Satsang Kolumne: Was sind Fehler oder Schwächen überhaupt?

Heute beantwortet Dr. Moon Hee Fischer die Frage: “Was sind Fehler oder Schwächen überhaupt?

Thorsten: Wie erkenne ich die gute Seite meiner, von mir als negativ wahrgenommenen Charakterzüge?

Dr. Moon Hee Fischer: Wir Menschen leben in einem Wertesystem von Gut und Schlecht, von Richtig und Falsch. So, wie wir uns selbst ständig beurteilen, so beurteilen wir auch unser ganzes Umfeld, Dinge und auch Menschen. Aber leider ist unser Urteilsvermögen immer durch persönliche Erfahrungen, Glaubenssätze und jeweiligen Wissensstand eingefärbt. Das heißt, wir sehen die Dinge nicht, wie sie wirklich sind, sondern wie wir sie konstruieren. Das betrifft vor allem, wie wir uns selber sehen. Wir alle haben zwar unterschiedliche Eigenheiten, Stärken und Schwächen, aber allen Menschen ist gemein, in sich zerrissen zu sein und an sich selbst zu zweifeln. Im ewigen Selbstzweifel sind wir zwischen Überheblichkeit und Minderwertigkeitsgefühlen hin- und hergerissen. Mal wissen wir alles besser und die anderen sind so blöd, mal können wir gar nichts und fühlen uns total verunsichert. Dieses Hin- und Hergeworfensein betrifft jeden. Wer kennt das nicht?

Die Befreiung davon liegt im richtigen Verständnis. Und Verständnis basiert auf Verstehen und Mitgefühl. Indem wir beginnen, uns wahrhaft zu verstehen und wahrhaft mit uns zu fühlen, ist echtes Selbsterkennen möglich. Verstehen, Mitgefühl und Selbsterkenntnis setzen eine absolute Offenheit voraus. Nur in der Offenheit sind wir zu wahrem Wissen und zu tiefgreifenden Veränderungen fähig. Um die Dinge dorthin zu rücken, wo sie hingehören, müssen wir eine neutrale Position einnehmen. Das Ausgleichende ist die Mitte und nicht die eine oder andere Seite – Extreme sollten vermieden werden.

Was sind Fehler oder Schwächen überhaupt? Was sind Stärken? Wo Schatten, ist auch Licht, und umgekehrt. Die Frage ist nur, worauf legen wir unser Augenmerk?

Fehler zeigen das auf, was fehlt, und ohne Schwächen keine Stärken! Das heißt, alles scheinbar Negative will auf etwas hinweisen. Wir alle sind und können mehr, als wir glauben. Das Negative oder Schlechte weist auf einen Mangel hin, den es zu beheben gilt – damit wir unser volles Potenzial entfalten können. Der nachhaltigste Weg, geglaubte, negative Eigenschaften und Glaubensmuster aufzulösen bzw. die guten Seiten daran zu sehen, ist, sie weder zu negieren oder zu bekämpfen, sondern sie loszulassen. Das Loslassen geschieht ganz von selbst, indem wir den Fokus auf unsere bewussten, guten Eigenschaften und die, die wir uns wünschen, richten. Denn, indem wir das Licht mehren, wird das Dunkle ganz von selbst kleiner und schwächer. Erlischt das Dunkle, dann wird es hell. Wird es hell, dann werden wir wahrhaftig sehend und wir erkennen, dass es in Wirklichkeit nur Licht gibt. Alan Watts sagt wunderbar: “Der Mensch steht sich selbst im Licht und wundert sich, dass es so dunkel ist.” Es ist unsere Selbstbegrenzung, die uns verdunkelt und das Dunkle in die Welt bringt. So können auch nur wir selbst uns lichten bzw. befreien. Niemand anders und nichts anderes kann dies für uns tun. Indem wir Licht werden, uns dem Guten in uns zuwenden, erhellen wir zugleich die ganze Welt. Was gibt es Schöneres als das?

“You were born with wings, why prefer to crawl through life?” (Rumi)

Noch mehr Satsang-Fragen und Antworten von Moon Hee findest du hier.


Satsang


Dr. Moon Hee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung.

Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und “Der Weg des Friedens“. Ihre Verknüpfung “spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch” eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – “denn nichts existiert unabhängig voneinander”.

Titelbild: Yan Krukov via Pexels

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