arbeitet oder positiv für die Beziehung, indem von ihr loslässt. Treue sollte nicht belasten, sondern eine “gemeinschaftliche gelebte” Freude sein.

Chrisha: Warum ist der erste Eindruck, den man von einem Menschen hat, so oft der Richtige?

“Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.” Für Blaise Pascal, Mathematiker, Physiker und Philosoph ist das Herz nicht einfach ein irrationales sentimentales Ding, sondern etwas was in sich selbst begründet ist bzw. sich selbst begründet. D.h. das Herz selbst besitzt Vernunft. Es agiert nicht irgendwie aus einem bloßen Gefühl oder aus einer Laune heraus, sondern folgt einer inneren Logik. Wir verstehen unter Herz alles was mit Gefühlen zu tun hat und denken, dass es der Vernunft entgegensteht. Das ist jedoch nicht richtig. Herz ist zwar Gefühl, aber nicht Emotion. Der Unterschied zwischen Gefühl und Emotion ist der, dass eine Emotion etwas ist, was in Bewegung ist und keine beständige Substanz hat; es sind Launen, die kommen und gehen. Hingegen sind wahre Gefühle etwas Bleibendes. Denn das Wahre ist unvergänglich. So schließen sich Herz und Vernunft nicht aus, sondern bedingen einander. Ein Herz ohne Vernunft ist reine Sentimentalität und die Vernunft ohne Herz ist kalter, nackter Verstand.

Richtige Entscheidungen brauchen ein “vernünftiges Herz” oder eine “herzliche Vernunft”, sonst liegen wir garantiert falsch. Ob der erste Eindruck, den wir von einem Menschen haben, der richtige ist, hängt ganz davon ab, wie sehr wir mit uns selbst im Reinen sind. Sind wir es nicht, so wird der erste Eindruck nicht “herz-vernünftig”, sondern durch unsere eigenen Unzulänglichkeiten und psycho-sozialen Konditionierungen eingefärbt sein. Somit fehlt uns die nötige Klarheit, den Anderen so zu sehen wie er wirklich ist. Der erste Eindruck ist deshalb so oft richtig, weil wir intuitiv entscheiden, also mit dem Herz und nicht mit dem Verstand. Verstand ist nicht Vernunft! Vernunft ist eine universelle Größe, wie das Herz auch – an denen wir alle Anteil haben. Und beide bedienen dieselbe EINE Wahrheit. Der Verstand jedoch ist Sitz des individuellen Egos mit seinen Sympathien und Antipathien.

Laura: Wieso komme ich morgens immer so schlecht aus dem Bett?

Man spricht ja gerne von Lerchen und Eulen. Die einen sind die Frühaufsteher und die anderen die Langschläfer. Angeblich ist das genetisch bedingt und das Schlafverhalten verändert sich im Laufe des Lebens, so die Wissenschaft. Meines Erachtens ist die Genetik überbewertet oder noch nicht genügend erforscht. Vieles ist eine Sache der Erziehung, des Umfeldes und der Gewohnheit, aber vor allem des Glaubens. Das Leben ist meistens so, wie wir es uns machen. Menschen sind Geistwesen, d.h. sie besitzen Bewusstsein und sind keine reine Ansammlung von Zellen, Neuronen, Hormonen und Muskelmassen. Der Mensch besitzt einen freien Willen. Er hat also die Freiheit zu wählen.

“Morgenstund hat Gold im Mund.” Diesem Prinzip folgen gerne Yogis und der spirituelle Mensch überhaupt. Die Energie des frühen Morgens wird in allen überlieferten spirituellen Schriften gepriesen. Der spirituelle Mensch ist der, der im Einklang mit der Natur lebt. Er lebt also im Zeitrhythmus der Natur. Spätestens aufstehen bei Sonnenaufgang und langsam zu Ruhe kommen bei Sonnenuntergang. Dies entspricht dem natürlichen Biorhythmus eines im Einklang mit der Natur lebenden Menschen. Leider lebt der moderne Mensch, vor allem der westliche, nicht mehr “natürlich”, sondern fremdbestimmt durch Konsum, Technik und Medien. Dies hat nicht nur negative Auswirkungen auf seine Person, sondern auch auf sein Zeitgefühl. Haben wir nicht alle das Gefühl, dass wir der Zeit hinterher laufen? Wollen wir nicht gerne noch mehr in einen Tag hineinpacken als wir es schon tun? Die Anforderungen an unseren Alltag sind enormen gewachsen und dabei bleiben Überforderung und Selbstzweifel nicht aus.

Ist es da nicht schöner im Bett zu liegen und den kommenden Stress etwas hinaus zu zögern? Nun beginnt jedoch ein Teufelskreis, denn je später wir aufstehen, desto mehr müssen wir “hinten raus” an Zeit anhängen. Dadurch wird die gefühlte Belastung und das Aufstehen am nächsten Tag um so schlimmer. Die Lösung lautet Entschleunigung und Selbstbestimmung. Was ist mir wichtig? wofür möchte ich gerne früher aufstehen? Gibt es etwas mit dem ich mich selbst motivieren kann, meinen Tag mit mehr Elan und Freude zu beginnen?

Melanie: “Wie ist es mir möglich, die negativen Erfahrungen der Vergangenheit zu bewältigen, damit ich einen Schritt aus dem Muster rauskommen kann, in welchem man durch diese Erfahrungen gefangen ist….auch wenn man sich dessen wohl bewusst ist?”

Du hast erkannt, dass man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen kann, durch die sie entstanden sind. Das hat Einstein sehr treffend formuliert. Leider liegt darin aber auch die große Schwierigkeit, denn würden wir anders denken oder fühlen, dann hätten wir das Problem nicht. Das heißt, wir müssen unsere Denkweise ändern. Ergänzend hierzu eine andere sehr schöne Aussage: “Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.” (F. Picabia) Diese Chance und zugleich Herausforderung sollten wir wahrhaftig nutzen. Dafür brauchen wir etwas Mut, aber vor allem Flexibilität und Vertrauen. Das Zaubermittel hierfür ist Offenheit. Nur in und durch Offenheit kann Neues entstehen. Die Offenheit befähigt uns den nötigen Abstand zu uns selbst, zu unserem Problem, zu bekommen, indem sie uns “neutralisiert”. Offenheit bedeutet nämlich Wertfreiheit und ist die Basis für Versöhnung und Frieden – mit uns selbst und somit auch mit der Welt. Sie ermöglicht das Loslassen von negativen Gefühlen und Erlebnissen durch Transformation. In der “neutralen Zone” können wir uns SELBST wieder bewusst werden. Was sind wir uns selbst wert, wenn alle “äußeren” Bewertungen und Verurteilungen uns nicht mehr bemächtigen, wenn wir sie losgelassen haben? Bleibt dann nicht eine Selbstliebe, die gelebt werden möchte, eine die nach vorne blickt und der Vergangenheit den Rücken zukehrt?

Es gilt zwei Dinge zu erkennen, wenn wir frei von alten Mustern sein wollen. Das Eine ist, dass WIR an den schlechten Gefühlen festhalten und sie nicht an uns, und das Andere ist, dass wir nicht des Rechthabenwollens an ihnen festhalten dürfen. Wollen wir Recht haben oder wollen wir glücklich sein? Wollen wir UNS leben oder wollen wir ein fremdbestimmtes Leben leben, gefangen in dem was uns andere Menschen angetan haben? Weder zahlen wir es ihnen dadurch zurück noch heilen wir dadurch. Die Heilung liegt ganz bei uns selbst. Sind wir bereit uns selbst zu lieben? Wollen wir etwas Gutes, so dürfen wir nicht am Schlechten festhalten. Die Herausforderung liegt in der Offenheit sich selbst neu zu begegnen. Sei bereit dafür. Benutze alte Muster, negative Erfahrungen nicht als Ausreden oder Entschuldigung in deinem Leben nicht frei und glücklich zu sein. Das einzige bewährte Mittel gegen “schlechte Menschen”, traumatische Erlebnisse, negative Gefühle und selbstzerstörende Muster, ist glücklich zu sein.

Elena: “Macht das Böse im Leben einen Sinn?”

Die Fragen nach dem Bösen und nach einem Sinn im Leben gehören zu den grundlegenden in der Menschheitsgeschichte. Beide zusammen genommen, ergeben eine explosive Mischung. Kann das Böse Sinn machen? Die Frage an sich scheint in sich schon widersprüchlich zu sein. Da die Frage nach einem Sinn die Annahme des Guten voraussetzt. Der Mensch sucht oder strebt nach dem Sinn des Lebens weil er glücklich sein will. Also könnte die Frage auch folgendermaßen lauten: Kann das Böse glücklich machen? Wohl eher nicht. Interessanterweise würden wir auf die Frage, ob das Böse im Leben einen Sinn macht ein Ja durchweg befürworten.

Die antiken griechischen Philosophen beantworteten diese Frage mit dem Begriff der Eudaimonia. Die Eudamaimonia, das Glück oder die Glückseligkeit, wird durch einen tugendhaften Lebenswandel erreicht. Grundvoraussetzung dafür ist die Autarkie, die Selbstgenügsamkeit. In den Religionen ist die Selbstgenügsamkeit Dreh- und Angelpunkt und die Grundbasis gegen das Böse. Genauer gesagt sind Selbstgenügsamkeit und das Böse Antigonisten. Wo das Eine ist, kann das Andere nicht sein. Demnach ist das Böse ontologisch nicht real, d.h. ihm selbst kommt kein eigenständiges Sein zu, sondern ist MENSCHENGEMACHT. Das Böse ist nicht in der Matrix des Universums eingeschrieben mit dem wir uns abfinden und das wir bekämpfen müssten – es existiert nicht. Nur insofern, weil der Mensch noch nicht bereit ist, für sein Handeln und Tun und somit für sein Glück, die volle und ganze Verantwortung zu übernehmen. Die Menschheit hält noch geschlossen an dem Bösen fest, da es viel leichter ist sich klein, ungenügend und ungeliebt als groß, stark und glücklich, zu fühlen. Es ist viel einfacher das Schlechte zu sehen als an dem Guten und Schönen festzuhalten, auch wenn es nicht immer zu sehen ist. Wir verstecken uns hinter dem Bösen und benutzen es als Versteck für unsere Ängste, gefühlten Unzulänglichkeiten und vor allem für unsere Bequemlichkeit.

Der Glauben an das absolute Gute würde tiefgreifende Konsequenzen nach sich ziehen: Eine erwachte Menschheit, die nicht nur von Freiheit und Frieden spricht, sondern sie wahrhaftig lebt. Will der Mensch das Böse bezwingen, so muss er sich selbst bezwingen. Der einzige sinnvolle Weg zur Selbstmeisterung bzw. Selbstbefreiung ist von “Trennung und Wertung” loszulassen. Paradoxerweise liegt die größte Angst des Menschen im Glücklichsein obwohl er sich sein Leben lang danach sehnt. Erst wenn der Mensch von dem Gedanken eines “sinnvollen Bösen” loslassen kann, wird er wahres Glück erfahren. Denn nur das Gute bringt Gutes hervor. Und wollen wir das Gute, so müssen wir es tun.

Isabella: “Die heutige Gesellschaft ist bestimmt von Verpflichtungen, Verantwortung und Vernunft. Wie kann man trotzdem wirklich frei sein?”

Reinhard Mohn, Gründer des Bertelsmannverlag, schrieb an den Club of Rome: “Wir haben die Freiheit zum Handeln! Wir sollten sie nutzen.” Hinter diesem Appellsteckt die tiefe Einsicht, dass Freiheit zwar ein Recht ist, auf das wir alle einen Anspruch haben, jedoch zugleich mit Pflichten einhergeht. Keine Rechte ohne Pflichten.

Freiheit wird irrtümlicherweise als etwas verstanden, was vollkommen losgelöst über allem steht. Da Freiheit aber Wahlmöglichkeiten voraussetzt, bedeutet Freiheit immer Verbindlichkeit. Ob wir uns frei fühlen oder nicht, hängt ganz alleine von der Einstellung zu unseren Pflichten ab und nicht daran, ob wir welche haben oder nicht. Wahre Freiheit liegt nämlich nicht darin, das zu tun was man möchte oder liebt, sondern das zu lieben, was man tut. Denn wirkliche Freiheit kann nicht nur Freiheit von und Freiheit zu sein, sondern muss auch Freiheit von Freiheit sein. Alles andere wäre keine echte Freiheit.

Es liegt also an uns, ob wir unseren Beitrag für eine bessere Gesellschaft als wertvoll erachten oder ob wir an der Last der Verantwortung zerbrechen. Konkret gesagt: Freiheit bedeutet zu Wollen und nicht Müssen. Hierzu eine schöne Geschichte aus dem Buch Der Meister von Chao-Hsiu Chen. Es wird von der Begegnung eines Meisters und seinem Schüler mit einem Schafhirten berichtet.

Der Schüler fragt den Schafhirten: “Lebst du hier alleine?” “Nein”, antwortet dieser, “du siehst doch, ich lebe mit meinen Schafen”. “Aber du hast keine Eltern und Verwandten?”- “Nein”, wiederholte der Hirte. “Dann musst du schrecklich einsam sein”, meinte der Junge voll Mitleid […]. “Nein”, lachte der Schäfer, “ich bin nicht einsam, ich bin frei.”

“Keiner von uns ist frei”, sprach daraufhin der Meister und blickte zu den Schafen hin: “Wir sind wie sie. Ohne Fürsorge ist niemand lebensfähig. Wir sind alle aufeinander angewiesen; und deshalb haben wir Verantwortung zu tragen.”

“Aber das hieße ja, dass es gar keine Freiheit gibt”, begehrte der Junge auf. “Freiheit gleicht der Luft. Du kannst sie weder sehen noch hören; und wenn sie dich berührt, weißt du ihren Wert nicht zu schät­zen. Hast du sie aber verloren, dann sehnst du dich nach ihr. Meinst du, ein freier Mann kann tun, was er will? Nein, denn er muss ebenso die Last der Verantwortung auf sich nehmen wie der Hirte, der für seine Tiere sorgt.” Da sagte der Schäfer: “Aber es ist doch selbstverständlich, dass ich für sie sorge.”

“Gerade deshalb bist du frei”, sprach der Meister und blickte gleichzeitig auf seinen Schüler.”

Sven: „Wonach sollte der Mensch sein Leben ausrichten? Gibt es dafür eine allgemein gültige Antwort? Oder ist das für jeden individuell?”

Der Mensch ist ein Lebewesen. D.h. er lebt, wie alles was lebt, in einem symbiotischen bzw. kollektiven Verhältnis zu seiner Mitwelt. Leben bedeutet Gemeinschaft und Gemeinschaft wiederum Verbundenheit. Leben an sich kann also nie singulär auftreten. – Nichts existiert für sich alleine. Alles ist miteinander verbunden. – Das ist eine unleugbare Wahrheit. Das Problem des Menschen als Bewusstseinswesen ist jedoch. Er nimmt sich als etwas Getrenntes in der großen Einheit wahr. Es liegt in seiner Natur, mehr die Teile als das Ganze zu sehen. Mehr die Trennung als die Verbundenheit zu leben.

Die Folge ist Selbstbegrenzung – eine Grenze zwischen mir und anderen und anderem zu ziehen – welches wir als Ego kennen. Egoismus ist keine übertriebene Selbstliebe, sondern Einkapselung und Einsamkeit. Ängste, Blockaden, Laster, Enge, Misstrauen, Verzweiflung etc. sind Resultate dieser Verschlossenheit. Die Befreiung vom Ego und die Lösung aller menschlichen Probleme lautet Offenheit. Offenheit beinhaltet das Vertrauen in uns selbst und zugleich in die Welt. Ich und Welt sind untrennbar miteinander verbunden. Das zu verstehen, darin liegt der Sinn des menschlichen Leben oder anders ausgedrückt, das ist die Liebe nach der wir uns alle sehnen. Denn Liebe ist nichts anderes als Offenheit schlechthin, welches sich in dem kollektiven Gefühl des Mit- und Füreinander zeigt. Das was den wahren Menschen oder menschliches Leben ausmacht, ist Menschlichkeit. Die Vorrausetzung hierfür ist Annahme.

Stelle auch du MoonHee eine Frage: Schreibe uns eine Mail mit deiner Frage an redaktion@yogaworld.de. Die Fragen werden selbstverständlich anonym behandelt, wir veröffentlichen lediglich den Vornamen, wenn du damit einverstanden bist..

Christian: Gibt es Wiedergeburt? Wenn ja, was sage ich einem Wiedergeburtsskeptiker?

Reinkarnation ist ein sehr komplexes Thema und von vielen verschiedenen Religionen unterschiedlich interpretiert. Allen gemeinsam ist es jedoch, dass der Glaube an eine Wiedergeburt immer eine höhere Ordnung voraussetzt und mit einer seelischen oder geistigen Entwicklung einhergeht. Als Physikalist oder Materialist kann man dies als einen tröstenden oder verzweifelten Versuch, der menschlichen Endlichkeit zu entrinnen, abtun.

Dennoch, was verstehen wir unter Wiedergeburt? Was wird wieder geboren? Unsere Seele, unser Selbst? Der Buddhismus basiert aber auf der Lehre des Anatman, des Nicht-Selbst. Im kaschmirschen Shivaismus ist es Shiva – die höchste Einheit selbst –der sich im göttlichen Spiel immer selbst gebiert. In der Mystik wird man wieder geboren, wenn man bereit ist zu sterben. Hier stirbt aber nicht der Körper, sondern die Unwissenheit, dass irgendetwas für sich alleine existieren könnte. Wiedergeburt verweist immer auf einen größeren Kontext, auf einen Gesamtzusammenhang hin, unabhängig erst einmal, was oder wer wieder geboren wird, denn alles wird wieder geboren, im Kleinen wie im Großen.

Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, auch als Entropiesatz bekannt, besagt, dass keine Energie verloren gehen kann (vereinfacht dargestellt). Energie geht also niemals verloren, sie ändert nur ihre Form. Das können wir am Kreislauf des Wassers sehen. Im Wasserkreislauf geht kein Wasser verloren – nur sein Aggregatszustand wechselt von Meer, Wolke, Wasserdampf, Regen, Schnee, Hagel etc. wieder zu Wasser. Materie entsteht durch reine Energie, ist Energie und kehrt wieder dorthin zurück, so auch der Mensch. Der Kreislauf des Universums ist so viel größer als dass wir ihn ermessen und begreifen könnten. Da alles fließt panta rhei  ist Wiedergeburt überall gegeben, sonst wären weder Bewegung noch Leben möglich.

Diese Wiedergeburt ist aber im engeren Sinne keine Wiedergeburt, denn wie Heraklit schon feststellte: “Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.” So ist das Wasser, das aufsteigt ein anderes als das, was wieder niederschlägt und doch ist es in seinem Wesen oder Grundenergie immer das gleiche. Ein anderes Beispiel: Die Nacht ist die Fortsetzung des Tages, aber als Nacht weiß der Tag nichts von einem Tag, er ist ganz und gar Nacht, sonst könnte er seiner Bestimmung Nacht zu sein, nicht erfüllen. Auch ist der nächste Tag immer ein ganz neuer und nicht die Wiedergeburt des vorherigen. Ich möchte mich Heraklit anschließen: “Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.”

Hucky: Wer oder was spricht zu dir? Ich gehe jetzt erst mal nur von mir aus!

Das kommt auf die Frage an, die gestellt wird. Das heißt in welchen Bereich sie fällt und wie sie am besten beantwortet wird. Generell ist mein Ansatz ganzheitlich. Eine Mischung aus Hellsichtigkeit, Spiritualität und Philosophie. Auch spielt bei der Beantwortung der Frage der Fragesteller eine wichtige Rolle. Was ist die Intension der Frage? Welches Anliegen ist damit verknüpft und vor allem was ist der Fragesteller bereit zu hören. Die Antwort einer Frage kann heute eine andere sein als in 4 Monaten oder in 3 Jahren. Die Antwort passt sich dem Fragesteller an. Das liegt daran, dass die Information, die du erhältst, aus deinem eigenen höheren Selbst kommt. Die Quelle “meiner” Information ist “das höhere Selbst”, welches mit “deinem höheren Selbst” in Verbindung tritt – beide sind untrennbar miteinander verbunden. Ich rufe die Antworten nur ab und stelle sie dir zu Verfügung. Wer oder was spricht? Du – nur in einer fokussierten und reineren Form. Alle persönlichen Fragen werden auf dieser Ebene beantwortet. Je aufrichtiger die Frage, desto klarer die Antwort.

Eberhard: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, was ist damit gemeint? 

Schön dich hier zu treffen, lange nichts gehört von dir. Wir haben hier den Begriff des Selbst und den Begriff Gott. Beide Begriffe scheinen sich diametral entgegen zustehen; das Selbst als individuelle und endliche Seele und Gott als das Universelle und unendliche Alles-was-ist. Jedoch setzt sich das unendliche Große aus dem unendlich Kleinen zusammen. Es gibt nichts, was am Unendlichen nicht teilt hat. Würde das Unendliche nicht alles umfassen, wäre es nicht unendlich. Alle Teile des Unendlichen sind somit selbst unendlich. Damit kommt dem “Kleinen” und dem “Großen” nicht nur eine gegenseitige Verantwortung zu, sie teilen sich auch die gleichen Aufgaben. Denn das eine trägt das andere. Akzeptieren wir diese Erkenntnis, dann liegt es an jedem Einzelnen von uns: für uns selbst Sorge zu tragen und zwar bestmöglich wie wir können. Indem wir uns selbst helfen, fördern, erziehen, erfüllen wir unsere Verantwortung für das große Ganze, welches nichts anderes als Gott selbst ist. Und es ist Gott selbst, der in jedem von uns genau das bewirkt. – Das wir uns selbst helfen.

Michael: Wie kann man sich leichter von negativen Gewohnheiten (Verhaltensmustern) lösen?

Das ist sehr komplex und schwierig Pauschal zu beantworten. Wieso ist ein bestimmtes Verhaltensmuster entstanden? Was steckt dahinter? Was ist das zu bearbeitende Thema? Jeder Mensch hat in seinem Leben bestimmte Themen, die sich in seinem Leben wiederholen. Themen sind immer mit Schwierigkeiten verbunden, sonst wären sie keine. “Thema” bedeutet, dass etwas nicht an seinen Platz ist, etwas in Unordnung oder unausgewogen ist. Konkret gesagt: “Thema” gleich Spannung, gleich Defizit. Diese Spannung kommt jedoch nur zustande, weil wir das Potenzial dahinter nicht erkennen – und somit können wir es auch nicht leben. Nicht gelebte Potenziale führen zu seelischen, geistigen und körperliche Krankheiten. Ein Laster, eine schlechte Angewohnheit, ist eine seelische Krankheit und demnach eine Selbstsabotage. Der beste Weg jegliche Selbstsabotage loszulassen, ist die Erkenntnis darüber – plus zwei wesentliche Dinge: Wille und Glaube. Ohne diese zwei fundamentalen Eigenschaften können wir in unserem Leben nichts erreichen oder verändern. Ohne sie sind weder Umsetzung noch Bewegung möglich. Denn ohne Wille kein Anstoß und ohne Glaube kein Gelingen. Das, was wir tun, müssen wir wollen, und das was wir wollen, daran müssen wir glauben. Wie sehr wir das können, hängt davon ab, wie sehr wir unser ängstliches Ich – mit seinen Anhaftungen und Bewertungen – vergessen können. Nur in einem “offenen Moment”, in der “neutralen Zone”, können wir unser “falsches Selbst” besiegen bzw. unsere negativen Gewohnheiten in positive neue umwandeln.

Jana: “Liebe Moonhee, macht die Seele Fehler?”

Es gibt keine Fehler. Fehler sind nur Fehler, welche man sie als solche sieht. Fehler existieren nur im menschlichen Ego. Das Ego bewertet, ob etwas gut oder schlecht ist. Was ist ein Fehler? Ein Fehler zeigt nur das auf, was einem fehlt. Fehler weisen auf eine Schwäche oder auf einen Mangel hin. Dieses Fehlen sollte ohne eine Wertung angenommen; das verborgene Potenzial dahinter erkannt werden, um sich neu zu finden. Da die Seele noch Veränderungen unterworfen ist, ist sie nicht vollkommen frei. Auch sie muss sich noch entwickeln, um ihrer Bestimmung nachzukommen. Sie ist Verbindungspunkt zwischen dem menschlichen Geist und dem höchsten Geist der All-Verbundenheit. Ohne Mangel, das Fehlen an etwas, würde es keine Entwicklung geben, alles wäre starr und unbeweglich. Alles würde so bleiben, wie es ist. Daher braucht der unbewusste Mensch bzw. die noch nicht zurückgeführte Seele noch Fehler, damit sie wieder in die Einheit des Seins, des Gewahrseins zurückkehren kann. Jedoch vor dem höchsten Sein ist alles eins. In Wirklichkeit gibt es weder Trennung, noch Bewertung und daher auch keine Fehler.

Stefan: “Braucht man ein Ziel im Leben oder wird man geführt?”

Der Mensch setzt sich Ziele in seinem Leben, um Dieses oder Jenes zu erfahren. Ziele stehen immer im Zusammenhang mit Wünschen. Vor jedem Ziel kommt erst der Wunsch, das Verlangen nach Etwas. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das einen freien Willen hat. Ein Wille kann nur dort entstehen, wo es ein Bewusstsein gibt. Ist ein Wille sehr stark, so ist das Ziel nicht weit. Zwischen Begehren und Ziel liegt der Weg. Auf diesen Weg machen wir die Erfahrungen, die wir für uns brauchen, um uns weiter zu entwickeln. So ist der Weg das eigentliche Ziel. Ziele sind Erfahrungsabschnitte im Leben des Menschen. Der Mensch lebt um Erfahrungen zu machen, vor allem sich selbst zu erfahren. Dort, wo es noch Entwicklung, Bewegung gibt, gibt es auch Ziele. Das allerhöchste Ziel der menschlichen Seele, ist ihrer Einheit mit allem was ist. Der Mensch wählt frei, je nach seinem Bewusstseinsgrad, ob dieser Rückweg länger oder kürzer ausfällt, aber Jeder erreicht dieses Ziel, gleich wo er beginnt und gleich wo er steht.

Andrea: “Warum fühlt man sich zu manchen Menschen hingezogen und zu anderen nicht, obwohl man sie noch gar nicht kennt?”

Das ist karmisch bedingt. Diese Menschen gehören zum eigenen Seelenverbund und sind einem daher vertraut. Diese Vertrautheit kann eine Anziehung, aber auch eine Ablehnung auslösen. Das hängt von der Erfahrung ab, die man mit dieser Seele in einem vorherigen Leben gemacht hat und davon, welche Erfahrung man in diesem Leben gemeinsam bewältigen will. Anziehung im positiven oder im negativen Sinn kann nur sein, weil man an etwas festhält. Es ist eine Begrenzung, eine Fixierung auf etwas. Ist man frei davon, begegnet man allen Menschen mit Gleichmut. Das ist wahre Beziehung und Offenheit.


Dr. MoonHee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens”. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Der Weg des Friedens: philosophisch-spirituelle Praxis“. Foto: Elias Hassos

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