Satsang Kolumne: Was ist gesunder Menschenverstand?

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Heute beantwortet Dr. Moon Hee Fischer die Frage: “Was ist gesunder Menschenverstand?”

Marc: Der mentale Bereich gehört für mich eindeutig zu meinen Stärken. Ich erlebe das als ein Gefühl der Übersicht und des gesunden Menschenverstandes. Trotzdem wird mir immer mehr bewusst, dass er auf andere Bereiche meines Seelenlebens (künstlerische Entfaltung, Gefühlsausdruck) eine Art von Kontrolle auszuüben scheint, die mir einen Teil der Lebendigkeit nimmt. Ist das so? Und wenn ja, wie kann ich ein Gleichgewicht gewinnen, indem die Kontrolle weicht, ohne dass ich meinen guten Kopf über Bord werfen muss?

Dr. Moon Hee Fischer: Der große Philosoph Platon sagte: Der Blick des Verstandes fängt an scharf zu werden, wenn der Blick der Augen an Schärfe verliert. Antoine de Saint-Exupéry, der Vater des “kleinen Prinzen” sagte Ähnliches: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.” Das Wesentliche und das Offensichtliche sind also nicht unbedingt identisch. Das, was wir mit unseren physischen Augen erfassen, ist das, was wir als konkret und als real erachten. Wir sind davon überzeugt, dass das, was wir sehen auch so ist, wie wir es sehen: Die Dinge erscheinen uns als objektiv wahr. Doch ist das Sehen – wie wir etwas sehen – durchaus nicht neutral, sondern durch Denken und psycho-soziale Konditionierungen individuell geprägt.

Sehen geschieht im Gehirn und ist immer mit Gedanken und Gefühlen gekoppelt. Sehen ist also eine Empfindungssache und damit auch eine Sache des Verstandes. Ich sehe einen anderen Baum als du, denn unsere Wahrnehmung ist unterschiedlich. Wie oder was wir wahrnehmen ist abhängig davon, was wir wissen, was wir erfahren haben und woran wir glauben. Unsere visuelle Wahrnehmung hängt von unseren gespeicherten Informationen ab. Das heißt, unser Blick ist nicht klar, sondern getrübt. Das, was wir mit unseren Augen sehen bzw. mit unserem Verstand wahrnehmen, ist nicht objektiv, sondern persönlich eingefärbt.

Schwarz-Weiß-Denken hilft nicht

Der Mensch, als ein materialistisch-dualistisches Wesen, macht gerne eine Kluft zwischen Materie und Geist, Verstand und Herz, zwischen Denken und Fühlen auf. Aber gegenüberliegende Pole gehören untrennbar zusammen –und sind miteinander verbunden. Denn wäre das eine nicht, so wäre auch das andere nicht. Alle scheinbaren Gegensätze sind mentale Konstrukte und entsprechen nicht der Wirklichkeit. Wir sehen oder empfinden die Dinge durch das Netz unserer Wünsche, getrennt in Freude und Leid, in Richtig und Falsch, in Innen und Außen. Bewertungen beruhen auf Trennung und Spaltung und sind immer einseitig. Eine Seite wird besonders betont, eine andere vernachlässigt. Das eine ist gut oder besser, das andere schlecht oder schlechter. Doch die Wahrheit oder Wirklichkeit ist weder das eine noch das andere, sondern sowohl als auch.

Die Verstandeskraft ist einseitig

Unsere Augen sind kurzsichtig; unser Sehen (Verstandeskraft) ist einseitig. Solange kein Einheitsempfinden da ist, wird kontrolliert. Der Verstand hat die “Hosen an” und führt die Aufsicht. Die Aufsicht führt zur Übersicht, die uns ein scheinbares Gefühl von Sicherheit und Ordnung vermittelt. Der Preis dafür ist Über-Heblichkeit (Auf-Sicht), Unbeweglichkeit bzw. Unlebendigkeit. Beides mündet in eine Distanziertheit – sich selbst und der Welt gegenüber. Statt mitten im Geschehen zu stehen, stehen wir “sicher und unantastbar” außen vor. Doch das Nahe ist nun Fern. Jetzt wird alles Sein und Tun zu einem Weg. Um Nähe herzustellen, Beziehung einzugehen, sich selbst zu fühlen müssen nun Distanzen überwunden werden. Das Problem mit Distanzen ist, dass sie viel Raum für Fehlerquellen, Gedanken und Sorgen hergeben. Auf einem langen Weg ist die Gefahr sich zu verirren größer als auf einem kurzen. Deshalb ist das Erblicken der Wahrheit oder das Finden des inneren Friedens unmittelbar. Das Unmittelbare ist das Lebendige – die Wachheit im Hier und Jetzt. Im Hier und Jetzt gibt es kein Denken oder einen Verstand, der auf sich selbst verweist.

So kommst du in die Lebendigkeit

Jenseits des “gesunden Menschenverstandes”, der Aufhebung von Konventionen und Begrenzungen, sind Denken und Fühlen eins. Dort gibt es keine Stärken oder Schwächen, kein Verstand oder Herz, keine Kontrolle oder Seele, kein Gleichgewicht oder Ungleichgewicht – dort gibt es nur Marc, der ist! Und nicht denkt, dass er ist. Die Ist-heit wird augenblicklich erfahren und wird nicht gedacht. Als das Unmittelbare schlechthin entzieht sie sich jeglicher Kontrolle. Denn dort, wo Kontrolle ist, ist Denken und wo Denken ist, ist nicht Ganzheit, sondern Trennung. Mentales bezieht sich auf Greifbares und Begriffliches, also auf Begrenztes. Und Bewertungen und Begrenzungen können nur durch die Ergänzung des jeweiligen Gegenstücks aufgehoben werden. Zu viel Verstand braucht ein ausgleichendes Herz, so wie zu viele Gefühle einen ausgleichenden Verstand brauchen. Nur in der Ausgewogenheit beider Pole ist wahre Lebendigkeit möglich.

Leider ist der moderne Mensch ein “Kopffüßler”. Das Denken steht höher als das Fühlen. Das sieht man daran, dass viele Menschen einen gut funktionierenden Verstand und teilweise einen großen Intellekt besitzen, aber nur wenige ein liebendes und mitfühlendes Herz. Es gibt zwei Arten von Menschen: Den Kopf-Menschen, der mit dem Kopf denkt und fühlt und in sich zerrissen ist, und den Herz-Menschen, der mit dem Herz denkt und fühlt und mit sich und er Welt eins ist. Zu welcher Art Mensch wir gehören, erkennen wir daran, ob wir uns von Ängsten oder Vertrauen leiten lassen, ob wir unverbindlich an uns selber hängen oder ob wir in Offenheit ein Mit- und Füreinander leben und fördern.

Noch mehr Satsang-Frage und Antworten von Moonhee findest du hier.


Satsang

Dr. Moon Hee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung.

Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Titelbild: Foto von Anthony Tran via Unsplashed

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