Interview mit Schlafforscher Rubin Naiman

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Traumhaft schlafen

Tiefer, traumloser Schlaf ist nicht nur für das allgemeine Wohlbefinden wichtig – er ist eine spirituelle Praxis. Träume andererseits sind ausschlaggebend für die psychische Gesundheit. Das jedenfalls behauptet Rubin Naiman, Psychologe, Schlafexperte und Professor am Universitätszentrum für Integrative Medizin von Arizona.

„Für mich ist Schlafen eine spirituelle Praxis. Wenn ich sieben Stunden schlafe, ist es für mich wie Meditation.“

Wie viele Stunden haben Sie heute Nacht geschlafen, Rubin?

Sieben Stunden. Für mich ist Schlafen eine spirituelle Praxis. Wenn ich sieben Stunden schlafe, ist es für mich wie Meditation. Ich mache dann quasi sieben Stunden Yoga.

Das müssen Sie erklären. 

Wenn man sich die heiligen Schriften aus Indien ansieht, „Advaita Vedanta“ zum Beispiel, ist da sehr oft vom traumlosen Schlaf die Rede. Manche Lehrer behaupten auch, wenn wir in diese Tiefschlafphase eintreten, die von Wissenschaftlern Deltaschlaf genannt wird oder Schlaf im dritten Stadium, sei das dasselbe wie der höchste Zustand des Bewusstseins. Wenn wir diesen Zustand zulassen, es uns erlauben, dort einzutauchen und diese Phase nicht unterbrechen, dann erreichen wir einen zutiefst spirituellen Ort. Aber leider haben die meisten von uns im Wachzustand keinen Bezug dazu, keine Worte oder ein erklärendes Konzept. Wenn wir also aufwachen, dann vergessen wir diesen Zustand wieder komplett.

Vielleicht machen wir auch den Fehler, dass wir im Wachzustand einen Bewusstseinszustand zu erklären versuchen, der mit Wachsein ja nichts zu tun hat?

Ja, wir glauben, dass der Wachzustand der goldene Standard sei, mit dem wir alles erklären können. Nur ist dieser Zustand leider vom Ego dominiert, zumindest bei den meisten von uns. Da geht es um Schutz, ums Überleben und Verteidigen und weniger um das Gefühl der Einheit und der Verbundenheit, was ja das Ziel im Yoga ist – das Einssein.

Brauchen wir, vom spirituellen Standpunkt aus betrachtet, beide Bewusstseinszustände des Schlafs, also Tiefschlaf und Traumzustand?

Das mit dem „wir“ ist so eine Sache. Die meisten Menschen leben in einer materiellen Welt. In unseren Herzen wissen wir, dass diese Welt eine Illusion ist, wenn auch eine sehr überzeugende Illusion. Deshalb brauchen die allermeisten von uns den Traumzustand, der in unserer Welt oft unterschätzt wird. Meiner Meinung nach breitet sich gerade eine lautlose Epidemie aus, nämlich die des Traumverlusts. Aus diversen Gründen träumen die Menschen in der westlichen Welt quantitativ, aber auch qualitativ immer weniger. Das hat meiner Meinung nach einen fatalen Einfluss auf unsere physische Gesundheit sowie auf unsere Psyche und unsere Spiritualität.

Warum ist Träumen wichtig für unsere Psyche? 

In den letzten zehn Jahren hat die Wissenschaft unser Verdauungssystem genauer analysiert. Es wird mittlerweile sogar als zweites Gehirn bezeichnet, weil es sehr intelligente und wichtige Entscheidungen im
Bezug auf die Materie trifft. Genauso wurde in den letzten Jahren unser Gehirn während der Tiefschlafphase und während der REM-Phasen, den sogenannten Traumphasen, analysiert. Alle Informationen und Erfahrungen, die wir im Laufe des Tages konsumieren, werden im Schlaf während der REM-Phase „gekaut“, „geschluckt“, und „verdaut“. Das Gehirn arbeitet wie ein zweiter Verdauungsapparat, da es sozusagen die Welt verarbeiten muss. Dieser Prozess ermöglicht es uns, weiter zu wachsen, Erinnerungen zu speichern und unsere Erlebnisse so zu einem Teil von uns werden zu lassen. Wenn das nicht passiert, dann nenne ich das „Traumverstopfung“. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Art der Verstopfung ein Hauptgrund für beispielsweise Depressionen ist.

Hat das, was wir träumen, auch eine Bedeutung? Ist es wichtig, einen Traum zu interpretieren?

Eine Traumanalyse, so wie sie häufig praktiziert wird, kann sinnvoll, in manchen Fällen jedoch auch schädlich sein. Träume werden oft interpretiert, als seien sie eine Teil vom Leben im Wachzustand. Sigmund Freud zum Beispiel war bekannt für seinen Ausspruch: „Träumen ist der Königsweg zum Unterbewusstsein.“

Freud und mit ihm die Mehrheit der Analytiker interpretieren Träume als Manifestation des Wachzustands, als eine Begleiterscheinung. In der christlichen Tradition geht man davon aus, dass alles, was sichtbar ist, auch seine Entsprechung im „Nichtsichtbaren“ hat. Wie über der Oberfläche, so auch darunter. Die Idee ist aber, dass eine viel größere Welt existiert, als die, in der wir geformt wurden. Die meisten Trauminterpretationen stellen dieses spirituelle Prinzip auf den Kopf und gehen davon aus, dass das, was unterhalb ist, dem Sichtbaren über der Oberfläche entspricht. So reduzieren wir den Wert des Traums, vor allen Dingen den spirituellen Wert. Ich glaube, dass Träumen unser Bewusstsein erweitern und unsere Herzen öffnen kann. In guten Träumen verlieren wir unsere Begrenzungen: Im Traum kann ich „ich“ sein, ich kann „du“ sein oder ich kann jemand sein, der mich beobachtet. Im Wachzustand nennt man das: verrückt sein.

Wie soll ich also mit meinen Träumen umgehen? Soll ich sie aufschreiben? Jemandem davon erzählen?

Zunächst sollten wir das Herz gegenüber unseren Träumen öffnen. Wir leben in einer Welt, in der Träumen keine Rolle spielt und bedeutungslos ist, leider auch im Namen der Wissenschaft. Wir müssen sie wieder wertschätzen. Oft kommen Menschen wenige Tage nach meinen Vorträgen oder nach Gesprächen auf mich zu und berichten, sie hätten nach Jahren zum ersten Mal wieder geträumt. Allein weil sie darüber gesprochen und die Aufmerksamkeit darauf gerichtet haben, können sie sich an Träume erinnern.

Es gibt eine einfache Technik nach dem Aufwachen: Versuchen Sie die Körperposition einzunehmen, in der Sie aufgewacht sind. Halten Sie die Augen geschlossen und lassen Sie den Traum auf sich zukommen anstatt ihm hinterherzujagen. Dieser Moment ist eine Mischung verschiedener Bewusstseinszustände – teils Traum, teils Schlaf. Verweilen Sie hier für ein paar Minuten und der Traum wird auf Sie zukommen. Danach fällt es leichter, den Traum mit der Realität im Wachzustand zu verbinden. Sie können ihn aufschreiben oder ihrem Partner davon erzählen. Das vertieft die gegenseitige Intimität.


Ein Träumer? Der Psychologe Rubin Naiman glaubt, dass „Träumen unser Bewusstsein erweitern und unsere Herzen öffnen kann.“

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