Warum spüre ich Verlustschmerz und wie gehe ich damit um?

Wieso spürt man Verlustschmerz? Heute beantwortet Dr. Moon Hee Fischer die Frage, wo dieser entspringt und wie du damit umgehen kannst.

Barbara: Warum ist Verlust immer mit Schmerzen verbunden?

Wenn auch du eine Frage loswerden willst, schreibe einfach eine Email an redaktion@yogaworld.de.

Alles, was wird, vergeht. Das ist eine unbestreitbare Tatsache. Die Vergänglichkeit allen Seins und der damit verbundene Verlustschmerz sind zwei der größten Herausforderungen für den Menschen. Interessanteweise nur für den Menschen. Fauna und Flora sind davon weniger betroffen.

Verlust als Teil des Lebens

Gewinn – Verlust, Freude – Schmerz sind Eigenschaften eines Bewusstseins. Je höher das Bewusstsein desto größer die Fähigkeit zur Empfindsamkeit. Leider bedeutet das auch: Je höher das Bewusstsein, desto stärker kann Leid und Schmerz empfunden werden. Das ist der Preis, den wir als Bewusstseinswesen zu zahlen haben. Bewusstsein ist immer mit Wahrnehmung und mit Denken gekoppelt. Und Denken mit Gefühlen.

In einem erhöhten bzw. erweiterten Bewusstseinszustand ist auch eine Wahrnehmung und Fühlen ohne konkretes Denken möglich. Dies ist der Ort des friedvollen Geistes, denn in ihm werden die Dinge so erblickt, wie sie sind, und nicht, wie wir sie gerne hätten bzw. wie wir sie nicht gerne hätten. Hier gibt es natürlich auch Gefühle, wie Trauer oder Verlust, aber in diesem Es-ist-so-wie-es-ist-Zustand lehnt man sich nicht gegen sie auf, sondern nimmt sie als das an, was sie sind. Ohne sie weder in die eine oder andere Richtung zu bewerten.

Lies mehr zum Thema Wiedergeburt: Was passiert nach dem Tod?

Im Leben gibt es gute Zeiten und im Leben gibt es nicht so gute Zeiten. Ein ewiges Glück gibt es nicht. Auf Freude folgt früher oder später immer auch Leid. Auf Sonne folgt notgedrungen auch Regen. Als Zenmeister Basho schwer erkrankte, wurde er nach seinem Befinden befragt. Seine Antwort war: „Buddha mit dem Sonnengesicht und Buddha mit dem Mondgesicht.“ Das ganze Leben ist ein Geben und ein Nehmen. Beides hat seine Berechtigung. Denn wäre das eine nicht, so wäre auch das andere nicht. Diese Tatsache lässt sich weder wegmeditieren noch kann sie durch andere spirituelle Praktiken weggezaubert werden. Die Frage ist, wie gehen wir mit diesem Dilemma um?

Wie willst DU mit Verlustschmerz umgehen?

Das Gefühl eines Verlustes als Schmerz basiert auf Einseitigkeit, da die zusammengehörigen Pole nicht mehr als ursprüngliche Einheit angesehen werden, sondern als zwei sich gegenüberstehende, unvereinbare Pole. Hier wird eine Trennung vollzogen, die auf natürliche Weise nicht ist. Die Natur kennt weder Grenzen noch Trennungen. Alle Trennungen sind mentale künstliche Konstrukte.

Unser normales Bewusstsein, welches dualistisch ausgerichtet ist, gaukelt uns etwas vor, was eigentlich nicht ist. Verlust im ganzheitlichen Sinne stellt immer Verlust der Einheit dar. Jeder Verlust, ganz gleich welche konkrete Form er auch annehmen mag, ist ein Hinweis auf ein Größeres. Denn dort, wo Verlust ist, ist nicht Ganzheit, sondern Teile. Jeder Schmerz, jedes Leid ist einer Teilung oder Trennung geschuldet. Wissen wir jedoch um die Einheit aller Dinge, dann gibt weder Bedauern noch Verlust. Nun können wir, wie Meister Basho dem eigenen Tod, dem größten Verlust unseres Lebens gleichmütig (nicht gleichgültig) in völliger Akzeptanz – ohne Verlustschmerz – entgegenblicken.

moonhee

Ich freue mich auf eure Fragen, die ich sehr gerne – so weit es mir möglich ist – beantworten werde. Meine Antworten haben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Mir ist es durchaus bewusst, dass manche Fragen eine ausführlichere Beantwortung verdient hätten, vor allem die persönlicheren. Ich bitte euch um Verständnis, dass das hier in diesem Rahmen nur bedingt möglich ist. Sollten Fragen offen bleiben, dann einfach noch einmal fragen oder mich persönlichen kontaktieren.

Satsang

Dr. Moon Hee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und „Der Weg des Friedens„. Ihre Verknüpfung „spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch“ eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – „denn nichts existiert unabhängig voneinander“. // Titelbild: Dziana Hasanbekava von Pexels

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